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Dies ist keine Polemik (Eine neue Version von ‘Dies ist kein Hipstergelalle’)

10 Feb 2014 0 Kommentare

Meine erste Entgegnung auf Friedrich Forssmans Attacke gegen eBooks und deren Befürworter habe ich auf Wunsch meiner Gestalterin zurückgenommen. Sie fand das Ganze zu persönlich. Ich solle doch lieber sachlich bleiben. Das versuche ich jetzt.

Ich sage nichts mehr zum ‘Hipstergelalle’ und den anderen Unsachlichkeiten Forssmans. Im Rahmen einer Polemik ist so etwas ja legitim. Im Netz ist die klassische Polemik als Gestus nicht allzu beliebt. Aber das ist ein anderes Thema.

Als sachliche Leserin muss ich F. F. erst einmal teilweise Recht geben.

Es ist wahr. Heute, am 10. Februar 2014, können eBooks Büchern ästhetisch nicht das Wasser reichen.

Aber darum geht es gar nicht. Mit dem Vorwurf, eBooks seien schlechte elektronische Bücher, ist immer schon das Thema verfehlt worden.

EBOOKS SIND KEINE BÜCHER.

eBooks sind ein neues Medium zum Aufzeichnen, Speichern und Vermitteln von Inhalten. So sachlich ausgedrückt, klingt das wenig aufregend.

Bücher kann man ebenfalls sachlich beschreiben. Bücher sind ein Medium zum Aufzeichnen, Speichern und Vermitteln von Inhalten. Oh, da wird man Büchern aber nicht gerecht? Bücher sollen doch „die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, sie sind „Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen“, jedes Buch ist für sich betrachtet ein ganzes „Universum“.

Stimmt. Oder sagen wir, es klingt für mich plausibel. Weil ich Bücher liebe. Wie wir über Dinge, also auch über Bücher und eBooks denken, ist eine Frage der Perspektive, der Darstellung und des Tons. Man könnte auch sagen, Bücher aus weitervererbbaren Privatbibliotheken riechen nach Tod. Vor allem wenn sie antiquarisch gekauft wurden. Aber das wäre wiederum nur ein äußerst subjektives Urteil. Es wäre tendenziös. Unsachlich.

Man sieht die Dinge so, wie man kann und muss, je nachdem welche emotionsbegleiteten Bilder man im Kopf hat, die unwillkürlich mit aufgerufen werden, wenn man einen Begriff hört, liest oder etwas wahrnimmt. Darauf hat man keinen Einfluss. Wenn ‚eBook’ bei einem Menschen ‚Untergang des Abendlandes’ triggert, ist das halt so. Interessant wird es erst im nächsten Schritt. Ob man sich diesem dunklen Gefühl überlässt oder den Verstand einschaltet und seine mitgebrachten Gespenster beobachtet und analysiert – das ist eine freie Entscheidung. Mache ich es mir im schwarzweißen Entweder-oder gemütlich oder mute ich mir das anstrengendere Und zu? Spiele ich mit meiner Medienangstgemeinschaft ‚Decamerone’ und versuche, die Pest draußen zu halten? Oder beobachte ich stattdessen das Neue, das mir so furchtbar unbehaglich ist, weil ich wie der Typograf im Falle des eBooks besonders viele Gegenbilder im Kopf habe?

Dieses Neue entwickelt sich, unaufhörlich, ob ich will oder nicht. In unserem Fall heißt das, Menschen machen, verkaufen, kaufen und lesen eBooks. Oder lesen online. Der Trick ist, das Neue nicht als Pest zu betrachten. Sondern sachlich damit umzugehen. Oder gar konstruktiv. An der Zukunft des Lesens, die nicht allein eines des Lesens von Bücherns sein wird, konstruktiv mitzuwirken. Wer, wenn nicht wir, bestimmt denn darüber mit, wie es in der Zukunft ums Lesen und Verlegen bestellt ist.

Wieviel schöner könnten eBooks sein, wenn es einen regelmäßigen Austausch über typografische Ideale und technische Möglichkeiten gäbe? Zwischen Geräteherstellern, Storebetreibern, Appdesignern, Verlegern, klassischen Gestaltern und Lesern. (Gebt mir Geld und ich organisiere das mit Freuden.) Wenn Menschen nicht beleidigt vom Buch herüberschauten, sondern Tipps geben würden. Ich ließe mich nur zu gern von Friedrich Forssman belehren. Wenn er mich, ohne mich zu meinen, nicht indirekt als ungebildete Ignorantin abtun würde. Nur weil ich eBooks mache.

Allerdings kann das Ziel nicht die Übertragung klassischer Typografie ins neue Medium sein. Es ist das Entwickeln einer ganz eigenen ästhetischen Sprache. Man kann vom Buch nur lernen, wo dies Sinn macht. Man muss das Buch vergessen, wo das eBook kategorial anders funktioniert. Liquid Layouts sind ein Beispiel für etwas ganz Neues, ästhetisch und konzeptuell sehr Reizvolles. Sie transzendieren das Buch als Bezugsrahmen.

Der Begriff ‚eBook’ ist, wie viele andere Neologismen aus dem Bereich des Digitalen, nicht nur hässlich, sondern auch irreführend. Vielleicht hätten wir uns mit einem anderen Begriff einen Großteil der eBook-vs.-Buch-Debatte sparen können. Vermutlich aber war der Begriff oder ein ähnlich unpassender nicht zu vermeiden, weil man ihn als mentalen Anknüpfungspunkt brauchte.

In Medienwendezeiten wird Menschen viel Neues zugemutet. Damit sie nicht zu befremdet, nicht zu verstört reagieren, brauchen sie vertraute Vorstellungen und Begriffe. Deshalb kaufen Menschen Kindle-Hüllen, die wie Bücher aussehen, simulieren Lese-Apps die Optik eines Buches und deshalb hat sich der Begriff ‚eBook’ eingebürgert. Weil das alles kuscheliger ist, als ein [???] zu lesen, das aussieht wie ein [???].

Kein Mensch muss sich für oder gegen Bücher entscheiden. Gleiches gilt für das Verhältnis zum eBook. Die Bücherwand ist heute schlicht und einfach Geschmackssache. Meine bleibt. Aber sie enthält schon seit Jahren nur noch Bücher, die ich wirklich mag. Texte, die ich vermutlich nur einmal lesen werde, kaufe ich jetzt meist gleich als eBook. Diese lockeren, sehr subjektiven Regeln halten das Ganze im räumlichen Rahmen. Ich könnte mit meinen Büchern relativ entspannt umziehen. Was die Bücherwand anderen Menschen bedeutet, maße ich mir nicht an zu beurteilen.

Ich leide selbst auch unter hässlichen und irreführenden digitalen Begriffen. Ich leide selbst auch unter den noch eingeschränkten ästhetischen Möglichkeiten von eBooks. (Als Indieverlegerin kann ich mir nicht mal alles leisten, was ginge. Wenigstens habe ich schöne Cover. Und ich weiß, wie man die meisten Bugs in Readern vermeidet.) Ich leide selbst auch unter den bizarren Einschränkungen, die mir als Käuferin von ebooks zugemutet werden. Weil die Storebetreiber herummonopolisieren. Weil die Rechtslage zum Weinen ist.

ABER. Ich liebe die strukturelle Offenheit von eBooks. Ich liebe die Möglichkeit, in einem Text lesend hin- und herzuspringen. Von drinnen nach draußen und wieder zurück. Im eBook sind Sachen Wirklichkeit geworden, von denen Bücher träumten. Julio Cortázars ‚Rayuela’ etwa.

Ich liebe und nutze die 30.000-eBooks-am-Strand-Option. Mir reichen „zwei oder drei Bücher“ nicht einmal für eine Kurzreise. Während meiner viermonatigen Asienreise im letzten Jahr habe ich fast jeden Tag ein eBook gelesen.

Ich liebe die Möglichkeit, aus eBooks Text herauskopieren und als Zitate in Manuskripte einfügen zu können. Ich bin niemand, der denkt, dass man sich per Abtippen protestantisch werkmoralisch das Übernommene verdienen muss. Außerdem gewinne ich so Zeit, um das eine oder andere gute Buch zu lesen.

Ich liebe die Möglichkeit, ohne Wartezeit sofort das nächste Werk eines Autors zu lesen. 100%. Oh nein, fertig. Noch eines. Lesen ist Sucht. Als unruhiger Geist muss ich auch ganz schnell spontanen Eingebungen nachgeben können. Hier nicht mehr warten zu müssen, meinen Kant notfalls auch am Strand dabei zu haben, das ist für mich ein unschätzbarer intellektueller und emotionaler Luxus.

Als Verlegerin gedacht, kommen weitere Argumente hinzu.

Ich kann es mir überhaupt nur leisten, einen Verlag professionell zu führen, weil die teuren Posten, die ich nicht selbst machen kann (Druck, Lagerung), entfallen.

Ich kann Texte veröffentlichen, die keine letzten Worte sprechen. Die sich im Jetzt umsehen und auf das Nächste schauen.

Ich kann inhaltlich ambitionierte Projekte machen, von denen ich weiß, dass kein großer kommerzieller Erfolg zu erwarten ist.

Ich kann meine eBooks zu einem günstigen Preis verkaufen, sie international anbieten und langfristig verfügbar halten.

Dafür nehme ich gern in Kauf, dass eBooks ästhetisch noch nicht aus den Kinderschuhen raus sind.

Wie traumatisch die Mitwirkung ästhetisch blinder Leser bei der Darstellung von eBooks für Menschen wie F. F. sein muss, kann ich mir gut vorstellen. Weil ich es ihm nachfühle. Ich bin ein ästhetischer Kontrollfreak. Aber kein sozialer. Sagen wir, ich möchte zumindest keiner sein. Deshalb atme ich bei der Vorstellung, wie jemand meine schönen Schriftvorgaben torpediert, immer tief durch und freue mich über die neue Zugänglichkeit von Literatur.

Klassische Verlage, wie Forssman sie bevorzugt, sind heute nicht mehr das, was sie mal waren. Oft steht ‚Verlag’ drauf und es ist Verlagsgruppe drin. Verlagsgruppen aber sind nicht selten Großkonzerne.

Auf eine stabile Zukunft meiner Bücher bei Suhrkamp hätte ich mich vor zwanzig Jahren auch getrost verlassen. Jetzt aber steht nichts mehr fest. Nichts mehr. Nirgendwo. Außer ein paar starren Meinungen. Damit muss man umgehen. Strategien und Wissen müssen jetzt häufiger hinterfragt und angepasst werden. Vielleicht wäre das auch früher schon eine gute Idee gewesen.

Weil ich in Bezug auf mich selbst auch ein moralischer Kontrollfreak bin, habe ich nur einen winzig kleinen Indieverlag. Der sich nicht jede teure Schrift leisten kann. Aber ein paar Werte. Reich werde ich dann mit etwas anderem.

Nichts Gutes entsteht, wenn man blindwütig aufeinander ein-, wenn man Klischees drischt. Ich mag es nicht, als „Totengräberin unserer schönen alten Bücherkultur“ vorgeführt zu werden. Forssman möchte nicht als „amüsantes Buch-Fossil“ herhalten. Beides wird jeder nachvollziehen können.

Ich lade Friedrich Forssman daher ganz herzlich ein, gemeinsam mit mir übers Bücher- und eBook-Machen nachzudenken. Medium und Form sind mir dabei egal. Am Ton feilen wir dann noch.

PS. Ich verlege seit 2011 eBooks ohne DRM. Meine Cover entwirft eine klassische Buchgestalterin. Produziert werden die eBooks von Type:Area.

Vor mir hatte bereits Zoë Beck auf Forssman geantwortet. Zwischen meiner ersten und meiner zweiten Version außerdem Charlotte Reimann.

Autorin & Copyright: Christiane Frohmann
Crossposting via frohmannverlag.tumblr.com mit frdl. Genehmigung der Autorin.

Abb.: flickr/massdistraction (cc)

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