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Der Ofen ist noch lange nicht aus (Sarah Schmidt, Eine Tonne für Frau Scholz)

20 Aug 2014 0 Kommentare

Winter 1986/87, zwei allein erziehende Kreuzbergerinnen wollen dem Kiez entfliehen, sie sind jung und abenteuerlustig, ihre Kinder leiden an Pseudo-Krupp, die ganze Stadt müffelt nach Kohleöfen. Der Fluchtort: Mallorca. So begann Sarah Schmidts erster Roman, erschienen zu Beginn der Nuller Jahre.

Fast Forward: Zehn Jahre und zwei Bände Kurzgeschichten später hat die 1965 am Niederrhein geborene Wahl-Kreuzbergerin mit “Eine Tonne für Frau Scholz” nun ihren zweiten Roman veröffentlicht – diesmal sehr gegenwärtig in einer Kreuzberger Patchwork-Familie jenseits der Midlife-Crisis angesiedelt. Doch Kohleöfen gibt’s im frühen 21. Jahrhundert immer noch, zumindest im Haus von Nina Krone, der Protagonistin. Was auch ein Grund ist, dass sich das Pärchen Nina und Fritz die Miete inmitten von Townhouses und Edel-Altbauten mit ausgebauten Dachgeschossen überhaupt noch leisten kann.

Beide haben Jobs, die nicht besonders fordernd sind, aber einigermaßen sicher bis zum Renteneintrittsalter reichen werden, die Kinder sind aus dem Haus. Man hat alles mal ausprobiert, doch selbst Kokain wirkt nur noch einschläfernd. “Ziemlich viele Abende verbringen wir einfach vor dem Fernseher. Was nicht schlimm ist, wir kennen alles, was draußen los ist, und sind müde davon”. Auch vom Wissen, dass in den kommenden Jahren ohnehin “alles zusammenbrechen wird, der Kapitalismus, der Sozialstaat, die Weltwirtschaft, der Euro”.

Trotzdem beobachtet Nina an sich eine merkwürdige Zufriedenheit, es gibt nicht mal einen Grund, sich mit ihrem Freund zu streiten, denn der ist ziemlich nett und einfühlsam, und genau das macht der Mitt-Vierzigerin Angst: “Ich drehe mich im Kreis, ich kann nicht anders, als ständig zu überlegen, was eigentlich falsch gelaufen ist. Ist überhaupt irgendetwas falsch gelaufen?”

Dann ist da natürlich auch noch die betagte Nachbarin Frau Scholz im oberen Stockwerk, die im Sommer mühsam ihren Müll die Treppe hinabschleppt, im Winter Briketts heraufschleppt und Müll und Asche hinab. “Alles an ihr ist eine Anklage. Ihr Aussehen, ihr Geruch, ihr Gang, ihr Gesichtsausdruck”.

Und hier beginnt die eigentliche Geschichte: eines Tages im Herbst beschließt Nina, dem festgefahrenen Alltag durch eine Art paradoxer Intervention zu begegnen: sie schleppt einen Extra-Eimer mit Kohlen bis zur Tür der Nachbarin, und wiederholt das Experiment mehrere Tage lang, bis sie von Frau Scholz zur Rede gestellt wird: “Was soll das!?”

Kein Beginn einer wunderbaren Freundschaft, dafür aber der Auftakt zur Bildung eines generationsübergreifenden Odd Couples, das von diesem Moment an trotz gegenseitiger Ablehnung umeinander kreist, während sich parallel Ninas private Situation zuspitzt: Tochter Ella möchte einen Dokumentarfilm über die eigene Familie drehen, Sohn Rafi mit seinem Freund und einem lesbischen Paar ein Kind produzieren. Was niemanden zu stören scheint, bis auf Nina.

Für die gute Lesbarkeit dieses Romans sorgt nicht nur das erkennbar nah am echten Großstadtleben angelegte Setting, sondern auch die immer wieder gezielte Pointen setzende Erzählweise Sarah Schmidts – die nicht umsonst Mitgründerin einer der ersten Berliner Lesebühnen überhaupt ist. By the way: Ihr nächstes Romanprojekt wird tatsächlich “live” vor dem (Lese-)Publikum entstehen – er erscheint ab Oktober als Vorabdruck in der taz.


Sarah Schmidt,
Eine Tonne für Frau Scholz.
Verbrecher Verlag 2014
E-Book 12,99 Euro (epub/Kindle)

Abb. oben: Flickr/Glasseyes view (cc-by-sa-2.0)
(Kohlenhandlung, Berlin Wedding 1974)

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