Telefon brennt: Fire Phone klingelt in Deutschland – wer geht ran?

Es gibt Einsteiger der Woche, und es gibt Aussteiger. Zu den Einsteigern gehört ganz klar Amazon: mit dem gerade in Deutschland gelaunchten Fire Phone bietet der Online-Händler ein bisher unerreichtes Gadget-Ökosystem im E-Lese-Bereich, das vom E-Ink-Reader über das (Android-)Tablet bis zum (Android-)Smartphone reicht. Schaut man auf die Mitbewerber, könnte der Unterschied kaum größer sein – Barnes & Noble und Kobo sind aus dem Tablet-Geschäft ausgestiegen bzw. pausieren, Sony und TrekStor werden wohl auf absehbare Zeit keine E-Reader mehr vermarkten.

Vor allem marketingtechnisch innovativ

Was nicht in jeder Hinsicht als Offenbarungseid gewertet werden sollte, denn dass Apps wichtiger werden als die Gerätebasis, zeigt nicht zuletzt Amazon selbst – siehe den Erfolg der Kindle App für iOS, Android, Blackberry etc. Richtig ist aber auch: als einziges Unternehmen kann sich Amazon auch in Zukunft beides leisten, selbst entwickelte Apps und selbst entwickelte Geräte, mit denen im jeweiligen Segment Meilensteine gesetzt werden. Selbst wenn diese auch beim Fire Phone nicht hardwaretechnischer, sondern eher vermarktungstechnischer Natur sein mögen. Amazon einzige „harte“ Innovation bleibt letztlich das Ur-Kindle von 2007, das erstmals E-Ink-Reader und mobiles Internet via Handy-Netz miteinander kombinierte.

Strategische Antwort auf den Trend Mobiles Internet

Ob Features wie „Dynamic Perspective“ (3D-Interaktion), Firefly (Objekterkennung via Kamerauge) oder Mayday (Live-Video-Support): Wie schon beim Fire Tablet ist das Fire Phone als perfekte Plattform zum Shopping und Medienkonsum via Amazon gestaltet worden. Es kann damit als strategische Antwort von Jeff Bezos auf einen deutlichen Trend gesehen werden: die mobile Internetnutzung wird immer stärker auf dem Smartphone stattfinden. Möchte man der weltgrößte „Anything-Store“ sein, muss man dorthin gehen, wo die Kunden schon sind. Gleiches gilt für die mobile Lektüre von E-Books und deren Erwerb on the go. Schon jetzt sind Smartphones weit vor Tablets und E-Readern die wichtigste Lese-Plattform. Trotzdem wird ein Tolino-, Pocketbook- oder Kobo-Phone wohl niemals klingeln.

Paperwhite- und Fire-Nutzer als Zielgruppe

Natürlich dürfte der Einstieg in den heiß umkämpften, von Größen wie Apple und Samsung beherrschten Mobile-Markt auch Amazon unglaublich viel Geld und zudem Zeit kosten. Doch im Firmenhauptquartier in Seattle verfügt man ausgiebig über beide Ressourcen. Das Unternehmen macht seit 20 Jahren keinen Gewinn, die mittlerweile exorbitant steigenden Umsätze in allen Märkten, allen Sparten werden gezielt reinvestiert, um immer weiter expandieren zu können. Wie immer wird aber auch diesmal beim Markteintritt ganz einfach die Tatsache helfen, dass Amazon das verkaufsstärkste Portal im gesamten Online-Handel besitzt – und viele Kunden, die ohnehin schon Kindle Reader und Kindle Tablet besitzen durchaus motiviert sein könnten, ihren Gadget-Fuhrpark mit dem Fire Phone abzurunden.

Abb.: Screenshot Amazon.de-Frontpage mit Firephone-Ankündigung

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".