[e-book-review] Das Leben der Anderen, nur ganz anders: Rayk Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

rayk-wieland-schlage-vor-dass-wir-uns-kuessen-e-book-e-bestseller-textunes.gif„Die DDR hat es wirklich gegeben“, behauptet der Klappentext von Rayk Wielands neuem Roman. Doch nicht nur das Setting, auch die Story von „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Gibt es aber auch einen „Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands“? Herr W., der Held der Geschichte, ist sich nicht sicher. W.’s Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit können nun auch iPhone & iPod Touch-Nutzer folgen – denn bei textunes ist die E-Book-Version erschienen. Ralph Gerstenberg hat das Buch für E-Book-News rezensiert.

Mauerfall mit Zigarren & Cuba Libre

Der Mauerfall ist noch lange kein Grund, sein Glas nicht auszutrinken. So wie sich Sven Regeners Herr Lehmann auf der einen Seite der Mauer nicht von der schlichten Nachricht der Grenzöffnung vom Tresen vertreiben lässt, verzichtet auf der anderen Rayk Wielands Protagonist W. in dem autobiografischen Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ nicht auf Zigarre und Longdrink: „An den Nachbartischen brach Enthusiasmus aus, ein Grüppchen nach dem anderen zahlte und verließ den Laden, bis ich mit meiner angerauchten Cigarre und dem frisch eingeschenkten Cuba Libre allein blieb, eindrucksvoll umstanden von zwei Serviererinnen und ihrem mich konsterniert musternden Chef hinter der Bar.“

Das lyrische Frühwerk, überliefert in der Stasi-Akte

Der 1965 geborene Autor und Journalist Rayk Wieland, der für den Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet, musste sich – wie alle ostdeutschen Mitarbeiter des Senders – einer Stasi-Überprüfung unterziehen. Er staunte nicht schlecht, als er einen mehrere hundert Seiten starken Ordner in seinem Briefkasten fand, in dem neben zahlreichen Spitzelberichten der Briefwechsel mit seiner damaligen West-Geliebten sowie sein gesamtes lyrisches Frühwerk dokumentiert waren. In Wielands halbfiktivem Roman ist es der zum Lyrikspezialisten avancierende Oberleutnant Schnatz, der in jeder Zeile des liebestrunkenen W. staatsfeindliche Botschaften wittert.
Bald glaubt er, fündig geworden zu sein und veranstaltet mit dem Verfasser eine Art Lyriktribunal. Es geht um ein Gedicht, das an Eindeutigkeit scheinbar nichts zu wünschen übrig lässt: „Die dummen Schweine, die da thronen / In allerhöchsten Positionen / Und in den abgesperrten Zonen / Wo sie mit warmen Hintern wohnen / Und ihre Ärmelschoner schonen, / Nicht eine Zeile würde für sie lohnen.“ Doch W. weiß sich zu verteidigen. Das Gedicht bedeutete nicht das, was es bedeute. Schließlich – so W. – heiße sein Gedichtzyklus nicht umsonst: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“. Es gehe um die Möglichkeitsform, die schließlich alles Gesagte relativiere.

Witziger Gegenentwurf zum hochmoralischen „Leben der Anderen“

Diese schwejksche Haltung ist typisch für den Protagonisten in Rayk Wielands Roman. Er ist kein Opfer, kein politischer Aktivist, sondern jemand, der jung ist, seiner Westfreundin mit ebenso pointierten wie kühnen Versen imponieren will und dadurch ins Visier der Stasi gerät. Damit gelingt Wieland ein intelligenter und witziger Gegenentwurf zu dem hochmoralischen Stasidrama „Das Leben der anderen“. In Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“, der wie der Film in den achtziger Jahren spielt, ist die Stasi ein paranoider Apparat, der sich seine Feinde selbst erfindet. Der inoffizielle Mitarbeiter, der über W. berichtet, ist kein politischer Idealist, der aus Überzeugung handelt, sondern ein Glücksspieler, Zuhälter und Betreiber von lukrativen Toilettenhäusern in der Innenstadt. Ostalgiefrei und charmant erzählt Rayk Wieland vom Untergang einer Gesellschaft, die nicht nur Oppositionelle und Mitläufer hervorgebracht hat, sondern auch Typen wie W., die im DDR-Alltag hin und wieder kleine poetische Leuchtraketen zündeten und im Nachhinein manchmal sogar als unterdrückte Untergrunddichter verklärt wurden.

Autor: Ralph Gerstenberg

Rayk Wieland Schlage vor dass wir uns kuessen E-Book textunes E-Bestseller.jpgRayk Wieland,
„Ich schlage vor, dass wir uns küssen“,
Print: Antje Kunstmann Verlag, 16,90 Euro
E-Book/iPhone-App: textunes, 9,99 Euro

Veröffentlicht von

Ralph Gerstenberg

Ralph Gerstenberg arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Journalist, u.a. für das Stadtmagazin tip, Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, SWR, MDR, RBB. Unter dem Titel "Grimm und Lachmund" erschien 1998 sein erster Kriminalroman, mittlerweile liegen sechs Titel vor.