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Der Leser als offenes Buch: E-Reading nur noch ohne Privatsphäre?

6 Jul 2012

Ein Fluss kann nicht schwimmen, ein Pferd kann nicht reiten, und ein Buch kann nicht lesen. So war es jedenfalls bisher. Doch im Zeitalter des WiFi-Readers ist zumindest die letzte Aussage nicht mehr gültig. Denn das Data-Mining hat längst auch im E-Book-Sektor Einzug gehalten – exakte Kenntnisse über das Konsumentenverhalten sind nämlich für die Buchbranche bares Geld wert. Das Wall Street Journal berichtete jetzt darüber, wie Kindle & Co. den Leser für Big Business zum offenen Buch werden lassen:

„Die großen Player im E-Book-Bereich – Amazon, Apple und Google – können sehr einfach tracken, wieviel Seiten die Leser schaffen, wie lange sie ein Buch lesen und mit welchen Suchbegriffen sie nach Lektüre recherchieren. E-Book-Apps für Tablets à la iPad, Kindle Fire und Nook zeichnen auf, wie oft die App geöffnet wird und wie es sich mit der Lesedauer verhält. Sowohl Buchhändler wie auch einige Publisher haben begonnen, diese Daten zu sichten, und bekommen damit Erkenntnisse über das Leseverhalten, wie sie zuvor nicht möglich waren.“

Barnes&Noble etwa nutzt die Daten zur Lesedauer, um in Zusammenarbeit mit Verlagen Buchprojekte so zu planen, dass die „Abbruchquote“ verringert wird. Bestätigt hat sich bei der Analyse des anonymisierten Leseverhaltens das Gesetz der Serie: wer auf dem Nook etwa „Fifty Shades of Grey“ oder den ersten Teil von „Hunger Games“ verschlungen hat, wird im allgemeinen auch die übrigen Titel der Reihe zu sich nehmen. Wie gelesen wird, hängt im übrigen auch vom Genre ab. In Sachbüchern neigen Barnes&Noble-Kunden zum überblättern einzelner Kapitel, und das Durchhaltevermögen ist ingesamt geringer als bei Romanen, die von vorne bis hinten gelesen werden. Belletristik-Fans pflegen allerding zugleich literarisches Multitasking – sie wechseln zwischen verschiedenen Titeln hin und her.

Wie das Data-Mining bei der Nummer 1 der E-Book-Branche aussieht, wissen viele Leser aus eigener Erfahrung: Amazon bewirbt fleißig ein Feature namens „Popular Highlights“, das im Text alle Passagen mit hervorhebt, die bereits von besonders vielen Kunden markiert wurden. In einer Hitliste namens „Most Highlighted Passages of All Time“ kann man zudem die beliebtesten Zitate innerhalb der Amazon-Community finden. Nicht zufällig steht an erster Stelle zur Zeit ein Quote aus der „Hunger Games“-Trilogie. Auf den Amazon-Servern landen drahtlos aber auch viele weitere Daten der Leser, wie etwa Lesezeichen, Anmerkungen oder die zuletzt aufgeschlagene Seite.

Digital-Rights-Aktivisten sehen im Datenhunger der Buchbranche ein großes Problem – schließlich ist der heimische Bücherschrank ein traditioneller Bestandteil der Privatsphäre: „Es gibt ein gesellschaftliches Grundverständnis – was wir lesen, geht niemanden etwas an“, zitiert das WSJ Cindy Cohn von der Electronic Frontier Foundation (EFF). „Momentan gibt es keine Möglichkeit, Amazon zu sagen, ich möchte eure Bücher kaufen, aber ich möchte nicht dass ihr mitverfolgt, was ich lese“. Tatsächlich müsste man zum „abhörsicheren“ Lesen zunächst den Kopierschutz eines Kindle-Books knacken und die Datei dann auf einen unvernetzten Reader übertragen. Oder ähnlich wie beim iPhone einen „Jail Break“ durchführen, um die Schnüffel-Software auf dem Kindle selbst auszuschalten.

Doch lohnt sich der Aufwand? Schaut man in den „Privatsphären-Ratgeber für E-Book-Käufer“, den die EFF herausgegeben hat, kann einem tatsächlich Angst und Bange werden. Denn Amazon, Apple & Co. geben Nutzerdaten bereits auf dem kleinen Dienstweg an die Exekutive weiter, ob es sich nun um die Staatsanwaltschaft oder Polizei und Geheimdienste handelt. Um das zu verhindern, haben US-Bürgerrechtler etwa in Kalifornien erfolgreich Druck auf die Politik gemacht, um einen „Reader privacy act“ zu erreichen – die Datenweitergabe ist im Sunshine-State jetzt nur noch mit richterlicher Genehmigung zulässig.

Abb.: Aburinho/Flickr