Auf dem Weg zur bio-organischen Slow-Food-Version des Webs?

„Artisanal Internet“, was soll das denn sein? Handwerklich, die Vollkorn-Version des WWW, der Code aus Meisterhand? Irgendwie offenbar schon. Denn in einem Wired-Artikel war vor kurzem von der digitalen „Slow Food Bewegung“ die Rede, die sich ein „Bio-Internet“ erträumt. Ironischerweise ausgerechnet deshalb, weil die große Revolution — der Abschied von Facebook — den meisten Menschen trotz aller Daten-Skandale und dem Wissen um die schädlichen Folgen der Dauerberieselung nicht so richtig gelungen ist. In Deutschland forderte ja der socialmedia-geschädigte Blogger Schlecky Silberstein sogar: Internet abschalten! Hat nicht so ganz geklappt.

Newsletter, Podcasts, Blogs, E-Books — alles bio?

Doch zumindest erfolgt parallel dazu (auch Schleckys Lösung lautet ja zusammengefasst vor allem „ich bin jetzt seltner auf Facebook und öfter offline“) eine Rückbesinnung auf die „traditionelle“ oder „langsamere“ Protokolle des Web — darunter Newsletter, Audio-Podcasts, selbst-gehostete Blogs, eigene Domains. E-Books die offline und ablenkungsfrei auf dem E-Reader gelesen werden darf man an dieser Stelle natürlich auch nennen. Und nicht zuletzt wächst die Aufmerksamkeit für Privacy-Belange — man nutzt nicht mehr automatisch und ungeschützt jeden Browser, jede Chat-App (schon mal von Threema gehört?), jede Suchmaschine (schon mal Metager ausprobiert?), achtet auf Anonymität.

Plattform-Koops als gemeinnützige Lösung

Viele entdecken auch Alternativen zu Twitter, etwa Mastodon, und sind auch seltener beim Zwitscher-Original unterwegs, um den allzu überhitzten Debatten, Diffamierungen und Dauergelaber zu entgehen. Überhaupt scheint es eine große Sehnsucht nach stärker gemeinnützigen, nicht rein profitorientierten Plattformen zu geben, und dank Crowdfunding und der Neuentdeckung von Genossenschaftsmodellen für digitale Projekte (siehe den Plattform-Kooperativismus) scheint sich derzeit gerade in Deutschland eine Menge zu bewegen.

Wirklich „bio-organisch“ wird das mobile Web auf ökobilanziell irrsinnig belasteten Smartphones und Tablets mit den zusätzlich im Hintergrund ratternden, viel zu oft noch kohlestromfressenden Serverparks dadurch selbstverständlich nicht. Aber der Bewusstseinswandel ist tatsächlich spürbar, es gibt ein reales Bedürfnis nach einer anderen Online-Welt. Es wächst zumindest viel grünes Gras zwischen den grauen Betonwüsten der Web-Monopolisten.

WaPo vs. Trump, National Enquirer vs. Bezos: Medienkrieg zwischen Weißem Haus & Amazon eskaliert

bezos-divorceErst war da nur ein Tweet von Jeff Bezos in eigener Sache — der Amazon-Chef gab via Social Media die Trennung von seiner Frau, der Schriftstellerin MacKenzie Bezos bekannt. „Selbst wenn wir gewusst hätten, dass wir uns nach 25 Jahren trennen, würden wir alles noch einmal tun“, hieß es in dem sorgfältig formulierten Kommuniqué. Kein großes Ding also? Nun ja. Denn zum einen ist Bezos der reichste Mann der Welt — das heißt, das war er bisher. Weil Amazon erst ein Jahr nach der Eheschließung gegründet wurde, könnte demnächst die Aufteilung des über 100 Millionen Dollar schweren Vermögens bevorstehen. Bezos und seine Frau würden sich dann wohl Platz drei oder vier auf der Rangliste der reichsten Menschen weltweit teilen, MacKenzie wäre dadurch die reichste Frau der Welt. Um seine Ex-Partnerin auszuzahlen zu können, müsste Bezos allerdings im großen Stil Aktien aus seinem Besitz abstoßen, was wiederum den Kurs Amazon-Aktie beeinflussen könnte, und damit das Gesamtvermögen.

Cherchez l’affaire

Die Geschichte nahm jedoch rasch eine weitere Wendung: Kaum war die Zwitscher-Meldung von der Trennung in der Welt, veröffentlichte das Klatschblatt „National Enquirer“ in einer Sonderausgabe pikante Details — offenbar hatte Bezos eine Affäre der TV-Reporterin und Hubschrauberpilotin Lauren Sanchez, bisher verheiratet mit dem Hollywood-Agenten Patrick Whitesell. Die Investigativ-Reporter der Postille waren Bezos und Sanchez über Monate gefolgt und schossen diverse Beweis-Fotos, bevor die Story gedruckt wurde. Die bevorstehende Veröffentlichung war wohl auch der Grund für das via Twitter veröffentlichte Scheidungs-Kommuniqué.

Schadenfreude im Weißen Haus

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen — das übernahm dann wiederum er Dampftwitterer im Weißen Haus. Nicht umsonst ist Donald J. Trump ja ein erklärter Erzfeind des Amazon-Gründers und (vor allen Dingen) Washington Post-Besitzers Bezos. Wer das noch nicht wusste, weiß es spätestens nach diesem Tweet: „Oh das tut mir ja furchtbar leid zu hören, dass Jeff Dummkopf von einem Konkurrenzmedium hops genommen wird, dessen Berichterstattung deutlich näher an der Wahrheit liegt als die des Lobbyistenblattes namens Amazon Washington Post. Hoffentlich geht die Zeitung bald in fähigere und verantwortungsvollere Hände über.“

Das Private ist politisch

Spätestens an dieser Stelle ist aber auch das Private nicht nur vom Ökonomischen, sondern längst auch vom Politischen nicht mehr zu trennen — gilt doch der National Enquirer als eins der Zentralorgane des Trump-Universums. Ging es um Trumps außereheliche Affären, wurde ganz anders verfahren. Das Blatt zahlte 2016 im Auftrag der Trump-Organisation 150.000 Dollar an das ehemalige Playboy-Covergirl Karen McDougal für die „Exklusivrechte“ an einer Story, die dann in der Schublade verschwand, um die Präsidentschafts-Kampagne nicht zu gefährden.

Darf man gedruckte Bücher einfach wegwerfen — so wie man E-Books per Fingertipp löscht?

magic-cleaning„Darf man Bücher wegwerfen?“, fragte Rainer Hank in der FAZ kurz nach Neujahr, und gab die Antwort: ja, man darf, wenn auch ein schlechtes Gewissen bleibt. Das Thema scheint den Nerv der Zeit zu treffen — auch Marie Kondo, ihres Zeichens japanischer Aufräum-Guru und Star der Netflix-Show „Tidying UP“, macht vor Bücherregalen oder Bücherstapeln keinen Halt. Stattdessen fragt sie: Geben sie dir funkelnde Freude, helfen sie dir, im Leben voranzukommmen? Lautet die Antwort „Nein“, kann die Schwarte weg.

Klopf, klopf: Jemand zu Hause?

Eingerahmt wird das Ganze freilich von einer shintoistisch inspirierten Bewährungsprobe: man klopft auf die Bücher, um sie aufzuwecken, und wenn es keine Antwort gibt, bzw. der Klappentext nicht sofort Funken schlägt, bedankt man sich bei dem Titel und schmeißt ihn weg.

Was bei überflüssiger Tupperware oder T-Shirts vielen sofort einleuchten dürfte, stößt bei Büchern aber durchaus auf Protest: „Diese Frau ist in punkto Bücher auf dem Holzweg. Jeder Mensch braucht einen große Bibliothek, nicht nur leere, langweilige Regale“, twitterte etwa die kanadische Schrifststellerin Anakana Schofield letzte Woche, und erhielt zehntausende Retweets und Likes.

Der Guru ist auf dem Holzweg

In einem Beitrag für den Guardian hat sie jetzt ihre Argumente noch mal präzisiert: Literatur sei eben nicht nur dazu zu da, glücklich zu machen oder zu gefallen, sie sollte uns auch herausfordern und darf auch mal verstörend sein. Ein Plädoyer für ungelesene Bücher im Regal folgte auf dem Fuße: die würden nämlich eine mögliche Lese-Zukunft darstellen, man dürfe sie nicht von vorneherein als gescheitertes Projekt ansehen.

Sag beim Löschen leise Servus

Interessanterweise stellt sich das Problem bei E-Books ganz anders — schon alleine deshalb, weil sie keinen physischen Platz wegnehmen, und es ja neben dem Reader oder Smartphone als Lesegerät auch immer noch die Cloud-Bibliothek gibt, wo die ungelesenen Schätze in Ruhe schlummern können. Zugleich sind ungelesene E-Books natürlich deutlich unsichtbarer als ungelesene Print-Bücher, die einem zufällig ins Auge oder die Hand fallen.

Und ob sich im shintoistischen Sinne eine Beziehung zu einem E-Book aufbauen ließe? Wo soll man klopfen, um ein E-Book aufzuwecken? Sagt man beim Löschen leise „Servus“ und „Danke“? Wahrscheinlich nicht. Für den Abschied vom gedruckten Buch gibt es ja zudem Alternativen jenseits des Altpapiercontainers: man kann esverschenken, auf der Parkbank aussetzen, oder — das erwähnt die FAZ dann noch — über eine Plattform wie Momox den Marktwert abchecken und weiterverkaufen. Zugegeben eine unromantische, aber immerhin bücherschonende Variante.

PS: Welche Variante wäre wohl für Marie Kondos Bestseller „Magic Cleaning“ (auf deutsch bei Rowohlt erschienen) besonders angemessen?

Print ist links, digital neoliberal, Meinungsfreiheit ein Fall für die Wochenendausgabe…?

Ist Print links, Digital liberal? Eine interessante Frage. „Selbst als links geltende Medienhäuser sind damit beschäftigt, ihre Tageszeitungen abzuschaffen“, tadelte kürzlich die „Junge Welt“ in einem Editorial, und meinte damit taz und Neues Deutschland. Die würden nämlich beide ihre Wochenendausgaben „aufblasen“ und den Ausstieg aus der werktäglichen Printausgabe planen. Tatsächlich „bastelt“ auch das ND nicht nur an „diversen digitalen Formaten“ herum, sondern serviert seinen Lesern Ende Oktober eine Blattreform: die dann bereits im Titel als „ND. Der Tag“ erkennbare Wochentags-Ausgabe schrumpft (außer donnerstags) von 20 auf 16 Seiten, Themen die nicht ganz wegfallen (wie etwa die Panorama-Seite) werden auf die jeweilige Wochenend-Ausgabe („ND. Die Woche“) verschoben. Zugleich wirbt ein grafisch frisch gestyltes Online-Magazin namens „Supernova“ um junge LeserInnen.

Die taz hat ja schon vor einiger Weile viele Ressourcen in Richtung Wochenend-Ausgabe und Online-Redaktion verschoben, und kurz vor dem Umzug ins neue Gebäude den GenossInnen schon mal den Ausstiegstermin in Sachen Werktags-Print prophezeit: 2022. Hintergrund dieses bisher nur „vorgeschlagenen“ Szenarios: Schon jetzt zahlt die Hälfte der pro-aktiven Lesergemeinde nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe.

„Mit dem aktuellen Schritt hinkt das ND der taz zwar mehr als drei Jahre hinterher — dafür wird das ND keine vier Jahre brauchen, um sich selbst als Tageszeitung abzuschaffen“, ätzt die JW. Und setzt selbstbewusst ihren eigenen Plan dagegen: weiterhin gedruckt und digital zu erscheinen, und damit — jetzt wird’s spannend — die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit sicherzustellen. Artikel 5 (1) zufolge hat ja jeder das Recht, sich aus „allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“.

Wie „allgemein zugänglich“ online-only-Inhalte sind, ist angesichts diverser Gatekeeper und oft unbemerkt waltender Filtermechanismen eine gute Frage. Die JW fordert deswegen lieber die Aufrecherhaltung „einer adäquaten (Print-)Infrastruktur, wie es mit dem deutschen Grossosystem entwickelt wurde“. So hätten auch kleinere Verlage „zumindest eine Chance, an Zeitungsverkaufsstellen präsent und damit allgemein zugänglich zu sein“.

Außerdem, so das Kalkül der JW, kann eine gedruckte Zeitung natürlich zusätzlich auf Demos verteilt oder im Kollegen- und Bekanntenkreis weitergegeben werden. Letztlich setzt die JW also auf den politisch-gesellschaftlichen Gebrauchswert der gedruckten Ausgabe — und stellt tatsächlich dann auch die These auf: wenn dieser Gebrauchswert stimmt, kann man „gegen alle Trends die [Print-]Auflage steigern“. 1.300 Print-Abos sollen bis Anfang 2019 hinzugewonnen werden, nebst 600 Online-Abos. Angesichts der politisch aufgeheizten Stimmung im Land könnte diese Rechnung tatsächlich aufgehen…

Owne alle deine Daten im persönlichen Pod: Mit „Solid“ will Tim Berners-Lee das Web dezentralisieren

solid-pod-berners-leeSir Tim Berners-Lee wurde nicht ohne triftigen Grund in den Adelsstand erhoben — schließlich gilt er als Erfinder des World Wide Webs, mit dem Anfang der 90er das Internet zum Massenphänomen wurde. Heute sagt er jedoch im Blick auf den Zustand des Webs eher: Weh, weh, weh. Denn große Konzerne beherrschen mit ihren Portalen nicht nur die Web-Ökonomie, sondern verhindern auch Datensouveränität für die Nutzer und Netzneutralität für die Daten. So hatte sich Berners-Lee das alles nicht vorgestellt, und plädiert nun für einen Neustart in Sachen Datenschutz.

Der „sichere USB-Stick für das World Wide Web“

Die Lösung des Problems: der „Solid POD“, eine Art „sicherer USB-Stick für das Web“. Dort sollen alle persönlichen Daten gespeichert sein, von Fotos, Videos oder E-Books bis hin zu Kommentaren. Über eine Software-Schnittstelle können die Daten mit ausgewählten Personen bzw. Apps geteilt werden. Der Pod-Server kann bei einem Provider gehostet sein, oder auch auf einem PC zu Hause oder im Büro. Der Grundsatz ist immer der Gleiche: Der Nutzer entscheidet, wer Zugriff auf welche Daten erhalten soll. Und darf auch alleine die eigenen Daten verändern oder löschen.

Berners-Lee schreibt in einem Blog-Post auf Medium: „Solid changes the current model where users have to hand over personal data to digital giants in exchange for perceived value. As we’ve all discovered, this hasn’t been in our best interests. Solid is how we evolve the web in order to restore balance — by giving every one of us complete control over data, personal or not, in a revolutionary way.“

„Selbstermächtigung durch Daten“ als kreatives Prinzip

Um mit dem Prinzip „Personal empowerment through Data“ das Web in neue, kreative Bahnen zu lenken — und zugleich ein Gegengewicht zu den „GAFA“-Big Four zu schaffen, hat sich der heute 63-jährige Berners-Lee schon vor einiger Zeit mit MIT-Kollegen zusammengetan und das Startup „Inrupt“ gegründet, das die Entwicklung des auf Freier Software (Open Source) basierenden Solid PODs vorantreiben soll.

“The web as I envisaged it we have not seen yet“, stellte Berners-Lee schon 2009 fest, aber vielleicht können wir es ja POD-sei-Dank in einiger Zeit mosesmäßig am Horizont aufscheinen sehen. Unter einer Voraussetzung allerdings: die Sache muss uns etwas wert sein. Denn völlig kostenlos, das hat Sir B-L schon mal klargemacht, wird die Datensouveränität nicht zu haben sein.

Otto sagt „Tschüss“ zum Print-Katalog, Amazon schmeißt zum Weihnachtsgeschäft erstmals die Druckerpresse an

otto-versand-websiteQuelle gibt’s sowieso nicht mehr, Neckermann druckt seit 2012 keine Kataloge mehr (und gehört seitdem zum Otto-Versand), nun stellt auch der Otto Versand selbst auf Digital um — ab 2019 soll der Hauptkatalog nicht mehr in Papierform erscheinen, teilte der Hamburger Handelskonzern diese Woche offiziell mit. „Unsere Kunden haben den Katalog sukzessive selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen und schon längst auf unsere digitalen Angebote zugreifen“, so Bereichsvorstand Marc Oppelt. Mittlerweile bestellen nämlich 95 Prozent der Kunden online. Die gute Nachricht lautet also: Otto hat den Wechsel zum Onlinehändler längst geschafft, umsatzmäßig liegt das Unternehmen direkt hinter Amazon und direkt vor Zalando.

Print-Katalog als Imagekiller?

Digitalisierungsopfer ist also nur der Katalog, nicht der Otto Versand — der Papierstapel sei zuletzt ohnehin nur noch ein „740 Seiten starker Imagekiller“ gewesen, ätzte das Handelsblatt zum Abschied. Nicht gerade nett nach einer fast siebzig Jahre währenden Erfolgsgeschichte, die im Jahr 1950 mit einem 14-seitigen handgebundenen Heftchen in 300er Auflage begann. Zur Hochzeit des Kataloghandels steckte das Unternehmen zweistellige Millionen-Beträge in den Druck des Katalogs. Schon in den 1990er Jahren wagte sich Otto dann ins Internet, der endgültige Abschied der Kunden vom Katalog begann aber erst mit dem Smartphone-und Tablet-Zeitalter. Inzwischen kaufen 50 Prozent der Kunden mobil ein.

„Gelungene Transformation“

Bei Otto selbst hält sich insofern die Nostalgie auch in Grenzen, die Pressemitteilung zum Abschied vom Katalog war hanseatisch knapp mit „Tschüss!“ überschrieben. Die Umstellung auf Digital Only sehen die Hamburger als „letztes Zeichen einer gelungenen Transformation“, die ansonsten weltweit kein anderer Katalogversender in dieser Form geschafft habe. O-Ton Marc Oppelt: „In Deutschland reden wir von der Digitalisierung oft so, als wäre diese etwas Störendes. Wir meinen dagegen: Sie ist das Beste, was uns passieren konnte und eine riesige Chance für die Wirtschaft.“ Als reiner Onlinehändler sei man nun erfolgreicher als man es zu Zeiten des Hauptkatalogs je hätte sein können.

Bald Spielzeug-Katalog von Amazon?

Kleiner Nachtrag: Amazon.com soll ironischerweise gerade planen, zum US-Weihnachtsgeschäft erstmals Kataloge zu drucken und millionenfach in Geschäften auszulegen wie auch an Kunden zu verschicken, und zwar speziell im Spielzeug-Segment. Was wiederum mit der Toys’r’us-Pleite zusammenhängt — denn für die Kids in Amerika war das Erscheinen des Katalogs der Traditionsmarke bisher einer der Höhepunkte des Jahres.

Überraschung für die Leser*innen: ARD-Videotext bringt testweise das Gendersternchen auf die Bildschirme

bildschirmtext-gendersternchenWird das offizielle Deutsch bald gendergerechter? Heute diskutiert der Rat für deutsche Rechtschreibung das Thema „geschlechtergerechte Sprache“ — u.a. die Möglichkeit, mit Binnensternchen etwa bei Berufsbezeichnungen auch Frauen stärker sichtbar zu machen, und zugleich auf trans-, inter- und weitere Genderidentitäten zu verweisen. Kommt am Ende dabei eine Empfehlung an die Dudenredaktion heraus? Dann könnten in der amtlichen Sprache aus Forschern zum Beispiel Forscher*innen, aus Politikern Politiker*innen und aus Zeitungslesern Zeitungsleser*innen werden.

Wie sich das anfühlt, will anlässlich der Ratssitzung die ARD testweise auf alle bundesdeutschen Bildschirme projizieren — im ARD-Videotext (online unter www.ard-text.de) wird nämlich aus aktuellem Anlass den ganzen 8. Juni über „wo immer möglich“ das Gendersternchen eingesetzt. Ein paar Sternchen habe ich gerade schon entdeckt: auf Tafel 133 ist von „Ökonom*innen“ die Rede, auf Tafel 141 von Ermittler*innen, auf Tafel 142 von Metereolog*innen.

Der erste Eindruck: Ja, es macht Sinn, denn „mitgemeint“ ist tatsächlich etwas anderes als explizit erwähnt. Schon ein paar Textproben machen bewusst, wieviel Diversität in der nicht-gendersensiblen Normalsprache Tag für Tag verschwiegen wird, oder besser gesagt zum Verschwinden gebracht wird, denn in der außersprachlichen Wirklichkeit existieren all diese Menschen ja schließlich.

Das Sternchen empfinde ich bei der Lektüre am Bildschirm gar nicht so störend, es wirkt viel eher als eine Art Hingucker, so werden schnell all die Textstellen sichtbar, an denen bisher die realen Geschlechterverhältnisse unter den Teppich gekehrt wurden. Gehört das Gendersternchen zum Alltag, verschwindet der Überraschungsfffekt natürlich bald wieder durch Gewöhnung, aber das ist ja nicht schlimm, eher im Gegenteil: Das vielgehörte Argument „Binnen-I, Binnen-X, Binnen-* etc. behindert den Lesefluss“ stimmt insofern nämlich nicht.

„Schwerwiegender Markteingriff“: Monopolkommission nimmt Buchpreisbindung unter Feuer, Preisbindungs-Lobby schießt zurück

monopolkommission-kontra-buchpreisbindungWar’s am Ende nur eine (Vor)-Sommerloch-Geschichte, längst wieder vergessen, wenn die Tage wieder kürzer werden? Kaum hatte die unabhängigen „Experten“ der Monopolkommission am Dienstag in einem Sondergutachten die Buchpreisbindung in Bausch und Bogen verdammt („schwerwiegender Markteingriff“, „nicht klar definiertes kulturelles Schutzziel“, etc.), gab die Preisbindungs-Lobby kräftig kontra, und gab sich zugleich gelassen: schließlich wisse man die Politik auf seiner Seite.

Die habe ja erst 2016 mit der Ausdehnung der Preisbindung auf E-Books ein klares Signal für eine vielfältige Buchhandels- und Verlagslandschaft auf dem weltweit zweitgrößten Buchmarkt gesetzt. Prompt kam auch die Kavallerie direkt aus dem Zentrum der Macht zu Hilfe: „Die Empfehlung der Monopolkommission macht micht fassungslos“, verlautbarte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Die deutsche Literaturlandschaft sei ein „Grundpfeiler unserer Kulturnation“, und dabei komme der „Buchpreisbindung eine geradezu entscheidende Rolle zu“.

Grütters schrieb den Juristen, Ökonomen und Wirtschaftspraktikern von Kali & Salz bis Telekom in der Kommission ins Stammbuch, sie degradierten „mit ihrer Betonung des wirtschaftlichen Aspekts den Wert und die gesellschaftliche Funktion des Kulturguts Buch zur bloßen Handelsware“. Gerade angesichts der Marktmacht einiger weniger global agierender Internetkonzerne sei ein Eingriff in den Markt in diesem Fall angebracht.

Tatsächlich scheint für die Kommissionsmitglieder die Literatur ein Buch mit sieben Siegeln zu sein, anders kann man es sich nicht erklären, dass sie die Buchpreisbindung mit der Arzneimittel-Preisbindung vergleichen. Letzlich war das Sondergutachten wohl nur so etwas wie eine lästige Pflichtübung, eine wiederholte dazu, im doppelten Sinne, denn nicht nur viele Argumente, auch die viele Daten, auf die sich das Gutachten stützt, sind genauso alt wie die letzte Empfehlung kontra Preisbindung vor knapp 20 Jahren.

Über jeden Zweifel erhaben ist die Buchpreisbindung allerdings nicht — für E-Books macht sie keinen Sinn, genauso wenig wie für Hörbücher, für die sie auch tatsächlich nicht gilt. Auch die Ausdehnung der Preisbindung von Verlagstiteln auf professionell vertriebene Self-Publishing-Titel — eine Preisbindung, die es de jure gar nicht gibt, de facto aber doch praktiziert wird — lässt sich mit kulturstaatlichen Schutzzielen nur schwer begründen. Denn E-Books allgemein wie auch Self-Publishing-Printtitel werden hauptsächlich online vertrieben.

(via boersenblatt.net)

Großes Einmaleins der Pressekonzentration: Zentralredaktionen von Madsack und Dumont werden zusammengelegt

presse-zu-konzentriertErst werden lokal Redakteure gefeuert und zentral neue Redaktionen gegründet, die immer mehr Blätter mit dem Mantelteil beliefern, am Ende werden auch die Zentralredaktionen zu einer Redaktion zusammengelegt, und dann … steht in allen regionalen Zeitungen im überregionalen Teil dasselbe? Sieht nach der aktuellen Konzentrationsrunde ganz danach aus.

Funke, Madsack & DuMont spielen Pool

Bisher betrieben in Deutschland drei große Verlagsgruppen Zentralredaktionen, um ihre Titel landauf, landab mit überregionalem Content zu versorgen: die in Essen ansässige Funke-Mediengruppe (mit Titeln in NRW, Hamburg, Berlin, Thüringen), das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ der in Hannover ansässigen Madsack Mediengruppe (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, MeckPomm, Sachsen-Anhalt, Sachsen) sowie die kölnische DuMont-Mediengruppe (NRW, Hamburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, bis auch: Frankfurt). In Zukunft gibt’s nur noch zwei — denn Madsack und DuMont legen ihre Berliner Ressourcen zusammen, und gründen zum 1. Oktober eine gemeinsame Redaktion für Politik und Wirtschaft.

Merken die Leser was?

Die davon betroffenen 2,3 Millionen Leser von mehr als 50 Tageszeitungen werden wie auch bisher schon von der Mehrfachverwertung der Inhalte selbst nichts mitbekommen, mal abgesehen davon dass in den Madsack-Titeln im Zeitungkopf „Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland“ steht, während DuMont wohl auch weiterhin den Mantel des Schweigens über die Herkunft des Mantels hängt. Aber mal sehn, vielleicht ändert sich das jetzt auch, interessanterweise nutzt inzwischen auch die Funke-Mediengruppe (zum Beispiel bei der Berliner Morgenpost) solche Kopfzeilen als eine Art Qualitätsnachweis.

Und wie Funke lanciert auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland Vorab-Pressemeldungen, die dann von anderen Medien zitiert werden, für das Eigenmarketing. À la: „sagte XY in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe“ bzw. „dem Redaktionsnetzwerk Deutschland“ — was inzwischen so oft passiert, dass etwa der Deutschlandfunk eigens eine Erklärseite zu diesem Thema eingerichtet hat.

Abb.: onnola (cc-by-sa-2.0)

Ähm, ähm, hmmm: Google Duplex mimt am Telefon einen menschlichen Gesprächspartner, Interjektionen inklusive

google-duplexWenn das Reservieren von Restaurant-Tischen oder das Abmachen von Friseurterminen als Turing-Test durchgeht, könnte wohl demnächst das Zeitalter der Singularität anbrechen — denn angeblich wird Googles digitaler Privatsekretär namens „Google Assistent“ schon bald solche Tätigkeiten mit dem neuen „Duplex“-Modul übernehmen.

Die zwei Schlüsselqualifikationen dafür: täuschend echte Sprache sowie gutes Sprachverständnis bzw. komplexe Reaktionsfähigkeit während eines Gesprächs. Auf der Entwickler-Konferenz I/O wurden letzte Woche zu Demonstrationszwecken reale Telefon-Dialoge zwischen einer mit dank „Ähm“, „Hm“ sowie Sprechpausen sehr natürlich wirkenden AI-Stimme und nichts ahnenden menschlichen Testpersonen vorgestellt — viele Branchenkenner zeigten sich danach restlos begeistert.

Wird „Google Duplex“ irgendwann mal auf dem Smartphone bereitstehen, könnten die Nutzer „niedere“ Organisationsaufgaben wie etwa die Terminplanung komplett an den Assistenten delegieren. Vielleicht wird sich dann sehr bald schon am anderen Ende der Leitung auch ein Assistent melden, zum Beispiel Alexa, und mit ähnlichen Fähigkeiten glänzen?

Wichtig wird bis auf weiteres aber wohl auch eine zentrale Fähigkeit bleiben: der digitale Assistent muss merken können, dass die Kommunikation in einer bestimmten Situation nicht zum gewünschten Ergebnis führt, um dann einen menschlichen Kollegen zur Hilfe zu rufen.

Nachtrag: Inzwischen hat Google übrigens auch auf die Kritik reagiert, der Assistent könnte menschliche Gesprächspartner hinters Licht führen — dem Unternehmen zufolge wird sich die offizielle Version des Highend-Chat-Bots gleich zu Anfang eines Gesprächs klar als künstliches Wesen zu erkennen geben wird.

(via Forbes.com)