Der Mann, der dem Kindle den Namen gab: Michael Cronan (1951-2013)

Wenn man bei Produkten das Wesen aus dem Namen lesen kann, stehen dafür zumeist Produktdesigner Pate, die selbst anonym bleiben. Bei Amazons Kindle verlief das etwas anders – denn der Namensgeber des 2007 gestarteten Readers war in der Branche kein Unbekannter. Als der Grafikdesigner und Marketing-Experte Michael Cronan von Amazon-Chef Jeff Bezos angeheuert wurde, hatte er der US-Populärkultur bereits seinen Stempel aufgedrückt. In den Neunziger Jahren verpasste Cronan nämlich dem Videorekorder-Hersteller Teleworld ein neues Image – die Firma vermarktete ihren neuesten, digital aufzeichnenden Rekorders als „TiVo“ (für Television Input / Video Output), und machte die Neuschöpfung zukünftig auch gleich zum Firmennamen. Mittlerweile ist „TiVo“ jenseits des Atlantiks zum Synonym für Festplattenrekorder schlechthin geworden. Ähnliches sollte Cronan mit dem Kindle gelingen.

Die Zukunft des Lesens – ohne großes Tamtam

Während im Silicon Valley in Amazons geheimem „Lab 126“ am Prototypen des E-Ink-Readers gearbeitet wurde, gab es lediglich den Working-Title „Fiona“. Nachdem der Auftrag zum „Branding“ vergeben wurde, stellte sich Michael Cronan zunächst die Frage: Worum geht es eigentlich bei diesem Projekt? Jeff Bezos wollte mit seinem neuen Gadget die Zukunft des Lesens verändern. Aber bitte ohne allzu großes Tamtam – das Produkt selbst sollte nur Mittel zum Zweck sein. Megalomanie war also auch beim Namen nicht angesagt. Gesucht wurde nach einem Begriff, der leicht von den Lippen ging und sich im alltäglichen Sprachgebrauch gut einprägen würde. So kam Cronan am Ende auf das wohlklingend-literarische Wort „Kindle“, abgeleitet vom Verb „to kindle“, was soviel bedeutet wie anfachen, anregen, aufflackern lassen. Zu einem gerne zitierten Beleg bei klassischen Autoren gehört eine Stelle in Voltaires „Lettres philosophiques“ (in engl. Übersetzung natürlich): „The instruction we find in books is like fire. We fetch it from our neighbours, kindle it at home, communicate it to others and it becomes the property of all.“ Der Wortstamm kyndill steht im altnorwegischen für „Kerze“ („Candle“). Etwas kleiner als die Fackel der Aufklärung, aber auch ein großes Feuer beginnt mit einer kleinen Flamme.

Zündfunke für einen Flächenbrand

Bereits der Start des Kindle erwies sich tatsächlich als Zündfunke für einen Flächenbrand. Mit 100.000 Geräten ging Amazons Reader am 19. November 2007 an den Start – und war schon nach wenigen Stunden komplett ausverkauft. Fünf Jahre später ist Amazon immer noch Marktführer: Von der ersten (Kindle 1) bis zur fünften E-Ink-Generation (Kindle Paperwhite) wurden weltweit zwischen 40 und 50 Millionen Geräte verkauft, zwei von drei geshoppten E-Books in den USA wurden 2012 im Kindle-Store heruntergeladen. Nicht nur für viele Amerikaner gibt es kaum noch einen Unterschied zwischen „Kindle“ und „E-Reader“. Selbst der Erfolg des noch vergleichsweise brandneuen Android-Tablets „Kindle Fire“ zehrt vom eingeführten Namen mit dem großen K. Seit Neujahr sind die Reader und Tablets allerdings Halbwaisen: denn im Alter von nur 61 Jahren ist ihr Namensgeber Michael Cronan am 1. Januar 2013 in San Francisco gestorben.

Tipp: Mehr zu den Anfängen der Kindle-Story erfährt man in „Vom Buch zum Byte – Kurze Geschichte des E-Books“.

Abb.: Montage aus Wikipedia (1) & Wikipedia (2)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".