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Das Beste aus Print und Online: Berliner Startup „Niiu“ bringt individualisierte Zeitung ins Haus

niiu.gifManche Zeitungen setzen auf den Leser als „Mitmach-Reporter“ – ein Berliner Startup namens Niiu setzt dagegen auf den Leser als Redakteur. Die erste „individualisierte Tageszeitung“ Deutschlands kombiniert die Vorteile von Print und Online: Abonnenten können nicht nur Rubriken aus deutschen und internationalen Blättern auswählen, sondern auch diverse Online-Quellen wie Blogs und Social Networks. Die erste Ausgabe erscheint am 16. November.

Zwischen Print und Online bietet Niiu so etwas wie die Quadratur des Kreises

Die Grenzen zwischen Print und Online verwischen immer mehr – erst kürzlich kündigte etwa die Washington Post an, ab 2010 ihre Print- und Onlineaktivitäten zusammenzulegen. Zeitungs-Konzerne in Deutschland wie etwa die WAZ-Gruppe legen aus Spargründen ihre Redaktionen zusammen. Die große Frage ist, wie sich in Zukunft überhaupt noch genügend Einnahmen erzielen lassen. Werbeinnahmen brechen weg, und immer weniger Leser sind bereit, für das Produkt Zeitung noch zu zahlen. Während die einen Gratiszeitungen drucken und sich auf das Anzeigengeschäft konzentrieren, setzen die anderen auf PaidContent im Internet. Eine echte Lösung ist das nicht. Insofern verspricht Niiu, die individualisierte Tageszeitung aus Berlin, so etwas wie die Quadratur des Kreises – verbindet sie doch die Vorteile von Print und Online, ohne sich deren jeweilige Nachteile einzuhandeln.

FAZ und ND, Bild und BildBlog – alles in einer Zeitung

Da wäre zum einen die Möglichkeit, Lesern einen Service anzubieten, für den sie bereit sind, etwas auszugeben. Die Startup-Unternehmer Wanja Oberhöfer und Hendrik Tiedemann versprechen nämlich: „Wir bieten ein Produkt, das zum einen die persönlich ausgewählten Inhalte der Zeitungen bietet, die Hintergrund und Kommentare liefern, das zum anderen aber auch die Vielfalt des Internet widerspiegelt, die bis heute keinen Platz in der klassischen Tageszeitung findet. Dazu gehören Special-Interest-Inhalte genauso wie neue, meinungsbildende Formate, z. B. Blogs, Social Networks und ähnliches“. Am 16. November wird die individualisierte Tageszeitung erstmals in Berlin ausgeliefert: zum Preis von 1,80 Euro pro Exemplar halten die Leser dann morgens am Frühstückstisch eine Zeitung in der Hand, die genau das enthält, was sie lesen wollen. Vielleicht das Feuilleton der FAZ, den Sportteil der Bild, den Politikteil der New York Times und den Wirtschaftsteil des Neuen Deutschlands. Und dazu vielleicht den BildBLOG, Spreeblick und Ehrensenf.

Individuell ist auch die Werbung – Calvin Klein Woman für den hippen Prenzlauer Berg, Chanel No 5 für Zehlendorf

Jede Zeitung ist ein Unikat – in doppeltem Sinne: denn ähnlich individuell wie das Potpourri der Artikel ist auch die geschaltete Werbung. Sie orientiert sich nämlich am Interessen-Profil des jeweiligen Lesers. Ohne „Targeting“ kein Niiu, bestätigt Mitgründer Hendrik Tiedemann: „Im Internet funktioniert targeting bereits gut, im Print habe ich einen Bruch bemerkt: Es ist schlicht und ergreifend bis heute schwer möglich, in Printpublikationen zielgruppenspezifisch zu werben“. Die Kombination von Print und Online löst das Problem: „Was bei wem beworben wird, lässt sich nach vielen Kriterien filtern: im Hinblick auf die Zielgruppe der Studenten etwa, nach Kiezen, nach persönlichen Vorlieben, Inhalten etc…“. Ganz so individuell hören sich die Beispiele, die Tiedemann einfallen, dann aber nicht: „So hatte etwa eine Elektronik-Kette die Idee, in der niiu von Frauen für DVDs mit beliebten Serien zu werben, in den Ausgaben der Männer dagegen für neue Computerspiele oder Actionfilme.“ Etwas nuancierter klingt dagegen der an Niiu gerichtete Vorschlag einer Parfümerie-Kette, gutbetuchte Frauen im Neureichen-Kiez Prenzlauer Berg mit Calvin Klein Woman zu umwerben, die alteingesessene Haute Volée im Grunewald dagegen mit Chanel No 5.

Statt Abonnment bietet niiu ein Prepaid-Modell und Zahlen per Paypal

Das Geschäftsmodell ist nicht nur inhaltlich auf internetaffine jüngere Leser zugeschnitten, die bisher keine Zeitung im Abo haben. Ein Abo haben sie auch als Niiu-Leser nicht, denn die individualisierte Tageszeitung baut auf eine Art Prepaid-Lösung auf – die Nutzer haben ein Punktekonto, dass sie je nach Bedarf neu aufladen können. Auch die Zahlungsmodalitäten kommen der Generation Online entgegen: das Geld kann bequem via PayPal überwiesen werden. Ob die Printausgabe mehr als eine mittelfristige Lösung sein wird, bleibt aber abzuwarten – ähnliche Projekte wie etwa die von der Schweizer Post vorangetriebene PersonalNews setzen bisher vor allem auf PDF-Versand per Mail. Sobald ab etwa 2010 großformatige E-Reader wie etwa von PlasticLogic auf den Markt kommen, dürften die Karten auf dem Zeitungsmarkt noch einmal neu gemischt werden.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".