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Christ-Kindle aus dem Land der Mitte: Onyx Boox 60 im Test

30 Dez 2009 Ansgar Warner 7 Kommentare

Das Leseland ist endgültig im drahtlosen Zeitalter angekommen: Mit dem Onyx Boox 60 gibt es neben Kindle & txtr-Reader nun ein drittes Lesegerät, das E-Books direkt aus dem Internet zapfen kann. Dank Touch-Screen ist die Bedienung sogar besonders komfortabel. E-Book-News hat eins der ersten in Deutschland ausgelieferten Geräte getestet.

WiFi und  Touch-Screen -- die “Must haves” der neuen E-Reader-Generation

Zwei Dinge gehören zu den Must-haves der nächsten E-Reader-Generation: WiFi-Fähigkeit und Touch-Screen. Der chinesische Hersteller Onyx hat beides in seinen E-Reader Boox 60 gepackt -- und kurz vor Weihnachten mit dem brandneuen Gadget auch den deutschen Reader-Markt anvisiert. Bei einem Preis zwischen 313 und 349 Euro liegt das Gerät leicht über dem txtr-Reader -- der jedoch nur in einer abgespeckten Version gestartet ist. Mit dem E-Book-Store kann sich das Gadget des Berliner Startups zwar von überall aus via Mobilfunk-Schnittstelle verbinden, eine WLAN-Karte für den lokalen Netz-Betrieb im Straßencafé oder zu Hause fehlt jedoch. Mit Spannung erwartet wurde aber auch das von Wacom gelieferte Touch-Screen des Onyx Boox 60 -- denn bei der Sony Reader Touch Edition hatte dieses Feature die Lesbarkeit des E-Ink-Displays arg vermindert. Zur Zeit gibt es für deutsche Kunden zwei Bezugsquellen: Ebookreaderstore sowie Elektronischlesen. Beides sind deutsche Ableger von niederländischen Anbietern -- denn auch die Europa-Zentrale von Onyx befindet sich bei unseren westlichen Nachbarn. E-Book-News hat sich für Elektronischlesen entschieden -- dort ist der Reader inklusive Versandkosten für 313 Euro zu haben.

Das hat Stil: Der “Stylus” ist zentrales Bedienelement beim Onyx Boox 60

Der Onyx Boox 60 wird komplett mit Stylus und weißem Lederetui geliefert. Zum weiteren Lieferumfang gehört ein USB-Kabel mit Steckdosen-Adapter. Somit kann das Gerät auch ohne den Umweg über einen PC oder Laptop aufgeladen werden. Ansonsten fanden wir in der OVP noch eine Garantiekarte, eine englischsprachige Kurzanleitung (“Quick Start Guide”), eine Anleitung zum Installieren von Stardict-Wörterbüchern sowie eine Liste der mitgelieferten Einzelteile. Wie üblich bei Akku-abhängigen Geräten sollte man auch den Onyx Boox 60 vor der Betriebnahme erstmal vollständig aufladen -- das Ende des Ladeprozesses erkennt man daran, dass das blaue Licht am Navigationsbutton erlischt. Der Navigationsbutton, besser gesagt eine Art “Bedienring”, befindet sich mittig unterhalb des Displays. Der äußere Ring dient zum Vor- und Zurückblättern (Prev/Next), zum Aufrufen des Hauptmenus (Menu) sowie zum Verlassen des jeweiligen Dokuments bzw. Ordners (Back). Der mittlere Ring kann zur Navigation im Dateiordner genutzt werden. Ein ausgewähltes Dokument lässt sich dann etwa mit dem ganz innen gelegenen “OK”-Button öffnen. Wichtigstes Bedienelement ist jedoch beim Onyx Boox 60 der “Stylus” genannte Plastikstift, der in der linken oberen Ecke des Gehäuses steckt. An der gegenüberliegenden unteren Kante des Gerätes findet man Lautstärke-Regler und Kopfhörerbuchse, Mini-USB-Anschluss, SD-Kartenschachte sowie den Power-Knopf. An der linken Außenkante ist zudem ein kleiner Schiebeschalter zur Aktivierung der WLAN-Funktion.

Vom Splash-Screen bis zum Hauptmenü in 20 Sekunden

Beim ersten Hochfahren des Lesegerätes erscheint eine Art Splash-Screen mit “Ladebalken”, nach etwa 20 Sekunden öffnet sich dann der “Desktop”: die E-Book-Library auf dem internen Flash-Speicher -- beim Kauf noch völlig leer -, die externe SD-Karte (falls vorhanden), Settings  sowie Web Sites (der eingebaute Web-Browser). Als erstes sollte man unter Settings ein paar Einstellungen vornehmen -- also etwa Datum & Uhrzeit, Zeitzone, Sprache, sowie die Kalibrierung des Eingabestiftes. Dann kann das Lesen beginnen -- man braucht nur noch ein E-Book. Verbindet man das Onyx Boox 60 per USB-Kabel mit dem Desktop-Computer, wird man gefragt, ob man tatsächlich auch softwaremäßig eine Verbindung herstellen möchte. Klickt man hier “Ja” an, geht der Reader in einen passiven Modus, das Display wird mit einem USB-Symbol augefüllt. Jetzt sollte der Desktop-Rechner das Gerät erkennen -- auf dem Desktop unseres Mac Mini waren sowohl der interne Flash-Speicher wie auch eine eingelegte SD-Karte sichtbar. Per Drag&Drop konnten wir nun E-Book-Dateien auf den Reader ziehen. Das gilt wohlgemerkt nur für DRM-freie E-Books -- kopiergeschützte Titel muss man selbstverständlich via Adobe Digital Editions übertragen. Je nach E-Book-Format hat der Leser unterschiedliche Optionen bei der Leseansicht -- so kann man bei epub-Dateien nur zwischen fünf verschiedenen Fontgrößen wählen, während es bei mobi-Dateien deren 15 sind, inklusive verschiedener Fonts mit oder ohne Serifen. Bei PDFs kommt neben der Fontgröße noch eine Zoomfunktion dazu.

Dank Web-Browser sind im WLAN-Betrieb auch E-Book-Downloads möglich

Der größte Vorteil eines Readers mit WLAN-Karte ist natürlich die Online-Literaturversorgung. Tatsächlich ist der Onyx Boox 60 fast schon eine Art Surf-Tablet mit E-Ink-Display: der auf der Webkit-Engine basierende Browser ermöglicht nicht nur das Navigieren im Internet, sondern auch den Datei-Download. Eine Adresszeile hat der Mini-Browser allerdings nicht -- hier muss man sich mit der indirekten Annäherung über Google behelfen. Lädt man etwa via Project Gutenberg ein E-Book herunter, wird es auf der SD-Karte gespeichert und direkt geöffnet. Voraussetzung ist allerdings, dass man per Schiebeschalter an der Gehäuse-Außenseite den Onyx auf WLAN-Betrieb eingestellt hat. Vor jedem Browsen muss außerdem eines der verfügbaren lokalen Netze ausgewählt werden. Wirklich bequem ist das Surfen mit dem Onyx Boox 60 allerdings nicht, dazu dauert der Pagerefresh immer noch zu lange. Web 2.0 und alle komplexeren Seiten kann man getrost vergessen. Um aber z.B. einen Wapedia-Artikel zu lesen, reichen die Möglichkeiten aus. Mit dem aktuellen Firmware-Update 1.2 lassen sich mittlerweile auch Bookmarks anlegen, so dass man direkt auf die gewünschte Seite zugreifen kann. (Die Update-Datei muss auf der SD-Karte gespeichert werden und wird vom Reader beim nächsten Hochfahren automatisch eingerichtet, wenn man parallel zum Einschalten für einige Sekunden die “OK”-Taste gedrückt hält.) Theoretisch sollte auch das online-shoppen möglich sein, doch bei unserem Versuch, uns etwa bei libri.de einzuloggen, scheiterten wir bereits an der virtuellen Tastatur -- als Login braucht man die E-Mail-Adresse, doch das digitale Tastenfeld des Onyx Boox 60 bietet leider kein @-Zeichen an.

Kontrastprogramm: Das E-Ink-Display lässt sich schlechter lesen als bei vergleichbaren Geräten

Insgesamt macht der Onyx Boox 60 inklusive Lederetui einen soliden Eindruck, die grafische Oberfläche ist intuitiv zu bedienen und lässt fast PDA-Feeling aufkommen. Wacoms Touch-Screen-Technologie ermöglicht nette zusätzliche Features wie etwa einen Notiz- und Zeichenblock oder Anstreichungen bzw. Anmerkungen im Text. Mit fast dreihundert Gramm ist das Lesegerät allerdings auch relativ schwer, einfachere Geräten wie etwa das Pocketbook, Bookeens Cybook oder das Cool-ER wiegen fast nur halb so viel. Die Kombination von Touch-Screen und E-Ink funktioniert sehr gut, der Pagerefresh scheint tatsächlich etwas schneller zu sein als bei anderen E-Readern. Der Kontrast ist im direkten Vergleich mit dem Bookeen Cybook allerdings erkennbar schlechter, das scheint vor allem am etwas dunkleren Hintergrund zu liegen. Längeres Lesen ist gerade bei winterlich schummrigen Lichtverhältnissen dadurch deutlich anstrengender. Nutzt man die WLAN-Funktion häufiger, macht außerdem der Akku spätestens nach zwei bis drei Tagen schlapp, auch mit optimierter Firmware. Eigentlich ist es zum Heulen: Die wahre Stärke des E-Ink-Displays -- wochenlanger Betrieb bzw. 6000-8000 Seiten Lektüre mit einem Ladezyklus -- ist durch die zusätzlichen Features längst wieder verspielt worden. Doch das triff natürlich auf die gesamte neue Reader-Generation vom Kindle über Nook und Sony bis zum txtr zu. Lästig fanden wir übrigens auch, dass der Onyx Boox 60 nicht nur ohne E-Books, sondern auch ohne Handbuch ausgeliefert wird. Da hilft nur das Firmwareupdate (zum Package gehört nämlich ein englisches Manual) oder der direkte Download (wird leider nicht direkt von Onyx angeboten). Fazit: wer eine vergleichbare Alternative zum txtr-Reader sucht, für den könnte sich der Onyx Boox 60 lohnen. Wer Geld sparen will und mit USB zufrieden ist, sollte besser zu einem “klassischen” Reader greifen.

Onyx Boox 60-Specs:

  • 6- Zoll-Display (Wacom/E-Ink)
  • 8 Graustufen
  • DRM: Adobe Digital Editions (epub/PDF)
  • Prozessor: 532 Mhz.
  • 128 MB RAM
  • 512 MB Flash
  • USB 2.0
  • SD/MMC mit SDHC-Support
  • Gewicht: 300 Gramm
  • Abmessungen: 196x121x10.6 mm
  • Preis: 329 Euro (Pixmania.de)

 

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