Da kichert das chinesische Zimmer: AI erreicht menschliches Leseverständnis, melden Alibaba und Microsoft

da-kichert-das-chinesische-zimmer„In welchem Jahr wurde Nikola Tesla geboren?“ — „Aus welchem Land stammte Tesla?“ — „Mit welchem anderen Erfinder arbeitete Tesla zusammen?“ — Fragen, die ein menschlicher Leser nach der Lektüre des Wikipedia-Artikels zu Nikola Tesla leicht beantworten kann. Selbst für die cleversten Algorithmen dagegen war die Antwort bisher gar nicht so einfach — wie regelmäßig Tests auf Grundlage des „Stanford Question Answering Datasets“ (SQAD) zeigten, dessen Fragen und Antworten aus Wikipedia-Einträgen generiert wurden.

Kopf-an-Kopf-Rennen beim SQAD-Score

Auf diesen Lorbeeren kann sich die Gattung Homo Sapiens sapiens nur aber nicht mehr ausruhen: Beim letzten Test in punkto „Leseverständnis“ — gemessen als „SQAD-Score“ — lag der Mensch nicht mehr klar vor der Maschine. Bei exakten Antworten auf die Fragen erreichten AI-Systeme von Alibaba wie auch Microsoft in diesem Monat Werte von 82.44 und 82,26, wie beide Firmen eiligst der Weltöffentlichkeit verkündeten — die menschlichen Probanden kamen auf einen SQAD-Score von 82,304.

„Ein Meilenstein ist erreicht“

Die Algorithmen des chinesischen Großkonzerns hatten also die menschlichen Testpersonen erstmals ganz knapp überholt. „Es ist uns eine große Ehre, bei diesem Meilenstein dabei sein zu können“, kommentierte das Luo Si, Chief Scientist beim Natural Language Processing-Programm von Alibaba. „Objektive Fragen wie ‚Wie entsteht Regen‘ können nun von Maschinen mit hoher Genauigkeit beantwortet werden“. Die zugrundeliegende Technologie könne nach und nach für zahlreiche Anwendungen genutze werden, etwa Kundenservice, Museumsführungen oder medizinische Beratung — und würde die Notwendigkeit sprachlicher Interaktion mit Menschen stark verringern.

Leseverständnis ohne Bewusstsein?

Viele menschliche Leser haben sich bei dieser Nachricht allerdings daran gestört, das von „Leseverständnis“ („Reading Comprehension“) gesprochen wurde. „Da höre ich ein ganzes chinesisches Zimmer kichern“, kalauerte etwa Christoph Kappes via Twitter angesichts der Schlagzeile „Computers are getting better at reading than humans“ — und tatsächlich kann ja von echtem Verständnis im Sinne von Bewusstsein keine Rede sein. Der Algorithmus hantiert sehr geschickt mit Worthülsen, ohne irgendetwas zu verstehen. Und somit dürfte auch weiterhin so manches „Gespräch“ im Kundenservice in der Sackgasse eines chinesischen Serverraums enden.

Abb.: The Chinese Room (2009), cc-by-sa-3.0

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

Ein Gedanke zu „Da kichert das chinesische Zimmer: AI erreicht menschliches Leseverständnis, melden Alibaba und Microsoft“

  1. „und würde die Notwendigkeit sprachlicher Interaktion mit Menschen stark verringern.“

    klaro. wir müssen ja auch nicht kommunizieren. Je weniger wir kommunizieren desto manipulierbarer sind wir, desto infantiler bleiben wir.

    Haben Sie sich mal den *********** der Kindle-Selfpublisher angeschaut, die Sie hier in der Seitenleiste bewerben? Das ist dann die richtige Lektüre für die verstummten Individuen….

    „Ein Jugendroman für Erwachsene“ – „Lebe dein Leben, es gehört dir“ – „mit Liebe handgemacht“ —

    Leute, wo habt Ihr den Verstand gelassen, wo ist die Aufklärung geblieben?????

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