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E-Book-Evolution: „Am Anfang wie am Ende steht die freie Text-Zirkulation“

24 Okt 2013 3 Kommentare

Frei, unfrei, frei – so lassen sich in drei Worten die drei Phasen der E-Book-Geschichte komprimieren. Etwas ausführlicher: freie Zirkulation, eingeschränkte Zirkulation, freie Zirkulation. Momentan stehen wir genau in der Mitte, in Phase zwei. Doch der Übergang in Phase drei hat schon begonnen. Warum das so ist, habe ich gestern bei einer Veranstaltung in der Stabi unter dem Titel „Vom Buch zum Byte“ mit meinen Kollegen Ralf Stockmann und Volker Oppmann diskutiert. Kooperationspartner war das Co:llaboratory. Für alle, die nicht dabei sein konnten, folgt hier eine überarbeitete Fassung des „Drei Phasen-Modells“.

Natural Born Text Replicator

Am Anfang des E-Books war der E-Text – genauer gesagt, die Abschrift der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Mit den Fingern in die Tastatur gehämmert, nichts als blanker ASCII-Code, leuchtende Buchstaben auf einem monochromen Röhrenbildschirm. Das geschah am 4. Juli 1971 an der Universität von Illinois, und vor dem Bildschirm saß ein damals völlig unbekannter Mathematik-Student namens Michael Hart, der das archaische E-Book über das ARPANET an ein halbes Dutzend Kollegen weiterleitete. Ein E-Text und 7 Leser!? So what, könnte man sagen. Doch der Tastatur-Hackathon im universitären Rechenzentrum bedeutet weitaus mehr als nur eine technikgeschichtliche Anekdote – er brachte eine zentrale Erkenntnis: Computer sind natürliche Replikatoren für Texte, einmal erfasst, lassen sie sich unendlich oft kopieren, und über Datennetze weltweit verbreiten. (Mehr zu Michael Hart & Project Gutenberg in „Vom Buch zum Byte. Kurze Geschichte des E-Books“, Kapitel „Born on the 4th of July“)

„Buch als Grenzfall im System der neuen Medien“

Vieles von dem, was wir heute diskutieren, wenn vom medialen Potential des E-Books die Rede ist, von Chancen ebenso wie von Risiken, war also schon vor mehr als vierzig Jahren Realität. Doch es hat erstaunlich lang gedauert, bis elektronische Bücher überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden – im Grunde genommen dauerte das noch bis in die späten Neunziger Jahre. Dem allgemeinen technologischen Fortschritt zum trotz schien das Buch aus Papier als Produkt derweil unschlagbar. Hans-Magnus Enzensberger hat eine solche Entwicklung interessanterweise schon im Jahr 1970 vorhergesehen, also ein Jahr bevor Michael Hart den ersten E-Text produzierte. In seinem legendären „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ schreibt er:

Zwar ist es [das Buch] weniger handlich und raumsparend als andere Speichersysteme, doch bietet es bisher einfachere Möglichkeiten des Zugriffs als beispielsweise der Mikrofilm oder der Magnetspeicher. Es dürfte als Grenzfall in das System der neuen Medien integriert werden und dabei die Reste seiner kultischen und rituellen Aura verlieren.

Phase Eins: Losgelöst vom Endprodukt Buch

Die Entzauberung, von der Enzensberger spricht, wurde aber in der ersten Phase der E-Book-Geschichte gar nicht so sehr von Experimenten mit elektronischem Lesen vorangetrieben. Denn parallel zu Versuchen mit Videotext, Textadventures auf dem Heimcomputer, Hypertext-Romanen auf Disketten etc. hat man eben auch die traditionelle Buchproduktion modernisiert. Bücher wurden nicht mehr gesetzt, sondern am Bildschirm gelayoutet, die alte Druckerpresse wurde durch Offset-Maschinen ersetzt, die Logistik und der Vertrieb wurden via Computer organisiert. Der Endkunde hält aber immer noch ein Buch aus Papier in der Hand, ohne sich bewusst zu sein, dass dieses Buch zwischendurch eigentlich ein E-Book war, das man ausgedruckt hat.

E-Books und Bücher kommen sich in der ersten Phase der E-Book-Geschichte also technisch schon sehr nahe. Doch weil die technologische Entwicklung losgelöst vom Endprodukt stattfindet, sind E-Book und Print-Buch in der Vorstellung der Öffentlichkeit noch maximal voneinander entfernt, E-Books werden nicht als Gegensatz, Konkurrenzprodukt oder Skandal wahrgenommen. Eigentlich werden sie ja nichtmal ernst genommen. Schaut man sich die Diskurse der 1960er, 1970er und auch noch 1980er Jahre an, dann stehen sich eher audiovisuelle elektronische Medien, vor allem das Fernsehen, und die Buchkultur gegenüber, und vielleicht noch das „gute Buch“ und billige Taschenbücher.

Phase Zwei: Buch-Illusion auf dem E-Reader

Das ändert sich in der zweiten Phase der E-Book-Geschichte – die aber erst sehr spät beginnt, eigentlich erst mit dem Marktstart des Kindle-Readers im Jahr 2007. Das war schließlich das erste E-Ink-Lesegerät, das massenhaft verkauft wurde, und zwar auch deshalb, weil es als erstes Lesegerät ein ernstzunehmendes Angebot von aktuellen Titeln mitbrachte, die man drahtlos per Tastendruck kaufen konnte. Mit dem Kindle, eigentlich einer Kreuzung aus Blackberry und PDA, erreicht ein Teil von Michael Harts Utopie den Mainstream: das Lesen wird nicht nur mobil, sondern erhält den „always-on“-Status.

Gleichzeitig passiert aber kulturell etwas ganz bemerkenswertes – der hier offenbar werdende mediale Unterschied zwischen gedrucktem Buch und E-Book wird mit einer ganzen Reihe von technischen und juristischen Tricks scheinbar eingeebnet. Denn um überhaupt gesellschaftliche Akzeptanz für E-Books zu schaffen, ob bei Verlagen, Buchhändlern oder konservativen Lesern, werden möglichst viele Aspekte klassischer Print-Bücher simuliert. Das reicht von der Simulation bedruckter Seiten durch elektronisches Papier und „Umblättertasten“ (man könnte ja auch scrollen) über buchähnliche hohe Preise und die Simulation des Buchkaufs in einem E-Store (eigentlich ja der Erwerb einer Lizenz zum Lesen) bis hin zur künstlichen Verknappung durch Digital Rights Management.

Phase Drei: E-Books werden unabhängig

In dieser Phase der kollektiven Buch-Illusion befinden wir uns heute noch – knapp sechs Jahre nach dem Start des Kindle. Inklusive des merkwürdigen Effekts, dass wir technisch weit hinter dem Potential der ersten E-Texte zurückbleiben. Selbst die in Print-Büchern enthaltenen Texte können derzeit ja freier zirkulieren als kommerzielle E-Books mit DRM-Schutz, denn Bücher aus Papier lassen sich problemlos aus- und verleihen, weitergeben oder gebraucht verkaufen. Absurderweise muss derzeit ein Teil der auch zur Literatur-Vermarktung notwendigen Text-Zirkulation im E-Lese-Bereich durch Daten-Piraten und deren Downloadforen sichergestellt werden – wenn es sie nicht gäbe, müsste die kopierschutz-gläubige Buchbranche sie erfinden. Ich glaube aber nicht, dass die derzeitige Buch-Illusion auf dem E-Reader oder in der E-Lese-App sich noch lange aufrechterhalten lässt. Die dritte Phase der E-Book-Geschichte ist längst absehbar – eine Phase, in der sich E-Books völlig unabhängig von den Bedingungen der Gutenberg-Galaxis entwickeln.

Bereits heute geben BITKOM zufolge 50 Prozent der deutschen LeserInnen an, E-Books nicht nur en détail zu kaufen, sondern alternativ auch auszuleihen (Onleihe), via Flatrate zu mieten (Skoobe), oder kostenlos herunterzuladen (Public Domain, Gratis-Marketing etc.). Da auf solche kostengünstigeren bzw. kostenlosen Angebote wahrscheinlich deutlich öfter als auf teure Neuerscheinungen im E-Store zugegriffen wird, dürfte auch im E-Book-Sektor ähnlich wie im Printbuch-Sektor schon jetzt ein großer Teil der Zirkulation von Texten außerhalb des Einzelverkaufs stattfinden, und in naher Zukunft noch weitaus mehr. Michael Hart, dem leider schon 2011 verstorbenen Vater des E-Books, würde das sicherlich gefallen – nicht umsonst heißt es im Mission Statement des Project Gutenberg: „Wir wollen den Menschen so viele E-Books wie möglich geben“.

Tatsächlich wird die dritte Phase der E-Book-Geschichte zumindest in einem Punkt der ersten Phase entsprechen: E-Books werden wieder so frei und beweglich sein, wie es die ersten E-Texte waren. Die E-Books der Zukunft werden stärker einer Ressource wie Leitungswasser ähneln, weniger einer einzeln abgepackten Ware. Ihr eigentliches Potential besteht eben darin, viel freier zirkulieren zu können als die Texte in gedruckten Büchern es jemals konnten. Das heißt aber auch: die Suche nach dem, was man mit E-Books alles machen kann, und wie man mit ihnen Geld verdienen kann, wird weitergehen. Die Zeit der Experimente ist noch längst nicht vorbei – das macht das Thema E-Books ja auch so spannend…

Abb.: Flickr/Markus Kison (cc)

3 Kommentare »

  • Buch oder eBook? Ich will Wasser statt Eis! | blog-O-rama schrieb:

    […] e-book-news – E-Book-Evolution: Am Anfang wie am Ende steht die freie Text-Zirkulation […]

  • Carsten Köhler schrieb:

    Mit Interesse habe ich gelesen, was Sie geshcrieben haben. Auch ich schriebe Bücher und möchte sie über E-Book heraus bringen. Noch bin ich da aber Neuling. Das Programm, was ich dazu nutzen kann – derzeit – heißt calibre E-Book management. Leider zerstört es mir das Seitenlaiout völlig. So ist das für mich nichts. Weiß auch nicht, wie ich es so Formatieren kann, dass es so wieder ist, wie ich es will. Gibt es da ein einfacheres Programm, welches ich herunter laden könnte. Wie kann ich es schützen, dass es ohne Bezahlung gelesen wird? Was ist zu tun, um es so hochzuladen? Mit dem bisher gelesenen Kauderwelch dazu komme ich nicht zurande. Ich brauche eine einfache Lösung! Die muss es doch wohl geben. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mir darauf eine Antwort geben könnten. Danke, und noch einen shcönen Tag.

  • News! “E-Book-Evolution” | OnleiheVerbundHessen schrieb:

    […] Mehr über das Autorengespräch und die E-Book-Evolution erfahren Sie hier. […]