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Copyright killt Backlist: Neue Studie zum “Verschwinden” von Büchern

8 Jul 2013 Ansgar Warner 4 Kommentare

Muss man geistiges Eigentum mit intensivem Copyright schützen, damit über Jahrzehnte hinaus eine kontinuierliche Verwertung gesichert ist? Nein, behauptet Jura-Prof Paul Heald (University of Illinois) schon seit vielen Jahren, ganz im Gegenteil: die Ausweitung der Schutzfristen habe geradezu zum Verschwinden eines Großteils der Backlist geführt. Eine wichtiger Zweck des Copyrights werde damit ad absurdum geführt – nämlich die Verfügbarmachung von Literatur. Zahlen gefällig? Bitteschön: für sein aktuelles Paper “How Copyright Makes Books and Music Disappear” hat Heald die Probe auf’s Exempel gemacht, und sich ein zufällige Sample von 2.300 neu bei Amazon.com veröffentlichten Büchern angeschaut – mit erstaunlichem Ergebnis. (OpenAccess-Version der Studie via “Social Science Research Network” erhältlich).

“Kurz gefasst, Copyright lässt Bücher verschwinden”

Das Ergebnis könnte nämlich eindeutiger nicht sein: “Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem Copyright und dem Verschwinden von Werken, aber nicht mit ihrer Verfügbarkeit”, so Heald. “Kurz nach dem Werke entstehen und mit Copyright versehen werden, neigen sie zum Verschwinden aus der Öffentlichkeit, und kehren erst dann wieder ins Blickfeld zurück, wenn sie in die Public Domain fallen und keinen Eigentümer mehr haben.” So seien bei Amazon.com dreimal mehr Titel aus den 1850er Jahren lieferbar als aus den 1950er Jahren, obwohl im 19. Jahrhundert weitaus weniger Bücher produziert wurden. “Kurz gefasst, Copyright scheint Bücher verschwinden zu lassen” Die gute Nachricht: Es gäbe durchaus einen Markt für all diese “missing books”. Die schlechte: Durch das Copyright werden die Marktkräfte jedoch ausgeschaltet.

Zufällig erzeugte ISBN-Nummern als Basis

Die gängige Praxis geht offenbar von ganz anderen Prämissen aus: “Mächtige Copyright-Lobbyisten umrunden den Globus und empfehlen immer längere Schutzfristen, mit dem Argument der mangelnden Verwertungsmöglichkeiten für den Fall, das ein Werk in den Bereich der Public Domain fällt”, so Heald. Schon bisherige Studien (u.a. von Heald selbst) hatten eher gegenteilige Ergebnisse geliefert, indem etwa die Lieferbarkeit von ausgewählten Bestsellern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht wurde. Um das Argument erneut zu testen, wurden dieses Mal zufällig ISBN-Nummer erzeugt und in die Suchmaske von Amazon.com eingegeben. Handelte es sich dabei um die Kategorie “Literature and Fiction”, wurden die Titel in das Sample aufgenommen. Im zweiten Schritt versuchten die Forscher, das Erstveröffentlichungsdatum herauszufinden. Das gelang bei 2.317 von insgesamt 7.000 Titeln. Nur diese Bücher wurden für die statistische Analyse verwendet.

“Interesse der Verlage hält nur wenige Jahren”

Schon die erste grobe Auswertung bietet eine kleine Überaschung: 72 Prozent (1665 Titel) fallen in den Public Domain-Bereich, nur 28 Prozent (652) stehen unter Copyright. Der eigentliche Hingucker ist jedoch die Verteilung der Werke über die einzelnen Jahrzehnte. Gäbe es überhaupt kein Coypright, so Heald, müssten man eine langsam abflachende Kurve erwarten, denn man dürfe ja annehmen, dass die Werke mit zunehmenden Alter an Popularität verlieren und dementsprechend das Interesse an einer Verwertung abnimmt. “Stattdessen fällt die Kurve stark und schnell ab, und steigt dann ebenso spektakulär wieder an für Bücher, die vor 1923 veröffentlicht wurden.” Aus den 1980er Jahren etwa sind aus dem Sample nur 29 Titel lieferbar, gegenüber 254 aus den Jahren 2000 bis 2010. Healds Diagnose: “Verleger haben offenbar kein Interesse daran, ihre Bücher länger als ein paar Jahre nach der Veröffentlichung auf Amazon zu verkaufen.”

“Oldies but Goldies? Gilt nur für die goldenen 1850er”

Noch krasser ist das Mißverhältnis, wenn man die Zahlen mit dem geschätzten Publikationsvolumen der jeweiligen Jahrzehnte abgleicht. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert deutlich weniger Bücher gedruckt als im 20. Jahrhundert – Heald nimmt beispielsweise an, das in den 1850er Jahren sechsmal weniger Titel auf den Markt kamen als zwischen 1950 und 1960. Berücksichtigt man diesen Proporz-Unterschied, werden derzeit auf Amazon.com sogar 18 mal mehr Titel aus den 1850er Jahren verkauft. Also von wegen “Oldies but Goldies” – das gilt für die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht. Übrigens auch nicht im Musikbusiness, das Heald für seine Studie ebenfalls untersucht hat. Auf dem DVD-Markt gibt es eine vergleichbare Verwertungslücke bei älteren Titeln. Anders als bei Büchern, so Heald, existiere jedoch in den USA bereits funktionierendes Modell, die lähmende Wirkung des Copyrights bei Songs zu durchbrechen: Youtube. Bevor die Plattform Videos wegen Urheberrechtsverstößen ausliste, würden die Rechteinhaber nämlich gefragt: “Möchten Sie nicht lieber eine Anzeige schalten und mit dem Titel Geld verdienen?”.

(via Teleread)

Abb. oben: flickr/pfv (cc)

Abb. unten: Statistik aus Heald, How Copyright Makes Books and Music Disappear (2013)

4 Kommentare »

  • Kallias schrieb:

    Ja, schade, dass so viele Bücher nicht mehr verfügbar sind! Als es noch Büchereien und Antiquariate gab, existierte das Problem noch nicht.

  • Dennis Schmolk schrieb:

    Dafür gibt es doch jetzt Versandantiquariate (und natürlich Amazon Marketplace).

  • Martina Sevecke-Pohlen schrieb:

    Die Studie scheint zu bestätigen, was zahlreiche Autoren bei ihren Büchern beobachtet haben: Die Bücher verschwinden aus den Läden und gelten als nicht länger erhältlich. So mancher Self-Publisher hat mit Hilfe von Anwälten die eigene Backlist befreien müssen. Initiativen wie unglue.it sind demnach von großer Bedeutung.

  • Irene schrieb:

    In Deutschland kann man immerhin die Rechte zurückfordern, wenn das Buch vergriffen ist und der Verlag es nicht neu auflegen möchte. Ist das in den USA gar nicht möglich?