[e-book-review] Die Untoten vom Facebook-Friedhof: Auf Selbsterfahrungs-Trip im Offline-Land

offline-ohne-netz-e-book-bestsellerNie war Aussteigen so einfach. Für die Generation Facebook reicht es, Smartphone oder Netbook auszuschalten – schon befindet man sich gefühlt im 19. Jahrhundert, unerreichbar für Freunde und Kollegen, abgeschnitten von sozialen Netzwerken, von Google oder Spiegel Online. Wie lange hält man das aus? Christoph Koch („Ich bin dann mal offline“) und Alex Rühle („Ohne Netz“), beide Journalisten, haben es ausprobiert – für einen Monat, ja sogar für ein halbes Jahr. Wer die Erfahrungsberichte aus dem Offline-Land liest, wird vielleicht darüber nachdenken, neben einem fleischfreien auch mal einen netzfreien Tag pro Woche einzulegen…

Offline sein, das ist schon fast wie tot

Bald geht sie wieder los, die jährliche Fastenzeit. Nicht nur rheinische Frohnaturen üben sich dann eine Weile im Verzicht. Kein Fleisch, keine Schokolade, kein Alkohol, ja vielleicht nicht einmal Sex. Eins jedoch möchte wohl keiner missen: das Internet. Online sein ist für uns fast so wichtig geworden wie Licht, Luft oder Wasser. Offline, das ist fast schon wie tot. Tatsächlich stufen uns Facebooks Algorithmen als potentielle Leiche ein, wenn wir einen Monat lang nicht auf unserem Profil vorbeigeschaut haben. Freunde und Verwandte dürften mittlerweile schon nach wenigen Tagen ohne SMS, Mail oder Tweet vom schlimmsten ausgehen. Im Business wird 24 stündige Erreichbarkeit längst stillschweigend vorausgesetzt. Insofern haben Christoph Koch und Alex Rühle gegen alle Konventionen von der Netiquette bis zum Berufsethos verstoßen, als sie sich wochen, ja monatelang einfach ausstöpselten. Mit dem „Schwarzwaldhaus“ hat das Offline-Paradies für Journalisten allerdings nichts zu tun. Eins haben sich die beiden Grenzgänger in ihren vorab geleisteten Fasten-Gelöbnissen nämlich erlaubt: die Nutzung analoger Telefone und Faxgeräte wie auch unvernetzter Laptops oder Desktops.

Auf dem Pilgerpfad der Web-Askese

„Ich bin dann mal offline“ nennt Christoph Koch seinen „Selbstversuch“ zum „Leben ohne Internet und Handy“. Der Titel spielt wohl an auf Teilzeit-Aussteiger Hape Kerkeling – der im Bestseller „Ich bin dann mal weg“ über seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg berichtete, dem wohl berühmtesten Pilgerpfad der Welt. Auf die Idee zur geplanten Web-Askese bringt den NEON-Redakteur ein eher zufälliger „kalter Entzug“ – denn nach einem Umzug lässt ihn der Telefon- und Netz-Provider wochenlang im Stich. Als Zwischenlösung kauft sich Koch das allerneueste Smartphone-Modell, doch anlässlich der horrenden Kosten für die neue Unabhängigkeit beginnt er sich Gedanken zu machen über Sinn und Unsinn der Online-Existenz. „Ich war gespannt, wie die Internetlosigkeit mein ganz normales Leben, meinen Alltag verändern würde. Die Art wie ich mit Freunden kommunizierte, arbeitete, lebte, liebte, mir Kurzweil bereitete und mich informierte.“ Um die Selbsterfahrung thematisch zu unterfüttern, geht Koch auf Recherchereise. Bei den eigenbrötlerischen Amish People in den USA studiert er das technikfreie Landleben, er interviewt den Geräuschesammler und „akustischen Umweltschützer“ Gordon Hempton, und er spricht mit deutschen Handyverweigerern und Internetskeptikern. Nicht fehlen darf am Ende natürlich auch ein Termin bei Alpha-Blogger und Vodafone-Berater Sascha Lobo.

Von der Sparkasse lernen: Langsam sein als Wettbewerbsvorteil

Auch Alex Rühle geht es darum, eine Art „Entzugstagebuch“ zu führen „für all die anderen Ottonormaluser, die rund um die Uhr online sind und nicht mehr recht wissen: Liegt’s am Netz, oder liegt’s an mir? Ist meine Zerstreutheit noch normal?“ Selbst gehörte er zu den Schwerstabhängigen, die dank Smartphone nicht einmal ohne Internet ins Bett gehen. Trotzdem war Rühle insgesamt sechs Monate abstinent, bis auf ein, zwei Rückfälle, die den Lesern reuig gebeichtet werden. In dieser Zeit macht er sich auf die Suche nach den letzten existierenden Briefkästen und Telefonzellen, korrespondiert handschriftlich mit einem Strafgefangenen, der ebenfalls offline ist, pflanzt einen Haselnussbaum, meditiert in einem Zen-Garten und rettet einer Ente das Leben. Daneben versucht er, sein Arbeitspensum als Journalist bei der Süddeutschen Zeitung zu erfüllen, was nicht ganz leicht ist. Kollegen kommen als lebende E-Mail ins Büro, Archivare überhäufen ihn für Recherchen mit Papierstapeln, und Faxe verschwinden im Nirwana. Ohne Netz, so lautet eine Erkenntnis von „Ohne Netz“, wäre der heutige Workload nicht mehr zu schaffen. Andererseits bleibt auch so keine Zeit zum Ausruhen mehr, denn die 100prozentige Online-Existenz mobilisiert die letzten verbliebenen Zeitreserven. Das endet dann allerdings irgendwann im Kammerflimmern. Vielleicht also kein Wunder, dass Rühle vom Beschleunigungsforscher Hartmut Rosa zu hören bekommt: „Ich glaube, dass es ein großer Wettbewerbsvorteil sein kann, langsam zu sein.“

ruehle-ohne-netz Alex Rühle, Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline
E-Book (epub) 13,99 Euro
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Christop Koch, Ich bin dann mal offline
E-Book (epub) 9,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

2 Gedanken zu „[e-book-review] Die Untoten vom Facebook-Friedhof: Auf Selbsterfahrungs-Trip im Offline-Land“

  1. Habe gerade das Buch von Christoph Koch (natürlich als ebook ;-) ) durch. Kann es nur jedem Internet User/Nutzer/Abhängigen wärmstens empfehlen.

    Werde es mir wahrscheinlich noch als Paperback kaufen damit man auch nochmal wichtige Stellen Anstreichen kann bzw. sich das Ding sichtbar irgendwo als „Mahnung“ hinstellen kann.

    Gerd

    1. Tja, beim Lesen mit dem LumiRead habe ich mich auch gefragt, ob das nicht bei solchen Offline-Themen fast so ist, wie einen Veggie-Ratgeber im Steakhaus zu lesen. Aber immerhin war das WLAN abgeschaltet ;-) Im Vergleich zum iPad oder ähnlichem hat E-Ink aber auch was entschleunigendes, finde ich.

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