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„Community für Journalismus im Netz“: Krautreporter geht an den Start – werbefrei, leserfinanziert

5 Nov 2014

Krautreporter hält die Welt in Atem – das war im Juni dieses Jahres: nach einer schleppend angelaufenen Crowdfunding-Kampagne kamen im Endspurt nicht nur die anvisierten 15.000 Jahres-Abos für das alternative Online-Magazin zusammen, sondern sogar mehr als 17.000, so dass eine Million Euro Startkapital zur Verfügung stand. Seit Ende Oktober kann man nun auf krautreporter.de die ersten crowdfinanzierten Recherchen, Reportagen und Erklärstücke lesen, etwa aus der Feder von Stefan Niggemeier, Andrea Hünniger, Richard Gutjahr oder Theresia Enzensberger. Und ab nächster Woche auch eine Graphic-Novel-Serie von Hans Hütt und Josefina Capelle.

Anders produziert, anders präsentiert

Kaum war Krautreporter gelauncht, kam aber auch schon wohlfeile Kritik von der klassischen Medienfront: Den Web-Journalismus neu erfunden habe die Plattform ja offenbar nicht, Artikel in dieser Art gebe es doch auch anderswo. Tatsächlich dürfte man Stücke wie „Bekannte Youtuber kämpfen um die Seele ihres Mediums“, „Horror im Gepäck: Ein Krankenpfleger im Ebola-Einsatz“ oder „Halloween in den USA – Warum Kaffee nach Kürbis schmeckt“ auch auf SPOL, sueddeutsche oder taz.de erwarten. Trotzdem trifft die Kritik aber wohl nicht den Kern des Konzepts, denn die Inhalte werden anders produziert, und sie werden auch anders präsentiert.

Im Standard-Modus hat man auf Krautreporter.de nur den jeweiligen Artikel vor sich, es gibt keine störenden Seitenleisten, fast so, als würde man sich auf einem reduzierten Blog wie Katja Kullmanns „Euphorie im Alltag“ bewegen. Auf Wunsch wird aber eine Artikel-Übersicht und ein Menü einblendet, am Ende jedes Artikels kann man einfach weiterscrollen, eingeblendet wird dann nahtlos die folgende Story. Eins wird man aber auf keinen Fall zu Gesicht bekommen: Werbeeinblendungen. Denn Krautreporter ist eben vor allem leserfinanziert, dazu kommen noch etwa zehn Prozent Spendengelder.

Kommentieren dürfen nur Abonnenten

Das sorgt für einen höheren Grad an Unabhängigkeit von den üblichen Einflussagenten aus Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand. Die starke Orientierung auf die eigene, aktive Community führt allerdings auch zu eher ungewöhnlichen Praktiken. Dem Motto „Comment is free“ folgt Krautreporter z.B. nicht, Kommentare lesen und Artikel selbst kommentieren dürfen nur zahlende Mitglieder. Dazu kommen weitere Premium-Leistungen, etwa epub- und Audio-Versionen sowie freier Eintritt zu Krautreporter-Veranstaltungen.

Zu den Prinzipien von Krautreporter gehört übrigens auch, die Verwendung der Gelder transparent zu machen. So kann man auf der Seite „Über uns“ etwa erfahren, dass 68 Prozent bzw. 570.000 Euro des Gesamtbudgets (abzüglich Steuern) für Redaktion und Autoren ausgegeben werden. Website und das Berliner Büro schlagen jeweils mit knapp zehn Prozent bzw. 90.000 Euro zu Buche.

Auf dem Weg zur Genossenschaft

Zum Vergleich: ohne Druck & Vertrieb kostet die Produktion der ebenfalls überwiegend leserfinanzierten, aber natürlich deutlich größeren Tageszeitung taz pro Jahr knapp 16 Millionen Euro, davon sind auch wiederum zwei Drittel Gehälter und Honorare. Hinter der taz steht neben knapp 50.000 Abonnenten eine Genossenschaft aus mehr als 14.000 Mitgliedern – ähnlich könnte es bald bei Krautreporter aussehen: im Gesellschaftsvertrag ist festgehalten, dass die Unternehmung „in absehbarer Zeit in eine Genossenschaft überführt“ werden soll.