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Digitale Schnitzeljagd zwischen Hot Spots: E-Books & E-Reader auf der Frankfurter Buchmesse

8 Okt 2010

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Gastland der Buchmesse 2010 ist Argentinien, inoffiziell ist es auch der Cyberspace. Von insgesamt 7500 Ausstellern haben 1900 digitale Produkte im Gepäck. Die Hersteller von E-Readern sind an „Special Interest Hot Spots“ präsent, mit der „Sparks-Initiative“ & „Frankfurt Storydrive“ sucht die Buchmesse den Schulterschluss mit der digitalen Film- und Gamesbranche. Wer durch die Messehallen schlendert, sieht jedoch vor allem eins: gedruckte Bücher.

E-Books lassen sich schlecht ins Regal stellen

„Gut erzählte Geschichten sind der Motor der Buchmesse“, so Messedirektor Juergen Boos bei der Eröffnung der 62. Frankfurter Buchmesse. Eine der ganz großen Erzählungen im Jahr 2010 ist die vom medialen Wandel – es geht darum, Content zum Kunden zu bringen, egal in welcher Form. Wer den kilometerlangen Marsch durch insgesamt zehn Ausstellungshallen auf sich nimmt, sieht freilich vor allem eins: Bücher, Bücher, Bücher. Bücher aus Papier natürlich. E-Books, das wissen nicht nur Buchhändler, lassen sich nun mal schlecht ins Verkaufsregal stellen. Allerdings flimmern den Besuchern auch zahlreiche Video-Bildschirme oder Laptop-Screens entgegen, und zumindest hier und da schimmert ein Tablet-Computer.

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Hohes Wachstumspotential, geringer Marktanteil

Von einer E-Book-Revolution ist auch in der Medienberichterstattung zur Buchmesse wenig zu spüren. Es passiert sehr viel im E-Book-Sektor, wird etwa Libreka-Chef Ronald Schild in der Süddeutschen Zeitung zitiert, doch die Entwicklung brauche noch Zeit. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels legt aufschlussreiche Zahlen vor. Nur 30 Prozent der Titel seien in elektronischer Form lieferbar, hört man Vorsteher Alexander Skipis im Deutschlandfunk sagen. Und wieder die gleiche Botschaft: Das Wachstumspotential ist groß, der Marktanteil aber noch gering. Der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren (AKEP) untermauerte das in Frankfurt mit neuen Geschäftszahlen – der mittlere Umsatzanteil von E-Books in Deutschland liegt momentan bei mageren 1,8 Prozent.

E-Books auf der Buchmesse nur „Special Interest“?

Die meisten E-Reader auf der Buchmesse tummeln sich auf dem etwas schmucklosen „Devices Hotspot“ in Halle 8. Dort können die Buchmesse-Gäste etwa Samsungs neues Galaxy-Tablet, den neun Zoll-Reader von Pocketbook oder das WeTab von Neofonie in die Hand nehmen. Den nagelneuen Oyo-Reader präsentiert die Buchhandelskette Thalia dagegen vor bunter Kulisse im „Literature & Special Interest-Bereich“ von Halle 3. Gutes Stichwort. Offenbar gehen die Macher der Buchmesse davon aus, dass viele Besucher generell noch wenig Interesse am elektronischen Lesen haben. Bei der Stammkundschaft der Buchhandlungen vor Ort ist das ähnlich. Der Börsenverein stellte nämlich in Frankfurt eine Studie zur „Zukunft des Sortimentsbuchhandels“ vor, der zufolge fast zwei Drittel der klassischen Kunden auf Online Käufe verzichten, während sogar nur 6 Prozent sich überhaupt vorstellen können, Bücher digital zu lesen.

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“Enhanced E-Books“: Strohfeuer oder Zukunftsmodell?

Allerdings gelten solche Zahlen vor allem für die Generation 40 plus. Was die jüngeren Leser erwartet, ist dagegen nicht nur konventionelle Belletristik auf E-Ink-Displays, sondern eine völlig neue mediale Umgebung: “In fünf Jahren werden Bücher häufiger Crossmedia-Produkte sein: mit eingebettetem Sound, bewegtem Bild, Internetlinks und möglicherweise einer Spielekomponente wie Alternate Reality Games“, prognostizierte auf der Konferenz „Frankfurt Storydrive“ Juliane Schulze vom Beratungsunternehmen peacefulfish. Einen ersten Eindruck vom „enhanced E-Book“ gab auf der Buchmesse die elektronische Version von Sascha Lobos New-Economy-Roman „Strohfeuer“. Das in der Reihe Rowohlt Digitalbuch erschienene E-Book ermöglicht den Lesern, über die sogenannte „Buchfrage“-Funktion direkt mit dem Autor zu kommunizieren. Noch etwas mehr „enhanced“ bringt Bastei Lübbe pünktlich zur Buchmesse Ken Follets historischen Roman „Sturz der Titanen“ für iPhone und iPad heraus – nämlich ergänzt mit Videomaterial, Landkarten, Stammbäumen etc. Der multimediale Mehrwert erweist sich offenbar bereits als echter Verkaufsvorteil – so gab etwa das Berliner E-Book-Label textunes auf der Buchmesse bekannt, „enhanced E-Books“ für iPhone oder iPad würden sich mittlerweile fünfmal so häufig wie klassische elektronische Ausgaben verkaufen.

Digitale Schnitzeljagd für Bücherwürmer

Für die Generation Facebook wird natürlich nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben von Literatur immer mehr zum sozialen Prozess. Dem trägt auch die Buchmesse Rechnung – im Special Interest Hot Spot etwa stellen sich Buchcommunities und Autorenportale wie Bilandia, Bookrix oder epidu vor. Wer es noch performativer mag, kann auf der Buchmesse zu Handy oder Smartphone greifen und sich an „Wyrm“ beteiligen, einer digitalen Schnitzeljagd. Bestseller-Autor Wolfgang Hohlbein hat sie auf Grundlage seiner gleichnamigen Sci-Fi-Serie konzipiert. Über QR-Codes bzw. den Versand von SMS mit Stichworten, die an den Infotheken der einzelnen Hot Spots veröffentlicht sind, erhalten Leser einzelne Episoden von „Wyrm mobile“ auf ihr Handy. Zum Start schickt man eine SMS mit dem Text „startwyrm“ an Nummer 48000. Doch auch die Handy-Nutzer werden in den Messenhallen neben ihrem Gadget natürlich auch zahllose gedruckte Bücher – oder wenigstens Comics – in die Hand nehmen. Dem medialen Nebeneinander dürfte wohl auch die Zukunft gehören. Selbst auf der „Tools of Change for Publishing“ – Konferenz im Rahmen der Buchmesse waren sich die Referenten einig: Der E-Book-Boom befördere nachweislich auch den Verkauf an gedruckten Büchern.