[e-book-review] „Ich habe Freunde mitgebracht“: Lucy Fricke besichtigt die Welt der Thirty-Somethings

lucy-fricke-freunde-mitgebracht-e-book-reviewWenn Romane ablaufen wie ein Film im Kopf, kann das auch daran liegen, dass die Autorin mal als Cutterin & Produzentin gearbeitet hat – wie im Fall von Lucy Fricke. Nach einigen Kurzfilmen & Buchtrailern hat die Absolventin des Leipziger Literaturinstitutes nun auch schon ihren zweiten Roman vorgelegt: „Ich habe Freunde mitgebracht“. Der im September 2010 bei Rowohlt erschienene Band ist erfreulicherweise auch bereits als E-Book lieferbar – unser Rezensent Ralph Gerstenberg verrät, ob sich der Download wirklich lohnt.

Vier Mittdreißiger am Rande des Nervenzusammenbruchs

Jon ist Schauspieler, spezialisiert auf Leichenrollen. Henning zeichnet Comics. Seine Freundin Martha spricht im Radio die Nachrichten. Betty arbeitet als Script-Girl bei Filmproduktionen. Vier miteinander befreundete Mittdreißiger, die um sich selbst kreisen, noch immer auf die große Chance warten oder sich an ihre Träume klammern wie an einen morschen Ast, der weit über einen dunklen Abgrund ragt. Die Zeit hat ein paar Kerben in der Seele hinterlassen, doch mit Alkohol und probaten Ritualen lässt sich das Leben einigermaßen ertragen. Den anderen geht es ja nicht besser. Doch dann wird Martha schwanger. Für Hennings Cyberspace-Superhelden-Comic, an dem er seit zehn Jahren arbeitet, interessiert sich ein Verlag. Bertha rastet am Set aus. Und Jon kriegt – völlig unerwartet – die Rolle seines Lebens: Er soll einen Pfeife rauchenden Großschriftsteller mit Waffen-SS-Vergangenheit verkörpern.

Wenn Männer von Frauen angefahren werden…

Nach „Durst ist schlimmer als Heimweh“, in dem eine Sechzehnjährige versucht, ihre miese, von Missbrauch und Alkohol geprägte Kindheit hinter sich zu lassen, folgt mit „Ich habe Freunde mitgebracht“ nun gewissermaßen das leichte Sommerstück auf Lucy Frickes hartes Debüt. Denn obwohl ihre Figuren bald vor den Trümmern ihrer Träume stehen und mit verschrammter Seele ins Taumeln geraten, hat man doch keine Angst, dass sie allzu tief fallen werden. Dafür sorgt auch der Sinn für Absurditäten, den sich ihre Protagonisten bewahren, und eine pointierte Lakonie, mit der sie von ihrer Autorin beschrieben werden. Und wenn zwei Männer von zwei flüchtenden Frauen mit dem Auto angefahren werden und schließlich, stöhnend und verwundet, auf der Rückbank landen, kommt auch noch ein wenig Slapstick ins Spiel.

Besser kann der Film zum Buch gar nicht werden

Lucy Fricke ist so alt wie ihre Figuren und hat lange als Script / Continuity gearbeitet – was das ist, erfährt man ebenfalls im Roman -, bevor sie am Deutsche Literaturinstitut studierte und 2005 den „Open Mike“ gewann. Ihr Stil ist filmisch: knappe Dialoge, schnelle Szenenwechsel. Das Tempo, die Genauigkeit der Milieuschilderungen und ihr humorvoller, Seichtigkeiten jedoch geschickt vermeidender Stil machen ihre Geschichte zu einer sympathischen Tragikomödie, die man jedoch lieber lesen sollte, anstatt auf die gewiss nicht annähernd so gute Verfilmung (nahe liegender Gedanke) zu warten.

Autor&Copyright: Ralph Gerstenberg

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Lucy Fricke, Ich habe Freunde mitgebracht
(September 2010)
E-Book (epub) 16,99 Euro
Rowohlt (Hardcover) 16,95 Euro

Veröffentlicht von

Ralph Gerstenberg

Ralph Gerstenberg arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Journalist, u.a. für das Stadtmagazin tip, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, SWR, MDR, RBB. Unter dem Titel "Grimm und Lachmund" erschien 1998 sein erster Kriminalroman, mittlerweile liegen sechs Titel vor.