Home » E-Book-Handel

„Ungeschminktes Bild der DDR-Realität“: DIE-Reihe ist wieder da – Interview zum Relaunch der Kult-Krimi-Serie

23 Jul 2015

DIE-ReiheKrimi-Kenner wissen: DIE Reihe in punkto Suspense aus Deutschlands Osten heißt genau so, nämlich „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, abgekürzt DIE. Sogar die Wende hat die DIE-Reihe überlebt, das Millenium aber nicht, 2001 erschien der letzte Band. Doch nun feiert die klassische Krimi-Serie erneut Premiere: der Verlag „Das Neue Berlin“ (Eulenspiegel-Verlagsgruppe) gibt die Kultbücher in E-Book-Form neu heraus, inklusive der klassischen Cover. Zum Start erscheinen 20 Titel von Autoren wie Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine, Tom Wittgen oder Fritz Erpenbeck. Anlässlich des elektronischen Relaunches sprach E-Book-News mit Simone Uthleb und Matthias Oehme von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe über Krimi-Konzepte, Krimi-Verständnis und nicht zuletzt Krimi-Marketing in der DDR. Übrigens: als Einstiegsangebot gibt’s ab heute eine Woche lang Bernd Diksens Krimi „Der Verlierer zahlt“ als Gratis-E-Book.

E-Book-News: Seit wann gab’s DIE Reihe, warum heißt sie „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, und: wie sahen die Bände überhaupt aus?

Simone Uthleb/Matthias Oehme: Die DIE Reihe gibt es bereits seit 1970, das Coverdesign haben wir auf Grund des Wiedererkennungseffekts beibehalten, im Anhang ein Beispiel. Aus dem Namen „Delikte – Indizien – Ermittlungen“ geht eigentlich alles hervor, was den Leser in dieser Reihe erwartet und ist wunderbar als „die“ Reihe abzukürzen. Man sieht, auch in der DDR gab es kreative Marketingideen. Im Kern handelte es sich aber um ein neues, ein sehr nüchternes und faktenorientiertes Krimiverständnis. Denn Krimis (und auch Krimireihen) gab es natürlich auch schon vorher. Besonders hier im Verlag Das Neue Berlin, wo 1952 der erste DDR-Krimi überhaupt erschienen war, Wolfgang Schreyers „Großgarage Südwest“. „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, das war damals cool: nicht marktschreierisch, nicht sensationslüstern, nicht räuberpistolenhaft. Und in der Abkürzung eben von höchster Eingängigkeit.

Krimis müssen ja die Schattenseiten der Gesellschaft zeigen können, sonst gäb’s gar keine Spannung, die DDR sah sich aber als perfekter Staat – wie konnte eine Krimi-Reihe da trotzdem funktionieren und sogar Kult-Status erlangen?

Sicherlich war genau das der Grund für diesen Kultstatus, in diesen Krimis hat man Geschichten gefunden, die ansonsten im Osten seltener erzählt wurden. Es stimmt, Kriminalität wurde im großen und ganzen nicht an die große Glocke gehängt, nicht nur, weil es objektiv weniger davon gab, sondern auch, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Boulevardjournalismus etwa war im Osten verpönt. Die DIE-Reihe, und besonders die Bücher ihrer Hauptautoren wie Tom Wittgen, Wolfgang Kienast, Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine u.a., bot ein ungeschminktes Bild der DDR-Realität in allen Facetten, zu denen eben auch Verbrechen gehörten. Unterschiede gab es dann sicher in der Darstellung von Ursachen und Folgen der Untaten, der sozialen Hintergünde der Verbrecher, aber auch der Ermittlungsarbeit.

Welche Rolle spielten für die DIE-Reihe Autoren & Stories aus anderen Ländern, auch aus dem „nicht-sozialistischen Ausland“?

Im Mittelpunkt standen Krimis und Fälle aus der DDR, nur ein kleiner Prozentsatz der Bücher kam aus anderen Ländern. Natürlich gab es Übersetzungen aus osteuropäischen Sprachen, Krimis aus Polen, Ungarn, der CSSR oder der Sowjetunion. Und interessanterweise auch einige Stars aus dem Westen: Eric Ambler, Ruth Rendell, -ky. Aber das blieben Ausnahmen, im Handel freilich besonders begehrte.

Die DIE-Reihe bestand bis 2001 – wie hat sich denn die Wende- & Nachwendezeit auf die Krimis ausgewirkt?

Es gab eigentlich nur eine wesentliche Strukturveränderung. Auf dem Buchmarkt stand die DIE-Reihe plötzlich einer erdrückenden Konkurrenz gegenüber. Aber man muss sagen, dass sie trotz sinkender Verkaufszahlen sich doch recht lang und tapfer behauptet hat. Ansonsten blieben die Autoren bei der Stange, nahmen in Sujet und Schreibweise die realistische Tradition auf und die neue Wirklichkeit in den Blick. Nachwendekriminalität, wirtschaftliche und soziale Einschnitte, Niedergang von Institutionen und Illusionen, die Veränderungen im Alltagsbewusstsein – all das spiegelte sich in den Romanen nach der Wende genau und in guten Plots wider. Experimente in Covergestaltung und Marketing, Verbreiterung des Themenspektrums, Versuche mit neuen Autoren – das alles ist dann mit wechselndem Erfolg ausprobiert worden, hat aber am Ende des Jahrzehnts und der unmittelbaren Nachwendezeit schließlich doch die Einstellung der Reihe nicht aufhalten können.

DIE-Reihe-Der-Verlierer-zahlt-Krimi Bernd Diksen,
Der Verlierer zahlt
(DIE-Reihe)

Als Ernst Katzer in einer kleinen Stadt Westdeutschlands aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er kaum mehr als zwanzig Mark in der Tasche. Keine Arbeit, keine Bleibe. Keine Chance. Eine Garage bietet ersten Unterschlupf. Im Auto ist es warm, die Polster sind bequem. Das Risiko, entdeckt und vom Besitzer verjagt oder angezeigt zu werden, zählt im Augenblick nicht. In diesem Versteck wird Ernst Katzer Beobachter eines Verbrechens. Als er die Zusammenhänge durchschaut, plant der Schriftsteller Rainer Grünthal schon die Beseitigung des Mitwissers…