Cool Tools – Kevin Kellys „Katalog der Möglichkeiten“ nutzt zwei coole Tools: Print & Self-Publishing

Der legendäre „Whole Earth Catalog“ war schon in den 1970er Jahren eine Art user-generated Website avant la lettre, die vor allem eins liefern sollte: clevere Werkzeuge für die DIY-Generation der kalifornischen Hacker, Bastler und Öko-Freaks. Bestes Beispiel für die dort gepflegte Kultur ist wohl der zeitweilige Herausgeber Kevin Kelly – sogar sein geräumiges Landhaus aus Naturstein und Eichenholz hat der spätere Wired-Mitgründer selbst gebaut. Der Kerngedanke des Katalogs lebt trotz World Wide Web weiter – vor allem in Kevin Kellys Blogprojekt Cool Tools („A cool tool can be any book, gadget, software, video, map, hardware, material, or website that is tried and true“), das ausschließlich auf Leser-Reviews aufbaut. Sogar Jeff Bezos soll zu den Fans des Cool-Tools-Newsletter gehören. Die Masse der dort rezensierten nützlichen Dinge wie auch zur Verfügung gestellten Hintergrundinformationen macht das Projekt zu einer Art Mischung aus Manufactum-Katalog, kuratiertem Webadressverzeichnis und Fähnlein-Fieselschweif-Handbuch. Im Dezember 2013 erscheint nun eine Best-of-Auswahl der coolen Tools in Papierform – wie es sich für jemanden wie Kelly gehört, natürlich als Self-Publishing-Projekt.

„Verlage und Buchhändler hassen das“

Wie schon im WEC wird der Leser von Cool Tools am Anfang auch einiges über die Tools erfahren, mit denen das Buch produziert wurde. Auf seinem Blog gibt Kelly schon mal ein paar Einsichten in die „Self Publishing Cool Tools“ – und liefert u.a. drei Gründe dafür, warum der „Catalog of Possibilities“ nicht bei einem traditionellen Verlag erscheint:

  1. Geschwindigkeit: „Mit dem Schreiben und layouten war ich im September fertig, im Oktober war das Buch dann mit Pre-Order-Status bei Amazon gelistet“.
  2. Das im weitesten Sinne ungewöhnliche Format: „Es lässt sich schlecht versenden, schlecht ins Regal stellen. Ein Verleger hätte wahrscheinlich gefragt: kann man das nicht ändern? Dann ist da der kommerzielle Effekt: Das Buch ist ein Einkaufsberater, der den Leser oft auf Amazon verweist. Verlage und Buchhändler hassen das.“
  3. Das ohnehin schmaler gewordene Service-Angebot von Verlagen: „Für mein letztes Buch bei Viking/Penguin [What Technology Wants] musste ich selbst einen Lektor und einen Illustrator anheuern, Cover-Entwürfe einreichen und auch noch einen großen Teil des Marketings via Social Media übernehmen.“

Self-Publishing via Outsourcing

Für Cool Tools hat Kelly dann wiederum selbst viele Tätigkeiten outgesourct – und griff dafür auf coole Web-Tools wie etwa die Freelancer-Plattform Elance zurück: das Layout des ebenso wuchtigen wie gewichtige Wälzers konnte so etwa in nur 4 Wochen fertiggestellt werden. Die InDesign-Entwürfe der einzelnen Seiten wurden im virtuellen Team via DropBox synchronisiert. Gedruckt werden sollte das Buch eigentlich in den USA – doch angesichts des Sonderformats winkten viele Druckerein ab, so landete der Auftrag schließlich bei einem Anbieter in Hongkong.

Kevin Kelly verrät auch en detail, was die Produktion des Buches (Offizieller Ladenpreis: 39,90 Dollar, Auflage: 8.500) kosten wird: Druckkosten pro Exemplar 6 Euro, Transportkosten 1 Euro. Amazon verlangt knapp 40 Prozent Buchhandelsrabatt, und legt zudem für den eigenen Store einen deutlich niedrigeren Verkaufspreis fest, so dass Kelly mit 10 Dollar Umsatz pro Exemplar rechnet. Deckt das am Ende die Produktionskosten? Kevin Kelly gibt sich da wie gewohnt sehr bescheiden: „My grand goal is to break even“.

Eine elektronische Version der Cool Tools ist übrigens nicht geplant – und wäre ja wohl auch irgendwie nicht sinnvoll. Denn einerseits versteht sich der Schmöker als eine Auskopplung des Weblogs, und zum anderen erlebt man ein sorgfältig zusammengestelltes Buch im Katalog-Format alleine durch die mediale Differenzerfahrung inzwischen als ein unschlagbar cooles Tool. In den Achtzigern war das interessanterweise genau umgekehrt – damals erschien eine Sonderedition des Whole Earth Catalogs („Signal – Communication Tools for the Information Age“) parallel auf einem enorm coolen Tool namens CD-Rom.

Abb.: KK.org

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".