Darf man gedruckte Bücher einfach wegwerfen — so wie man E-Books per Fingertipp löscht?

magic-cleaning„Darf man Bücher wegwerfen?“, fragte Rainer Hank in der FAZ kurz nach Neujahr, und gab die Antwort: ja, man darf, wenn auch ein schlechtes Gewissen bleibt. Das Thema scheint den Nerv der Zeit zu treffen — auch Marie Kondo, ihres Zeichens japanischer Aufräum-Guru und Star der Netflix-Show „Tidying UP“, macht vor Bücherregalen oder Bücherstapeln keinen Halt. Stattdessen fragt sie: Geben sie dir funkelnde Freude, helfen sie dir, im Leben voranzukommmen? Lautet die Antwort „Nein“, kann die Schwarte weg.

Klopf, klopf: Jemand zu Hause?

Eingerahmt wird das Ganze freilich von einer shintoistisch inspirierten Bewährungsprobe: man klopft auf die Bücher, um sie aufzuwecken, und wenn es keine Antwort gibt, bzw. der Klappentext nicht sofort Funken schlägt, bedankt man sich bei dem Titel und schmeißt ihn weg.

Was bei überflüssiger Tupperware oder T-Shirts vielen sofort einleuchten dürfte, stößt bei Büchern aber durchaus auf Protest: „Diese Frau ist in punkto Bücher auf dem Holzweg. Jeder Mensch braucht einen große Bibliothek, nicht nur leere, langweilige Regale“, twitterte etwa die kanadische Schrifststellerin Anakana Schofield letzte Woche, und erhielt zehntausende Retweets und Likes.

Der Guru ist auf dem Holzweg

In einem Beitrag für den Guardian hat sie jetzt ihre Argumente noch mal präzisiert: Literatur sei eben nicht nur dazu zu da, glücklich zu machen oder zu gefallen, sie sollte uns auch herausfordern und darf auch mal verstörend sein. Ein Plädoyer für ungelesene Bücher im Regal folgte auf dem Fuße: die würden nämlich eine mögliche Lese-Zukunft darstellen, man dürfe sie nicht von vorneherein als gescheitertes Projekt ansehen.

Sag beim Löschen leise Servus

Interessanterweise stellt sich das Problem bei E-Books ganz anders — schon alleine deshalb, weil sie keinen physischen Platz wegnehmen, und es ja neben dem Reader oder Smartphone als Lesegerät auch immer noch die Cloud-Bibliothek gibt, wo die ungelesenen Schätze in Ruhe schlummern können. Zugleich sind ungelesene E-Books natürlich deutlich unsichtbarer als ungelesene Print-Bücher, die einem zufällig ins Auge oder die Hand fallen.

Und ob sich im shintoistischen Sinne eine Beziehung zu einem E-Book aufbauen ließe? Wo soll man klopfen, um ein E-Book aufzuwecken? Sagt man beim Löschen leise „Servus“ und „Danke“? Wahrscheinlich nicht. Für den Abschied vom gedruckten Buch gibt es ja zudem Alternativen jenseits des Altpapiercontainers: man kann esverschenken, auf der Parkbank aussetzen, oder — das erwähnt die FAZ dann noch — über eine Plattform wie Momox den Marktwert abchecken und weiterverkaufen. Zugegeben eine unromantische, aber immerhin bücherschonende Variante.

PS: Welche Variante wäre wohl für Marie Kondos Bestseller „Magic Cleaning“ (auf deutsch bei Rowohlt erschienen) besonders angemessen?

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".