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Im kirschroten Silo der Literatur: Wenn Self-Publisher & Verlage erfolgreich zusammenarbeiten

14 Dez 2012 Ansgar Warner 0 Kommentare

Hugh Howey hat alles erreicht, wovon Self-Publishing-Autoren träumen: erst wurde seine Sci-Fi-Romanserie „Wool“ zum E-Book-Bestseller, dann kaufte 20th Century Fox die Filmrechte, nun bringt der renommierte US-Verlag Simon&Schuster die gedruckte Fassung der Originalversion heraus. Die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Silo“ kann man ab 2013 ebenfalls auf Papier lesen, sie wird bei Pipererscheinen, während die E-Book-Serie bereits vom Berlin-Verlag herausgebracht wurde. Die E-Book-Rechte des englischen Originals bleiben dagegen auch weiterhin beim Autor – was sich als äußerst lukrativ erweisen dürfte: „Wenn Simon&Schuster die Printversion mit ihrer Marketingmaschine zwei Millionen mal verkaufen, heißt das vielleicht auch, dass Howey selbst eine halbe Million, vielleicht sogar 700.000 E-Books zusätzlich absetzen kann“, so E-Publishing-Experte Mike Shatzkin. „Die Nachricht wäre dann: große Verlage können etwas, was Autoren selber nicht schaffen, und auch Amazon nicht. Das würde es leichter machen, andere Schriftsteller davon zu überzeugen, nicht alle Rechte zu behalten, weil sich über eine Verlagspublikation ein deutlicher Mehrwert erwirtschaften lässt.“

“Die alten Annahmen über Indie-Bücher sind ungültig”

Die Story von Wool erinnert ein wenig an “Hunger Games”: In Howeys postapokalpytischem Sci-Fi-Thriller leben die restlichen Menschen allerdings nicht oberirdisch, sondern in einem riesigem unterirdischen Bunker, genannt das „Silo“. Als schlimmste Strafe gilt es, in die lebensfeindliche Außenwelt verbannt zu werden. Die erste Folge von Wool kam im Sommer 2011 als Kurzgeschichte im Kindle-Store heraus. Motiviert durch viele positive Reviews veröffentlichte Howey dann in den folgenden Monaten weitere vier Teile. Die als „Omnibus Edition“ ebenfalls via Self-Publishing vermarktete Gesamtausgabe wurde wiederum zum Bestseller. Wie beliebt Wool beim Publikum ist, zeigen fast 700 Rezensionen und eine Bewertung von 4.9 von 5 Sternen. Überzeugt sind aber auch die professionellen Kritiker von Wired.coms GeekDadReview: „Die alten Annahmen über Indie-Bücher sind nicht länger gültig, Leser müssen ihre (Vor-)Urteile den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Omnibus-Ausgabe von ‘The Wool’ ist ein großartiges Buch und verdient Anerkennung als ein vollwertiger Beitrag zum Science-Fiction-Genre.“

“Kirschroter Sommer”: Rowohlt schätzt Indie-Autoren

Die wachsende Bedeutung der Self-Publishing-Literatur hat mittlerweile auch große deutsche Verlage auf den Plan gerufen. Bestes Beispiel ist der jüngste Coup von Rowohlt – die Hamburger schnappten sich die Rechte für „Kirschroter Sommer“ von Carina Bartsch, und bringen ihn Anfang 2013 parallel mit dem Nachfolgeroman „Türkisgrüner Winter“ gedruckt heraus. Die Backstory kommt bekannt vor: Anfänglich erntete das ambitionierte Liebesroman-Debut der jungen Autorin nur Absagen. Dann gründete Bartsch kurzerhand das Indie-Label „Schandtaten Verlag“, brachte ihr Werk selbst heraus, und landete einen Bestseller. Im Kindle-Store erreichte “Kirschroter Sommer” die Top 10. Plötzlich änderte sich die Situation: „Keiner wollte es, das akzeptierte ich, und wie man sah, ging es auch ohne. Nun ja, ich habe wohl unterschätzt, wie viel Aufmerksamkeit Erfolg doch mit sich bringt. Auf einmal kamen die Verlage nämlich auf mich zu“, schreibt Bartsch auf ihrem Blog. Mit Hilfe eines Literaturagenten wurde am Ende der Deal mit Rowohlt daraus. Mit interessanten Details: Die E-Book-Version wird nämlich auch weiterhin im Selbstverlag erscheinen. Für in der Wolle gefärbte Self-Publisher könnte diese Doppelstrategie in Zukunft durchaus zur goldenen Regel werden.

Abb.: Gari Baldi/Flickr

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