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„Der papierfreie Autor ist nicht in Sicht“: Digitale Spurensuche im Literaturarchiv Marbach

24 Aug 2012 Ansgar Warner 2 Kommentare

Bücher werden nicht nur elektronisch gelesen, sie werden auch elektronisch geschrieben. Die Schreibmaschine des 21. Jahrhunderts ist schließlich der PC. Doch was machen Literaturwissenschaftler und Archivare, wenn die Autoren zu Sans-Papiers werden? E-Book-News hat sich im Literaturarchiv Marbach umgeschaut. Die vorläufig beruhigende Erkenntnis: die ersten Atari-Computer und 3,5-Zoll-Disketten aus den Achtziger Jahren werden zwar schon archiviert, der papierfreie Autor ist aber noch nicht in Sicht.

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Nachlässe & Vorlässe: Marbach ist kein Club der toten Dichter

Literatur hat genauso viel mit Lesen zu tun wie mit Schreiben. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach sieht man das besonders gut. Unweit von Schillers Geburtshaus lagern nicht nur Manuskripte aus den Schubladen der deutschen Klassiker. In Aktenordnern, Einlegemappen und Kartons schlummert auch das, was auf den Schreibtischen der modernen Schriftsteller entsteht. So stößt man in den endlosen Regalreihen auf prominente Namen wie Ilse Aichinger, Thomas Mann oder Kurt Tucholsky. Aber genauso auf Martin Walser, Ror Wolf oder Bernhard Schlink. In Marbach werden nämlich nicht nur Nachlässe gesammelt, sondern auch Vorlässe, also Material aus der Werkstatt von Literaten, die noch unter den Lebenden weilen. Ob Nachlass oder Vorlass, ein großer Teil der literarischen Produkte bestand bisher aus Papier. Eine zentrale Rolle bei der Archivarbeit spielt deswegen die Handschriftenabteilung. „Bei uns steht nicht das fertige Buch im Mittelpunkt, sondern vielmehr alles, was davor kommt. Also die verschiedenen Fassungen, Handschriftliches, Schreibmaschinenmanuskripte, oder auch Computerausdrucke mit handschriftlichen Korrekturen, Druckfahnen, in die handschriftlich eingegriffen wird, aber natürlich auch Briefe“, erklärt Nikola Herweg, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Marbacher Literaturarchiv.

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„Achtung, Virus!“: Ein Nachlass auf 3,5-Zoll-Disketten

Geschriebenes, Getipptes und Gedrucktes steht im Archiv Rücken an Rücken, und nicht erst seit gestern. Schreibmaschinen werden seit mehr als hundert Jahren benutzt. Schon Friedrich Nietzsche hämmerte um 1880 auf einer der ersten Kugelkopf-Modelle den legendären Satz: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ Laptop- und Desktop-Computer ordnen nun auch schon seit etwa dreißig Jahren die Gedanken der deutschen Geistesarbeiter. Ein Blick in die Vitrinen des Literaturarchiv-Museums zeigt, wie auch solche modernen Aufschreibtechniken ihre Spuren hinterlassen. So stößt man nicht nur auf den Bleistift des Philosophen Karl Jaspers, sondern auch auf das PC-Keyboard von F.C. Delius und sogar auf einen leibhaftigen Atari-Computer. Der gehört dem 1995 im Alter von nur 33 Jahren verstorbenen Dramatiker und Schriftsteller Thomas Strittmatter: „Seine Eltern haben uns den literarischen Nachlass geschenkt, der bestand unter anderem aus dem Atari-Rechner und einem Macintosh-Laptop. Auch die Disketten haben wir noch“, so Nikola Herweg. Alleine die Labels der 3,5-Zoll-Disketten aus den Achtziger Jahren sind schon ein Fall für die Handschriften-Abteilung, schließlich finden sich hier Original-Beschriftungen des Autors – etwa die Namen von Computerspielen oder die Warnung: „Achtung, Virus“.

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Papier ist geduldig, Disketten-Daten müssen wandern

Lesbar sind viele Disketten nicht mehr – die Entmagnetisierung schreitet weitaus schneller voran als der Zerfall von Papier. Die EDV-Abteilung des Archivs hat deshalb versucht, die Daten zu überspielen. Mit einem modernen PC ging das leider nicht. Geholfen haben den Marbachern letztlich Computer-Freaks aus der Region, die alte Hard- und Software sammeln. Die digitalen Manuskripte sind nun in das Intranet des Archivs migriert, sowohl als originale Disketten-Images wie auch in konvertierter und archivarisch aufbereiterer und geordneter Form. „Diese Abstufung hat den schönen Nebeneffekt, dass auf der Ebene der Disketten-Images auch die ursprüngliche Unordnung beibehalten bleibt, so ähnlich wie das, was einen erwartet, wenn man die Kartons eines Nachlasses öffnet“, so Nikola Herweg. Die konvertierten Dateien lassen sich dagegen ganz einfach mit Word öffnen.

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„Rice übt Computer, die Laune wird immer guter“

Auf dem Monitor erscheint dann etwa die vor zwanzig Jahren von Strittmatter gespeicherte Verszeile „Rice übt Computer, die Laune wird immer guter.“ Eine persönliche Aura kann man von solchen Word-Dokumenten natürlich nicht erwarten. Interessanterweise war der Medienwechsel von Füller oder Bleistift zur Gabriele oder Olympia weitaus weniger folgenreich als der Schritt zu Atari oder Mac. „Die Handschrift konnte man einem Autor sehr genau zuordnen, bei der Schreibmaschine funktioniert das aber auch noch ziemlich gut, z.B. bei Alfred Andersch, der eine Blindenschreibmaschine mit besonders großer Schrifttype genutzt hat. Die Exil-Autorin Hilde Domin wiederum hatte einen ganz expressiven Anschlag, da ist dann etwa das „O“ durchstochen. Beim Computer ist die Hand des Autors, die Berührung sehr weit entfernt. Da wird dann vielleicht eher die Tastatur interessant, mit Staub und Kaffeerückständen“, so Nikola Herweg.

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E-Books gibt’s im Archiv nicht, aber einen veritablen Poesie-Automaten

Im Archiv landen übrigens auch die persönlichen Bibliotheken der Autoren. In Zukunft könnte also auch das eine oder andere E-Book in Marbach auftauchen. Ein ganz besonderes elektronisches Werk kann man bereits jetzt im Museum des Literaturarchivs besichtigen: den Poesieautomaten von Hans Magnus Enzensberger. Was auf den ersten Blick aussieht wie die Anzeigetafel eines Flughafens, ist tatsächlich eine elektromechanisches Display. Die Software stammt vom Autor selbst – und tatsächlich haben die simulierten Gedichte den typischen Enzensberger-Sound. Damit die Verszeilen auch weiter rattern, muss alledings ab und zu Hand angelegt werden, berichtet Nikola Herweg: „Das ist natürlich ein Stück mit einem etwas anderen Wartungsaufwand als ein Manuskript. Da steckt ein Programm dahinter, also etwas, was unsere EDV-Abteilung angeht. Und auch die Hardware muss gepflegt werden, die Plättchen auf der Anzeige werden von Zeit zu Zeit ausgetauscht, das geht durchaus über das normale archivarische Handwerk hinaus.“

Kommt mit dem papierfreien Büro der papierfreie Autor?

Doch trotz elektronischer Poesie und Nachlässen auf Disketten dürfte die Handschriftenabteilung im Marbacher Literaturarchiv auch zukünftig nicht weniger zu tun haben als die EDV-Abteilung. Das liegt nicht nur daran, dass die meisten Nachlässe zur Zeit noch von Autoren der Generation Schreibmaschine stammen. Der papierfreie Schriftsteller sei momentan überhaupt noch nicht absehbar, so Nikola Herweg: „Die Handschrift wird noch sehr lange eine große Rolle spielen, denn bisher kenne ich keinen Autor, der nicht doch irgendwie handschriftlich in seine Manuskripte eingreift oder Vorabreiten per Hand aufs Papier wirft. So gesehen werden wir uns also noch sehr lange mit Papier beschäftigen.“


Autor & Copyright: Ansgar Warner

(ursprünglicher Artikel erschienen am 30.07.2010)

2 Kommentare »

  • Elke schrieb:

    Wirklich sehr schön, dieses Spiel mit Materialitäten und Medien! Mehr davon, wünscht: Elke

  • Chris schrieb:

    Ich finde das irgendwie beruhigend. Zwar bin ich auch absolut von eBooks überzeugt und mag meinen eReader nicht mehr hergeben, aber irgendwo bin ich doch Nostalgiker und mag gedruckte Bücher und derlei einfach. Papier hat seine eigene Magie, auch wenn es unpraktischer sein mag.