[Crosspost] „Der Umsatz des Verlags beträgt schon ein Mehrfaches meiner Rente“ – Interview mit Gisela Pekrul (ddrautoren.de), Teil 2

Die meisten Menschen ruhen sich nach ihrer Pensionierung aus, Gisela Pekrul hat einen Digitalverlag gegründet. Ihre Nische: Vergessene DDR-Literatur. Inzwischen verlegt die 70jährige unter anderem Wolfgang Schreyer und Erik Neutsch, deren Werke als Papierbücher Millionenauflagen erreichten. Im ersten Teil des Interviews erzählte Pekrul, warum die meisten DDR-Autoren einen „Wendeknick“ erlebt haben, wie die Übertragung der E-Book-Rechte funktioniert und warum der Standardpreis in ihrem Verlag bei 8,99 Euro liegt. Diesmal spricht sie über gesellschaftskritische DDR-Bücher und gibt Ratschläge für künftige E-Book-Verleger.

Sie verkaufen Ihre E-Books nicht nur über die großen Online-Shops, sondern auch direkt über die Verlagsseite ddrautoren.de. Wie ist der Kuchen verteilt?

Die mit Abstand meisten Verkäufe tätigt Amazon. An zweiter Stelle steht die Tolino-Allinaz. Im Vergleich dazu hat meine Verlagsseite noch großen Nachholbedarf, aber die Akzeptanz entwickelt sich positiv, und es wird sicher noch weitere technische Verbesserungen geben.

Wie sind die Autorentantiemen in Ihrem Verlag geregelt?

Anfangs habe ich mich an dem zwischen dem Verband deutscher Schriftsteller und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebenen Rahmenvertrag für E-Books orientiert und den Autoren einen prozentualen Anteil am Nettoverlagserlös ausgezahlt. Inzwischen bekommen meine Autoren grundsätzlich einen festen Anteil am deutschen Nettoverkaufspreis des E-Books – unabhängig davon, über welche Plattform und in welchem Land das Buch verkauft wird. Das ist eine für beide Seiten überschaubare und nachprüfbare Regelung. Ich habe mir ein wunderbares Programm schreiben lassen, mit dem die halbjährliche Honorarabrechnung für rund 100 Autoren ein Kinderspiel ist.

Neben Wolfgang Schreyer, dessen DDR-Werk stark gesellschaftskritische Züge trug, verlegen Sie zum Beispiel auch den 1983 beim DDR-Verlag Volk und Welt erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Der Winter ist ein anderes Land“ des Rumänen Gabriel Gafita, der in seiner Heimat wiederholt Probleme mit der Zensur hatte.

Es ist für mich immer wieder ein Vergnügen, ein DDR-Buch zu verlegen und aus der heutigen Sicht zu lesen. Auch bei Autoren, die in der DDR stark gelobt wurden und auch heute noch als staatsnah eingeschätzt werden, findet man oft sehr kritische Aspekte, zum Beispiel bei Erik Neutsch. Manches gesellschaftskritische Werk aus meinem Verlagsprogramm wurde schon in der DDR breit diskutiert, etwa „Hexensommer“ von Elke Nagel. Andererseits erzählen mir Autoren, welche Probleme sie mit bestimmten Werken oder Passagen hatten, die ich heute als banal einschätzen würde und die der DDR garantiert nicht geschadet haben.

Kommen Autoren, die bereits in der DDR Bücher veröffentlicht haben, inzwischen auch von sich aus auf Sie zu?

Ja, die letzte Anfrage kam vor einer Woche. Spätestens nachdem ich zur Leipziger Buchmesse 2012 bereits E-Books von 38 DDR-Autoren anbieten konnte, hatte es sich in der Szene herumgesprochen, dass es einen neuen Verlag gab, der DDR-Literatur digital wiederveröffentlicht. Die meisten DDR-Autoren kennen sich untereinander, und manch einer wartete wohl erst auf das Urteil eines Kollegen, ob man mir und der Edition Digital vertrauen könne.

Inzwischen haben Sie rund 100 Autoren unter Vertrag und bringen 200 Titel pro Jahr heraus.

Von den 800 Büchern, die ich unter Vertrag habe, sind bisher 420 umgesetzt. Insofern bin ich bis zum Ende nächsten Jahres voll ausgelastet. Ich habe mir für dieses Jahr eine Jubiläumsliste erstellt, um zu runden Geburtstagen oder besonderen Todestagen eines Autors das Gesamtwerk oder alle vertraglich gebundenen Bücher herauszubringen. Da ich von all „meinen“ DDR-Autoren schon mindestens ein E-Book umgesetzt habe, bevorzuge ich diejenigen, die auf der Verlagsbestsellerliste ganz oben stehen. Dazwischen schiebe ich auch gern mal das Erstlingswerk eines neuen Autors.

Welches sind Ihre Bestseller?

Ganz vorne liegt die Science Fiction-Reihe „Die Zeitreisende“ des Sternberger Autors Hardy Manthey, aus der im April der 14. Teil erschienen ist. Als Nächstes folgen „Die Gespielinnen des Königs“ von Klaus Möckel und „Das grüne Ungeheuer“ von Wolfgang Schreyer.

Hardy Manthey hat erst nach der Wende mit dem Schreiben begonnen. Wollen Sie sich in Zukunft verstärkt Originalausgaben ostdeutscher Autoren widmen?

Die Backlist bleibt der Schwerpunkt, aber ich bin grundsätzlich offen für neue Autoren. Neben Manthey habe ich noch einige andere Originalausgaben veröffentlicht, auch von Autoren aus den alten Bundesländern. Wenn der Inhalt nicht allzu seicht und nicht der rechten Szene zuzuordnen ist oder Kriege und Gewalt verherrlicht, weise ich keinen Autor zurück. Auch die DDR sollte nicht verunglimpft werden, das bin ich meinen DDR-Autoren schuldig. Wenn ich mir von einem Titel keine großen Verkaufszahlen verspreche, verlange ich allerdings einen moderaten Vorschuss für die Covererstellung.

Könnten Sie von dem Verlag leben, wenn Sie es müssten? Oder handelt es sich eher um eine Mischung aus „Geschäft“ und „Herzensprojekt“?

Das Letztere trifft im Moment zu, das Erstere will ich im nächsten Jahr erreichen. Dieses Jahr investiere ich noch stark in die Softwareerstellung – alles was sich automatisieren lässt, soll automatisiert werden, damit nur noch das Vergnügen des Korrekturlesens für mich bleibt. Außerdem lasse ich den Vorlauf bezüglich Covererstellung und Scanservice erstellen, damit ich ab nächstem Jahr die Früchte meiner Arbeit genießen kann. Mein Optimismus beruht auf realen Erfahrungen. Das Unternehmen, das ich eingangs erwähnte, habe ich völlig blauäugig aus dem Nichts heraus und durch Arbeitslosigkeit gezwungen gegründet – und zum Zeitpunkt des Verkaufes ernährte es zwanzig Personen. Da ich inzwischen siebzig und nicht nur älter sondern auch etwas erfahrener bin, werde ich die monatlichen Belastungen nach der Investitionsphase so klein wie möglich halten, so dass dann der größte Teil des Umsatzes, der jetzt schon ein Mehrfaches meiner Rente beträgt, zum Leben verwendet werden kann.

Derzeit grassiert in der E-Book-Szene ein kleines Gründerfieber, immer mehr reine Digitalverlage gehen an den Start. Welche Ratschläge haben Sie für künftige E-Book-Verleger?

Das Wertvollste jeden Verlages sind die Autoren. Dazu gehört unbedingte Ehrlichkeit bezüglich der Verkaufschancen, ein sachkundiges Lektorat und eine korrekte und pünktliche Honorarabrechnung. Bevor man ein E-Book herausgibt, sollte man sich mit solch banalen Fragen wie dem Urheberrecht und dem Titelschutz beschäftigen, denn ich musste schon einigen Verlegern auf die Finger klopfen. In meiner fast 20-jährigen Unternehmensgeschichte waren Buchmessen wegen des direkten Kontakts mit den Lesern für mich sehr wichtig.

Interview: Sebastian Brück

Der erste Teil des Interviews erschien bereits am Montag.

TIPP für Verlagsmenschen: Gisela Pekrul veröffentlicht in der Edition Digital die Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-how“. Die erste Folge behandelt Verträge für E-Books und die Abrechnung der Autorenhonorare. In diesem Monat erscheint die zweite Folge mit technischen Ratschlägen zum Thema „E-Book-Erstellung“.

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.de mit frdl. Genehmigung des Autors

Autor & Copyright: Sebastian Brück
Abb.: Gisela Pekrul, ddrautoren.de (c)

Veröffentlicht von

Sebastian Brück

Sebastian Brück arbeitet als freier Journalist für Print- und Online-Medien. Er hat für Publikumsverlage mehrere Bücher als Ghostwriter bzw. Co-Autor geschrieben und ist Mit-Herausgeber des E-Book-Labels krimischaetze.de, das sich vergessenen Bestsellern der 1920er Jahre widmet. Außerdem betreibt er das literarische Blog "Düssel-Flaneur", bei dem zwei fiktive Protogonisten dem Düssel-Verlauf von der Mündung in den Rhein bis zur Quelle im Bergischen Land folgen.