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Der Freelancer als armer Ritter? Verlagslobby will bei Web-Recherchen von freien Journalisten abkassieren

9 Aug 2010 2 Kommentare

freie-journalisten-sollen-fuer-web-recherche-zahlen-leistungsschutzrechtWenn’s um’s Geld geht, sind freie Journalisten auch bloß Blogger. Meint zumindest die Verlagslobby, die zukünftig bei allen Freelancern kräftig abkassieren will, wenn diese Web-Inhalte zur Recherche nutzen. Mittel zum Zweck soll das sogenannte „Leistungsschutz-Recht“ (LSR) sein. Schützenhilfe gibt es jetzt ausgerechnet von den Gewerkschaften: freie Journalisten sollen ver.di zufolge für ihre Recherchen nicht mehr zahlen, als sie durch das LSR ausgeschüttet bekommen. Mit anderen Worten: ihre Tantiemen gehen komplett an die Verlage.

Die Verlage lieben freie Journalisten – denn die sind billig & flexibel

Leistungsschutzrecht: Kaum ein Projekt ist für die finanziell klamme Verlagsbranche mit mehr Hoffnungen verbunden als dieses sperrige Wort. Je weniger Geld sich mit alten Geschäftsmodellen verdienen lässt, desto stärker liebäugeln vor allem die Zeitungsverleger mit einer neuen Gebühreneinzugszentrale für Online-Content. Zahlen sollen alle, profitieren sollen nur die Verwertungsberechtigten. Vor allem die Verlage selbst, zum einem gewissen Teil auch die festangestellten Redakteure und Journalisten. Immer mehr Texte werde jedoch von freien Autoren geschrieben, denn die arbeiten auf Honorarbasis, sind also flexibler und verursachen weniger Kosten. Ausgerechnet bei der Vergütung des von ihnen mitproduzierten Online-Contents sollen die Freelancer aber offenbar außen vor bleiben. Selbst die Gewerkschaften interessieren sich vor allem für die Festangestellten. In einem Interview mit dem Fachmagazin promedia schob ver.di-Justitiar Wolfgang Schimmel formale Gründe vor: „Es ist nicht einfach, freie Journalisten im Gesetz von Vergütungsansprüchen freizustellen“. Die Berufsbezeichnung „Journalist“ sei schließlich in Deutschland nicht geschützt, so dass sich jeder mit diesem Titel schmücken könne. Die Verlage seien aber bereit, das Problem vertraglich zu lösen: wer ein berechtigtes Interesse nachweisen kann und sich registrieren lässt, muss dann nicht zu den selben Bedingungen recherchieren wie Blogger Müller.

“Droht eine Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse?“

Zu verdienen gibt es dabei für die freien Autoren nichts. Denn was nicht nur den Verlagen, sondern offenbar auch ver.di dabei finanziell vorschwebt, ist reine Kostenneutralität. Schimmel versprach den freien Journalisten, sie würden „auf keinen Fall mehr für die Nutzung zahlen müssen, als sie an Ausschüttungen erhalten“. Mit anderen Worten: bei den zukünftigen Ausschüttungen würden die ohnehin schlecht bezahlten Freien im Zweifelsfall ganz einfach leer ausgehen. Beim Verband der Freischreiber, dem der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, spricht man zu recht von „einer drohenden Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse“. Neben einer Entsolidarisierung der Gewerkschaften mit den Working Poor der schreibenden Zunft scheint aber noch eine anderes Motiv hinter dem sich anbahnenden Deal zwischen ver.di und der Verlagslobby zu stecken. Die Befürworter des Leistungsschutzrechtes, vermuten die Freischreiber, „wittern offenbar die Gefahr, dass sich zu viele von der Zahlungspflicht an die Verlage befreien lassen könnten, indem sie als Berufsbezeichnung ‚Journalist‘ angeben“. Während ein gewisses Quantum an „Leserjournalismus“ durchaus erwünscht ist, scheint ein Volk von Bürger-Journalisten für die Machern der gedruckten Meinung geradezu eine Horrorvorstellung zu sein.

Abb.: Flickr/TheGiantVermin

2 Kommentare »

  • newstube.de schrieb:

    Der Freelancer als armer Ritter? Verlagslobby will bei Web-Recherchen von freien Journalisten abkassieren…

  • Elke Brüns schrieb:

    Die Idee der Bürger-Journalisten ist nett…
    Dass ver.di allerdings diese Politik unterstützt, scheitn zu zeigen, dass die modernen Arbeits(un)welten dort immer noch nicht angekommen sind