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Der Leser hat das Wort: Crowdsourcing in der Verlagsbranche

22 Mai 2011 2 Kommentare

Haben Buchhandel & Verlagen eine Antwort auf das drahtlose Zeitalter? Beim Berliner BuchCamp-Event „Kreativplattform Buch“ am 19. Mai gingen Alexander Vieß vom Börsenverein die Buzzwords der Branche auf jeden Fall leicht von den Lippen: Gamification, Microcontent, kollaborative Arbeitsformen, und natürlich: Crowdsourcing. All das war bereits auf dem BuchCamp in Frankfurt am Main Thema gewesen. Im Berliner Base_camp sollte es nun nochmal ein Best-of geben – im Mittelpunkt stand dabei, wie man die neu entdeckte Ressource namens Crowd anzapft. Moderiert wurde die Veranstaltung von Robin Meyer-Lucht, Medienpartner war E-Book-News.

“Ideen lassen sich leichter verkaufen als fertige Produkte“

Was alles passieren kann, wenn nicht nur Leser, sondern auch Autoren ihre Kräfte bündeln, demonstrierte Marion Schwehr, Gründerin der Plattform Euryclia. Unter dem Motto „Mach’s zum Buch“ lassen sich dort Titel bestellen, die es noch gar nicht gibt. Das gute alte Subskriptions-Modell lebt also im Web 2.0 wieder auf – gedruckt wird erst, wenn mindestens 1000 Vorbestellungen eingegangen sind. An den Start ging das Startup Euryclia mit einem ganz besonderen Werk – dem „Universalcode“. Klingt nach Dan Brown, ist aber ein Sammelband zum Thema Journalismus im digitalen Zeitalter. Über das Vorschau-Widget von Book2Look konnten die Unterstützer & Autoren des Projekts die elektronische Version des Manuskripts in ihre eigenen Blogs (u.a.: Medial Digital) einbetten – was schon in der Entstehungsphase zu mehr als 100.000 Pageviews führte. Mit anderen Worten: die Sache wurde viral. Nicht ganz zufällig ist Euryclia nun auch „Virenschleuder“- Preisträger“.

„E-Bay für Worte“: die Crowd als Literatur-Scout

Wie gut sich Crowdsourcing auch für klassische Verlage eignet, machte Eliane Wurzer von neobooks deutlich. Denn das 2010 gegründete „Ebay für Worte“ gehört zu Droemer Knaur. Bei neobooks wird die Leser-Community zum Literaturscout – ergänzt allerdings durch echte Lektoren. Dabei geht es nicht nur um eine Art „Deutschland sucht den Super-Autor“, sondern ganz einfach um neue Wege, die Flut von Manuskripten zu bewältigen – ein großer Verlag bekommt davon Dutzende pro Tag. Wer es schafft, Gnade vor den Augen der Crowd zu finden, landet im Fall von neobooks zunächst bei den „E-Riginals“, einem rein elektronischen Label. Die besten E-Riginals wiederum werden in das Print-Verlagsprogramm von Droemer Knaur aufgenommen. Letzlich geht es, so Eliane Wurzer, immer um die Frage, welches Buch sich für welches Medium eignet: „Wir machen nicht die Bücher zu E-Books, die sich nicht zum Druck eigenen, sondern die sich besonders gut als E-Book eignen.“

Zombies und Karmapunkte

Während die Leser-Crowds ihre Expertise für den selben Gotteslohn beisteuern wie bei ihren Aktivitäten auf Facebook, Youtube und anderen Plattformen, die User Generated Content verwerten, gibt es bei Jovoto etwas andere Regeln. Die Plattform für kreative Ideenfindung setzt auch schon mal Geld und Sachpreise zur „Incentivierung“ ein. Für die User sei das aber oft gar nicht so wichtig, so Community-Managerin Nadine Freischlad. Wichtiger ist der Spaßfaktor, und die Reputation innerhalb der Community, für die auch sogenannte „Karmapunkte“ vergeben werden. Auf dem mit Unterstützung von Jovoto organisierten transmedialen Storytelling-Contest während der letzten Frankfurter Buchmesse gab es dagegen nicht nur Geld zu gewinnen, sondern auch Kontakte zur Medienbranche. Die Zombie-Mini-Webserie VIVA Berlin etwa, die zu den prämierten Projekten gehörte, ist bereits produziert worden und soll pünktlich zu Halloween 2011 online gehen.

Non-Book-Trends, oder: die Crowd im Nacken

Wenn die Crowd nicht gerade Videos schaut oder sich Karmapunkte auf sozialen Plattformen erwirbt, liest sie natürlich auch mal, und nicht selten noch offline. Bestellt werden die Holzmedien allerdings auch von ihren vehementesten Vertretern immer öfter online. Sonst könnte es ein Konzept wie „Kohlibri“, die Sortiments-Online-Buchhandlung von René Kohl wohl nicht geben. Kohl ist so etwas wie der Jeff Bezos der deutschen Indie-Szene und lebt von einer Kunden-Community, die die kluge Auswahl und sorgfältige Beschreibung im virtuellen Kohlibri-Katalog zu schätzen weiß. Was das Leben mit der Crowd so alles mit sich bringt, konnte René Kohl im Base_Camp anhand einiger Non-Book-Beispiele vor Augen führen – auch Nackenrollen mit Kuhmuster können zum Kassenschlager werden, wenn die Laune der Blogosphere es so will. Eine gewisse ironische Distanz zu den Quellen, aus denen die Crowd ihre Weisheit schöpft, kann da im Alltag wohl sehr hilfreich sein.

PS: Auf krautfunding.net gibt’s weitere Informationen zum Thema Crowdfunding & Crowdsourcing aus deutscher Perspektive.

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