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Das Web als öffentliche Sache: Blogger-Konferenz re:publica diskutiert über die Zukunft des Internets

16 Apr 2010 1 Kommentar

re-publica bloggerkonferenz diskutiert zukunft des internets.gif„Nowhere“ lautet das Motto der Social-Media-Konferenz Re:publica. Damit ist nicht das virtuelle Nirwana gemeint, sondern“now“ & „here“. Das Echtzeit-Web von Twitter bis Facebook ist der natürliche Lebensraum von Bloggern & Hackern, Netizens & Nerds. Öffentlichkeit ohne Netz ist kaum noch vorstellbar. Somit dreht sich re:publica um sehr reale Dinge – Politik, Ökonomie, & auch um Gender-Fragen. Das scheint dringend notwendig zu sein: selbst auf der re:publica beträgt der Frauenanteil unter den Referenten magere 25 Prozent…

Vom gemütlichen Bloggertreffen hat sich die re:publica zur internationalen Netz-Konferenz gewandelt

Als re:publica vor vier Jahren zum ersten mal stattfand, war es noch fast ein geselliges Bloggertreffen. Unter dem Titel „Living on the net“ versammelten die Organisatoren Johnny Häusler (Spreeblick) und Markus Beckedahl (newthinking, netzpolitik) knapp 700 überwiegend deutsche Blogger mitten in Berlin. Seitdem hat sich die re:publica zur internationalen Konferenz gemausert, es geht nicht mehr „nur“ um Blogs, sondern um die digitale Gesellschaft insgesamt. Mit dem trendigen Motto „NoWhere“ lockte man in diesem Jahr bereits am ersten Tag mehr als 2500 Besucher in den Friedrichsstadtpalast, die Kalkscheune & den Quatsch-Comedy-Club. Man muss allerdings nicht unbedingt vor Ort sein. Per Livestream kann man via re-publica.de einzelne Events auch aus dem Netz verfolgen oder Interviews mit Keynote-Speakers auf dctp.tv anschauen. Unter den Referenten stellen Blogger immer noch die Mehrheit, doch die re:publica macht medial vor allem durch prominente Keynote-Speaker von sich reden. So sprach etwa US-Prof Jeff Jarvis über das „German Privacy Paradox“ zwischen gemischter Sauna und Facebook-Verteufelung, und die St. Gallener Medienwissenschaftlerin Miriam-„Brief an mein Leben“-Meckel problematisierte die Entmenschlichung des Sozialen durch automatisiertes Datamining, Matching & Profiling.

Netzneutralität, oder: „All bits are created equal“

Vom Leben auf dem virtuellen achten Kontinent sprach Edel-Blogger Peter Glaser im Eröffnungsvortrag – doch das Internet ist natürlich genausowenig ein Gleichmacher wie die freie Marktwirtschaft. „Netzneutralität“ ist deswegen ein wichtiger Schwerpunkt der re:publica. „All bits are created equal“ lautet in Anlehnung an die Bill of Rights von 1776 die Forderung der Net Neutrality-Befürworter. Doch wenn Provider schnelle Datendurchsätze nur noch für Premiumkunden wie Youtube oder Hulu zulassen, und Regierungen auf Druck der Major Labels das Internetkabel von Netz-Piraten kappen, bleibt davon nicht viel übrig. Wie die Vorträge von Marvin Ammori (Free Press & SaveTheInternet.com) und Prof. Tim Wu (Columbia Law School) zeigten, geht es aber nicht nur um freie Fahrt auf der Datenautobahn, sondern letztlich auch um Presse- und Meinungsfreiheit.

„The Revolution will not be twitterized“ – wie emanzipatorisch ist das Internet?

Doch vielleicht sollte man die emanzipatorische Rolle des Internets ja ohnehin nicht überschätzen? Im Falle Irans etwa wurde ja bereits von der Twitter-Revolution gesprochen. Foreign-Policy-Mitherausgeber Evgeny Morozov lenkte dagegen auf der re:publica den Blick auf die problematischen Seiten der Social Media – das Offenlegen von Kontakten & Netzwerken, das autoritären Regimen etwa helfen kann, belastendes Material zu sammeln und Oppositionelle gezielt zu verfolgen. Allerdings sind ja in den Industrienationen noch gar nicht alle Menschen wirklich im Internet angekommen. Wie Netzwerkforscher & Organisationspsychologe Peter Kruse darstellte, bleibt die Bewertung des Internets deswegen eine Glaubensfrage – je nach dem ob man zu den zeitweiligen „Digital Visitors“ oder den geläufigen „Digital Residents“ gehört, bilden sich ganz unterschiedliche Meinungen über die Vor- und Nachteile der Online-Existenz.

„Ja, wo bloggen sie denn?“: Höchste Zeit für feministische Netzkultur

Ob man „drin“ ist oder nicht ist die eine Sache. Doch es spielt auch eine Rolle, wie man wahrgenommen wird. Bisher war das deutsche Internet eine Männerbastion, in der Männer über Männer bloggen und in Chatforen gerne auch mal sexistische Witze gerissen werden. In den offiziellen Blogcharts laufen Seiten wie Genderblog, Mädchenmannschaft oder Mädchenblog nur unter ferner liefen. Zu unrecht, wenn man sich etwa das beachtliche Profil der deutschen Bloggerinnen anschaut, die vor kurzem das Missy-Magazin vorgestellt hat. Barbara Mürdter, Anne Roth, Franziska Bluhm – was denn, nie gehört? Tja, dann dürfte Missy-Magazin-Mitherausgeberin Chris Köver in ihrem re:publica-Beitrag wohl zu recht die Frage nach der „feministischen Netzkultur“ gestellt haben. Von „Netzneutralität“ mag man auch bei einem Blick auf die Zusammensetzung des re:publica-Referentenpools nicht sprechen – unter den fast 250 Speakers waren nur etwa 50 Frauen.

„Mein Tag hat 48 Stunden“: Monetarisierung von Blogs

Doch bei allem gebotenen Realismus: natürlich gibt es sie sehr wohl, die Glamour Boys und Glamour Girls der Blogosphere. Julia Knolle etwa stand auf der re:publica stellvertretend für die mit Fuchspelzen überhäufte Zunft der Modebloggerinnen. Vor zwei Jahren gründete sie zusammen mit Jessica Weiß das Modeblog Lesmads. Seitdem tingelt sie zwischen den Modewochen in New York, London oder Paris und postet persönliche Outfits und tagesaktuelle Berichte aus der Modebranche. LesMads erreicht monatlich beachtliche 500.000 Leser. Ein viriler Gadgatblogger ist dagegen Sascha Pallenberg von Netbooknews. „Mein Tag hat 48 Stunden, ich bräuchte aber 72“, sagt Pallenberg, der mittlerweile von Taiwan aus arbeitet. Auch in diesem Fall hat die Monetarisierung geklappt – Monat für Monat kommt Pallenberg zufolge eine „gute fünfstellige Summe“ herein. Wer seinen Statements gelauscht hat, weiß nun aber auch, dass der Pfad zum Alphablogger nicht nur mit Google Adsense und Affiliatelinks gepflastert ist. Zugleich hat sich Pallenberg auf seinem Gebiet nämlich Expertenstatus erarbeitet – und schätzt, dass vierzig Prozent seiner Einnahmen alleine über Teilnahme an Konferenzen und Consulting hereinkommen. Der Laden läuft so gut, dass Pallenberg expandiert – & auch in Deutschland auf der Suche nach „400-Euro-Bloggern“ ist. Bitte melden!

„Geld für alle“: Crowdfunding als Antwort auf Paid Content?

Verständlicherweise ist auch Pallenberg ein absoluter Gegner von Paid Content – denn Blogger möchten schließlich so viel wie möglich gelesen werden. Trotzdem ging auch auf der re:publica das Gespenst von Paywalls und Bezahlschranken um. Es gab etwa Panels zur Frage: „Zwingt die Werbekrise die Medienindustrie zu Paid-Content?“, und das Reizthema „Leistungsschutzrecht“ bekam das nette Label „Let’s Screw Up the Entire Internet to Save Newspapers“ verpasst. Mit dem Pirate-Bay-Mitgründer Peter Sunde stieg im Friedrichsstadtpalast aber auch der europäische Papst des Crowdfunding auf die Kanzel. „Geld für alle“ versprach er ex cathedra, werde sein „social micropayment system“ namens Flattr allen Mitgliedern des Netzwerkes einmal bringen. Wer eine Seite mag, klickt in Zukunft auf das Flattr-Icon, und gehört automatisch zu den Förderern. Noch ist Flattr in der Private Beta-Phase, ähnliche Modelle wie etwa Kachingle laufen schon. Ob nun gerade Flattr der Königsweg sein wird, weiß Sunde auch nicht. Er sieht das ganze als ein Experiment: „Todays business model is having a lot of business models“.

Ein Kommentar »

  • newstube.de schrieb:

    Blogger-Konferenz re:publica diskutiert die Zukunft des Internets…