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Autoren-Initiative “Fiktion”: Lieber Gratis-Marketing als Charity von Verlagen?

9 Sep 2013 Ansgar Warner 2 Kommentare

Siehe da: E-Books, Self-Publishing und mobiles E-Lesen sind nun auch für die etablierte Literaturszene an der Bruchzone von digitalen Immigranten & Digital Natives anschlussfähig. Eine Handvoll von ihnen, organisiert unter dem Label “Fiktion”, hat jetzt eine “Deklaration” zur “Digitalen Zukunft unserer Literatur” verfasst. Mit diesem Mission Statement formulieren Ankerfrauen der Mainframe-Ära wie Elfriede Jelinek (Jg. 1946) oder Sabine Scholl (Jg. 1959) wie auch Nachwuchstalente der Generation Atari à la Marcus Braun (Jg. 1971) oder Nina Bußmann (Jg. 1980) nicht nur ein Lob des elektronischen Lesens, sondern emanzipieren sich auch ein paar Regalmeter weit vom traditionellen Verlagsbetrieb. Begriffe wie Amazon, Self-Publishing, Smartphone oder E-Reader kommen in dem Text zwar nicht vor, dafür zählt man aber immerhin fünf mal das Wort “E-Book”.

Nie wurde soviel gelesen und geschrieben wie heute“, freuen sich die AutorInnen zunächst mal, und schieben das dann der Kombination von Smartphone und Facebook in die Schuhe, falls wir das richtig verstanden haben: “Kinder aller Milieus führen eine rege Privatkorrespondenz, was früher einer Elite vorbehalten war“, heißt es da nämlich. Übersetzt meinen wir zu verstehen: “Die Nutzung von sozialen Medien ist zum schichtübergreifenden Massenphänomen geworden”. Das sei mal ganz anders gewesen: “Noch vor zwei Jahrzehnten drohte sie [die "Privatkorrespondenz"] aufgrund des Telefons gänzlich zu verschwinden“. (Und wir dachten immer, Heimcomputer & Homevideo wären schuld daran, dass… Nun gut, es ist lange her, vielleicht war’s ja doch das Festnetztelefon.)

Die Zeiten haben sich aber zum Glück geändert: “Heute wird das, was sich weiterhin Telefon nennt, vor allem zum Schreiben und Lesen genutzt“, stellen die prominenten Skribenten fest. Übersetzt heißt das ungefähr: “Heute heißt das Telefon nicht mehr Telefon, sondern Smartphone, und es wird neben dem Konsum von Musik, Videos, Games sowie dem Websurfen auch zum Schreiben und Lesen genutzt, und manchmal auch noch zum Telefonieren”. Das ist natürlich toll, weil nun jeder Leser auch zum Autor wird: “Das alltägliche Schreiben lässt die Schwelle, auch selbst Gedichte, Geschichten und Romane zu verfassen, sinken. Fast jeder kann seine Texte weltweit anbieten und sich über sie austauschen. Wer damit größeren Erfolg hat, kann anschließend auch in traditionellen Verlagen reüssieren“. Übersetzt könnte das heißen: “Self-Publishing und Social Reading stehen jedem offen, wer damit richtig erfolgreich ist, kann das als Sprungbrett für einen Verlagsvertrag nutzen – es geht aber auch ohne”.

Doch die digitale Aufmerksamkeitsökonomie hat auch ihre Nachteile: “So wunderbar das ist, geraten doch unsere besondere Konzentration erfordernden literarischen Texte beim Konkurrieren um eine insgesamt begrenzte Aufnahmefähigkeit zunehmend ins Hintertreffen.” Damit könnte gemeint sein: Texte, die nicht nur am Markt vorbei geschrieben sind, sondern auch weder vom Autor noch vom Verlag richtig vermarktet werden, funktionieren (auch) in diesem Setting nicht mehr. Was tun? “Sich diesem Medium zu verweigern kann darum nicht die Lösung sein, sondern wir müssen neue Methoden entwickeln, mit denen wir unsere Literatur den Lesern digital vermitteln.” Statt von der Charity von Verlagen abhängig zu sein, die kräftig quersubventionieren, dafür aber im Gegenzug das Geschäftliche alleine regeln möchten, wird dabei für unabhängige Experimente plädiert.

Manche Ideen klingen richtig revolutionär: “Um E-Books zu vertreiben, ist es nicht zwingend erforderlich, sie zu verkaufen“, finden die AutorInnen zum Beispiel. Chapeau! Man bevorzuge zwar, von der “Verwertung von Büchern” zu leben, statt sich auf eine Weise zu verdingen, die “vom Schreiben abhält“, wird festgestellt. “Aber wir wollen bei jedem unserer Bücher frei sein zu entscheiden, ob und wann wir es nicht besser verschenken“. Tatsächlich steht bereits ein Modellprojekt mit dem vielsagenden Namen “Fiktion” in den Startlöchern, das sich “versuchsweise von den ökonomischen Notwendigkeiten der Verlagsbranche ab[koppeln]” will, um “Literatur zu publizieren, die keinen gängigen Marktkriterien entspricht“.

Zumindest für die “Verbreitung” von Literatur, wenn schon nicht für ihren Verkauf, sollte es vielleicht reichen. Lesegeräte gibt’s dank Smartphone-Boom ohnehin genug. Mit dem “Telefon” sind die Damen und Herren aber irgendwie auch nicht ganz zufrieden: die “Zusatzfunktionen” würden “vom Lesen unserer Literatur” eher ablenken, bemängeln sie: “Es fehlt ein digitales Leseformat, das die technischen Möglichkeiten nutzt, um die Konzentration auf unsere Literatur zu erleichtern.” Das kann man dann vielleicht so verstehen: es wäre schön, wenn man die technischen Möglichkeiten nutzen würde, um möglichst viele technische Möglichkeiten unmöglich zu machen, bis auf Textdarstellung natürlich. Technik ist toll, solange sie nur gedruckte Letternwüsten imitiert, sonst ist sie ein Problem? Hmmmm…

Ein bisschen sehr abgehoben geben sie sich dann zum Schluss auch noch mal, die Verfasser der “Deklaration”. Sie grenzen sich nämlich explizit von der selbstverlegten “Genre-Literatur” auf den “gängigen Internetportalen und -foren” ab: “Unsere Werke benötigen eine individuelle Betreuung und ein Neugier weckendes Umfeld“. Das kann man wohl auch so verstehen: “Wir brauchen professionellen Service, außerdem finden wir die üblichen Self-Publishing-Portale und Diskussionsforen gähnend langweilig.” Vielleicht doch eine gute Idee, wenn sich die Schriftsteller wie vorgeschlagen “zusammentun – ob als Genossenschaft, Stiftung, Verein oder Initiative”, und dann erstmal ihre “Rolle als Autorinnen und Autoren neu bestimmen.

2 Kommentare »

  • fiktion.cc | Wechselwetterwolken schrieb:

    [...] das Ganze unter der allein marktwirschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt stellenden Überschrift Lieber Gratis-Marketing als Charity von Verlagen?, beschleicht mich das Gefühl, dass hier schon wieder aneinander vorbei geredet wird. Schon wird [...]

  • Vorgang Reader | rainerrabowski schrieb:

    [...] Auf der Netzseite, auf der ich mich manchmal über das Geschehen auf dem sich ja auch täglich neu dünkenden Ebook-Markt informiere, wird die gute alte, die “alte” Autorenschaft, der ich mir einbildete anzugehören (obwohl ich auch dazu Distanzen pflege), diejenige also, die etwas länger nachdenkt – als am Markt vorbei-produzierende gesehen – als quersubventionierte. Schäm dich, erfolgloser Autor! [...]