Crowdfunding per Lastschrift: Perlentaucher bittet Leserschaft um Spenden

perlentaucher-crowfunding-spendenaktionDie Perlen des deutschen Feuilletons konnte man bisher kostenlos lesen: Perlentaucher.de finanziert sich über Werbung. Vielleicht aber bald auch mit Spenden. Sinkende Anzeigenerlöse ließen das größte Kultur- und Büchermagazin im deutschsprachigen Internet einen Aufruf an die Leser richten: „Wir brauchen Ihre Unterstützung“, heißt es auf der Titelseite. Erbeten werden milde Gaben via Paypal, Direktüberweisung oder Lastschrift. Auf Crowdfunding via Flattr oder Kachingle wird aber verzichtet. Traut man das der mehrheitlich zur Generation Ü-40 gehörenden Leserschaft etwa nicht zu!?

Perlentaucher als Navigator durch den Blätterwald

Elf aufregende Jahre hat der im März 2000 gegründete Perlentaucher bald hinter sich. Die Kulturjournalisten Anja Seeliger und Thierry Chervel haben es zusammen mit ihrem Team in dieser Zeit geschafft, die Website zum führenden Kultur- und Literaturmagazin im deutschsprachigen Internet zu machen. Feuilleton- und Bücherrundschau sind der perfekte Navigator durch die Kulturseiten des deutschen Blätterwaldes. Für viele Netzbürger gehört der morgendliche Besuch beim Perlentaucher mittlerweile genauso zur Routine wie der Blick auf taz.de oder Spiegel Online. Der Erfolg des Konzeptes zeigt sich an beeindruckenden Mediadaten – mehr als 180.000 monatliche Leser und mehr als 20.000 Abonnenten der verschiedenen Newsletter (etwa des „Bücherbriefs“) sind nicht schlecht für eine Plattform, die mit weitaus weniger Personal auskommen muss als etwa die Redaktionen der perlentaucherisch ausgewerteten Gazetten.

Klassische Bannerwerbung lohnt sich immer weniger

Zur Finanzierung setzt der Perlentaucher bisher vor allem auf Werbekunden in Form von Buchverlagen und Kulturveranstaltern, etwa in Form von bezahlten Links auf Leseproben aktueller Romane und Sachbücher. Daneben gibt es aber auch klassische Bannerwerbung – was sich allerdings immer weniger lohnt: „Die Preise für diese Banner sind in den letzten Jahren auf ein Zehntel gesunken“, klagt die Redaktion in ihrem Spendenaufruf. Und nimmt die Leser in die Pflicht: „Seit Jahren versichern uns Leser, sie seien durchaus bereit, unsere Leistungen zu honorieren. Jetzt brauchen wir Ihre Unterstützung.“ Man werde zwar auch weiter auf Werbung setzen, bittet aber die Community nun darum, „einmalig, monatlich oder jährlich einen festen Betrag überweisen“.

Wer spendet, darf auch kommentieren

Angeboten werden drei Möglichkeiten: PayPal, Direktüberweisung auf eine angebebene Kontonummer, oder das Lastschriftverfahren. Letzteres wird durch ein Online-Formular erleichtert, in dem sich einmalige oder regelmäßige Zahlungen festlegen lassen. Dazu kann man noch einen Kommentar eingeben, der auf Wunsch direkt veröffentlicht wird. In einer Art Kommentar-Feed kann man sehen, dass bereits viele Perlentaucher-Leser davon Gebrauch gemacht haben. So schreibt beispielsweise Libroid-Erfinder Jürgen Neffe: „Der Perlentaucher steht Pate für die Zeitung von morgen.“ Und Matthias Spielkamp von irights.info meint: „Ich drücke die Daumen – das Netz wäre ärmer ohne den Perlentaucher!“ Während also auf Krautfunding der alten Schule gesetzt wird, fehlt dagegen eine viel naheliegendere Möglichkeit: die Nutzung populärer Crowdfunding-Netzwerke wie Flattr oder Kachingle.

Weder Flattr noch Kachingle? „Ah, kommt doch zur Vernunft!“

Das überrascht, denn gerade Flattr gehört bei vielen Online-Publikationen mittlerweile zum Standard-Repertoire der webbasierten Spendentechniken, etwa bei taz.de oder dem Freitag. Nicht ohne Grund – einmal angemeldet, kann man per Mausklick zielgenau Feedback geben. Seit neuestem hat Flattr sogar ein Abo-Feature, über das sich regelmäßige Micropayments an bestimmte Seiten zahlen lassen. Bei Kachingle ist es noch einfacher – alle Besuche der unterstützten Seiten werden automatisch gezählt und proportional am monatlichen Mitgliedsbeitrag beteiligt. Doch warum verzichtet der Perlentaucher auf modernes Crowdfunding, obwohl die Redaktion sich in ihrem Spendenaufruf noch einmal deutlich gegen Paid Content und für ein freies Internet ausspricht? Vielleicht war es ja ein Blick auf die eigenen Mediadaten: über die Hälfte der Perlentaucher-Leserschaft ist älter als vierzig Jahre, nur ein Viertel ist jünger als dreißig. Doch gibt es da tatsächlich Bedenken, kulturkonservativen Silversurfern etwas anderes zuzumuten als Überweisungsformulare? Da könnte man ja eigentlich nur mit dem Finale des 2. Aktes der Bizet-Oper „Die Perlenfischer“ antworten: „Ah ! revenez à la raison!“ — „Kehrt zurück zur Vernunft!“

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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