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Copy&Paste bei Gutenbergs Erben: Wie das Börsenblatt einmal bei E-Book-News abschrieb

19 Mai 2012 Ansgar Warner 4 Kommentare

Es war nur eine kurze Meldung zu Amazons europäischer Print-On-Demand-Offensive, die man seit Freitag mittag auf Boersenblatt.net lesen konnte (siehe Screenshot) – trotzdem sorgte sie bei E-Book-News für einiges Erstaunen. Denn ein übersetztes Zitat aus Amazons ursprünglich auf englisch verfasster Pressemitteilung kam uns merkwürdig bekannt vor: es stammte aus einem ausführlichen E-Book-News-Artikel zum selben Thema, der einige Stunden vorher online gegangen war. Auch der auf das Zitat folgende Satz stammte von E-Book-News, allerdings war die Erwähnung von „bösen Verwertern“ getilgt worden. Offenbar hatte die Redaktion von boersenblatt.net einen kompletten Absatz per Copy&Paste übernommen, daraus eine Meldung kompiliert und sich so auch die Übersetzung der Pressemitteilung gespart.

Grundsätzlich nichts schlimmes, denn E-Book-News stellt die meisten Artikel – anders als das Zentralorgan des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – unter eine Creative-Commons-Lizenz (cc-by-nc). Allerdings setzt die Lizenz zwingend die Nennung des Urhebers voraus, und gilt nur für nicht-kommerzielle Verwendungszwecke. Auf Anfrage kann natürlich auch für kommerzielle Verwendung ein „Waiver“ erteilt werden, oder man handelt ein Honorar aus. Gerade die Gralshüter von Gutenberg-Galaxis, geistigem Eigentum und Urheberrecht sollten das wissen. In der Logik des Börsenvereins dürfte Copy&Paste ohne Erlaubnis doch eigentlich gleichauf liegen mit einem Ladendiebstahl in der Buchhandlung.

Somit stand die Frage im Raum: Was tun, wenn man den Börsenverein beim Klauen erwischt? Eine Unterlassungserklärung verschicken, inklusive Schadensersatzforderung und Anwaltsgebühren in moderater dreistelliger Höhe? E-Book-News hat zunächst ganz einfach die Kommentarfunktion von boersenblatt.net genutzt und auf den Lapsus hingewiesen. Die Reaktion war jedoch ebenso merkwürdig wie vielsagend. Denn nun wurde ganz einfach das Amazon-Zitat mit einem Backlink auf E-Book-News versehen und der zuvor mit kopierte Halbsatz „so die Amazon-Tochter in einer Pressemitteilung“ ersetzt durch „schreibt E-Book-News“. Danach begann der Rest des Copy-Paste-Zitates. E-Book-News hat in einem erneuten Kommentar auf boersenblatt.net auf die Verschlimmbesserung hingewiesen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fragten wir uns natürlich auch: warum schreiben die Kollegen vom Börsenblatt die gerade mal neunzeilige Meldung nicht noch einmal komplett from scratch und vor allem in eigenen Worten? Am Samstag erhielten wir dann als Reaktion auf unseren zweiten Kommentar einen Anruf vom Börsenblatt. Die Copy&Paste-Meldung sei von einem Volontär verfasst worden, der seinen Fehler eingesehen habe. Neben einer Entschuldigung bekamen wir auch die Zusicherung, die Meldung werde in der derzeitigen Form aus dem Netz genommen, man wolle Anfang nächster Woche noch einmal ganz neu berichten. Gute Idee! Damit ist die Sache dann auch für uns erledigt. Allerdings werden wir dem Börsenblatt eine Honorarforderung in Höhe von 25 Euro schicken. So viel sollte das Urheberrecht dann doch wert sein.

4 Kommentare »

  • Holger Ehling schrieb:

    Lieber Ansgar,
    tatsächlich ist die Honorarforderung von 25 Euro passgenau – das ist das Standardhonorar des Börsenblatts für eine Meldung.
    Weiterhin Glück Auf!
    beste Grüße
    hge

  • Martina Sevecke-Pohlen schrieb:

    Ein entlarvender Artikel. Es sind viel zu oft die Vertreter der reinen Lehre, die mit so peinlichen Ausrutschern auffallen und die Verantwortung auf Helfer oder Volontäre abwälzen. Die abgespeckte neue Version des Posts enthält nur noch die baren Fakten.

  • Mit CreateSpace Platz im Bücherregal erobernsevblog schrieb:

    [...] des Börsenvereins des deutschen Buchhandels mit der Pressemitteilung von Amazon bei e-bbok-news.de. Offenbar hatte boersenblatt.net mittels copy and paste einen Absatz der e-book-news ohne Angabe [...]

  • Ansgar Warner (author) schrieb:

    Inzwischen hat der Börsenverein bzw. die Plattform-Betreiberin MVB übrigens auch das Honorar überwiesen, 25 Euro plus 7% Umsatzsteuer. Betrag dankend erhalten.