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[e-book-review] Atombombe als soziale Kettenreaktion – Hubert Mania erzählt die Vorgeschichte einer furchtbaren Waffe

14 Okt 2010

kettenreaktion-hubert-mania-atombombe-geschichte-e-bookDie Atombombe basiert auf Kettenreaktionen – auch in sozialer Hinsicht. Schon Jahrzehnte vor Hiroshima war vielen Wissenschaftlern klar, dass die Kernspaltung eine fürchterliche Waffe möglich machen würde. Trotzdem forschten sie gemeinsam weiter. In seiner „Geschichte der Atombombe“ interessiert sich Hubert Mania vor allem für das Zusammenspiel von Experten, Politikern und Militärs. Es sei fast so etwas wie ein „Roman der Atombombe, aber mit historischen Darstellern“, so Mania selbst über „Kettenreaktion“. Ralph Gerstenberg hat das Buch für uns gelesen.

Von der Entdeckung des Urans bis Los Alamos

Hubert Manias Buch „Kettenreaktion“ beginnt mit der Entdeckung des Urans durch den Berliner Apotheker Martin Heinrich Klapproth im Revolutionsjahr 1789 und endet mit der Zündung der ersten Atombombe am 16. Juli 1945. Dazwischen liegen gut anderthalb Jahrhunderte des Forschens und Experimentierens, die Hubert Mania chronologisch beschreibt: die Entdeckung der Radioaktivität durch Henri Bequerel, die Erforschung des Atomkerns durch Nils Bohr, Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg, die erste erfolgreiche Kernspaltung durch Otto Hahn und den Wettstreit zwischen amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern bei der Entwicklung einer kernwaffentauglichen nuklearen Kettenreaktion in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945. Dabei bemüht der 1954 geborene Autor Hubert Mania, der bereits eine Stephen-Hawking-Monografie und eine Biografie über Carl Friedrich Gauß veröffentlichte, die komplexe wissenschaftliche Materie verständlich zu machen und das gesellschaftliche Umfeld zu schildern, in dem die jeweiligen Entdeckungen stattfanden.

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Mitwirken am potentiellen Ende der Menschheit?

Spätestens seit dem September 1904, als Frederick Soddy und Ernest Rutherford auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis ihre Erkenntnisse über die potentielle Zerstörungskraft der Uranenergie verkündeten, standen Wissenschaftler, die Kernforschung betrieben, vor einem moralischen Konflikt: Sollten sie mitwirken bei der Erschließung einer Energiequelle, die militärisch genutzt das Ende der Menschheit bedeuten könnte? Der Beginn des Zweiten Weltkrieges war zugleich der Startschuss im Wettlauf um die atomare Vorherrschaft. Das Kriegsziel nahm den Wissenschaftlern auf beiden Seiten die Skrupel. Die militärische Relevanz ihrer Aufgabe verschonte sie nicht nur vor einem Fronteinsatz, sondern verschaffte ihnen auch die für die Forschungsaufgabe dringend benötigten Gelder. Zwei Milliarden Doller investierte die US-Regierung in die Entwicklung der Atombombe. Auf dem Forschungsgelände in Los Alamos arbeiteten unter der Führung von Robert Oppenheimer 1200 Leute fieberhaft an der Entwicklung einer Kernwaffe mit gewaltiger Sprengkraft.

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Entscheidung in New Mexico: “Now we are all sons of bitches“

Das Zentrum der deutschen Kernforschung bestand zu jener Zeit aus einer Bretterbude in der märkischen Heide, wie Hubert Mania in seinem Buch lakonisch bemerkt. Bis zum Kriegsende gelang es den deutschen Wissenschaftlern nicht, was die Amerikaner schon Ende 1942 geschafft hatten: die Auslösung einer Kettenreaktion. Als Deutschland bereits besiegt war, zündeten amerikanische Wissenschaftler in New Mexiko die erste Atombombe. Die Beschreibungen der Explosion gleichen denen von gewaltigen Naturereignissen. Doch jedem, der den Atomblitz gesehen hat, war klar, dass die Welt nun nicht mehr dieselbe sein würde. „Now we are all sons of bitches“ – mit diesem an Robert Oppenheimer gerichteten Ausspruch des Testleiters Kenneth Bainbridge endet Hubert Manias Buch. Nur drei Wochen später wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Hubert Manias stilistisch brillantes und packendes Buch zeigt exemplarisch, dass das Drängen des Menschen nach Erkenntnissen nicht zu bändigen sein wird, selbst wenn es ihn ins Verderben führt.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg
Fotos vom Trinity-Testgelände/New Mexico: Ed Siasoco/Flickr

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Hubert Mania,
Kettenreaktion. Die Geschichte der Atombombe (September 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Rowohlt) 22,95 Euro