Die Zukunft ist „All-Digital“: Newsweek stoppt Print-Ausgabe

Nach knapp achtzig Jahren ist Schluss: Das US-Magazin „Newsweek“ hat angekündigt, ab Januar 2013 nur noch digital zu erscheinen. Von den großen „weeklies“ bleibt dann nur noch das Time Magazine übrig – der früher ebenfalls populäre „U.S. News & World Report“ wird schon seit einigen Jahren nur noch monatlich ausgeliefert. Die letzte gedruckte Ausgabe der Newsweek soll am 31. Dezember am Kiosk erhältlich sein – danach gibt’s nur noch die Online-Version „Newsweek Global“, ausgerichtet auf ein weltweites Publikum. Ausgewählte Inhalte wird man wie bisher auch schon auf dem Boulevard-Portal „The Daily Beast“ lesen können, mit dem Newsweek 2010 fusionierte. Dieser Schritt war der vorerst letzte in einer Serie von erfolglosen Umstrukturierungen vom Nachrichten- zum Boulevard- und Meinungsjournalismus, die Newsweek immer mehr Leser gekostet haben – die Zahl der Abonnenten (immerhin 90 Prozent der Gesamtleserschaft) sank alleine von 2008 bis 2010 von 3 Millionen auf 1,5 Millionen. Ebenfalls halbiert hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Anzeigen.

„Wir bauen um, wir sagen nicht ‚Good Bye'“

Der schleichende Qualitätsverlust lässt sich aber auch in der sinkenden Zahl von Mitarbeitern ablesen: der Newsroom schrumpfte seit den Neunziger Jahren von 250 auf knapp über 100. Ein leichtes Wachstum gab’s nur bei der Online-Redaktion. Ganz ähnlich lief es eigentlich auch beim Time Magazine ab, allerdings konnte das Konkurrenzblatt mittlerweile die Auflage bei etwa 3,5 Millionen stabilisieren. Anders dagegen Newsweek – angesichts des freien Falls bei Auflage und Einnahmen kündigte Newsweek-Chefredakteurin Tina Brown parallel zur Umstellung auf „All-Digital“ gleich schon mal weitere Entlassungen an. „Wir bauen Newsweek um, aber wir sagen nicht ‚Good-Bye'“, betont Brown trotz alledem, und versichert: „Wir bleiben dem von diesem Magazin repräsentierten Journalismus verpflichtet.“ Wirklich profitiert vom Newsweek-Merger mit dem „The Daily Beast“ hat aber eigentlich nur das Boulevard-Portal: „The Daily Beast“ verzeichnet mittlerweile 15 Mio. Besucher pro Monat, ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2011.

Antizyklisch: Nischen-Magazine gewinnen Auflage hinzu

Natürlich hat das Verschwinden der gedruckten Newsweek auch etwas mit dem rapiden Medienwandel in den USA zu tun – es gibt mittlerweile mehr als 70 Millionen Tabletbesitzer, und fast jeder zweite Amerikaner nutzt digitale Nachrichtenquellen. Doch die galoppierenden Schwindsucht der Newsweek-Abonnenten innerhalb von nur 24 Monaten ist zugleich eng verbunden mit den rücksichtslosen inhaltlichen Veränderungen, die viele Leser eben nicht mittragen wollten. Veränderung muss sein, die große Frage ist nur: welche? Bedarf nach gedruckten Magazinen scheint grundsätzlich noch zu bestehen – das zeigt nicht zuletzt ein Boom bei qualitativ hochwertigen Nischen-Titeln wie „The Week“, „The New Yorker“ oder „The Economist“, die trotz Krise ihre Auflage verdoppeln konnten, und auch beim Anzeigengeschäft gar nicht mal so schlecht dastehen. Das zeigt: Für intelligente Analysen, ansprechende Hintergrund-Berichterstattung und interessante Reportagen scheint durchaus Nachfrage zu bestehen – vorerst sogar noch in Papierform.

Abb.: Montage aus sdobie/Flickr, Acid Zebra/Flickr, mstephens7/Flickr, Wikipedia

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".