Home » Leseprobe

Der scharlachrote Faden des Mordes: Conan Doyle, Eine Studie in Sherlock [Leseprobe]

16 Aug 2016 0 Kommentare

scarlet-promocover-350x525London, im Jahr 1887: zum ersten Mal schickt Arthur Conan Doyle den Meisterdetektiv Sherlock Holmes & seinen Begleiter Dr. John Watson auf Verbrecherjagd. Die “Studie in Scharlachrot” (“A Study in Scarlet”) führt nicht nur in die düsteren Vororte Londons, sondern auch in die Salzwüste von Utah zur Zeit des großen Mormonentrecks. 1890 folgt mit dem “Zeichen der Vier” (‘The Sign of the Four’) der zweite Sherlock-Holmes-Roman. Darin lässt Conan Doyle den Privatermittler aus der Bakerstreet 221b mit seiner deduktiven Methode ein “Closed Room”-Rätsel à la Edgar Allan Poe lösen — die Motive für den mysteriösen Mordfall reichen zurück zu einer Verschwörung während des Indischen Kolonialaufstandes.
Als besonderen Leckerbissen für alle Krimi-Fans präsentiert ebooknews press in „Eine Studie in Sherlock“ nun beide Romane in einem Band — basierend auf der klassischen Übersetzung von Margarete Jacobi, aber en detail überarbeitet. Denn gerade die „Studie in Scharlach“ hat’s in sich: der deutsche Titel hieß ursprünglich „Späte Rache“, zahlreiche Passagen des Originals wurden herausgekürzt. Darunter ausgerechnet das titelgebende Holmes-Zitat über die „Studie in Scharlachrot“, sowie das dazu gehörende Motto: „Es läuft ein scharlachroter Faden des Mordes durch die farblose Haut des Lebens, und unsere Pflicht besteht darin, diesen zu entwirren, zu isolieren und jedes Stück freizulegen.“ Nun auch wieder im Text enthalten: Sherlock Holmes‘ Kritik am großen Vorbild Auguste Dupin, dem von Edgar Allan Poe erfundenen Proto-Detektiv. Doch nun überlassen wir das Wort Dr. John Watson für die erste Fallstudie….


Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scarlet

Teil I (Nachdruck aus den Erinnerungen von JOHN H. WATSON,
M.D., ehemals Army Medical Departement).

Erstes Kapitel
Mr. Sherlock Holmes

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Netley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland als Assistenzarzt zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue Stellung ein.
Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Ich wurde von meiner Brigade abgezogen und dem Berkshire-Regiment zugeordnet, mit dem ich an der verhängnisvollen Schlacht von Maiwand teilnahm. Eine Kugel aus einer Jezail-Muskete zerschmetterte mir das Schulterblatt und versehrte die Arteria Subclavia. Ich wäre sicherlich den grausamen Ghazis in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie erreichten. Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawar geschafft worden war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise eine Typhusinfektion, jener Fluch unserer indischen Besitzungen. Die Krankheit wütete mit einer solchen Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht des Fiebers gebrochen war und mein Bewußtsein zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, daß die Ärzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England zu schicken.
Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff ,Orontes’ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten nenn Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen. Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief sich auf elf und einen halben Schilling, und da ich zuerst nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.
Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen. Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.
«Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?» fragte Stamford verwundert, «du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine Bohnenstange.»
Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir teilnehmend zu.
«Armer Kerl», sagte er mitleidig, «und was gedenkst du jetzt zu tun?»
«Ich bin auf der Wohnungssuche», versetzte ich; «es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.»
«Wie sonderbar», rief Stamford; «du bist der zweite Mensch, der heute gegen mich diese Äußerung tut.»
«Und wer war der erste?»
«Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu kostspielig sei.»
«Meiner Treu», rief ich, «wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, statt ganz allein zu Hausen.»
Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. «Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, wenn du ihn kenntest», sagte er.
«Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?»
«Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.»
«Ein Mediziner vermutlich?»
«Nein — ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte.»
«Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?»
«Nein — er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.»
«Ich möchte ihn doch kennen lernen», sagte ich; «ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.»
«Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn zusammen auf.»
Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.
«Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt», sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; «ich möchte dir weder zu- noch abraten.»
«Wenn wir nicht zu einander Passen, können wir uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß doch etwas anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den Menschen einzuwenden?»
«Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. — Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde — nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb — um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an sich selber machen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Überhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft.»
«Durchaus zu recht!»
«Ja, wenn auch bis zum Extrem getrieben. Denn wenn es darum geht, auf die Leichen in der Anatomie mit einem Knüppel einzuschlagen, sind das doch wohl eher bizarre Auswüchse.»
«Auf die Leichen einschlagen?»
«Allerdings, um herauszufinden, inwieweit sich Verletzungsspuren auch post mortem herstellen lassen.»
«Aber du meintest, er sei kein Medizinstudent?»
«Nein. Zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.»

(Weiterlesen)

Herausgeber & Copyright: Ansgar Warner, ebooknews press

scarlet-promocover-350x525
Arthur Conan Doyle,
Eine Studie in Sherlock
Zwei Sherlock Holmes-Romane
(Eine Studie in Scharlach/
Das Zeichen der Vier)
E-Book 0,00 Euro
Taschenbuch 9,90 Euro

Comments are closed.