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“Der Durchbruch für das Crowdfunding könnte in Deutschland passieren”: Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos im Interview

2 Jun 2010 2 Kommentare

Vor einem Jahr war Crowdfunding noch graue Theorie, jetzt konkurrieren mit Kachingle und Flattr bereits zwei Dienstleister um die Gunst der Netzgemeinde. Dabei tun sich gerade die deutschen Surfer besonders hervor. Um herauszufinden, woran das liegen könnte, aber natürlich auch zu Promotion-Zwecken tourt zur Zeit Kachingle-Gründerin Cynthia Typaldos durch die Republik. E-Book-News traf die Grande Dame des Crowdfundings bei einem Media-Lunch in der Bundespresskonferenz und fragte nach: warum sind die Krauts so wild auf die Thankyou-Economy?

Vom Crowdfunding zum Krautfunding: Die Deutschen lieben Kachingle und Flattr

Kaum waren mit Kachingle und Flattr zwei Projekte am Start, die Websites vom Blog bis zur Online-Zeitung den Einsatz digitaler Klingelbeutel ermöglichten, wurde aus dem Crowdfunding plötzlich Krautfunding. Während große deutsche Medienhäuser schon laut über kostenpflichtige iPad-Apps und Bezahlschranken für Onlineinhalte nachdachten, setzten sich deutsche Blogger an die Spitze der Gegenbewegung. Beispiele gefällig? Bitte sehr: Fast die Hälfte der Websites im Kachingle-Netzwerk kommen aus Good Old Germany, an der Spitze steht unerreicht der Politik- und Medienblog CARTA mit mehr als 70 Unterstützern. Diese Zahl lässt sich am Kachingle-Medaillon auf besagtem Blog ablesen. Bei Flattr, wo vor allem einzelne Artikel Feedback bekommen, gibt es noch spektakulärere Zahlen: Chaosradio Express, der Podcast des Chaos-Computerclubs, ist bereits von mehr als 700 Mitgliedern des Flattr-Netzwerks angeklickt worden. Und der Counter bewegt sich weiter nach oben. Obwohl Flattr eigentlich noch in der geschlossenen Beta-Testphase ist, sind seit kurzem auch die taz und der Freitag mit dabei. Die Online-Ausgabe des sozialdemokratischen Wochenblatts Vorwärts setzt dagegen auf Kachingle. Der rasante Aufstieg von Flattr hat natürlich seine Ursachen. Peter Sunde, einer der Mitbegründer des Filesharing-Netzwerks “Pirate-Bay”, konnte sich mit seinem neuen Projekt der Unterstützung durch die Community sicher sein. Sein Auftritt auf der Berliner Blogger-Konferenz “Re:Publica” im Frühjahr war insofern ein Heimspiel, und brachte das erwünschte mediale Echo.

Geld einsammeln für Dinge, die kostenlos sind? Tolle Idee, let’s do it!

Solche Vorschusslorbeeren gab es bei Kachingle kaum – sieht man mal von einem Artikel Robin Meyer-Luchts für SPOL ab, der bereits im Februar 2009 zu lesen war. Obwohl die Macher um die Silicon-Valley-Unternehmerin Cynthia Typaldos deutlich länger im Geschäft sind, wurden sie etwa zur Re:Publica gar nicht erst eingeladen. Dafür tourt die Grande Dame des Crowfundings im Moment durch die Schweiz, Österreich und Deutschland, um mit aktiven Nutzern wie auch potentiellen neuen Kunden ins Gespräch zu kommen. Ein bisschen ist Cynthia Typaldos natürlich auch auf der Suche nach dem Geheimnis ihres Erfolgs. Mittlerweile ist sie nämlich überzeugt: “Kachingle könnte sich in Deutschland durchsetzen, dann in Europa, schließlich wiederum auf die USA zurückwirken”. Die besondere Affinität der Krauts zum Crowdfunding wurde Kachingle schon in die Wiege gelegt – die Kernmannschaft besteht zur Hälfte aus Deutsch-Amerikanern: “Als ich mein Team zusammengestellt habe, fragte ich erst ein paar amerikanische Kollegen: Was haltet ihr von dieser Idee – Geld einsammeln für Dinge, die kostenlos sind? Und sie sagten: Das ist der größte Unsinn, denn wir je gehört haben. Dann fragte ich die Deutschen, und die sagten: Großartige Idee, let’s do it”, erzählte mir Cynthia Typaldos am Rande des Berliner Media-Lunch.

Kaching& Jingle: In Registrierkassen klimpert Kleingeld

cynthia typaldos kachingle crowdfunding.jpgEinen gewissen Exotenstatus genießt Cynthia Typaldos im Silicon Valley aber auch aus anderen Gründen. Schließlich steht mit der Kachingle-Gründerin nicht nur eine Frau an der Spitze dieses Start-Ups, sondern obendrein noch “a middle-aged woman”. Allerdings setzt Typaldos solche Unterschiede zum üblichen Baby-Boomer und M.I.T.-Nerd auch bewusst ein. Das offizielle PR-Foto zeigt sie Seite an Seite mit Bunny, ihrem Hund, der mittlerweile auch einen eigenen Blog besitzt – natürlich mit Kachingle-Medaillon. Doch während man sich anderswo künstlich um den Touch des Sozialen bemüht, wirkt das bei Kachingle überhaupt nicht aufgesetzt. Woher Kachingle kommt, zeigt schon die Ursprungsidee: “Es begann alles im Jahr 2003, als ich für eine krebskranke Freundin im Internet recherchiert habe, auf Webseiten von Universitäten, Blogs, etc., und als ich mich für die all die vielen nützlichen Informationen mit einer Spende bedanken wollte, merkte ich, dass das gar nicht so einfach war, es gab weder Kontonummern, noch wusste ich noch genau, welche Seiten ich wie oft besucht hatte.” Anfänglich dachte Cynthia Typaldos deswegen an einen Namen wie “Donation Pal”, bevor sie auf den Namen “Kachingle” kam. Im Lexikon wird man dieses Wort nicht finden, es ist eine Kombinatin aus “Kaching”, lautmalerisch für das Geräusch einer alten Registrierkasse, und “to jingle”, dem Klimpern mit Kleingeld. “Außerdem war der Domain-Name noch nicht vergeben, was ja auch ein wichtiges Argument ist”, so Cynthia Typaldos.

Kachingler sehen sich nicht als Kunden, sondern als Spender – und mögen keine hohen Paypal-Gebühren

Dass sich die Mitglieder der Kachingler-Gemeinde tatsächlich eher als Spender verstehen und nicht so sehr als normale Kunden, zeigt sich auch an der großen Sensibilität für versteckte Gebühren. Anfänglich gingen 20 Prozent der Kachingle-Beiträge für Verwaltungs- und Transaktionskosten drauf – zur Hälfte an PayPal, zur Hälfte an Kachingle. Das stieß auf harsche Kritik, obwohl in anderen Fällen, beispielsweise bei E-Bay, die Raten noch höher sind, vor allem, weil auch für die Auszahlung von Guthaben eine Gebühr anfällt. Also wurde noch einmal nachverhandelt. Auf dem Media-Lunch verkündete Gregor Bieler, Deutschland-Chef von Paypal, nun: “Wir haben die Transaktionsgebühren für Kachingle auf 15 Prozent gesenkt”. Für PayPal ist Kachingle nämlich ein Sonderfall. Es mag zwar momentan nur um “little money” gehen. Das alternative Start-Up aus dem Silicon Valley gehört aber zu den ersten Nutzern von PayPals “Platform Initiative”, die später einmal möglichst vielen Websites die Kombination eigener Softwarelösungen für Abrechnungs- und Bezahlvorgänge mit der PayPal-Schnittstelle ermöglichen soll. Paypal ist vor allem für die Sicherheit der finanziellen Transaktionen zuständig, während Kachingle die Spendenströme und ihre Verteilung verwaltet. Die Zahl der PayPal-Teilnehmer in Deutschland liegt zwischen zehn und fünfzehn Millionen, was etwa der Hälfte der “Online-Bevölkerung” entspricht. So groß ist also auch die Zahl potentieller Kachingler – vor allem, wenn zukünftig für deutsche Teilnehmer auch die Zahlung per Lastschrift möglich ist.

Kachingle ist flexibel: man kann einzelne “Stimmen” auf Websites unterstützen

Im Moment mag die Kachingle-Gemeinde vor allem aus Bloggern bestehen, die sich gegenseitigen kachingeln, doch das könnte sich bald ändern. “Es gibt ja immer zwei Seiten, die User und die Blogger, zur Zeit trifft meistens beides zu, zwingend ist das aber nicht. Es müssen natürlich auch nicht Blogs sein, Kachingle zielt auf alle Formen von Content”, so Cynthia Typaldos. Auch wenn nach und nach Seiten mit sehr großen Lesergemeinden hinzukommen, macht Crowdfunding für kleinere Blogs trotzdem Sinn: “Das schöne an Kachingle ist doch, dass jeder individuell Entscheidungen trifft, wenn ich also einen kleinen Blog mag und regelmäßig lese, erhält der von mir genauso viel Geld wie andere Websites, die ich besuche. Bisher gehen kleinere Blogs ja ohnehin leer aus, weil es keine einfachen Möglichkeiten gibt, sie zu unterstützen”, so die Kachingle-Gründerin. Außerdem schenkt man den kleineren Blogs natürlich ein Stück sozialer Reputation, denn am Kachingle-Medaillon lässt sich nicht nur die Zahl der Unterstützer ablesen, sondern auch ihre Namen. Umgekehrt kann sich der Unterstützer mit den Blogs schmücken, die er kachingelt: “Build a persona around something you love” nennt Cynthia Typaldos das – es geht also um den aktiven Aufbau einer Online-Persönlichkeit. Tatsächlich wird man sich Typaldos zufolge teilweise sogar einzelne Edelfedern an den digitalen Hut stecken: “Kachingle ist sehr flexibel, das Medaillon kann sich auf die gesamte Seite beziehen, aber genausogut auch auf einzelne Autoren, auf einzelne ‘Stimmen’, wie wir sagen. Wie viele Stimmen es jeweils gibt, entscheidet der Seitenbetreiber.”

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