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Die Vergangenheit ist niemals tot: Ilona Bulazel, Heimtückische Schuld [Leseprobe]

17 Jun 2018

heimtueckische-schuld-banner-intro„Schuld ist wie ein Geschwür, das die Seele überwuchert und erstickt“: Ein männlicher Toter ohne Augenlider, eine weibliche Leiche, der man eine Strohpuppe unter die Haut genäht hat, und kein Hinweis auf den Täter… Mit einem grausamen Doppelmord beginnt Ilona Bulazels neuer Thriller „Heimtückische Schuld“: Hauptkommissar Jens Stutter und Kommissarin Jasmin Nau werden in eine kleine Gemeinde bei Stuttgart gerufen. Das grausame Ritual scheint in Verbindung mit dem Tod von zwei Teenagern zu stehen, die in einem Campingbus verbrannt sind. Hängt etwa auch der fünfundzwanzig Jahre zurückliegende Selbstmord einer Schülerin mit den Verbrechen zusammen? Mit jeder weiteren Leiche holt in „Heimtückische Schuld“ die Vergangenheit alle Beteiligten auf brutale Weise ein. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Ilona Bulazel: Heimtückische Schuld. Psychothriller

Kapitel 1


Mai 1993
Es war eine jener lauen Nächte im Mai, die den Sommer ankündigten. Der Mond stand hoch am Himmel und wirkte wie ein dicker, gelber Ballon, den man viel zu enthusiastisch aufgepumpt hatte und der deshalb jeden Moment zu platzen drohte.
Friedhelm Ehler blinzelte in die Nacht. Die Scheinwerfer der Lokomotive waren groß und grell, sodass sie alles erfassten, was vor ihm lag. Allerdings machte ihn das nicht weniger hilflos, als eine Gestalt wenige Meter vor ihm auf die Gleise rannte und dort abrupt stehen blieb. Ein gespenstisch weißes Gesicht wandte sich ihm zu, aufgerissene Augen starrten auf das Metall des tonnenschweren Güterzugs, der mit knapp hundert Stundenkilometern über die Schienen raste. In der nächsten Sekunde drang auch schon das dumpfe Geräusch des harten Aufpralls an die Ohren des Lokomotivführers. Blut, vermischt mit kleinen Brocken menschlichen Gewebes, verteilte sich über der Scheibe der Lok. Das Notsignal dröhnte durch die Dunkelheit, die Bremsen quietschten, aber das stählerne Ungetüm ließ sich nicht einfach abstellen. Friedhelm hatte das Gefühl, der lange Bremsweg würde ihn direkt ans Ende der Welt bringen.
»Nein«, flüsterte er verzweifelt, »nein, nicht schon wieder.«
Dann endlich kam der Zug zum Stehen. Friedhelm Ehler machte Meldung, wie er es jedes Mal tat, und redete sich gut zu: »Es ist nicht meine Schuld!«
Warum musste es erneut ihn treffen? Ein-, vielleicht auch zweimal, das brachte der Beruf mit sich. Die Statistik belegte das Unvermeidliche. Aber er war einer der Eisenbahnfahrzeugführer, die weit über dem Durchschnitt lagen. Das war nun sein vierter Schienenhüpfer, wie er die Selbstmörder nannte. Wieder eine Frau, da war er sich sicher. Er hatte das lange Haar gesehen, das um das blasse Gesicht geweht war, bevor der Körper zerschmettert worden war.
Ihm blieb nichts weiter zu tun, als jetzt auf die Rettungsmannschaften zu warten. Jemand würde ihn ablösen, und er könnte nach Hause gehen. Und was würde ihm dort bevorstehen? Schlaflose Nächte, Albträume und Rückzug von der Familie, mehr Alkohol, als gut für ihn war, Gespräche, die er nicht führen wollte, und Trost, der ihn nicht trösten konnte.
Unbändige Wut stieg in ihm auf. Er hatte kein Mitleid mit denen, die auf diese Weise freiwillig aus dem Leben schieden. Sie alle hatten die Wahl gehabt, einen anderen Weg zu gehen. Warum mussten sie ihn da mit hineinziehen? Rücksichtslos wurde sein Leben durch ihre Selbstmorde gestört. Es gab doch Hochhäuser, von denen man springen konnte, Schlaftabletten, Rasierklingen und tiefe Gewässer. Die Möglichkeiten zu sterben waren vielfältig, warum musste es denn ausgerechnet sein Zug sein?
Sirenen erklangen, gleich würden sie da sein: das Bergungsteam, die Leichenbestatter und die Betreuer, die sich seiner annehmen sollten. Auch ihnen würde diese Nacht einen Teil des eigenen Seelenfriedens rauben. Jemand musste die Leichenteile schließlich einsammeln, die Örtlichkeiten von Blut, Fleisch und Knochen reinigen, Sand auf die roten Stellen streuen und versuchen, die Spuren zu verwischen.
Man sprach ihn an. Mechanisch schilderte er, was geschehen war. Mitleidige Blicke folgten ihm, als er zu einem Fahrzeug geführt wurde.
Zum Glück gab es keine Passagiere. Ihr hysterisches Kreischen und neugieriges Gefrage hätte er jetzt nicht auch noch ertragen können.
»Wir übernehmen«, sagte einer der Männer und gab Anweisungen, »sucht nach einem Hinweis. Wir müssen wissen, wer sie war. Womöglich hat sie irgendwo ihre Handtasche abgelegt.«

Während Friedhelm Ehler bereits auf der Couch in seinem Wohnzimmer saß, durchkämmten die Mannschaften von Polizei und Feuerwehr die Umgebung. Am Bahnübergang fanden sie die Tasche von Petra Lutze, einer sechzehnjährigen Schülerin, die in Pfetzertal wohnte, dem Dorf, durch das die Bahnstrecke führte. Es würde sich bald schon bestätigen, dass sie die Selbstmörderin war. Einen Abschiedsbrief gab es nicht, doch das musste nichts bedeuten. Manchmal setzte ein Mensch seinem Leben ein Ende, ohne etwas zu hinterlassen.

Gegen Morgen waren die Gleise für den Schienenverkehr wieder freigegeben, und nichts erinnerte an das schreckliche Ereignis der Nacht. Niemand schenkte den Resten der Absperrbänder große Aufmerksamkeit, und keinem war die kleine Puppe aufgefallen, die unweit der Gleise im Gras lag. Sie war nur handflächengroß und aus geflochtenem Stroh, das Gesicht aufgemalt. Die vielen Füße, die in der Nacht über sie getrampelt waren, hatten sie bereits fest in den Boden gedrückt. Leichtsinnigerweise hielt man sie für Abfall, der irgendwann verrotten würde, glaubte, sie sei eben nichts weiter als eine unbedeutende kleine Strohpuppe.
Ein Irrtum, denn in Wahrheit war dieses zierliche Teil, das unter anderen Umständen vielleicht eines Tages als Schlüsselanhänger oder Maskottchen an einem Autospiegel seinen Platz gefunden hätte, von ganz besonderer Bedeutung.

Drei Wochen später, im Juni 1993

Thomas Braun betrachtete ein wenig gereizt seine Freundin Stefanie Hagel. Es war in Ordnung, wenn sie ein wenig Alkohol trank, das tat ihr gut, löste die Hemmungen. Aber was ihm ganz und gar nicht gefiel, war eine besoffene Version der sonst eher zurückhaltenden Achtzehnjährigen.
Sie torkelte in dem engen Campingbus gerade gegen die Wand, bevor sie sich schrill lachend auf die Sitzbank fallen ließ, und begann nichts als Unsinn zu erzählen. Vermutlich, um diesen ungebetenen Gast zu beeindrucken. Wie konnte ihm dieses Wochenende nur so entgleiten? Alle erdenkliche Mühe hatte er sich gegeben. Zuerst die harten Verhandlungen mit seinem älteren Bruder, der sich zwar schließlich hatte breitschlagen lassen und Thomas den alten Campingbus fürs Wochenende überlassen hatte – dafür jedoch Gegenleistungen forderte, die wenig von brüderlicher Zuneigung zeugten. Thomas hatte sich trotzdem darauf eingelassen, eine Palette Dosenbier, ein paar Konserven und eine Flasche süßen Sekt gekauft. Steffi, wie er seine Freundin gewöhnlich nannte, war anfangs ganz begeistert von dem Ausflug gewesen, bis er sie in seine Pläne eingeweiht hatte, am großen Baggersee eine einsame Stelle anzufahren und dort die Zweisamkeit zu genießen.
»Aber am Wochenende ist Jahrmarkt«, hatte sie gequengelt. »Wir könnten dorthin, und anschließend fahren wir an den See. Alle meine Freundinnen sind dort, das wird lustig. Ich will nicht zwei Tage nur in der Natur hocken.«
Er hatte schließlich nachgegeben, obwohl er wusste, dass er es hassen würde. Wie zu erwarten war, amüsierte sich Steffi hervorragend und flirtete ungeniert mit den Typen, die beim Autoscooter arbeiteten. Muskulöse Wichtigtuer mit Stiernacken und engen T-Shirts, die von den trainierten Oberarmen fast gesprengt wurden. Natürlich fehlte ihnen jedweder Verstand, aber das hinderte Steffi und ihre Freundinnen nicht daran, bei jedem Spruch, den einer dieser Ochsenköpfe machte, ausgelassen zu kichern.
Gegen Mitternacht rückten zwei Streifenwagen der Polizei an, weil es im Bierzelt zu einer Schlägerei gekommen war. Mit Auftauchen der Ordnungshüter endete die Veranstaltung. Die meisten ihrer Bekannten waren angetrunken, einige auch bekifft, und keiner wollte riskieren, in den Fokus der Beamten zu geraten.
Steffi murrte, als sie zum Parkplatz stöckelte. »Mann, ich will noch irgendwo feiern. Schließlich macht man nur einmal im Leben Abitur.«
Er zog sie an sich und küsste sie. Nur widerwillig ließ sie es zu.
»Wir machen eine Flasche Sekt auf. Ich kenne eine tolle Stelle am See, wir beide und der Sonnenaufgang!«, versuchte er, romantisch zu klingen. In Wahrheit scherte ihn der Sonnenaufgang herzlich wenig. Er wollte endlich vögeln, immerhin hatte ihn der Campingbus einiges gekostet. Die nächsten Wochen würde er den persönlichen Sklaven seines Bruders mimen, das sollte wenigstens nicht umsonst gewesen sein.
»Oh, wie langweilig«, hörte er Steffi meckern, »ich will Party machen!«
Thomas war am Verzweifeln und log: »Ich ja auch, allerdings bin ich pleite, Disco fällt aus.«
»Dann lass uns um den See fahren, vielleicht können wir irgendwo mitfeiern.«
So zuckelten sie mit aufgedrehtem Autoradio über die holprigen Feldwege, trafen auf zwei oder drei Gruppen, die sich wenig interessiert an weiteren Gästen zeigten, und endlich sah auch Steffi ein, dass der Abend zu Ende war.
»Also schön, suchen wir einen Platz und leeren den Sekt«, lenkte sie ein.
Thomas ließ sich das nicht zweimal sagen und drehte den Wagen.
Sie hatten ihr Ziel fast erreicht, als ihnen ein nächtlicher Gast regelrecht vor den Kühler gesprungen war, und bevor es Thomas hatte verhindern können, waren sie zu dritt gewesen.
Jetzt war Steffi betrunken und hatte keine Hemmungen, auch vor einer völlig fremden Person einen handfesten Streit mit ihm zu beginnen.
Thomas, ebenfalls nicht mehr nüchtern, ließ sich provozieren. Sie warf ihm vor, er sei langweilig und würde sie ausbremsen, ihr den Spaß verderben. Daraufhin bezeichnete er sie als Schlampe. Sie verpasste ihm eine Ohrfeige, und er sah sie entsetzt an. Dann warf er ihr eine halb volle Dose Bier entgegen und wollte wütend aus dem Campingbus steigen, als ihn ein brennender Schmerz in die Knie zwang. Etwas hatte ihn am Rücken verletzt, er spürte eine Flüssigkeit auf seiner Haut, dann hörte er Schreie. Sie wurden voller Panik ausgestoßen, klangen unnatürlich und hysterisch und verstummten abrupt. Gleichzeitig registrierte er ein Geräusch, so als wäre jemand zu Boden gestürzt, und er wusste, dass das Steffi gewesen war, bevor er selbst ohnmächtig zusammenbrach. Die Musik im Wagen lief immer noch. Wäre jemand vorbeigekommen, hätte er sicher angenommen, dass ausgelassene junge Leute eine private Party feierten.

Thomas kam erst wieder zu sich, als ihm jemand ins Gesicht schlug.
Eine Stimme rief: »Sieh sie dir an, sieh sie dir an!«
Benommen gehorchte er und blickte zu Steffi. Sie lag am Boden. Thomas erkannte die große Schnittwunde an ihrem Hals und schloss vor Entsetzen die Augen.
»Nein!«, folgte daraufhin ein wütender Schrei. »Du musst sie ansehen!«
»Hör auf«, flehte Thomas und jetzt, da er wieder bei Bewusstsein war, begann die Wunde, die man ihm zugefügt hatte, zu schmerzen. »Steffi«, wandte er sich keuchend an seine Freundin und streckte hilflos die Hand in ihre Richtung. Aufstehen konnte er nicht. Seine Verletzung war zu schwer. Wieder fielen ihm die Lider zu, er würde das hier nicht überleben, das wusste er. Für einen Augenblick dachte er daran, dass er seine Schuld gegenüber dem Bruder nun nie einlösen konnte. Fast hätte er bei dem Gedanken schadenfroh gelächelt, aber dann rannen ihm Tränen über die Wangen. Er wollte nicht sterben. »Hilfe«, brachte er mit bebenden Lippen hervor.
»Sieh sie endlich an!«, kreischte die Stimme, und Thomas spürte das Messer in seinem Gesicht. Entsetzliche Schmerzen ließen ihn erneut das Bewusstsein verlieren. Aber noch war ihm nicht vergönnt zu sterben, mit groben Schlägen riss man ihn zurück ins Leben.
Warmes Blut rann über Thomas’ Gesicht. Halb ohnmächtig blickte er erneut zu Steffi, in der Hoffnung, dass man ihn dann endlich in Ruhe lassen würde.
»Sieh hin!«, wurde wieder und wieder der gleiche Befehl gebrüllt.
Thomas hatte längst keine Kraft mehr, sich zu widersetzen. Er starrte zu seiner Freundin, beobachtete, wie ihr das T-Shirt nach oben gezogen wurde und ein Messer die Haut darunter aufschlitzte. Als er dieses Mal die Augen schließen wollte, gelang es ihm jedoch nicht.
»Meine Augen«, flüsterte er und versuchte vergebens zu blinzeln. »Nein«, stöhnte er leise, als ihm bewusst wurde, dass man ihm die Augenlider abgeschnitten hatte. Eine Welle des Schmerzes durchfuhr seinen Körper, er verkrampfte sich und dann endlich erlöste ihn der Tod.
»Du wirst sie ansehen, denn es ist deine Schuld! Ganz allein deine Schuld.«

Wenige Minuten später war der abgelegene Platz neben dem See hell erleuchtet. Der alte Campingbus stand in Flammen. Im Inneren züngelte das Feuer um die toten Körper von Steffi und Thomas. Das Polyester der Sitzkissen schmolz zusammen, die Vorhänge brannten lichterloh, und das Bier in den Dosen fing an zu brodeln. Außerdem hatte ein Gegenstand den Weg ins Feuer gefunden, der keinem der Opfer gehörte. Auf Stefanies Bauch lag, direkt neben der Schnittwunde unter der Brust, ein etwa sieben Zentimeter großes Strohpüppchen, das vom austretenden Blut wie ein Papierschiffchen vom Flusswasser erfasst wurde und langsam über die helle Haut der jungen Frau glitt, bis es blutgetränkt den Boden erreichte. Sein aufgemaltes Gesicht verzog sich eigenartig, als die Flammen begannen, das geflochtene Stroh zu verschlingen. Für eine Sekunde sah es so aus, als läge ein Ausdruck des Bedauerns darin, dann zerfiel die Figur zu Asche, so als hätte sie nie existiert.

Februar 1994

Carolin Kettler war erst vor wenigen Tagen auf die Wache nach Pfetzertal versetzt worden. Hier gab es einen Engpass, und die junge Streifenbeamtin sollte aushelfen. Carolin hatte große Pläne, und Pfetzertal gehörte eigentlich nicht dazu, aber sich flexibel und kooperativ zu zeigen, konnte sich für ihre Karriere auszahlen und machte sich gut in der Personalakte. Heute war es ein Dorf nahe der Schwäbischen Alb, und irgendwann würde sie in Stuttgart als Hauptkommissarin arbeiten. Das hatte sich die Zweiundzwanzigjährige fest vorgenommen – und wenn es darum ging, ihren Willen durchzusetzen, konnte die junge Frau sehr hartnäckig sein. Etwas, das ihre Mutter bei jeder Familienfeier bestätigte. Sie wurde nicht müde zu erzählen, wie sie bereits der Dickschädel des Säuglings Carolin Kettler um den Verstand gebracht hatte.
Ihre Eltern waren gegen eine Ausbildung bei der Polizei gewesen, aber natürlich war jeder Versuch, sie dahingehend zu beeinflussen, vergebens gewesen.

Carolin sah die Berichte der letzten Nacht durch. Wie zu erwarten war, hatte sich nicht allzu viel ereignet.
Der ältere Kollege, dem sie unterstellt war, schüttelte mitleidig den Kopf. »Ihr Jungen sucht immer das Abenteuer. Doch lass dir gesagt sein, ein Tag, an dem das Telefon nicht klingelt …«
»… ist ein guter Tag«, vervollständigte Carolin mit gelangweiltem Tonfall den Satz des Mannes, den er mehrmals täglich zu wiederholen pflegte.
»In ein paar Jahren wirst du es verstehen«, fügte er milde lächelnd an.
Auch diesen Spruch kannte die junge Beamtin bereits auswendig und seufzte. Doch noch bevor sie etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür, und eine Frau trat ein.
Ihr Kollege grüßte freundlich, allerdings entging Carolin nicht, dass er sich unwohl in seiner Haut fühlte.
»Heidi! Wie geht es dir?«, fragte er die Fremde mit gezwungener Fröhlichkeit.
Die so Angesprochene winkte ab. Sie wollte nicht darauf antworten, deshalb stellte sie eine Gegenfrage: »Gibt es etwas Neues?«
Carolin kniff die Augen zusammen und blickte von der Frau zu ihrem Vorgesetzten. Der schüttelte bedauernd den Kopf. Daraufhin drehte sich Heidi um, steuerte die Sitzreihe für Besucher an und ließ sich darauf nieder.
Es war, als würde sie einem bestimmten Ritual folgen. Sie kramte umständlich in ihrer Handtasche und zog eine Frauenzeitschrift heraus. Dann suchte sie einen Stift und begann das Kreuzworträtsel auf der Rückseite auszufüllen.
Carolins Kollege verschwand im Hinterzimmer, und die junge Beamtin folgte ihm.
»Wer ist das?«, fragte sie neugierig.
Der Ältere schüttelte traurig den Kopf. »Das ist Heidi Hagel.«
Sofort straffte sich Carolins Körper, und sie rief überrascht: »Die Mutter von Stefanie Hagel?« Dann hob sie schnell mit schlechtem Gewissen die Hand vor den Mund.
Carolin hatte alles über den Doppelmord im Juni letzten Jahres gelesen. Ein junges Paar – Stefanie Hagel und Thomas Braun – war in einem Campingbus überfallen, getötet und anschließend verbrannt worden. Es hatte eine groß angelegte Suche nach dem Mörder gegeben. Erst verdächtigte man jemanden von den Schaustellern; zur Zeit der Morde kampierte der Jahrmarkt in der Gemeinde, und die Opfer waren am Abend vor ihrem Tod dort gesehen worden. Aber es gab keine eindeutigen Beweise, und am Ende konnte der Fall nicht gelöst werden. Man vermutete einen missglückten Raubüberfall. Womöglich ein Landstreicher oder Junkie, der in seinem Rausch die Kontrolle verloren und die beiden dann brutal ermordet hatte.

»Und was macht sie jetzt hier?«, richtete Carolin ihre nächste Frage flüsternd an den älteren Kollegen.
»Sie kommt zwei-, dreimal im Monat vorbei und erkundigt sich nach den Ermittlungen.«
»Aber die sind doch eingestellt«, warf Carolin überrascht ein.
»Ja«, antwortete ihr Gegenüber mit rauer Stimme, »doch sie hofft, dass sie eines Tages wieder aufgenommen werden, wenn es neue Spuren gibt.«
Carolin schwieg und beobachtete, wie ihr Kollege eine Tasse Tee zubereitete.
»Heidi muss auf den Bus warten. Ich lasse sie hier sitzen, Zeitung lesen und spendiere ihr ein heißes Getränk. Ich wünschte, ich könnte mehr tun.«
»Soll ich ihr den Tee bringen?«, bot die Polizistin an, was ihr einen misstrauischen Blick einbrachte. »Vielleicht möchte sie mit jemandem reden. Ich kann gut zuhören, und momentan ist ja sowieso nichts los«, fügte sie deshalb schnell an.
Als Antwort erhielt sie zunächst ein Seufzen. »Also schön, aber rege die Frau nicht auf. Keine bohrenden Fragen! Die Heidi hat schon genug durchmachen müssen.«
Carolin schluckte eine entsprechende Erwiderung herunter und eilte mit der Teetasse in der Hand davon.

Heidi Hagel war in ihr Kreuzworträtsel vertieft und sah erst auf, als sie das Klirren des Geschirrs vernahm, das Carolin behutsam abstellte.
»Danke«, murmelte die Frau und betrachtete die junge Polizistin. »Sie sind neu, oder?«, fragte sie ohne Umschweife.
»Ja, mein Name ist Carolin Kettler«, antwortete die Beamtin höflich und musterte ihr Gegenüber genauer.
Heidi Hagel sah wie eine alte Frau aus, in Wirklichkeit war sie erst Ende vierzig. Der tragische Verlust des einzigen Kindes hatte sie gezeichnet. Die Farbe ihrer Haut zeugte von schlechter Gesundheit, die vielen Falten um Augen und Mund waren eindeutig der Trauer geschuldet, und die lieblos im Nacken zusammengebundenen grauen Haare hatten jeden Glanz verloren. Ihre Finger zitterten, als sie nach der Teetasse griff. Ein billiges Parfüm umgab Heidi Hagel, das jedoch nicht verhindern konnte, dass Carolin einen weiteren Geruch wahrnahm. Unverkennbar handelte es sich um Alkohol, der auch den glasigen Blick der Frau erklärte.
»Meine Steffi wäre jetzt fast in Ihrem Alter«, sagte Heidi leise und taxierte die Polizistin erneut. »Vielleicht hätte sie auch eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen, das ist ja nicht das Schlechteste. Steffi war klug, hatte gerade das Abitur gemacht.«
Carolin wusste das bereits. Sie hatte den Fall wie viele ihrer Kollegen verfolgt und fragte sich, ob man der Mutter alle schrecklichen Details des Obduktionsergebnisses mitgeteilt hatte. War Heidi Hagel bekannt, wie brutal ihre Tochter und deren Freund zugerichtet worden waren? Ihm hatte man die Augenlider abgetrennt, und Stefanie war die Kehle aufgeschlitzt worden. Außerdem hatte es eine tiefe Schnittwunde am Körper des Mädchens gegeben. Die Ermittler hatten das Gemetzel damit erklärt, dass der Täter vermutlich infolge des Einflusses von Alkohol oder härteren Drogen einen totalen Kontrollverlust erlitten hatte und in wilde Raserei verfallen war. Der Brand hatte viele Spuren zerstört, sodass es keinerlei Hinweise auf den oder die Mörder gegeben hatte. Auch wenn die Leichen noch so weit erhalten gewesen waren, um einiges über den Tathergang zu erfahren, war die anschließende Suche nach dem Schuldigen ohne Erfolg geblieben.
Eine Welle von Mitleid überkam Carolin, obwohl sie sich ständig bemühte, in ihrem Job persönliche Emotionen beiseitezuschieben. Sie setzte sich neben die Frau und sagte spontan: »Erzählen Sie mir von Ihrer Tochter.« Dann befürchtete sie, damit zu weit gegangen zu sein, und stammelte: »Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Sie machte Anstalten, wieder aufzustehen, doch Heidi hielt sie zurück.
»Nein, bitte bleiben Sie. Ich rede gerne über mein Mädchen.« Sie seufzte und sah geistesabwesend auf den Boden. Dann hob sie den Kopf und fuhr fort. »Alle sagen mir, ich soll die Vergangenheit hinter mir lassen, doch das kann ich nicht. Stefanie war mein einziges Kind …« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie schnell wegblinzelte. »Ich wollte sie an diesem Wochenende ungern gehen lassen, aber sie war volljährig, hatte gerade die Prüfungen abgelegt und bestand darauf, mit ihrem Freund zu feiern.«
»Thomas Braun«, warf Carolin ein.
»Ja, Thomas.« Sie lächelte für eine Sekunde, bevor sie weitersprach. »Ich hatte immer das Gefühl, er wäre nicht der Richtige für Stefanie. Verstehen Sie mich nicht falsch, er war ein netter Kerl, aber eben noch ein Junge. Mir war nicht wohl, dass die beiden mit diesem klapprigen Campingbus unterwegs waren. Er hätte sie nicht an diese einsame Stelle am See bringen dürfen. Wären die beiden doch nur woanders hingefahren.« Sie unterbrach sich und nestelte ein Taschentuch aus ihrer Jacke, mit dem sie sich die Augen betupfte. »Es ist ungerecht, meine Steffi liebte das Leben, sie hatte Pläne, nicht so wie die kleine Lutze.«
Carolin sah fragend zu Heidi Hagel. »Wer ist die kleine Lutze?«
»Petra Lutze. War gerade sechzehn und hat sich vor einen Zug geworfen. Das war ein paar Wochen, bevor meine Steffi …« Sie verstummte.
Von dem Selbstmord wusste Carolin bislang nichts. Pfetzertal schien offensichtlich einige Tragödien hinter sich zu haben. »Weiß man, warum diese Petra Lutze das getan hat?«, fragte sie deshalb, nicht fähig, die eigene Neugier zu unterdrücken.
Heidi gab sich einen Ruck und antwortete traurig: »Nein, nicht wirklich. Es gab natürlich Spekulationen über eine unglückliche Liebe. In diesem Alter sind Mädchen doch sehr verletzlich. Aber es hätte auch mit der familiären Situation zusammenhängen können. Die Mutter ist alleinstehend, Petra war das älteste von vier Kindern. Jedes hat einen anderen Vater, so lautet zumindest der Klatsch. Die Frau ist nach dem Unglück weggezogen, vielleicht hätte ich das auch tun sollen. Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben, und ohne Steffi – was bleibt mir da noch?«
»Eine räumliche Veränderung kann manchmal helfen«, bemerkte Carolin freundlich.
»Möglich«, erwiderte die Frau, ging aber nicht weiter darauf ein. Stattdessen sagte sie: »Sie halten mich sicher für verrückt, dass ich immer wieder hier aufkreuze, um mich nach den Ermittlungen zu erkundigen.«
Die Polizistin wollte widersprechen, doch Heidi schnitt ihr das Wort ab. »Ich weiß, dass das nicht viel Sinn macht. Ich bin nicht naiv. Der Fall meiner Tochter wird nicht weiter bearbeitet. Aber solange ich hierherkomme, habe ich das Gefühl, dass er zumindest nicht vergessen wird.«
»Ich bin mir sicher, dass keiner der zuständigen Kollegen den Fall vergessen wird. Wenn es neue Erkenntnisse gibt, werden die Ermittlungen sofort wieder aufgenommen«, warf Carolin voller Überzeugung ein.
Heidi Hagel betrachtete erneut die junge Beamtin. Ihr Blick war forschend. Sie überlegte angestrengt, bevor sie wieder das Wort an Carolin richtete: »Würden Sie ein Auge auf den Fall haben, wenn ich es eines Tages nicht mehr kann?«
Die Frage kam unerwartet und verwirrte die Polizistin.
»Es würde mich beruhigen zu wissen, dass es noch jemanden gibt, dem daran gelegen ist, dass meiner Steffi Gerechtigkeit widerfährt.« Ihr Blick wanderte flehentlich über Carolins Gesicht. Dann folgte ein bedauerndes Lächeln. »Tut mir leid, ich habe Sie bedrängt, das wollte ich nicht.«
Die Beamtin wehrte ab. »Nein, das haben Sie nicht. Ich bin Polizistin geworden, weil Gerechtigkeit für mich sehr wichtig ist. Was Ihrer Tochter passiert ist, tut mir sehr leid, und ich hoffe, dass der Täter eines Tages gefunden wird. Wenn es in meiner Macht steht zu helfen, dann werde ich das tun, das verspreche ich Ihnen.«
Die Worte waren ihr einfach so über die Lippen gekommen, und sofort wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte. Man gab in ihrem Beruf keine Versprechen, aber jetzt war es gesagt, und Frau Hagel legte dankbar ihre Hände auf die von Carolin.
»Das ist mir ein großer Trost«, murmelte sie dabei und verstärkte für einen Moment den Druck ihrer Finger. »Vielen Dank!« Dann erhob sie sich langsam und packte ihre Zeitschrift ein. »Ich muss jetzt gehen. Schön, dass Sie mir zugehört haben.«
Carolin nickte ihr zu und sah der zierlichen Gestalt mit der leicht gebückten Haltung, die langsam die Wache verließ, stirnrunzelnd hinterher.

Zwei Wochen später fand man Heidi Hagel mit verrenkten Gliedern am Fuß der steilen Treppe liegend, die in ihrem kleinen Häuschen das Ober- mit dem Untergeschoss verband. Genickbruch infolge eines Sturzes. Der Arzt stellte den Unfalltod fest und notierte mit Bedauern in seinem Bericht, dass Heidi Hagel zum Zeitpunkt ihres Todes einen Blutalkoholspiegel von fast drei Promille gehabt hatte.

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Autorin & Copyright: Ilona Bulazel

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