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Dem lachsroten Sonnenuntergang entgegen: Financial Times setzt auf Online First

22 Jan 2013 Ansgar Warner 1 Kommentar

Was Print-to-Online angeht, war die Financial Times mental schon immer recht weit: „The sunset is going to be in about five years“, schätzte eine Managerin des Mutterkonzerns Pearsons im Jahr 2010 – bis Mitte des Jahrzehnts werde man wohl die Druckmaschinen abstellen. Im Redaktionsalltag bestimmte die Print-Ausgabe bisher allerdings noch die organisatorischen Abläufe – doch das dürfte sich nun ändern. FT-Chef Lionel Barber hat mit der Devise „Online First“ einen kulturellen Paradigmenwechsel ausgerufen. In einer vom Guardian dokumentierten Mail an die Mitarbeiter heißt es: „Wir müssen uns in Zukunft zuerst um die digitale Plattform kümmern, und erst an zweiter Stelle um die gedruckte Zeitung.“ Man solle nicht mehr in der Kategorie „Zeitungsseite“ denken, sondern in der Kategorie „Content“, forderte Barber. „Wir müssen überdenken, wie wir unsere Inhalte veröffentlichen, wann wir sie veröffentlichen und welcher Form, ob als gewöhnliche Nachrichten, gebloggt, als Video oder in sozialen Medien“.

Um die Kosten zu drücken, werden die unterschiedlichen Ausgaben der Zeitung stärker vereinheitlicht, Spätausgaben fallen ganz weg. Im gleichen Atemzug wurde die Streichung von 35 Stellen bei der Printredaktion angekündigt, allerdings auch einige Neueinstellungen bei der Digital-Sparte. Bisher waren bei der in London ansässigen FT rund 600 Journalisten beschäftigt. Wie schnell der mediale Wandel voranschreite, so Barber, zeige sich etwa am Nutzungsverhalten der Online-Leserschaft: „Bereits 25 Prozent des FT-Traffics findet mit Mobilgeräten statt“.

Ähnlich wie die New York Times setzt die Financial Times auf eine Paywall nach dem „metered access“-Modell. Und das mit Erfolg: Mitte 2012 meldete die FT mit einer Gesamtzahl von 600.000 Abos nicht nur ein Allzeithoch, sondern auch den endgültigen Durchbruch ins digitale Zeitalter: denn mehr als die Hälfte der Abonnenten liest die digitale Ausgabe. Eine besondere Rolle bei dieser Entwicklung hat offenbar die Einführung des iPads gespielt, seit Mitte 2010 hat sich die Zahl der elektronischen Subskribenten mehr als verdoppelt. Als Alternative zur mobilen Website bietet die FT für iOS-Geräte eine browserbasierte Web-App im HTML5-Format an.

Die Bedeutung von Anzeigenerlösen ist im Verlaufe der Digitalisierung stark zurückgegangen, die Financial Times erzielt fast zwei Drittel ihrer Umsätze mit dem Verkauf von Content, wobei Print und Digital schon fast gleichauf liegen. Gespart werden muss aber trotz aller Erfolge im digitalen Sektor: 2008 zog sich die FT aus dem Joint-Venture „Financial Times Deutschland“ zurück, das dann bekanntlich 2012 ganz eingestellt werden musste. Inzwischen wird spekuliert, dass Pearsons auch das Londoner Original abstoßen könnte, wenn sich denn ein Käufer findet.

Abb.: Screenshot

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