Die WELT rotiert, das BILD-Girl schüttelt sich: iPhone-Apps als neue Cash Cow für die Springer Presse

Einen „Laborversuch“ in Sachen Paid Content wagt der Axel Springer-Verlag: seit Mittwoch sind die WELT sowie BILD als iPhone-App zu haben. Neben multimedialen Inhalten erwarten die Leser auch PDF-Versionen der gedruckten Ausgabe. Das intellektuelle Flaggschiff des Verlags gibt es im ersten Monat für 1,59 €, Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung für 79 Cent, danach verteuern sich die Abos.  Der Start war bis jetzt erfolgreich: im deutschen App Store rangieren Springers digitale Cash Cows bereits unter den Top 5.

Das iPhone-Abo als „zweite Säule der Monetarisierung“ neben Online-Werbeerlösen

Exklusiv war die BILD-Zeitung bisher vor allem aus einem Grund – es gab sie nur am Kiosk. Dass man Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung nun auch abonnieren kann, hat mit einer kleinen medialen Revolution zu tun. Der Axel Springer Verlag wagt nämlich in punkto Paid Content den großen Sprung nach vorn: am Mittwoch gingen parallel die WELT und BILD als iPhone-Apps an den Start. Springer-Vorstandschef Döpfner hat nämlich eine Vision – in einigen Jahren möchte er 50 Prozent der Konzernumsätze im Online-Bereich machen. Dabei setzt Döpfner auf „Premium-Content“. Mit „hochwertigen Hintergrundinformationen, exzellenten Services und einzigartige Benutzerfreundlichkeit“ will man den Besitzern von Apples Edel-Handy jeden Monat ein paar Euros aus der Tasche locken. Vor allem das stark eingebrochene Anzeigengeschäft im Printbereich macht Springer zu schaffen. Neben den bisher eher bescheidenen Online-Werbeerlösen hofft man auf das Handy-Abo als„zweite Säule der Monetarisierung in der digitalen Welt“. Auch das Nachrichtenmagazin SPIEGEL will noch im Dezember einen vergleichbaren Schritt wagen – mit einem PDF-Abo speziell für das iPhone. PDFs der gedruckten Ausgaben haben auch Springers iPhone-Apps im Gepäck – doch vor allem bieten sie multimedial aufbereitete Inhalte, die speziell auf das iPhone abgestimmt sind.

Was ist ein noch so schön animierter Globus gegen das Quietschen eines Schüttel-Girls?

Um die mediale Aufmerksamkeit braucht sich in der Chefetage des Zeitungskonzerns wohl keine Sorgen zu machen – denn man hat für genügend digitales Bling-Bling gesorgt. So dreht sich in der iPhone-Version von Springers intellektuellem Flaggschiff WELT ein Google-Earth-würdiger kleiner iWelt-Globus. Taucht man per Finger-Flip in die virtuelle Welt hinein, poppen Themenfenster auf, die aktuelle oder geschichtliche Daten mit geographischen Orten verbinden. Da liest man Richtung Brüssel etwa vom „Machtkampf über die Gehälter der EU-Beamten“, schwebt man nach Riga, erfährt man von Arbeitslosen, die ein Zeltdorf bauen, und bewegt man sich in Richtung Asien, tauchen Meldungen über Kampfkamele, Heilige Kühe und Schweingrippen-Tote auf. Im Geschichtmodus dagegen bricht Luther an einem 10. Dezember im Jahr 1520 mit Rom, in Skandinavien fällt Karl der Zwölfte an einem zehnten auf dem Schlachtfeld, und 1901 werden am zehnten die ersten Nobelpreise verliehen. Doch was ist ein noch so schön animierter Globus gegen die Rundungen von Alexandra, einer 22 jährigen Artzhelferin aus Köln? Während der Globus zwar etwas eiert, aber gar nicht quietscht, wirft das BILD-Schüttel-Girl begleitet von digitalem Juchzen die Garderobe ab. Geschüttelt wird natürlich per Hand – möglich macht das der G-Sensor des iPhones. Da bisher wohl kaum ein Bild-Girl oder Boy so viel Handbewegungen ausgelöst haben dürfte, hat sich BILD-Chef Kai Diekmann mit dem Schüttel-Feature ein viel besseres Denkmal gesetzt, als es andere Medienkünstler je tun könnten. Für Personen unter siebzehn Jahren, so werden die iPhone-Benutzer übrigens bei der Installation gewarnt, könnten manche Inhalte der BILD möglicherweise nicht geeignet sein. Gleiches gilt allerdings auch für die Welt-App…(!)

Die BILD-App lockt mit Rihannas heißen Höschen, die WELT eher mit Politik, Kultur und Webnews

Doch auch die jugendfreien Inhalte von WELT und BILD verdienen eine Würdigung – denn eins steht fest: Auswahl und Aufbereitung des Nachrichtenangebots sind sehr gut gelungen. Die BILD-Schlagzeilen auf der Startseite lehnen sich an das Layout der Print-Ausgabe an, die ineinander montierten Bilder und Schlagzeilen lassen sich per Fingerbewegung zur Seite scrollen – von Tiger Woods Edel-Huren geht es dabei über Guttenbergs Blitzbesuch an der Kunduz-Front und Rihannas heiße Höschen Show bis zum Marken-Test für Natur-Kosmetik. Tippt man die Schlagzeile an, kann man die eher nüchtern gelayouteten Artikel selbst lesen, an deren Kopf jeweils ein großes Farbfoto zu sehen ist. Der begrenzte Raum des iPhone-Displays zwingt deutlich zu gestalterischen Kompromissen – das zeigt auch der Rest des Startmenus. Thumbnails plus Anreißer – das sieht selbst bei der iPhone-App der BBC nicht sehr viel anders aus. Eingeschoben in die Startseite sind ein paar spezielle Info-Elemente, so etwa der Wetterbericht, die „Gewinner/Verlierer“-Rubrik sowie zwei Leisten mit Video-Stills und Fotos, die wie die Schlagzeilen zur Seite gescrollt werden können. Das Informationsangebot insgesamt ist äußerst reichhaltig – über das Ressort-Menü gelangt man auch auf sämtliche Regionalseiten (etwa Berlin, Bremen, Hamburg, Ruhrgebiet, München) inklusive Regional-Sport. Gut bedient wird man auch bei der Welt-App, besonders haben uns beim Testen die Rubriken Web-Welt, Kultur und Wissenschaft gefallen.

Doppel-Moppel von Multimedia & PDFs macht keinen Sinn – auf dem iPhone wirkt nur, was für das iPhone gemacht wurde

Wer einen Blick in die gedruckte Ausgabe werfen will, dem wird ebenfalls geholfen: schon am Vorabend ist das PDF der Print-Bild innerhalb der App lesbar – inklusive animierten Papierraschelns beim Umblättern. Doch bei aller Nostalgie: um eine Zeitung im großen nordischen Format auf dem iPhone-Display zu lesen, sind eindeutig zu viele Fingerbewegungen und Zooms notwendig. Zudem zeigt ja der Rest der multimedialen App, dass man in anderer Form die Inhalte viel komfortabler anbieten kann. Etwas leichter hat man es bei der Welt, die auf dem iPhone-Display als PDF in Form der WELT KOMPAKT präsent ist – und kompakt ist eben auch das Format. Sinnvoll dürfte aber auch die kompakte Welt erst auf einem zehn bis zwölf Zoll großen Display sein – irgendwo zwischen iPhone und Joo Joo. Wer ab Januar auch weiterhin die PDFs von BILD oder WELt lesen will, wird außerdem mit 3,99 bzw. 4,99 € pro Monat zur Kasse gebeten. Die normalen Apps werden im Abo dagegen nur 1,59 bzw. 2,99 € kosten – was im Vergleich zu einem richtigen Zeitungsabo durchaus günstig klingt. Doch man muss natürlich eins bedenken – es gibt bisher noch genügend kostenlos Alternativen, vor allem auch die Webseiten von BILD und WELT. „Um die für viele iPhone-Nutzer wichtigste Frage sofort zu beantworten: Nein, der bisherige Zugang zur Mobil-Plattform von WELT-Online wird nicht geschlossen oder mit einer Bezahlschranke versehen“, beeilte sich die Redaktion den Lesern diese Woche mitzuteilen.  Allerdings „empfehle“ man „dringend“, die neue App „zum Einführungspreis“ zu testen. Hat im Axel Springer-Haus wirklich niemand vor, eine Bezahl-Mauer zu bauen? Den Zeitpunkt werden wohl die Leser selbst festlegen – sobald genügend Abonnenten für die Apps von BILD und WELT gewonnen sind, dürfte am östlichen Ende der Berliner Rudi-Dutschke-Straße der digitale Schlagbaum heruntergekurbelt werden.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".