Home » E-Bibliothek

Cory Doctorow: „Verlage sollten lernen, die Onleihe zu lieben“

5 Sep 2013 0 Kommentare

Gute Frage für Dr. Seltsam: Warum ist das Thema Onleihe bloß solch ein vermintes Gelände? Während Millionen Print-Bücher Tag für Tag geräuschlos über die Ausleih-Theke gereicht werden, scheint bei jedem E-Book-Download vom Bibliotheksserver mindestens ein Verleger oder Buchhändler zu sterben. Unlängst gab es einen regelrechten Aufschrei, weil Stadtbibliotheken in Hamburg und Dresden die Onleihe auf das Bundesgebiet ausgedehnen wollten. „Flatrate für alle“, lautete der schreckliche Verdacht. Dabei handelte es sich um ganz normale (& bezahlte) E-Book-Lizenzen, die zudem pro Buch bei einer Leihfrist von 2 Wochen maximal 26 Ausleihen pro Jahr ermöglichen.

Selbst in den USA, der E-Reading-Nation par excellence, versuchen die „Big Five“ der großen Verlage immer noch, die Onleihe auszubremsen – mittlerweile nicht mehr unbedingt durch das Zurückhalten von Titeln, sondern durch abschreckendes Pricing. Digital-Rights-Aktivist Cory Doctorow schreibt in einem Beitrag für locusmag: „Bibliothekare zahlen 60 bis 80 Dollar, um einen aktuellen Frontlist-Titel in ihre Bestände aufzunehmen. Jedes Buch kann nur einmal pro Zeit ausgeliehen werden, was bedeutet, dass die Bibliotheken manchmal ein Dutzend oder mehr dieser überteuerten Texte kaufen.“

Mal ganz abgesehen von der teuren Management-Software von Overdrive & Co., mit denen die Lizenzen verwaltet werden müssen, begrenzen manche Verlage dann auch noch die maximale Zahl der Ausleihen (z.B. 26 bei HarperCollins). Wenn überhaupt, dann ist die Onleihe ein schlechtes Geschäft für die Bibliotheken, findet Doctorow: „Man kann sie [die E-Books] nicht als gebrauchte Exemplare weiterverkaufen, wenn sie nicht mehr oft genug benutzt werden, genausowenig können E-Books innerhalb von Fernleihe-Verbünden mit den Nutzern anderer Bibliotheken geteilt werden.“

Das Biblio-Bashing, so argumentiert Doctorow, beruhe auf einem Missverständnis: die Publisher halten Bibliotheken offenbar für einen Wettbewerber auf dem umkämpften Markt für elektronische Bücher. Damit lägen sie jedoch voll daneben: „Bibliotheken wollen keine E-Reader verkaufen. Sie wollen keine Kunden in ihre Cloud ziehen. Sie wollen einfach nur, dass Leser lesen, Autoren schreiben, und Verlage verlegen.“ Deswegen hätten sie einen bessere Behandlung verdient: Eigentlich sollte man ihnen nicht zusätzliche Prämien abverlangen, sondern Rabatte gewähren, fordert Doctorow.

Und schlägt zugleich einen strategischen Deal vor: im Gegenzug für niedrigere Lizenzgebühren könnten Bibliotheken den Verlagen Einblick in ihre tagesaktuellen, anonymisierten Ausleihstatistiken geben. Also in genau jene Daten, die Online-Händler wie Amazon den Verlagen bisher vorenthalten und stattdessen lieber selbst nutzen, um konkurrierende Angebote besser auf die Nachfrage der Kunden abstimmen zu können. Ein Modell, dass sicher auch auf Deutschland übertragbar wäre – und die irrationalen Ängste vor der „Flatrate für alle“ dämpfen könnte.

(via BoingBoing & locusmag)

Abb.: flickr/x-ray delta one (cc)

Comments are closed.