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Digi-Freundschaft, alte Narben & echtes Vertrauen: J. Vellguth, Das Päckchen [Leseprobe]

28 Apr 2017 2 Kommentare

das-paeckchen-introBibliothekarin Emma liebt Bücher über alles. Genau wie die Kinder und Jugendlichen, die ihre Bibliothek besuchen. Als durch einen Wasserschaden plötzlich die Betriebs-Schließung droht, ist Emma am Boden zerstört. Ohne Bücher droht ihr ganzes Leben auseinanderzubrechen. Ob eine Spendenaktion helfen könnte? Doch keine Sorge, Rettung naht – nicht zufällig heißt J. Vellguths sommerlich-moderner Liebesroman „Das Päckchen“. Denn plötzlich trifft ein geheimnisvolles Päckchen ein, Absender ist ein gewisser „Lukas“. Emma kennt ihn nicht – umgekehrt ist das anders. Lukas ist nämlich ein Fan ihres Video-Kanals im Web, und er hat einen Plan. Das Päckchen besteht aus weiteren Päckchen mit exklusiven Fan-Material zu Emmas Lieblingsautor Richard Taylor. Die unglückliche Bibliothekarin soll damit Unboxing-Videos drehen, und so mehr Zuschauer erhalten, und potentielle Spenderinnen motivieren. Doch wer ist Lukas wirklich? Wie kommt er an die begehrten Fan-Artikel? Kann man jemandem vertrauen, den man nie wirklich getroffen hat? Mehr verrät unsere Leseprobe… Übrigens: Bis Ende Mai gibt’s „Das Päckchen“ im Kindle Shop für 99 Cent…


J. Vellguth, Das Päckchen

1. Kapitel


Emma trat schneller in die Pedale. Goldene Sonnenstrahlen wärmten ihr braunes Haar, der würzige Fahrtwind strich ihr durchs Gesicht, zupfte an ihrer blaugemusterten Bluse und duftete nach Sommer und frischen Blättern.
Wassertropfen sprühten glitzernd aus trocknenden Pfützen gegen die verschnörkelten Fassaden der Bonner Innenstadt. Aber Emma konnte an nichts anderes denken als an die Bücher, die sie gleich ins Sortiment aufnehmen durfte.
Andere Leute würden heute wahrscheinlich lieber die Arbeit hinschmeißen und den ganzen Tag im Freien verbringen. Aber dafür war die Mittagspause da und der Feierabend. Emma wollte nach zwei Wochen Urlaub nichts lieber als zurück zu ihren Geschichten. Endlose Reihen aus unbekannten Welten und fremden Universen. Dazwischen eine Schar von Kindern auf der Suche nach ihrem nächsten großen Abenteuer.
Doch sofort, als sie zur Kirche abbog und an der mit Bäumen umrandeten Wiese vorbeikam, schlich sich ein ungutes Gefühl in ihre Magengrube, das sie nicht genau bezeichnen konnte. Irgendetwas war falsch.
Sie hielt vor dem würfelförmigen Gebäude der Kinderbücherei und stieg ab.
Es wirkte so … dunkel.
Gut, sie hatte Frühschicht, da war das normal … trotzdem, ihr Bauch sagte, dass etwas nicht stimmte.
Sie öffnete ihren Rucksack mit dem niedlichen Motiv und dem Spruch Einhörner machen keine Scherze. Dann kramte sie in den unendlichen Weiten nach ihrem Schlüssel.
Natürlich hatte der sich wieder irgendwo versteckt. Genervt setzte sie die Tasche auf der breiten, roten Backsteinstufe ab und wollte gerade von Neuem auf die Suche gehen, da entdeckte sie das große, gelbe Schild an der Türe:
Betreten verboten.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie legte die Hand an das spiegelnde Glas der Türe, blickte hindurch und die gesamte Welt schien auf die Größe eines Sandkorns zusammenzuschrumpfen.
Auf dem Boden stand Wasser. Eine Deckenplatte war heruntergekommen und verteilte ihr poröses, weißes Innenleben auf dem Empfangstisch. Zwei der Regale waren umgekippt und ihr Inhalt verwandelte die graubraune Suppe auf dem Fußboden gerade in Pappmaschee.
Blanker, teerschwarzer Horror breitete sich in ihr aus. Lauter klatschnasse Bücher, in sich zusammengesunken, verklebt, verdorben, verloren.
Emma sog scharf die Luft ein und konnte es einfach nicht fassen. Das durfte nicht wahr sein. Vielleicht hätte sie die Anrufe von ihrer Kollegin doch annehmen sollen.
Jetzt stand sie da und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. So ein riesiges Elend.

***
Über eine Stunde hatte sie gebraucht, um herauszufinden, was passiert war. Die präziseste und nicht sehr hilfreiche Antwort auf ihre Frage lautete: Wasserschaden, nichts zu machen.
Ihre beiden Kolleginnen arbeiteten sowieso nur Teilzeit, die schien das Chaos nicht zu stören. Und was jetzt genau passierte, konnte ihr niemand sagen. Aber von einer Sekretärin aus der Führungsetage hatte sie hinter vorgehaltener Hand gehört, dass eine Restauration vielleicht nicht durchgeführt wurde.
Emma saß am Rand der Kirchwiese auf einer Baumwurzel, den Rucksack zwischen ihren Füßen und spürte, wie die letzten Jahre an ihr vorüberzogen. All die wundervollen Tage und die Freundlichkeit, mit der man sie damals hier aufgenommen hatte. Jetzt war das alles fort und vielleicht für immer zu Ende. Es fühlte sich fast so an, als wäre ihre Mutter gerade ein zweites Mal gestorben.
Das Holz des Stammes war angenehm warm an ihrem Rücken. Sie lächelte gezwungen in die Kamera und hielt den Atem an, während ein älteres Pärchen vorbeischlenderte.
Als die beiden außer Hörweite waren, stieß sie die Luft aus. Erleichtert schüttelte sie ihren braunen Zopf, um das Unbehagen aus ihrer Magengrube zu vertreiben, und konzentrierte sich wieder auf das Hangout, das sie schnell für Becky und die anderen eingerichtet hatte und dessen Aufzeichnung sie später online stellen würde, um nicht alles fünfmal erzählen zu müssen.
Auf dem Bildschirm schnitt ihre beste Freundin gerade beständig Grimassen.
»Hör doch auf, du bist albern«, sagte Emma.
»Bin ich gar nicht. Du bist albern. Warum spielst du denn mitten im Satz Statue?«, fragte Becky.
»Weil hier Leute vorbeigegangen sind?«
»Ach, und dann fühlst du dich besser, wenn sie denken du wärst eingefroren, statt einfach weiterzusprechen?«
Natürlich konnte Becky das nicht verstehen. Ihre beste Freundin hatte mit Peinlichkeiten nichts am Hut. Sie war immer völlig selbstbewusst, ganz egal, ob sie sich gerade geschmeidig auf der Tanzfläche bewegte oder im Bikini auf einer Wiese sonnte. Wahrscheinlich könnte Mick Jagger zu ihr in die Dusche spazieren und sie würde ihn lediglich bitten, ihr die Seife zu reichen. Höchstens bei Brad Pitt würde Becky vielleicht kurz zögern und dann nach etwas völlig anderem als der Seife fragen.
Als wollte sie das bestätigen, pustete Becky sich lässig eine feuerrote Locke aus der Stirn. »Also, zurück zum Thema. Was hast du jetzt vor?«
»Ich weiß nicht, wahrscheinlich komme ich vorübergehend in die Poststelle.« Ihr graute allein bei der Vorstellung. Nachdenklich lehnte sie sich zurück und blickte zum Eingang der Bücherei.
Wenn es wirklich so schlimm war, wie die Sekretärin behauptet hatte, dann konnte Emma ihren Job auch ganz verlieren.
Und nicht nur das.
Was sollte dann aus all den Kindern werden, die sich hier ihre wöchentliche oder sogar tägliche Dosis fantastischer Geschichten abholten?
Marie, die Nachbarstochter, zum Beispiel würde sicher am Boden zerstört sein. Falls sie es nicht schon längst wusste.
Wäre Emma in der letzten Woche mal aus ihrer Wohnung herausgekommen, hätte die Kleine ihr sicher bereits von dem Unglück erzählt. Doch wegen des schlechten Wetters hatte Emma sich mit ihren Büchern im Bett verkrochen.
Blöder Regen.
Weltenzerstörer.
Die Bücherei war schon so lange ihr zweites Zuhause, das durfte jetzt nicht einfach so vorbei sein.

»Mach doch weiter Urlaub.« Damit holte Becky sie aus ihren Gedanken zurück.
»Hatte ich doch gerade erst.« Im Chatbereich ihres kleinen Hangouts wurden drei Zuschauer angezeigt. Zwei davon stimmten Becky gerade zu, dass Emma die Zeit zum Lesen nutzen sollte, der dritte schwieg.
»Dir ist schon klar, dass Urlaub endlich ist und ich außerdem für mein Geld arbeiten muss?«
Becky winkte ab. »Du kannst die Bücherei ja schlecht von zu Hause aus betreiben, oder?«
»Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir die Firma Geld fürs Herumsitzen bezahlt.«
»Macht sie doch jetzt auch schon.«
Emma schnaubte. »Scherzkeks. Ich meine fürs zu Hause herumsitzen, ohne Bücher zu verleihen.« Sie knetete auf ihrer Unterlippe herum.
»Und es kann echt sein, dass die Bücherei komplett dichtmacht?«, fragte Becky.
»Ja. Die Sekretärin, die ich gesprochen habe, meinte, sie hätte ein Telefonat mitgehört. Da hätte der Chef gesagt, dass er eine Renovierung ungern finanzieren möchte.«
Kathy und Bea aus dem Chat überhäuften sie mit schockierten Smileys und Becky klappte der Mund auf. »Die wollen die Kinderbücherei echt schließen? Die sind doch ein Jugendbuchverlag. Das können die doch nicht einfach so machen. Vor allem, weil sich die Bücherei in den letzten Jahren so toll gemausert hat.«
»Ich weiß. Aber die war ursprünglich sowieso nur ein Herzensprojekt seiner ersten Frau. Und wenn sie sich jetzt gar nicht mehr rentiert … ich könnte mir schon vorstellen, dass er sie dann einfach abstößt.«
»Das wäre ja schrecklich«, sagte Becky.
»Kannst du wohl laut sagen.« Sie dachte an Marie, ihre verschlissene Jacke und den Rucksack mit dem geplatzten Reißverschluss. Das durfte einfach nicht passieren.

Bücher waren wichtig, gerade für Kinder. Die Geschichten waren nicht nur eine nette, kleine Ablenkung vom grauen Alltag, sondern auch Freunde, Ratgeber und treue Wegbegleiter.
»Vielleicht können wir ja eine Unterschriftensammlung machen«, sagte Becky.
Emma ließ den Kopf gegen die Baumrinde sinken.
»Und dann? Davon wird die Sache für die Firma doch auch nicht rentabel. Nein, wenn, müssten wir irgendwie Geld auftreiben. Ich könnte vielleicht Werbung auf meinem Kanal schalten und ein paar Lesezeichen häkeln, um
sie zu versteigern.« Das wäre zumindest ein Anfang.
»Aber denkst du, das reicht?«, fragte Becky. »Vielleicht würde eine generelle Spendenaktion mehr Sinn machen.«
»Spenden? Meinst du, da macht irgendjemand mit?«
Ihr Blick fiel auf das kleine, rote Kästchen auf dem Bildschirm, in dem ihre Abonnentenzahl angezeigt wurde. Es gab genau siebzehn Menschen, die ihren Kanal verfolgten. Siebzehn Menschen, die mitmachen konnten, wenn
ihnen der Sinn danach stand, eine Kinderbücherei zu retten. Trotz aller Anstrengungen in den letzten zwei Jahren kam sie irgendwie nicht über die zwanzig Abonnenten hinaus.

Anonymus:Wie wäre es mit einem Gewinnspiel als
Dankeschön an alle Spender?

Emma betrachtete überrascht die Chat-Nachricht. Wer war das denn? Ein unbekannter Zuschauer? Becky schien das nicht zu stören, sie klatschte in die Hände. »Das ist eine geniale Idee! Eine Verlosung unter allen Spendern und wir helfen dir dabei, so viele Leute wie möglich darauf aufmerksam zu machen.«
Kathy und Bea waren sofort Feuer und Flamme.
Die Idee war gar nicht schlecht. Im Gegenteil, sie gefiel Emma richtig gut. »Allerdings bräuchten wir wahrscheinlich einen etwas größeren Anreiz als ein paar selbstgehäkelte Lesezeichen.«
Emma schob nachdenklich eine Strähne hinter ihr Ohr.
»Aber was?«, dachte sie laut nach. »Ich glaube nicht, dass ich etwas besitze, das jemand haben möchte …«

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

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J. Vellguth, Das Päckchen. Liebesroman
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

2 Kommentare »

  • Luna schrieb:

    Ich habe das Buch in E – Book Form gelesen und kann es nur weiterempfehlen. Jede Bücherliebhaberin kann sich in Emma hineinversetzen. Die Story ist sehr gut erzählt – die Charaktere sehr sympathisch. Die mysteriöse Beziehung zwischen Emma und Lukas entfaltet sich langsam und realistisch.

    Auf jeden Fall ein sehr fesselndes Buch, das es schwer macht, Pausen einzulegen. Die eigene Büchereuphorie wird gesteigert ;)

  • Linnea Dunst schrieb:

    Danke für diese tolle Leseprobe, das Buch wird bestimmt mein nächstes werden. Die Geschichte erinnert mich ein kleines Bisschen an meine Kindheit, da gab es einen Brand in unserer Bibliothek und viele Bücher gingen kaputt.

    Gerade für die Sommerzeit kann man ja eh nicht genügend Bücher parat haben, um sich in die Sonne zu legen und abzuschalten :)

    LG Linnea