Geboren aus dem Schlaf der Vernunft: Silke Nowak, Patient 211 [Leseprobe]

nowak-patient-211Schuldfähig oder nicht? Für Gutachter Dr. Julian Kraft normalerweise eher eine Routinefrage — doch im Fall von Linda Fallersleben kommt der forensische Psychologe an die Grenzen seines Fachs. Hat die Patientin ihren Mann – ausgerechnet einen Psychoanalytiker – gar nicht selbst erstochen? Gibt es einen mysteriösen Serienmörder, der nun auch in der Klinik Marienberg sein Unwesen treibt? Denn immer wieder verschwinden des Nachts Patientinnen aus dem Institut, und niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Die allgemeine Verunsicherung in Silke Nowaks neuestem Thriller Patient 211 ist der einzige fixe Punkt. Die Welt des Mediziners gerät dagegen langsam aber sicher aus den Fugen: wem kann er überhaupt noch trauen? Am Ende nur Linda Fallersleben selbst? Und welche Spur verfolgt Kommissar Hanta in den endlosen Fluren der Klinik? Bald wird es wieder Nacht auf Marienberg — und alle fragen sich: Ist da noch jemand? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel… noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak: Patient 211

1


Sie konnte ihn riechen.
Er war hier.
Noch bevor Linda ganz erwacht war, wusste sie, dass jemand an ihrem Bett saß. Es roch nach Zigarre. Ihr Herz schlug schnell, als der Rauch durch ihre Nase eindrang, tief bis in ihre Lunge hinein und von dort direkt in das Angstzentrum ihres Gehirns, die Amygdala. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Oberlippe. Instinktiv wusste Linda, dass es der Rauch einer Romeo y Juliet war. Das war seine Lieblingsmarke gewesen.
„Benjamin?“, wollte sie fragen.
Doch nur ein dumpfes Stöhnen kam aus ihrem Mund.
„Es tut mir leid“, wollte sie sagen, aber ihre Zunge gehorchte nicht.
Wieder einmal war sie in diesem quälenden Zustand zwischen Schlafen und Wachen gefangen, ein Durchgangsstadium, dem sie früher kaum Beachtung geschenkt hatte. Doch seit sie die Tabletten nahm, um überhaupt noch schlafen zu können, zog sich das Erwachen hin, manchmal bis zu einer Stunde, vielleicht waren es auch nur Minuten, sie konnte es nur schwer einschätzen. Drei Melperon schluckte sie jeden Abend, drei kleine, weiße Tabletten mit gewaltiger Wirkung: Die Zeit wurde flüssig, Sekunden wurden zu Kaugummi und Minuten zu einer Ewigkeit, in der unheimliche Kreaturen erwachten. Klagend, flehend, schön oder hässlich waren diese Kreaturen – wie auf den Gemälden der surrealistischen Maler.
Linda hörte das Schlagen einer Turmuhr.
Wieder roch sie den Rauch einer Romeo y Juliet, der sich mit dem Geruch des Putzmittels vermischte.
Benjamin?
Sie träumte, eine Treppe nach oben zu steigen, die aus Knetmasse war und das Geräusch ihrer Schritte verschluckte. Köpfe tauchten aus der Masse auf, auch Schlangen, auf die sie treten musste. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass Benjamin oben an der Treppe auf sie wartete und lächelte; aber je näher sie kam, desto mehr löste er sich auf in einem gelblichen Nebel, der ihn umgab.
Warte! Benjamin! Ich muss mit dir reden.
Linda ging schneller. Ihre Beine rutschen unter ihr weg wie weichgekochte Spaghetti.
Warte!
Seit Linda in Marienberg war, musste sie dafür kämpfen, aufwachen zu können. Obwohl ihr Körper währenddessen ruhig im Bett lag, war die Prozedur für sie anstrengender als ein Zehnkilometerlauf. Wenn sie erwachte, war sie schweißgebadet. Wenn sie erwachte, wusste sie, dass ihr Unbewusstes mit dieser Knetmasse ein treffendes Bild für den chemisch herbeigeführten Schlaf gefunden hatte, der sie für ein paar Stunden die Hölle vergessen ließ, in der sie seit Monaten lebte.
Seit fünf Monaten, um genau zu sein.
Seit dem 8. März. Niemals würde sie diesen Tag vergessen, an dem ihr Mann tot auf dem Diwan in seinem Behandlungszimmer gelegen hatte.
Benjamin?
Wieder schlug die Turmuhr.
Und dann hörte sie dieses seltsame Geräusch.
Bitte nicht.
Es war sein Atem. Langsam, sehr langsam sog er die Luft ein. Ein Röcheln folgte. Dann, einen quälenden Moment lang, passierte gar nichts. Er schien die Luft anzuhalten. Stille trat ein, jene Stille, die unheilvoll war wie der Moment, in dem sich alles veränderte – aber nicht zum Guten.
O Gott, Benjamin, ich habe dich geliebt, bitte glaub mir das!
Dann, endlich, atmete er wieder aus. Sie hörte ein langgezogenes Zischen, mit dem die angestaute Luft entwich. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Denn im selben Moment, in dem er ausatmete, traf ein Hauch auf ihren Hals. Linda erstarrte. Dieser Atem war böse, auf eine erotische Weise böse, als säße ein Fremder an ihrem Bett, der Benjamins Körper nur als Versteck benutzte.
„Linda“, flüsterte er.
Nein! Lass mich!
Sein Atem war ganz nah an ihrem Ohr. Und dort flüsterte er beinahe zärtlich: „Linda.“
Lindas Nackenhaare stellten sich auf. Sie fühlte die feinen Härchen überdeutlich, jedes einzelne Härchen richtete sich auf, zuerst in ihrem Nacken, dann auf ihren Armen und zuletzt auf der Innenseite ihrer Schenkel. Sie erschauderte.
„Gefällt dir das?“
Nein! Geh weg. Lass mich!
Der Mann, der an ihrem Bett saß, war Benjamin. Das war seine Stimme. Sie bildete sich das nicht ein.
„Linda“, hauchte er. Er sagte: „Meine Linda.“
Doch etwas an seiner Stimme war anders. Nur was? Was? Linda wusste, dass Benjamin tot war, selbst im Halbschlaf wusste sie das, aber der Mann, der an ihrem Bett saß, roch nach seiner Zigarre und nach seinem Aftershave, Taylor of Old Bond Street. Das war eindeutig der Geruch des Mannes, mit dem sie fast zwanzig Jahre verheiratet gewesen war.
Wieder schlug die Turmuhr.
Wieder seine Stimme: „Linda.“
Benjamin?
Diesmal kam bereits ein Lallen aus ihrem Mund. Lindas Beine zitterten, als sie versuchte, sich aufzurichten. Gleich hast du es geschafft! Ihre Augenlider begannen zu zucken, die Decke zur realen Welt wurde dünner.
„Linda“, flüsterte er und schob eine Hand unter ihr T-Shirt. Sein Daumen glitt über ihre Brustwarze.
Was tust du? Lass das.
Linda fühlte seinen Pullover auf ihrer Haut, 80 Prozent Kaschmir, 20 Prozent Baumwolle. Sie selbst hatte Benjamin diesen Pullover geschenkt. Der weiche Stoff verursachte ihr eine Gänsehaut, wieder richteten sich die Härchen auf ihrer Haut wie Tänzer auf. Nur dass es keine Tänzer waren, sondern Dämonen aus Goyas Höllenbildern, Schmerzen, Sehnsucht.
Oh Gott.
Etwas in ihr stöhnte auf, etwas, das sie weggesperrt hatte, um zu überleben. Sie wünschte sich so sehr, dass Benjamin es war, der sie berührte, und zugleich betete sie, dass er es nicht war.
Bitte, lieber Gott, lass das nur ein böser Traum sein.
Als er seine Hand nach oben wandern ließ, wusste sie, weshalb er gekommen war.
„Warum hast du mir das angetan?“, fragte er.
Im Traum stand Linda jetzt ganz oben an der Treppe – mitten in dem gelblichen Nebel – und bekam keine Luft mehr.
„Habe ich nicht immer gut für dich gesorgt?“, fragte er. Dann schlossen sich seine Finger um ihren Hals.
„Nein!“, schrie sie und …
Plötzlich saß Linda aufrecht in ihrem Bett. Gierig rang sie nach Atem, keuchte, hustete und riss die Augen weit auf. Der Puls hämmerte in ihren Ohren. Das T-Shirt klebte an ihrem Körper, sie war nassgeschwitzt und verstört und blickte sich ängstlich um.
„Benjamin?“, fragte sie in die Dunkelheit hinein.
Sie lauschte.
Vom Park her fiel das milchige Licht der Gaslaternen ein. Die Rollläden blieben über Nacht oben, darum hatte sie gebeten. Linda starrte in das Halbdunkel hinein. Die Konturen des Zimmers nahmen langsam Gestalt an. Sie erkannte das Fenster, den Schreibtisch und die Stehlampe, sogar die einzelnen Glasstücke des Lampenschirms erkannte sie. Nur ihn erkannte sie nirgends.
„Ist da jemand?“, fragte sie.
Der Radiowecker auf ihrem Nachttisch zeigte 05:12 Uhr. Es war Sonntagmorgen, der 20. August, es war 05:12 Uhr, und sie war in der Klinik Marienberg. Linda wusste das, sie war nicht verrückt.
Zitternd schlang sie ihre Arme um den Oberkörper. Am liebsten wäre sie wieder in das große, dunkle Loch gefallen, das man Schlaf nannte. Doch sie befahl sich: Bleib wach! Denk nach! Sie schnupperte. Das war doch Rauch, der sich in den allgegenwärtigen Geruch des Desinfektionsmittels mischte, oder nicht? Die Tür war geschlossen. Linda blickte sich um. Wenn er also wirklich hier gewesen war, dann müsste er jetzt noch hier sein.
„Ist da jemand?“, fragte sie wieder.
Ein großer, dunkler Schatten wanderte über ihre Bettdecke. Das war nur das Fensterkreuz, das im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos wanderte, sagte sie sich.
Aber im Park fuhren keine Autos.
Linda sah sich um. Im Zimmer gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken: nur unter dem Bett, im Schrank oder hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie wieder.
Etwas knarzte.
Linda blickte zum Schrank hinüber. Es war ein großer, moderner Einbauschrank, in dem ein erwachsener Mann locker Platz gefunden hätte. Die rechte Schiebetür stand offen. Linda starrte auf den dunklen Spalt. Etwas blitzte hervor. Waren das Augen? Mit zitternden Fingern tastete sie nach der Taschenlampe, die sie für solche Fälle im Nachttisch bereithielt. Sie knipste sie an. Gespenstisch huschte der Strahl durch das Zimmer.
„Wer ist da?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Schrank.
Es war nur ihr Gürtel mit der silbernen Schnalle. Linda lachte, aber ihr Lachen klang seltsam.
In diesem Moment raschelte es hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Raumteiler. Bei Tag erinnerte sie der Paravent mit dem Blumenmuster an glückliche Zeiten. Es war ihr eigener Paravent, den sie mit in die Klinik genommen hatte. Jetzt wirkte das Gestänge aus schwarzem Metall wie ein Skelett. Linda ließ den Strahl tiefer wandern. Zwischen dem Paravent und dem Fußboden war ein Spalt von etwa fünfzehn Zentimetern.
Ihre Hand zitterte.
Sie erkannte keine Schuhe.
„Du hast geträumt“, sagte sie laut zu sich selbst. Und dann: „Benjamin ist tot.“
Der 8. März war eigentlich ein ganz normaler Mittwoch gewesen. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können.
„Benjamin“, flüsterte sie und spürte Tränen in ihren Augen. Sie ließ den Arm mit der Taschenlampe sinken und starrte auf den Lichtkegel, der auf das Parkett fiel.
An jenem Mittwoch war Linda den ganzen Tag über im Atelier gewesen. Das Atelier lag knapp zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt in einer ehemaligen Scheune. Zweimal die Woche, immer mittwochs und freitags, hatte Benjamin Privatpatienten zu Hause. Deshalb blieb Linda an diesen beiden Tagen länger als sonst im Atelier. Sie mochte es nicht, wenn Patienten bei ihnen zu Hause waren.
Der Lichtkegel verschwamm vor ihren Augen.
Nein, es gab keine Zeugen, die sie im Atelier gesehen hatten.
Linda fror.
Erst gegen halb acht war sie nach Hause gekommen. Nein, sie hatte sich nicht gewundert, dass ihr Mann nicht im Wohnzimmer gewesen war und auch nicht in der Küche. Und nein, sie hatte nicht sofort nach ihm gesehen. Erst als er gegen acht immer noch nicht auftauchte, war sie in sein Zimmer gegangen.
Ihre Zähne begannen zu klappern.
Linda betrat das Büro. Sie öffnete die Tür. Seit dem 8. März öffnete sie immer wieder diese schwere, lederbespannte Tür, die zu Benjamins Allerheiligstem führte, in sein Behandlungszimmer. Das Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers. Und da lag er: auf seiner Couch, blutüberströmt. Diesen Anblick würde sie nie mehr vergessen. Ebenso wie den Klang der Stimme ihrer Tochter Delphine, als sie gefragt hatte: „Mama?“
Nur deshalb war Linda froh, auf Marienberg zu sein, wegen Delphine. Es tat gut, wenn ihre Tochter an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt.
Ein kalter Hauch streifte Lindas Hals.
Linda wischte sich die Tränen ab und richtete die Taschenlampe zum Fenster hinüber. Konnte das sein? Erst jetzt bemerkte sie, dass das Fenster offenstand.
Niemand durfte das Fenster öffnen.
Zu ihrer eigenen Sicherheit.
Linda drückte die Klingel über ihrem Bett. Dann stand sie auf. Ihre Beine waren noch schwach, sie zitterte, aber sie musste es nur bis zum Fenster schaffen. Hinter ihr knarzte es, doch sie drehte sich nicht um. Benjamin war tot. Es gab keine Gespenster! Linda ballte die Hand zur Faust. Wie naiv war sie doch gewesen, zu glauben, dass ihr der Gerichtsprozess das zurückgeben würde, was man ihr genommen hatte:
Ihre Würde.
Ihr Zuhause.
Ihr Kind.
Doch das Letzte, was sie ihr nehmen wollten, würden sie nicht bekommen: Ihren Verstand.
Wieder knarzte es.
Nein, sie war nicht verrückt.
Zumindest hatte sie das geglaubt – bis zu diesem Augenblick, in dem sie sich doch umdrehte.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Patient 211
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Auftragskiller aus der Anderwelt: Anna Kleve, Das Geheimnis seiner Aura [Leseprobe]

geheimnis-seiner-aura-introArawn ist ein Peryton, ein Mischwesen mit übernatürlichen Kräften — und zugleich ein gefürchteter Auftragskiller. Seine neueste Mission führt ihn in die Welt der Menschen: er soll den Studenten Erik um die Ecke bringen, ein auf den ersten Blick erstaunlich gewöhnliches Wesen ganz ohne magische Kräfte. Merkwürdig scheint nur Eriks starke Aura — was hat es damit auf sich? Arawn wird neugierig, und beginnt sogar, Erik zu beschützen, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege — ausgerechnet Arawn und Erik führt es schließlich auf eine Reise zur legendären Trollhexe, und in den Kampf gegen gemeinsame Feinde aus der Anderwelt. Doch kann ein Peryton einem Menschen am Ende etwas anderers bringen als den Tod? Eins ist schon mal klar: Anne Kleves neuer Fantasy-Roman „Das Geheimnis seiner Aura“ bleibt spannend bis zum Schluss… Wer mehr über Arawn und seinen Auftrag erfahren will, kann gleich hier loslesen.


Anna Kleve: Das Geheimnis seiner Aura

1. Arawn – Killer


Ich habe nie daran gedacht, dass ich einmal zum Beschützer werden würde. Bei allem was ich in über 2000 Jahren getan habe, war eine Laufbahn als Bodyguard niemals in meinen Gedanken aufgekreuzt. Nur das Schicksal geht manchmal andere Wege und nimmt einem jegliche Wahl. Ich zumindest hatte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Wahl mehr gelassen bekommen …

Ich war ein Killer. Seit annähernd 2300 Jahren, um es genau zu nehmen. Mitgefühl, Freundlichkeit, Gnade – alles Worte, die für mich schon seit der Gründung der Stadt Aksum keine Bedeutung mehr hatten. Das brachte ein ganz bestimmtes Thema mit sich, über das ich nicht nachdenken wollte: Einsamkeit. Größer als die Antarktis, die größte Wüste der Welt – wenn auch eine Eiswüste. Nicht, dass ich mir je erlaubte darüber nachzudenken. Es war nicht wichtig, denn es gab nichts was ich weniger wollte, als … Gemeinsamkeit. Ich war nicht immer … alleine, aber ich hatte auch zu niemandem eine tiefe Verbindung.
Wenn jemand mich gefragt hätte, wie ich zu einer Karriere als Mörder gekommen war, würde ich antworten, dass mir der Tod im Blut liegt. Das wäre nicht einmal gelogen gewesen. Angefangen hatte es allerdings mit einer jungen Frau. Fast noch ein Mädchen. Atemberaubend schön und herzzerreißend unschuldig, nicht dass es mich interessiert hätte. Die nebelverhangene Abendröte schwand an jenem Abend gerade und die samtene Schwärze der Nacht streckte unaufhaltsam die Fühler aus, genau wie die Kräfte des Todes mein Blut erfüllten und sich unaufhörlich nach dem Leben dieses magischen Kindes – einer jungen Fairy – ausdehnten. Ich sah sie unter den Bäumen stehen, deren Blätter sich bereits herbstlich verfärbt hatten. Ein kurzer Windhauch ließ etwas von dem gefallenen Laub aufwirbeln und ich konnte den schweren Duft des Herbstes riechen: feucht und erdig. Der Geruch von etwas das ging und erst Monate später wiederkommen würde. So wie ich bereits wusste, dass ihr Leben gehen würde, nur mit dem Unterschied, dass dieses Leben niemals zurückkehren würde. Ich trat aus dem Schatten der Bäume und ließ das Laub unter meinen nackten Füßen rascheln. So wie ich dieses Geräusch bewusst hervorrief, konnte ich mich auch absolut lautlos bewegen. Je nach Bedarf. Die Frau – nein, eher doch ein Mädchen – drehte sich zu mir herum. Ihre leuchtend blauen Augen – rein und klar, wie ein Gebirgsquell – sahen mich geweitet an. Ich wusste was sie sah. Ein Mann, mit pechschwarzem Haar, zwar nicht allzu groß, aber muskulös, attraktiv – ohne dass ich angeben wollte. Es war klar, dass sie die schönsten Männer der Welt kannte – immerhin war sie eine Fairy und kannte die anderen wunderschönen Fairy: Männer wie Frauen – und doch sah sie mich mit dieser Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Faszination an. Ich hatte erst später begriffen, was es tatsächlich war. Nicht nur das Aussehen, es war noch etwas anderes. Die Aura von Gefahr und Dunkelheit, die besonders die … Guten … anzog. Geschöpfe, wie sie. Das Mädchen kam näher auf mich zu. Ein Lächeln erschien auf ihren vollkommenen Zügen. Von ihrem Körper strahlte eine angenehme Wärme aus, während mein Körper nach und nach zu Eis gefror. Ihr Atem streifte meine Wange, wie ein sanfter Blütenhauch. Zu sanft, für meinen Geschmack. Das Eis des Todes wanderte bis in meine Fingerspitzen. Sie kam noch etwas näher. Ich konnte ihren Duft von Rosenblüten wahrnehmen. Es hätte mich kaum weniger locken können. Meine plötzlich so eisigen Finger schlossen sich um den Dolch an meinem Gürtel. Die Kristalle am Griff kratzten an meiner Haut. Ich spürte wie die Finger des Mädchens meinen Handrücken berührten, warm und weich. Erst da zuckte sie vor mir zurück, als sie die Kälte spürte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über meine Lippen. Ihr Leben war vorbei, bevor ich den Dolch überhaupt gezogen hatte, denn ich konnte ihre Lebensenergie bereits versiegen spüren. Einen stetigen Strom, der immer langsamer und schwächer floss. Das zu bemerken dauerte nur einen Sekundenbruchteil. Ich zog den Dolch hervor und griff nach ihrer Hand. Die so schönen und reinen Augen des Mädchens waren weit aufgerissen, als sie die Kälte des schleichenden Todes nun deutlicher fühlen konnte. In den blauen Tiefen konnte ich erkennen, dass sich nun Angst in ihr ausbreitete. Bevor die Angst sie auch nur zu einer winzigen Reaktion veranlassen konnte, hatte der Dolch in meiner Hand sich durch ihren Oberkörper gebohrt, zwischen zwei Rippenbögen hindurch und direkt ins Herz. Der Dolch und die Kristalle – eine Konstruktion meines Vaters – begannen vor Lebenskraft zu pulsieren. Ich lächelte zufrieden, als ich die Kraft darin spürte. Der Funke des Lebens verschwand schnell aus den blauen Augen, die nicht länger strahlten und funkelten. Die Lebensenergie strömte wie ein gewaltiger Strom in mich hinein. Ihr Körper wurde kalt und leblos. Die Schönheit im Tod eingefroren. Ich begann zu zittern. Immer mehr Kraft flutete mich und ihr Körper entglitt meinen Händen. Es war rein, kraftvoll, beinahe übermächtig. Mein Dolch fiel zu Boden. Ich wich zurück. Angst breitete sich unendlich weit in meinem Körper aus. Zu spät! Es wurde mir zu spät bewusst. Ich liebte es. Diese Kraft, diese Energie. Es war nicht zu vergleichen mit den Tieren, die ich getötet hatte, um zu leben. Ich würde es nie vergessen. Nein! Ich wollte es immer wieder spüren. Es konnte süchtig machen. Dieses Aroma hatte mich bereits süchtig gemacht. Ich würde mich nicht mehr nur mit Tieren begnügen können. Das war mir sofort klar gewesen. Nicht, dass es mein Gewissen je besonders belasten würde.
Ich kehrte unbemerkt nachhause zurück. Es war nicht verwunderlich, dass mein Auftraggeber bereits alles was ich gefordert hatte dort hinterlassen hatte. Natürlich! Niemand würde jemals daran zweifeln, dass ich ein Opfer töten würde. Ich war der Geist des Todes: Arawn, der Peryton, der das Leben seiner Opfer verschlang, ohne dabei Skrupel zu verspüren. Das kleine, fast zerbrechlich wirkende Instrument blieb auf der Bank liegen, während ich das glänzende Schwert aufhob. Mein Dolch lag immer noch hunderte Meter entfernt neben einer Leiche. Er war die Vergangenheit. Beinahe. Eines musste ich noch erledigen. Das Schwert in meiner Hand dagegen die Zukunft. Ein seltenes Stück. Über 2000 Jahre später vollkommen einzigartig. Und mit diesem Schwert war ich am trainieren, als ich den Auftrag erhielt, der mein Leben für immer auf den Kopf stellen sollte.

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Autorin & Copyright: Anna Kleve

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Anna Kleve,
Das Geheimnis seiner Aura
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro

Und täglich grüßt der Siebenschläfer: „Visum fürs Paradies“ von Adrian Feder [Leseprobe]

visum-fuers-paradies-intro13 Umzüge, 13 Neuanfänge. Doch diesmal scheint der 12jährige Liam — geboren am Siebenschläfer-Tag — tatsächlich Wurzeln zu schlagen. Dass er endlich seine Unnahbarkeit gegenüber den Mitmenschen aufgibt, hat viel mit der neuen Nachbarin Jennifer zu tun: schon bald sind beide unzertrennlich. Auch später wird er seine Jugendliebe nie vergessen können, selbst als mit Claire längst eine andere Frau in sein Leben getreten ist. Doch mit den Jahren halten ihn jene verschütteten Sehnsüchte fest, denen er auf den Grund gehen will. Um sich zwischen den beiden Frauen zu entscheiden, beschließt er, aus der Alltagswelt auszusteigen – und macht sich auf die Suche dem „Visum fürs Paradies“. Aber gibt es das überhaupt? Hier schon: Der Titel von Adrian Feders neuem Roman ist Programm – Liam bewegt sich an der Außengrenze der Wirklichkeit. „Ich liebe und schreibe Geschichten, die einen surrealen Hauch bieten“, so der Autor über sich selbst. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel…


Adrian Feder, Visum fürs Paradies

1. Kapitel


Mein zwölfter Geburtstag fiel auf den 27. Juni 1997 – der Tag, an dem ich das dreizehnte Mal umzog und ein Privileg verlor. Jahr für Jahr wechselte ich die Klasse und meine Eltern schleppten mich durch halb Norddeutschland. Geriet ich in eine missliche Lage, wusste ich, dass mich nach zwölf Monaten ein Umzugswagen in eine neue Richtung fuhr. Ich musste mich nur im Beifahrersitz zurücklehnen und meinem Vater zuschauen, wie er das Lenkrad umher riss und auf unsere neue Heimat zusteuerte. Hier lag der Ursprung dafür, weshalb ich vom Leben eine einfältige Vorstellung besaß. Eine Vorstellung davon, dass meine Kindheit ohne nennenswerte Verstrickungen verlaufen würde: Ein Vorzug, den ich als Junge wertschätzte und eben als Privileg empfand.
Sage ich, dass mich niemand beim Namen nannte, übertreibe ich, aber in dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, einfach nur »der Neue« zu sein. Wenn ich erstmals einen Klassenraum betrat, rief immer einer der Jungs: »Der Neuling ist da.« Im Falle, dass ich in ein Fettnäpfchen trat oder eine der örtlichen Begebenheiten mir fremd war, hörte ich: »Du bist doch neu. Das kannst du noch nicht wissen.«
Am ersten Schultag in der ersten Stunde der vierten Klasse verlor dieses Privileg an Kraft: Der Klassenlehrer blätterte die Namensliste durch und löste die Sturzgeburt meines Charakterfehlers aus.
»Deine Schwester unterrichtete ich schon damals. Fein, fein«, sagte er zum Mädchen, links neben mir. Mit seinem Bleistift zeigte er als Nächstes auf mich.
Ich schob den Stuhl zurück, stand auf und stellte mich pflichtbewusst vor: »Ich bin Liam.«
Die schlimmste Reaktion, die ich bisher erlebte, war gar keine Reaktion – das dachte ich. Wegen der Stille und den Augen des Lehrers, der die Liste anstarrte, ergänzte ich meinen Drei-Wörter-Satz: »Das ist die Abwandlung von Wilhelm, wie der Kaiser Wilhelm.«
Ohne es zu ahnen, lieferte ich die Vorlage dafür, dass ich für ein Jahr nicht der Neue heißen sollte, sondern »Kleiner Kaiser«. Rückblickend erwies sich dies als das geringere Übel.
Ich setzte mich hin, um den Kommentar abzuwarten (einige kicherten in den hinteren Reihen, was ich aber geflissentlich ignorierte). Der Lehrer übersprang mich und wanderte mit dem Stift zum Klassensprecher neben mir: »Deinen Vater kenne ich aus dem Kindergarten. Ja, ja.«
Der Unterschied zwischen den Äußerungen zu meinen Sitznachbarn und dem Schweigen, das mir galt, erschuf in mir ein Vakuum – als stürze ich in eine Kluft. Entweder aß ich tagsüber nichts oder saß geistesabwesend vor dem Fernseher. Vielleicht versuchte ich, dem Gefühl gerecht zu werden, wer ich war. Ein Gefühl, jemand zu sein, auf den es keine Reaktion gab.
Meine Erleichterung, von diesem Ort wegzuziehen, fiel damals schwächer aus, als ich es mir erhofft hatte. Die fünfte Klasse stellte einen Neuanfang dar, der von einem Rauschen begleitet wurde – ähnlich dem Rauschen eines Radios, das nach Empfang suchte. Behauptete irgendwer, ich führe das Leben eines Einsiedlers, würde mich das kränken. Das Schlimme daran ist nicht, dass es stimmte, sondern dass mich mein Leben nie störte und dass ich bin, was ich bin: ein Einsiedler.

Bezogen wir ein neues Haus, ließ ich alle Kisten und Kartons für sechs Monate im Zimmer stehen. Sah meine Mutter die leeren Regale, fragte sie besorgt nach dem Grund. Ich verkaufte es immer als Protest (getreu dem Motto: Ich habe fürs nächste Jahr gepackt). Im besagten Sommer 1997 sollte es nicht soweit kommen: Ich lernte Jennifer kennen.
Genauso wie ich erreichte sie bald das zwölfte Lebensjahr. Unsere beiden Grundstücke trennte exakt ein Kartoffelfeld und sie wohnte wortwörtlich einen Katzensprung von mir entfernt. Als Nachbarin besuchte sie uns öfters und half meinen Eltern, das Geschirr aus dem Zeitungspapier zu wickeln. Saßen wir in meinem Zimmer, strich sie sich die Haare hinters Ohr und begutachtete die leeren Regalflächen, auf denen sich allmählich Staub ansammelte. Sie wippte mit ihren Beinen und fragte: »Warum willst du hier nicht wohnen?«
»Ich bin am Siebenschläfertag geboren«, fing ich an.
Regnet es am Siebenschläfer, fallen sieben Wochen lang Regentropfen vom Himmel (so lautet eine Bauernregel). Genau an diesem Tag, an dem ich zur Welt kam, fasste meine Familie einen Entschluss, der sich zu einer Art familieneigenen Tradition entfaltete: Wir zogen um. Es brauchte einige Wochen und wir siedelten mit mir als Export von West-Berlin nach Niedersachsen. Als Siebenjähriger dachte ich, die Bauern irrten sich. Statt der sieben Wochen musste der Siebenschläfer sieben Jahre dauern.
»Niemand stellt sich gerne den Dingen des Lebens«, erklärte Jennifer. »Bestimmt konntest du es so leichter ertragen und daran ist nichts verwerflich. Rentner benutzen Gehhilfen und Kinder fahren mit Stützrädern.«
Trotz ihres Alters fühlte ich, als spräche ich mit einer Erwachsenen. Nachdem sie in mein Leben trat, geriet meine Weltordnung heillos durcheinander und ich verwarf meine These. Selbst jemand wie ich begriff eines Tages unwillkürlich: Etwas an meiner Denkweise stimmte nicht. Dass die Welt sich komplexer als eine Bauernregel verhielt, verstand ich früher schon. Mit Jennifer gelang es mir nicht länger, vor dieser Erkenntnis zu flüchten.

Mein neues Zuhause entpuppte sich als ein ehemaliger Bauernhof. Im einstigen Stall hingen an allen Ecken Spinnenweben herunter und in den Futterbahnen fanden wir vereinzelt Weizenkörner. Zur Terrasse hinaus lag eine Wiese, die von Löwenzahn und Gänseblümchen überzogen wurde. Direkt nebenan grenzte ein Fluss und der dichte Wald umrandete unser Grundstück, um vor fremden Blicken zu schützen. Der Fußboden in der Diele bestand aus echtem Nussbaum. Liefen Jennifer und ich über den Holzboden, knarrte er. Auch wenn die Anzahl an Räumen keinen Unterschied zum vorherigen Haus machte, gefiel es mir hier. Als Kind hatte ich einige Immobilien gesehen, weswegen ich mich in der Hinsicht gut auskannte.
Eines Tages lag ich im Garten auf einem dieser Liegestühle aus dem Baumarkt. Um alles in der Welt setzte ich mir das Ziel, in den letzten Ferientagen so viel Sonnenlicht wie möglich in mir aufzunehmen. Plötzlich prallte auf meine Füße frostklirrendes Wasser. Ich zuckte zusammen und in sämtlichen Knochen schüttelte sich jedes Stück Kalzium vor Kälte. Jennifer stand vor mir mit einer Gießkanne in der Hand, und beugte sich über mich.
»Was tust du da?«, motzte ich.
»Damit du Wurzeln schlägst.«

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Autorin & Copyright: Adrian Feder

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Adrian Feder, Visum fürs Paradies
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Digi-Freundschaft, alte Narben & echtes Vertrauen: J. Vellguth, Das Päckchen [Leseprobe]

das-paeckchen-introBibliothekarin Emma liebt Bücher über alles. Genau wie die Kinder und Jugendlichen, die ihre Bibliothek besuchen. Als durch einen Wasserschaden plötzlich die Betriebs-Schließung droht, ist Emma am Boden zerstört. Ohne Bücher droht ihr ganzes Leben auseinanderzubrechen. Ob eine Spendenaktion helfen könnte? Doch keine Sorge, Rettung naht – nicht zufällig heißt J. Vellguths sommerlich-moderner Liebesroman „Das Päckchen“. Denn plötzlich trifft ein geheimnisvolles Päckchen ein, Absender ist ein gewisser „Lukas“. Emma kennt ihn nicht – umgekehrt ist das anders. Lukas ist nämlich ein Fan ihres Video-Kanals im Web, und er hat einen Plan. Das Päckchen besteht aus weiteren Päckchen mit exklusiven Fan-Material zu Emmas Lieblingsautor Richard Taylor. Die unglückliche Bibliothekarin soll damit Unboxing-Videos drehen, und so mehr Zuschauer erhalten, und potentielle Spenderinnen motivieren. Doch wer ist Lukas wirklich? Wie kommt er an die begehrten Fan-Artikel? Kann man jemandem vertrauen, den man nie wirklich getroffen hat? Mehr verrät unsere Leseprobe… Übrigens: Bis Ende Mai gibt’s „Das Päckchen“ im Kindle Shop für 99 Cent…


J. Vellguth, Das Päckchen

1. Kapitel


Emma trat schneller in die Pedale. Goldene Sonnenstrahlen wärmten ihr braunes Haar, der würzige Fahrtwind strich ihr durchs Gesicht, zupfte an ihrer blaugemusterten Bluse und duftete nach Sommer und frischen Blättern.
Wassertropfen sprühten glitzernd aus trocknenden Pfützen gegen die verschnörkelten Fassaden der Bonner Innenstadt. Aber Emma konnte an nichts anderes denken als an die Bücher, die sie gleich ins Sortiment aufnehmen durfte.
Andere Leute würden heute wahrscheinlich lieber die Arbeit hinschmeißen und den ganzen Tag im Freien verbringen. Aber dafür war die Mittagspause da und der Feierabend. Emma wollte nach zwei Wochen Urlaub nichts lieber als zurück zu ihren Geschichten. Endlose Reihen aus unbekannten Welten und fremden Universen. Dazwischen eine Schar von Kindern auf der Suche nach ihrem nächsten großen Abenteuer.
Doch sofort, als sie zur Kirche abbog und an der mit Bäumen umrandeten Wiese vorbeikam, schlich sich ein ungutes Gefühl in ihre Magengrube, das sie nicht genau bezeichnen konnte. Irgendetwas war falsch.
Sie hielt vor dem würfelförmigen Gebäude der Kinderbücherei und stieg ab.
Es wirkte so … dunkel.
Gut, sie hatte Frühschicht, da war das normal … trotzdem, ihr Bauch sagte, dass etwas nicht stimmte.
Sie öffnete ihren Rucksack mit dem niedlichen Motiv und dem Spruch Einhörner machen keine Scherze. Dann kramte sie in den unendlichen Weiten nach ihrem Schlüssel.
Natürlich hatte der sich wieder irgendwo versteckt. Genervt setzte sie die Tasche auf der breiten, roten Backsteinstufe ab und wollte gerade von Neuem auf die Suche gehen, da entdeckte sie das große, gelbe Schild an der Türe:
Betreten verboten.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie legte die Hand an das spiegelnde Glas der Türe, blickte hindurch und die gesamte Welt schien auf die Größe eines Sandkorns zusammenzuschrumpfen.
Auf dem Boden stand Wasser. Eine Deckenplatte war heruntergekommen und verteilte ihr poröses, weißes Innenleben auf dem Empfangstisch. Zwei der Regale waren umgekippt und ihr Inhalt verwandelte die graubraune Suppe auf dem Fußboden gerade in Pappmaschee.
Blanker, teerschwarzer Horror breitete sich in ihr aus. Lauter klatschnasse Bücher, in sich zusammengesunken, verklebt, verdorben, verloren.
Emma sog scharf die Luft ein und konnte es einfach nicht fassen. Das durfte nicht wahr sein. Vielleicht hätte sie die Anrufe von ihrer Kollegin doch annehmen sollen.
Jetzt stand sie da und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. So ein riesiges Elend.

***
Über eine Stunde hatte sie gebraucht, um herauszufinden, was passiert war. Die präziseste und nicht sehr hilfreiche Antwort auf ihre Frage lautete: Wasserschaden, nichts zu machen.
Ihre beiden Kolleginnen arbeiteten sowieso nur Teilzeit, die schien das Chaos nicht zu stören. Und was jetzt genau passierte, konnte ihr niemand sagen. Aber von einer Sekretärin aus der Führungsetage hatte sie hinter vorgehaltener Hand gehört, dass eine Restauration vielleicht nicht durchgeführt wurde.
Emma saß am Rand der Kirchwiese auf einer Baumwurzel, den Rucksack zwischen ihren Füßen und spürte, wie die letzten Jahre an ihr vorüberzogen. All die wundervollen Tage und die Freundlichkeit, mit der man sie damals hier aufgenommen hatte. Jetzt war das alles fort und vielleicht für immer zu Ende. Es fühlte sich fast so an, als wäre ihre Mutter gerade ein zweites Mal gestorben.
Das Holz des Stammes war angenehm warm an ihrem Rücken. Sie lächelte gezwungen in die Kamera und hielt den Atem an, während ein älteres Pärchen vorbeischlenderte.
Als die beiden außer Hörweite waren, stieß sie die Luft aus. Erleichtert schüttelte sie ihren braunen Zopf, um das Unbehagen aus ihrer Magengrube zu vertreiben, und konzentrierte sich wieder auf das Hangout, das sie schnell für Becky und die anderen eingerichtet hatte und dessen Aufzeichnung sie später online stellen würde, um nicht alles fünfmal erzählen zu müssen.
Auf dem Bildschirm schnitt ihre beste Freundin gerade beständig Grimassen.
»Hör doch auf, du bist albern«, sagte Emma.
»Bin ich gar nicht. Du bist albern. Warum spielst du denn mitten im Satz Statue?«, fragte Becky.
»Weil hier Leute vorbeigegangen sind?«
»Ach, und dann fühlst du dich besser, wenn sie denken du wärst eingefroren, statt einfach weiterzusprechen?«
Natürlich konnte Becky das nicht verstehen. Ihre beste Freundin hatte mit Peinlichkeiten nichts am Hut. Sie war immer völlig selbstbewusst, ganz egal, ob sie sich gerade geschmeidig auf der Tanzfläche bewegte oder im Bikini auf einer Wiese sonnte. Wahrscheinlich könnte Mick Jagger zu ihr in die Dusche spazieren und sie würde ihn lediglich bitten, ihr die Seife zu reichen. Höchstens bei Brad Pitt würde Becky vielleicht kurz zögern und dann nach etwas völlig anderem als der Seife fragen.
Als wollte sie das bestätigen, pustete Becky sich lässig eine feuerrote Locke aus der Stirn. »Also, zurück zum Thema. Was hast du jetzt vor?«
»Ich weiß nicht, wahrscheinlich komme ich vorübergehend in die Poststelle.« Ihr graute allein bei der Vorstellung. Nachdenklich lehnte sie sich zurück und blickte zum Eingang der Bücherei.
Wenn es wirklich so schlimm war, wie die Sekretärin behauptet hatte, dann konnte Emma ihren Job auch ganz verlieren.
Und nicht nur das.
Was sollte dann aus all den Kindern werden, die sich hier ihre wöchentliche oder sogar tägliche Dosis fantastischer Geschichten abholten?
Marie, die Nachbarstochter, zum Beispiel würde sicher am Boden zerstört sein. Falls sie es nicht schon längst wusste.
Wäre Emma in der letzten Woche mal aus ihrer Wohnung herausgekommen, hätte die Kleine ihr sicher bereits von dem Unglück erzählt. Doch wegen des schlechten Wetters hatte Emma sich mit ihren Büchern im Bett verkrochen.
Blöder Regen.
Weltenzerstörer.
Die Bücherei war schon so lange ihr zweites Zuhause, das durfte jetzt nicht einfach so vorbei sein.

»Mach doch weiter Urlaub.« Damit holte Becky sie aus ihren Gedanken zurück.
»Hatte ich doch gerade erst.« Im Chatbereich ihres kleinen Hangouts wurden drei Zuschauer angezeigt. Zwei davon stimmten Becky gerade zu, dass Emma die Zeit zum Lesen nutzen sollte, der dritte schwieg.
»Dir ist schon klar, dass Urlaub endlich ist und ich außerdem für mein Geld arbeiten muss?«
Becky winkte ab. »Du kannst die Bücherei ja schlecht von zu Hause aus betreiben, oder?«
»Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mir die Firma Geld fürs Herumsitzen bezahlt.«
»Macht sie doch jetzt auch schon.«
Emma schnaubte. »Scherzkeks. Ich meine fürs zu Hause herumsitzen, ohne Bücher zu verleihen.« Sie knetete auf ihrer Unterlippe herum.
»Und es kann echt sein, dass die Bücherei komplett dichtmacht?«, fragte Becky.
»Ja. Die Sekretärin, die ich gesprochen habe, meinte, sie hätte ein Telefonat mitgehört. Da hätte der Chef gesagt, dass er eine Renovierung ungern finanzieren möchte.«
Kathy und Bea aus dem Chat überhäuften sie mit schockierten Smileys und Becky klappte der Mund auf. »Die wollen die Kinderbücherei echt schließen? Die sind doch ein Jugendbuchverlag. Das können die doch nicht einfach so machen. Vor allem, weil sich die Bücherei in den letzten Jahren so toll gemausert hat.«
»Ich weiß. Aber die war ursprünglich sowieso nur ein Herzensprojekt seiner ersten Frau. Und wenn sie sich jetzt gar nicht mehr rentiert … ich könnte mir schon vorstellen, dass er sie dann einfach abstößt.«
»Das wäre ja schrecklich«, sagte Becky.
»Kannst du wohl laut sagen.« Sie dachte an Marie, ihre verschlissene Jacke und den Rucksack mit dem geplatzten Reißverschluss. Das durfte einfach nicht passieren.

Bücher waren wichtig, gerade für Kinder. Die Geschichten waren nicht nur eine nette, kleine Ablenkung vom grauen Alltag, sondern auch Freunde, Ratgeber und treue Wegbegleiter.
»Vielleicht können wir ja eine Unterschriftensammlung machen«, sagte Becky.
Emma ließ den Kopf gegen die Baumrinde sinken.
»Und dann? Davon wird die Sache für die Firma doch auch nicht rentabel. Nein, wenn, müssten wir irgendwie Geld auftreiben. Ich könnte vielleicht Werbung auf meinem Kanal schalten und ein paar Lesezeichen häkeln, um
sie zu versteigern.« Das wäre zumindest ein Anfang.
»Aber denkst du, das reicht?«, fragte Becky. »Vielleicht würde eine generelle Spendenaktion mehr Sinn machen.«
»Spenden? Meinst du, da macht irgendjemand mit?«
Ihr Blick fiel auf das kleine, rote Kästchen auf dem Bildschirm, in dem ihre Abonnentenzahl angezeigt wurde. Es gab genau siebzehn Menschen, die ihren Kanal verfolgten. Siebzehn Menschen, die mitmachen konnten, wenn
ihnen der Sinn danach stand, eine Kinderbücherei zu retten. Trotz aller Anstrengungen in den letzten zwei Jahren kam sie irgendwie nicht über die zwanzig Abonnenten hinaus.

Anonymus:Wie wäre es mit einem Gewinnspiel als
Dankeschön an alle Spender?

Emma betrachtete überrascht die Chat-Nachricht. Wer war das denn? Ein unbekannter Zuschauer? Becky schien das nicht zu stören, sie klatschte in die Hände. »Das ist eine geniale Idee! Eine Verlosung unter allen Spendern und wir helfen dir dabei, so viele Leute wie möglich darauf aufmerksam zu machen.«
Kathy und Bea waren sofort Feuer und Flamme.
Die Idee war gar nicht schlecht. Im Gegenteil, sie gefiel Emma richtig gut. »Allerdings bräuchten wir wahrscheinlich einen etwas größeren Anreiz als ein paar selbstgehäkelte Lesezeichen.«
Emma schob nachdenklich eine Strähne hinter ihr Ohr.
»Aber was?«, dachte sie laut nach. »Ich glaube nicht, dass ich etwas besitze, das jemand haben möchte …«

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

PäckchenEBook
J. Vellguth, Das Päckchen. Liebesroman
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Interstellare Mission ohne Wiederkehr: David Vandyke, Raumschiff Conquest [Leseprobe]

16_04_raumschiff conquest-coverWir schreiben das Jahr 2115: Fast vier Jahrzehnte lang befand sich Admiral Henrich J. Absen im Tiefschlaf – zusammen der übrigen Besatzung der „Conquest“, des mächtigsten Großkampfschiffs der Erdflotte. Nun liegt das Ziel der Reise direkt vor ihm – ein fernes Sonnensystem, 36 Lichtjahre von der Erde entfernt. Doch gibt es die Erde überhaupt noch? Die feindliche Flotte der außerirdischen „Meme“ hat das Sol-System rein rechnreisch längst erreicht, die große Entfernung verhindert allerdings die direkte Kommunikation – denn die jüngsten Meldungen von der Heimatfront sind 36 Jahre alt. Die Lichtgeschwindigkeit ist in David Vandykes Sci-Fi-Serie „Stellar Conquest“ nämlich auch im 22. Jahrhundert noch eine absolute Grenze – mit dramatischen Folgen. So bleibt der 30.000 köpfigen Besatzung der Conquest nur eins übrig: die vor vierzig Jahren geplante Mission durchführen. Und das heißt: im Blindflug den Kampf in der Tiefe des Raums aufnehmen, ein fremdes Sonnensystem erobern – und so vielleicht eine zweite Heimat für die Menschheit zu sichern.


David Vandyke, Raumschiff Conquest (Stellar-Conquest-Serie 1)

1. Kapitel

„Wecken Sie sie auf.“ Admiral Henrich J. Absen saß steif in seinem Schutzsessel und spürte, wie sich dieser perfekt an jede Bewegung anpasste. Er wirkte rau, ernst und bleich. Im „Sessel“ Zuversicht auszustrahlen war für jeden Kommandanten eines Schiffs wichtig. Da ihm die vom Feind übernommene Biotechnologie des Sessels nie besonders gefallen hatte, musste er sich dazu zwingen, nicht zu zappeln. Der Sessel erinnerte ihn zu sehr an den Stasis-Kokon, in dem er soeben vierzig Jahre verbracht hatte.
Wenigstens gehörte er zu den Ersten, die aufgeweckt worden waren: erst das biomedizinische Personal, dann die Offiziere und anderes wichtiges Personal nach Dienstgrad, und schließlich der Rest der Tausenden von Besatzungsmitgliedern.
Und dann gab es noch eine Million Kolonisten, die tief im Rumpf der Conquest in der Stasis schliefen. Aber sie würden dort bleiben, bis die Schlacht vorbei war.
„Aye, aye, Sir“, antwortete Doc Horton, die BioMed-Offizierin im Brückendienst. Sie sprach laut in die Bordsprechanlage, während sie ihre Worte zugleich über eine im Hirn implantierte Datenverbindung sendete. „BioMed-Leitung, hier ist die Brücke. Der Skipper sagt: Wecken Sie sie auf.“
Skipper. Das Wort, das sich Absen durch den Kopf gehen ließ, fühlte sich passend an. Er war jetzt ein Dreisterne-Admiral der Erdflotte, in einer vom Commonwealth abgeleiteten Dienstgradstruktur, aber er weigerte sich, einen Kapitän zu wählen, der sein Flaggschiff ‑ das massive Großkampfschiff EFS Conquest ‑ sowie die Kampfgruppe kommandierte, zu der die Conquest bald werden würde.
Manche nannten ihn deshalb arrogant, aber als der erfahrenste hochdekorierte Befehlshaber – überlebende Befehlshaber – hatte er diese Option. Wir haben die Angriffe der Meme auf die Erde jedes Mal zurückgeworfen, dachte er, aber zu welchem Preis? So viele gute Freunde sind tot.
Er blickte sich auf der Brücke um und war stolz auf seine sorgfältig ausgewählte Crew. Diese Überlebenden zahlreicher brutaler Angriffe der Außerirdischen auf das irdische Sonnensystem arbeiteten nun perfekt zusammen. Zumindest hatten sie es vor den vierzig Jahren der Stasis getan. Die meisten waren erst vor einigen Stunden wieder geweckt worden.
Natürlich hatten sie alle während der Reise ein Jahr dauernde Schichten gearbeitet, aber bei einer Besatzung von 30.000 auf dem Milliarden von Tonnen schweren Schiff stellte das keine Belastung dar.
„Nachrichtendienst, haben Sie Informationen über das Erdsystem?“ Absen wusste, dass alle diese Frage im Kopf hatten: Existiert meine Heimat noch?
Der wachhabende Offizier des Nachrichtendiensts antwortete: „Jawohl, Sir. Das kam gerade von der Analyseabteilung.“
„Senden Sie es an alle Stationen“, befahl Absen.
Die Mitglieder der Brückenbesatzung, die nicht mit wichtigen Aufgaben ausgelastet waren, lasen eifrig den kurzen Auszug auf ihren Bildschirmen:

 
LAGEBERICHT, ZUSAMMENFASSUNG: Sonnensystem am 25.5.2079 sicher. Feindliche Kampfgruppe entdeckt. Erreicht Erde in ca. einunddreißig (31) Jahren (Ankunftsdatum ?. ?. 2110) Geschätzte Stärke übertrifft vierundsechzig (64) Zerstörer. Militärisch-industrielle Berechnungen geben Abwehr durch Erdflotte eine Erfolgschance von dreiundvierzig (43) Prozent.
 
Es folgte ein ausführlicher Bericht voller Anhänge, aber für die meisten reichte die Zusammenfassung. Als ihnen die hässliche Wahrheit klar wurde, hüllte sich die Brücke in Schweigen.
Die Conquest und die Kampfgruppe, die sie darstellte, war sechsunddreißig Lichtjahre von zu Hause entfernt. Da nichts bekannt war, was die Lichtgeschwindigkeit übertraf, waren die Informationen von der Erde definitionsgemäß sechsunddreißig Jahre alt.
Die Anzeige auf der Brücke zeigte den 9. April 2115. Demnach hatte die feindliche Flotte das Sonnensystem bereits vor fünf Jahren angegriffen, irgendwann im Jahr 2110. Alle daheim könnten tot sein, oder hirnlose Wesen, die von den Meme absorbiert worden waren.
Eine Überlebenschance von dreiundvierzig Prozent. Vierundsechzig Zerstörer, dachte Absen entsetzt. Zerstörer – aber nicht im traditionellen Sinn eines Begleitschiffs in Flotten der Menschen. Der Name stammte aus von den Meme erbeuteten Informationen: „Zerstörer“ bezeichnete einfach dessen Funktion. Die Meme-Zerstörer waren riesige Schiffe, so mächtig wie sein eigenes Großkampfschiff, das selbst das größte und beste Kriegsschiff darstellte, welches die Erdflotte je produziert hatte.
Das beste Schiff vor vierzig Jahren, erinnerte er sich. Vier weitere Jahrzehnte der Entwicklung müssen zu enorm mächtigen Schiffen geführt haben.
Das hoffte er wirklich.

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Autor & Copyright: David Vandyke

16_04_raumschiff conquest-cover
David Vandyke, Raumschiff Conquest (Stellar-Conquest-Serie 1)
E-Book (Kindle Shop) 3,99 Euro

Kurd Laßwitz, „Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins“: Frühe deutsche Sci-Fi von 1871ff.

nullpunkt-lasswitz-cover-350x525Frankreich hat seinen Jules Verne, Großbritannien seinen H.G.Wells, nur die deutsche Science Fiction des 19. Jahrhunderts scheint merkwürdig namenlos zu sein. Gab es sie überhaupt? Für viele fängt Sci-Fi- made in Germany frühestens mit Hans Dominik an. Doch als der in den 1880er Jahren noch die Schulbank des Gothaer Ernestinums drückte, schrieb sein Mathematik- und Physiklehrer – ein Mann namens Kurd Laßwitz (1848 – 1910) — bereits seit vielen Jahren futuristische Kurzgeschichten und Zukunftsromane auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Ein besonders früher Roman aus der Feder von Laßwitz – „Bis zum Nullpunkt des Seins“ erschien bereits 1871 – und ist nun Teil des neuen (fast) gleichnamigen Sammelbandes „Bis zum Nullpunkt des Seins“ von ebooknews press. Die im 24. Jahrhundert spielende Story offenbart eine besonders spannende Form der „vergangenen Zukunft“ – einen Blick nach vorn aus der 150 Jahre zurück liegenden Perspektive des Deutschen Kaiserreiches. Die von Laßwitz skizzierte Gesellschaft ist voll globalisiert, gesprochen wird meist in der Universalsprache, Luftvelozipede rattern um riesige Wolkenkratzer, das Wetter wird nach Plan und auf Bestellung produziert, künstliche Sonnen beleuchten die Megastädte, Nachrichten und Literatur werden auf öffentlichen Fernschreibetafeln angezeigt. Nicht zuletzt hat die Erfindung des Geruchsklaviers die Kultur bereichert. Doch manches ist geblieben: Liebeshändel und der leidenschaftliche Streit um politische und kulturelle Fragen. So entspannt sich die dramatische Geschichte um das polyamore Dreiergespann aus Geruchspianistin Aromasia Duftemann-Ozodes, Wetterfabrikant Oxygen Warm-Blasius und dem Dichter Magnet Reimert-Oberton. (An den Doppelnamen sieht man übrigens, wie weit die Gleichberechtigung der Geschlechter in dieser Version 24. des Jahrhundert fortgeschritten ist…) Auch die weiteren hier versammelten Kurzgeschichten haben es in sich – etwa „Seifenblasen“, ein Ausflug in von fremden Wesen bevölkerte Mikrowelten; „Apoikis“, Reisebericht von einer im Atlantik endeckten High-Tech-Zivilisation, gegründet vor 2000 Jahren von griechischen Schiffbrüchigen; „Die Universalbibliothek“, eine informationstheoretische Spekulation, die nicht zufällit an Borges‘ „Bibliothek von Babel“ erinnert.


Kurd Laßwitz, Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins. Geschichtens aus der vergangenen Zukunft

Bis zum Nullpunkt des Seins. Erzählung aus dem Jahr 2371

Eine Luftdroschke schwirrte vor das Fenster, Oxygen führte sie. Er stellte die Schraube des Apparates horizontal, so dass die Drehung derselben den Wagen nur schwebend erhielt, ohne ihn fortzutreiben, befestigte das Fahrzeug am Fenster und trat mit freundlichem Gruß ins Zimmer. Aromasia eilte ihm entgegen und begrüßte ihn herzlich. Ihr folgte Magnet. Oxygen näherte sich, Aromasia an der Hand führend, dem Fenster und blickte in ein dort aufgestelltes Mikroskop.
«Allerliebst», sagte er, «ich gratuliere, Aromasia. Selten habe ich einen so vorzüglichen Urschleim gesehen, als diesen hier. Prächtig gelungen.»
«Dir zu Liebe, Oxygen», erwiderte seine Braut. «Ich weiß, wie sehr Du Dich freust, wenn ich mich Deiner kleinen Lieblinge annehme. So habe ich manche Stunde vor dem Mikroskop gesessen und der Zellbildung zugesehen.»
Es war damals Mode, den sogenannten Urschleim, das niedrigste organische Gebilde, aus anorganischen Stoffen zu ziehen. Professor Selberzelle hatte den Triumph gehabt, die erste zweifellose Urzeugung zu beobachten, und statt mit Papageien oder Schoßhündchen spielten Damen und Herren in ihren Mußestunden jetzt unter dem Mikroskop mit den zarten Urschleimtypen.
«Du bist später als gewöhnlich gekommen», fuhr Aromasia fort. «Du hattest viel zu tun?»
«Leider, ich bin sehr mit Bestellungen überhäuft, das Wetter ist bei uns ausnahmsweise trocken und ich habe alle Mühe, Wasser genug zu schaffen. Und heute hatte ich besonders viel zu besorgen, denn ich wollte mich für morgen freimachen. Ich habe Dir nämlich einen Vorschlag mitzuteilen — ich denke, Magnet, Du wirst auch dabei sein?»
Nun entwickelte Oxygen seine Idee.
Oxygen Warm-Blasius war seines Zeichens nichts Geringeres als — Wetterfabrikant; das heißt, er war Besitzer eines großen Etablissements, welches Apparate herstellte und verlieh, um Veränderungen in der Atmosphäre künstlich hervorzurufen. Dies geschah durch chemische und physikalische Kräfte; da wurden Dämpfe entwickelt, große Luftmassen erhitzt oder abgekühlt, obere Luftschichten in niedere Regionen gesogen, tiefere hinaufgepresst, Wolken gebildet und zerstreut. Oxygen’s Geschicklichkeit hatte sein Etablissement zu einem sehr beliebten gemacht.
«Ich habe also für morgen meine Geschäfte bereits geordnet», fuhr er jetzt fort, «um mit Euch eine kleine Partie für den ganzen Tag zu arrangieren. Es ist nämlich gerade morgen einer der so sehr seltenen Tage, an denen die ganze nördliche Erdkugel heiteres Wetter besitzt und wir können daher unsern Ausflug beliebig einrichten, ohne künstlicher Hilfe zu bedürfen oder irgend eine Störung befürchten zu müssen.»
«Und wohin willst du?» fragte Magnet.
«Ich schlage vor, nach dem Niagara-Fall zu fahren. Anfänglich dachte ich an die Nilquellen, aber dort waren wir erst im Winter, und in den Tropen ist auch der Aufenthalt in gegenwärtiger Jahreszeit nicht gerade angenehm.»
«Zum Niagara», rief Aromasia, «das hast du gut ausgedacht, Oxy! Aber da müssen wir wohl zeitig hinaus?»
«Wenn wir um sechs Uhr abfahren, so haben wir genug Zeit, auch ohne unsere Maschine zu sehr anzustrengen. Selbst wenn wir uns vier Stunden* am Falle aufhalten, können wir um 10 Uhr Abends wieder zurück sein. Sechs Stunden brauchen wir zur Hinfahrt. Ich würde aber vorschlagen, lieber schon um vier oder ein halb fünf Uhr, gleichzeitig mit der Sonne, aufzubrechen. Da wir nach Westen fahren, können wir unsere Geschwindigkeit so wählen, dass wir der entgegengesetzten Drehung der Erde ganz genau das Gleichgewicht halten und sie für uns paralysieren. Wir genießen dann, den Blick zurückgewendet, das Schauspiel eines sechsstündigen Sonnenaufgangs, der sich auf dem atlantischen Ozean ganz prachtvoll macht —»
«Vor uns den Tag und hinter uns die Nacht» zitierte Magnet.
«Eigentlich müsste es bei uns umgekehrt heißen», meinte Oxygen, «aber wir müssen die Alten verbrauchen, wie sie
sind.»

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Kurd Laßwitz, Bis zum absoluten Nullpunkt des Seins. Geschichten aus der vergangenen Zukunft
E-Book 0,00 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

[Leseprobe] Drei gegen den Weltenbrand: Sarah Marie Keller, Ein dunkler Funke

dunkler-funke-introWas für Gefährten: ein Mensch namens Garian, eine Elfe namens Taya, soweit so gut. Doch ein Mensch, eine Elfe, und ein Ork? Kann das gutgehen? In Sarah Marie Kellers Fantasy-Roman „Ein dunkler Funke“ – geschult an Vorbildern wie Tolkien, Holhbein oder Paolini – geht das durchaus. Der Ork Uruk ist kein Krieger, sondern ein Bücher verschlingender Gelehrter. Und er weiß: fünfhundert Jahre nach dem „Weltenbrand“, dem grausamsten Krieg aller Zeiten, ausgefochten mit magischen Waffen, droht neue Gefahr. Damals war es dem legendären Erlöser Dalan zu verdanken, dass die Völker der Menschen, Elfen und Orks der völligen Vernichtung entgingen. Dalans letzte Prophezeiung jedoch schwebt seit dem als Drohung über den freien Königreichen: eines Tages wird ein zweiter Weltenbrand das schwarze Feuer über die Erde bringen. Doch wer wird Menschen, Elfen und Orks diesmal erlösen? Als die Gefährten Darian, Taya und Uruk im tiefen Wald dem Magier Noa begegnen, wird schnell klar: sie werden eine wichtige Rolle spielen, wenn der dunkle Funke den neuen Brand entzündet. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Sarah Marie Keller, Ein dunkler Funke

1. Kapitel: Garian

Ich kann es schaffen, dachte Garian Daralos. Seine Stirn stand wie der Rest seines Körpers in Schweiß und durchnässte sein Stirnband, während sein dunkelblondes Haar in dünnen Strähnen zusammenklebte. Heute kann ich ihn besiegen!
Der junge Mensch täuschte einen Schritt zurück an, doch im selben Moment ließ er sein hölzernes Übungsschwert vorpreschen, direkt auf die gepanzerte Brust seines Gegners zu.
Noch in der selben Sekunde wurde der Angriff abgewehrt. Als die andere Waffe sein Schwert traf, spürte Garian das Holz vibrieren und seinen Arm schmerzen.
„Ist das alles, was du zu bieten hast?“ fragte die blechern klingende Stimme seines Gegners. Der große Ritter war in pechschwarze Kleidung gehüllt, über der er eine pechschwarz lackierte Rüstung trug. Die breiten Schulterstücke und der mächtige Brustpanzer aus Terylium ließen ihn übermenschlich wirken. Das heruntergeklappte Helmvisier verdeckte sein Gesicht vollständig und verzerrte seine Stimme. In den Panzer waren Ornamente eingearbeitet, die an dornenbesetzte Rosenranken erinnerten. Der sanfte Sommerwind spielte mit einem nachtblauen Umhang.
Der schwarze Ritter ließ sein Schwert wirbeln. Jede seiner Bewegungen schien ein tödlicher Tanz. Garian wusste, dass er nur mit ihm spielte.
Der Junge griff wieder an, sein Schwert zuckte voran, aber sein Gegner parierte in der selben Sekunde. Garian wirbelte herum, sein Angriff wurde wieder abgewehrt. Er täuschte einen Ausfall zur Seite an, sein Gegner fiel darauf herein. Garian glaubte, eine Chance zu haben, er schwang seine Waffe so schnell, dass ihr das Auge kaum folgen konnte – doch im richtigen Moment tauchte das Schwert des Gegners auf, um seinen Schlag abzufangen.
Nun griff der Ritter an. Seine Schläge kamen so schnell hintereinander, dass Garian beinahe schwindlig wurde. Das Schwert durchschnitt pfeifend die Luft, als spielte es zu dem Tanz eine kleine Melodie.
Die ersten fünf Hiebe konnte Garian mehr aus Reflex als durch Benutzung seines Verstandes abwehren; einmal wäre er getroffen worden, wäre er nicht wie ein Frosch zur Seite gesprungen. Ihr Götter, dachte er und schluckte. Wie konnte ein Sterblicher nur so kämpfen? Die breite Rüstung schien den Ritter nicht im geringsten zu behindern. Jede seiner Bewegungen wirkte perfekt choreographiert, wie ein tödlicher Tanz.
Garian rang nach Atem, während Schweißtropfen seine Stirn herunter liefen. Sein Brustkorb ging auf und ab, und seine Beine zitterten vor Erschöpfung, doch er ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen.
Der Ritter gönnte ihm eine nur Sekunden dauernde Verschnaufpause, als er angeberisch sein Schwert in der Hand wirbeln ließ. Im nächsten Moment sprang er Garian wie ein Raubtier an. Der Junge erschrak, sein Schwert zuckte hoch, er konnte den Angriff gerade noch abwehren. Und dann ging es weiter. Parieren, Ausweichen, Schlagen, Parieren, Antäuschen, Rückzug, Angriff – das alles in einem atemberaubenden Tempo, so dass ein ahnungsloser Zuschauer denken konnte, die Götter trieben die Zeit für die beiden voran.
Bereits seit einer Stunde kämpften sie auf dem Übungsgelände der Sturmklingen, einem sandigen, von hohen Mauern umgebenen Gelände, ganz in der Nähe des königlichen Palastes. Hier und da standen Soldaten aus Holz, die darauf warteten, in Kampfübungen zu Sägespänen verarbeitet zu werden. Hinter den Mauern konnte man die Ziegel der umgebenen Häuser erkennen. Überall um Garian herum war das Zeichen des Ordens zu sehen: zwei gekreuzte, weiße Schwerter.
Hier wurden die Sturmklingen zu begnadeten Kämpfern ausgebildet, lernten den Umgang mit Schwert und Armbrust, Pfeil und Bogen, Lanze und Speer, und auch den Kampf mit keinen anderen Waffen als ihren bloßen Händen, die den anderen Kampfinstrumenten an Tödlichkeit in nichts nachstanden.
Garian dankte den Göttern, dass an diesem warmen Nachmittag keine anderen Sturmklingen zugegen waren, um mit anzusehen, wie er zum tausendsten Mal einen Kampf verlor.
Nein! sagte er sich entschlossen, während er pausenlos und unter Aufbringung all seiner Kraft die Hiebe seines Gegners parierte. Ich kann ihn besiegen! Ich habe so viel gelernt!
Er sah sein eigenes, von Entschlossenheit verzerrtes Gesicht in dem faustgroßen, weißen Kristall widerspiegeln, der auf dem Brustpanzer seines Gegners funkelte, dort, wo das Herz saß. Ohne dass er es bemerkte, trieb ihn der Ritter immer weiter zurück, einer der Wehrmauern entgegen.
Garian war siebzehn Jahre alt. Seit er denken konnte, war er nur von einem einzigen Wunsch erfüllt gewesen: eines Tages auch zu den königlichen Rittern zu gehören. Eine Sturmklinge zu werden und das Königreich vor seinen Feinden zu schützen. Mit dreizehn Jahren hatte er begonnen mit dem Schwert zu trainieren, lernte waffenlose Angriffstechniken und zu denken wie ein Ritter des Königreiches Minaskai.
Es nutzte alles nichts. Egal, wie sehr er sich auch anstrengte, er hatte niemals gewonnen.
Das Schwert des Ritters, ebenfalls aus Holz, durchschnitt die Luft und traf erneut auf Garians Schwert. Doch diesmal war die Wucht des Aufpralls so hart, dass Garian, ohnehin durch seine Gedanken abgelenkt, ungewollt seinen Griff lockerte. Sein Schwert flog durch die Luft und blieb auf dem sandigen Boden liegen.
Nein! NEIN!
Und wieder ein verlorener Kampf. Der wievielte war es? Garian hatte keine Ahnung, aber er war sicher, dass die Zahl seiner Niederlage mittlerweile die Millionengrenze überschritten hatte.
Fassungslos blickte er seinem Schwert nach; in der selben Sekunde legte sich der dunkle Schatten des Ritters über ihn. Sein Gegner hielt den Griff seiner hölzernen Klinge mit beiden Händen und zielte mit der Spitze auf Garians Herz. Die Sonne schimmerte matt auf seiner finsteren Rüstung und Garian konnte nicht einmal seine Augen erkennen: das Gesicht blieb nach wie vor hinter dem finsteren Visier verborgen.
„Du bist geschlagen“, sagte der Ritter. Seine Stimme war trocken und nüchtern, doch durch den Gesichtsschutz hindurch klang sie metallisch. „Du bist tot.“
Garian wollte rückwärts fliehen, doch eine Mauer hielt ihn auf. Er wollte zur Seite ausweichen, doch sein Gegner war schneller: Garian spürte das harte Schwert, das ihm an die Rippen stieß. Eigentlich war es nicht sehr schmerzhaft, trotzdem tat es ihm so weh, dass er hätte schreien können.
Du bist tot. Die Worte seines Gegners hallten in seinem Kopf wider, jede einzelne Silbe war ein Stich in sein Herz. Egal, was ich tue, ich verliere immer. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte.
„Garian?“
Nun, wo der Kampf vorbei war, schlich sich der Junge an seinem Gegner vorbei. Mit herabgesunkenen Schultern und gesenktem Haupt marschierte er auf der Suche nach seinem Schwert über das staubige Übungsgelände. Wem mache ich eigentlich etwas vor? überlegte er.
„Garian? He, ist alles in Ordnung?“
Vielleicht war er gerade gut genug, um Schweinehirt oder Maurer zu werden. Aber ein Ritter der königlichen Streitkräfte? Niemals!
Er bückte sich und hob sein Holzschwert vom Boden auf. Die Waffe sah aus, als habe ein Ork seine mächtigen Hauer daran ausprobiert. Warum kann ich mich nicht damit abfinden? Ein bitteres Lächeln umspielte seinen Mund, als er daran dachte, wie er vorhin wirklich davon überzeugt gewesen war, eine Chance zu haben!
Eine Hand legte sich auf seine enttäuschte Schulter. Eine sanfte Stimme sagte: „Nimm es nicht so schwer. Du hast hervorragend gekämpft.“
Garian drehte sich nicht um. „Das sagst du nur, um mich zu trösten.“
„Garian, sieh mich an.“ Die Stimme wurde ernster, fordernder. Garian drehte sich um. Der Ritter hatte mittlerweile seinen Helm abgenommen. Darunter kam ein schmales, menschliches Gesicht mit vorstehenden Wangenknochen zum Vorschein. Ein kurzer Bart umrahmte die Oberlippe und das energische Kinn. Das volle Haar des Mannes war wie das Garians schweißverklebt. Es war tiefschwarz wie Kohlen, doch an den Schläfen bereits ergraut. Graublaue Augen unter dicken, schwarzen Brauen blickten Garian ernst an. Ihre Farbe erinnerte an Stahl. Die Nase war groß und markant und ließ an den Schnabel eines Falken denken.
Jeder Mensch, jeder Elf und jeder Ork in Minaskai und weit über die Grenzen des Königreiches hinaus kannte Kelrik Daralos, den Paladin von Königin Lyndira, Oberbefehlshaber des Ordens der Sturmklingen und Held der Schlacht von Sakarran.
„Du hast gut gekämpft“, wiederholte Kelrik. „Du kannst es mir glauben.“
„Und warum habe ich dann verloren?“ fragte Garian.
„Weil ich älter bin und mehr Kampferfahrung besitze“, antwortete sein Vater und seine Stimme wurde wieder sanfter. „Und als ich mit deiner Ausbildung begonnen habe, hast du selbst gesagt, dass ich es dir nicht zu leicht machen soll. Erinnerst du dich?“
Garian wusste das. Trotzdem: Hin und wieder ein kleiner Sieg würde sein Selbstbewusstsein wenigstens etwas stärken!
„Noch ein paar Monate“, fuhr Kelrik fort, „und du hast gute Chancen, mich zu besiegen.“
„Ein paar Monate“, wiederholte Garian. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Er sah seinen Vater nicht an, als er sagte: „Vielleicht wird aus mir doch kein guter Ritter…“
„So einen Unsinn will ich nicht hören!“ sagte der Paladin. „Aber wenn du so leicht aufgibst, dann hast du Recht. Du wirst es nur schaffen, wenn du weiter an dir arbeitest. Glaub mir. Nichts im Leben ist einfach, aber wenn du deine Ziele mit starkem Willen und Selbstdisziplin verfolgst, dann kannst du alles erreichen.“
Garian hatte diese Worte schon so oft gehört, dass sie für ihn nicht mehr wie die ultimativen Lebensweisheiten klangen, sondern einfach nur noch tröstende Platitüden waren. Er wünschte sich, daran glauben zu können, doch es gelang ihm nicht mehr. Dafür hatte er einfach zu viele Niederlagen wegstecken müssen…
Garian begleitete seinen Vater, den Paladin, zu dem kleinen Steingebäude am Rande des Übungsgeländes, das in einen größeren Häuserkomplex überging, von dem aus die erfahreneren Ritter die Fortschritte ihrer Rekruten überwachten. In einem mit verschiedenen Waffen geschmückten, hellen Raum schälte sich Kelrik aus seiner Rüstung. Er legte den stählernen Panzer auf einem eigens dafür entworfenen Gebilde ab, das Garian an die Modepuppe eines Schneiders erinnerte.
„Vater“, begann Garian, während Kelrik ihm ein Handtuch zuwarf, mit dem er sich den Schweiß abtrocknen konnte. „Hast du über Tayas und meine Bitte nachgedacht? Ich meine, ob wir heute Nacht in den Wäldern übernachten dürfen?“
Kelrik wischte sich über den Nacken. Er hatte die oberen Knöpfe seiner schwarzen Jacke, die er unter der Rüstung getragen hatte, aufgeknöpft. „Natürlich“, sagte er.
„Und?“
„Du weißt, dass ich eigentlich dagegen bin, Garian. Ich möchte nicht, dass du oder deine Schwester so weit weg von der Stadt seid, ohne die Begleitung eines Erwachsenen.“
„Ja“, antwortete Garian langsam. „Ich weiß.“
„Von mir aus dürft ihr gehen.“
„Aber wir können auf uns selbst aufpassen! Wir…! Moment, was hast du gesagt?“
Kelrik lächelte. „Ich sagte, ihr dürft gehen. Ich erlaube es. Denn du hast Recht. Ich glaube, ihr könnt wirklich auf euch aufpassen. Ihr seid keine Kinder mehr, auch wenn es mir schwerfällt, das einzugestehen.“
Garian begann, über das ganze Gesicht zu strahlen. „Wirklich? Wir dürfen gehen? Allein?“
„Wenn ihr mir versprecht aufzupassen und morgen wieder zurück zu sein, ja.“
„Danke, Vater!“ Die Reise in die Taravan-Wälder, einige Meilen westlich der Stadt, war ein Abenteuer, das er zusammen mit Taya und Uruk schon so lange geplant hatte – und jetzt wurde es Wirklichkeit! Es half Garian über seine heutige Niederlage hinweg. So, wie sein Vater es wahrscheinlich beabsichtigt hatte. „Ich gehe sofort, um es Taya und Uruk zu sagen!“
„Natürlich, tu das“, meinte Kelrik. Als Garian bereits zur Tür gerannt war, rief der Paladin seinen Sohn zurück: „Garian. Bitte nimm dir meine Worte zu Herzen. Sie sind die Wahrheit, auch wenn du es im Moment nicht glauben kannst.“
„Das werde ich“, versprach Garian. „Ich danke dir.“
„Und noch etwas.“
„Ja?“
Kelrik lächelte. „Ich würde mich an deiner Stelle waschen und frische Kleidung anziehen.“
Garian sah herab auf seine durchgeschwitzten Sachen. Seine Antwort bestand aus einem dankbaren Grinsen. Dann lief er los.

Der Paladin blieb allein zurück. Er spürte einen Schmerz in seiner Brust, den er die ganze Zeit verdrängt hatte. Aus seinem Sohn würde eines Tages eine formidable Sturmklinge werden, vielen der gegenwärtigen Rekruten jetzt schon überlegen. Und genau das war es, was ihm schmerzte.
Denn Sturmklingen waren die Verteidiger des Königreiches.
Und manchmal wurden sie dabei getötet.

(Weiterlesen)

Autor & Copyright: Sarah Marie Keller

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[Leseprobe] Mitten in der Hölle liegt das Paradies: „Rußatem“ von Hubert Wiest

russatem-wiest-introJaikong, Anno Domini 2048: Die große Kuppel ist ein wahres Paradies, 50 Millionen Menschen leben dort im Einklang mit der Natur — doch nicht umsonst lautet der Titel von Hubert Wiests neuem Jugendroman ja „Rußatem“. Das Paradies der Zukunft hat nämlich seine Schattenseiten. Um den hohen Energieverbrauch auf der Insel der Seligen zu stillen, lebt der Rest der Stadtbewohner in fünf Industrieringen rund um das Zentrum. Die Entfernung zum Zentrum bestimmt die Lebensqualität: Je weiter draußen, desto schmutziger die Luft, und desto geringer die Lebenserwartung. Deswegen kommt für die 17jährige Kalana und ihren Freund Quinn der letzte Schultag unter der Kuppel einem schweren Schock gleich: da ihre schulischen Leistungen nicht ausreichend waren, sollen sie für alle Zeiten aus dem Paradies verbannt werden – Ziel: dritter Industriering. Kalana kann das nicht akzeptieren. Sie beginnt deshalb, gegen die Ungerechtigkeit des Systems zu kämpfen. Kann sie auch Quinn auf ihre Seite bringen? Eine atemlose Suche nach Freiheit beginnt… Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Hubert Wiest, Rußatem

Fünfter Industrie-Ring, Jaikong, 17. Oktober 2048

Obwohl die im Boden eingelassenen Pfeile kaum zu erkennen waren, mussten wir ihnen folgen. Alles andere wäre viel zu gefährlich gewesen. Eine rußige Schicht hatte sich über die Markierungen gelegt. Es war nicht dieser feine Staub, den man mit einem Atemzug fortpusten konnte. Nein, dieser Dreck klebte wie Zinksalbe. Ruß flirrte durch die Luft. Es war, als würde man fein gemahlene Kohle atmen. Ich konnte keine fünf Meter weit sehen. Die Umrisse der Fabrikhallen hatten sich längst im Smog aufgelöst.
Ich schob meinen Luftfilter zur Seite und hustete in das Tuch, das früher einmal weiß gewesen sein musste. Vor ein paar Wochen hätte mich der gelbe Schleim, der sich mit jedem Husten aus meinem Hals löste, noch beunruhigt. Jetzt war ich froh, dass sich noch kein Blut daruntergemischt hatte. Nach ein paar Jahren hier draußen würde das kommen. Es kam immer. Die durchschnittliche Lebenserwartung im fünften Industrie-Ring betrug dreißig Jahre. Ab heute würde mein Leben im Zeitraffer vorgespult werden.
Mit tänzelnden Schritten, die Staub wie von kleinen Explosionen aufwirbelten, ging Gloria einen halben Schritt vor mir. Ihr Overall hatte den Schnitt eines Kartoffelsacks, nur um die Taille von einem Gürtel zusammengehalten. Trotzdem wackelte sie wie auf ei nem Laufsteg und schlenkerte mit den Armen. Gloria drehte sich zu mir um und lächelte.
„Wir schaffen es bestimmt, Kalana. Wir kommen hier wieder raus. Vertrau mir!“, sagte sie und nickte, als könnte sie mich damit überzeugen.
Ich antwortete wortlos mit dem spöttischen Lächeln, das ich im Schauspielunterricht gelernt hatte. Wir waren gerade erst im Fünften angekommen. Da gab es keinen schnellen Weg zurück. Gloria versprühte ihren Optimismus doch nur, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Weil ich ihr vertraut hatte, deswegen hatten sie uns in den Fünften verbannt.
„Lass dich nicht unterkriegen!“
Ich nickte, damit Gloria Ruhe gab. Niemals hätte ich mich auf sie einlassen sollen. Sie war eine von zwei Personen, denen ich besser nicht begegnet wäre. Gloria legte mir ihre Hand auf den Arm.
„Bitte sei mir nicht böse.“
„Mmhh.“
Gloria musste husten. Mit einem Tuch wischte sie sich übers Gesicht, verschmierte dabei ihren Eyeliner. Schwarz gefleckt wie eine Kuh sah sie jetzt aus.
Ich räusperte mich, versuche meinen Rachen frei zu bekommen. Dieser Frosch im Hals war eine verdammte Kröte. Ich atmete ganz flach, um weniger Dreck in die Lungen zu bekommen. Klappte natürlich nicht. Ein Blick auf das Aerometer um mein Handgelenk zeigte einen Air Quality Index von 3500. Schon seit Jahrzehnten wusste man, dass ein Wert über 300 verdammt ungesund war. Obwohl erst Vormittag war, leuchtete mein Aerometer hellrot: zu viel Dreck eingeatmet. Ich hasste mein Aerometer, als wäre es für den Dreck verantwortlich.
„Ich glaube, dort drüben ist sie, die Filterreinigungsfabrik von Bo.“
Gloria strahlte, als würde sie den Hauptgewinner einer Lotterie verkünden. Sie hatte wirklich einen Knall.
Noch schlimmer als Gloria war nur Quinn. Eigentlich war alles seine Schuld. Dabei war er einmal so et- was wie mein Freund gewesen, hatte ich gedacht. Eigentlich sogar ein bisschen mehr, hatte ich gehofft. Warum wollte er mich sonst auf dem Abschlussball küssen? Es war erst ein paar Monate her, aber es fühlte sich an wie in ferner Vergangenheit. Es war eine andere Welt, in der wir damals lebten, in Jaikong unter der großen Kuppel, nicht hier draußen in einem der verdammten Industrie-Ringe.
Ich fuhr mir übers Gesicht. Ich wollte nicht, dass Gloria meine Tränen sah. Ich hatte eine Scheißangst. Jetzt war mein Gesicht wahrscheinlich genauso verschmiert wie ihres. Ich tastete nach dem hellblauen Plas- tik-Spielzeugroboter in meiner Overalltasche. Mit dem Zeigefinger fuhr ich sein Lächeln nach. Ich wollte mir ein wenig von seiner Zuversicht borgen. Aber heute wollte es nicht klappen. Ich holte den kleinen Kerl heraus. Sein eingestanztes Lächeln strahlte mich unverdrossen an. Er hatte nur einen Arm. Ich hatte ihn gleich am ersten Tag bei Plastic Fantastic mitgehen lassen.
„Pack das gestohlene Ding weg! Wir können uns nicht noch mehr Ärger leisten“, zischte Gloria.
Ich wusste, dass sie meinen kleinen Roboter bescheuert fand.
Seufzend steckte ich ihn zurück in die Tasche. Eigentlich war mir alles egal.

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Autor & Copyright: Hubert Wiest

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Hubert Wiest, Rußatem
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[Leseprobe] Die Macht hat tausend Augen: „Identifiziert“, Thriller von Dagmar Sieberichs

sieberichs-identifiziert-introMarketing-Expertin Lona Orlanderkamp ist perplex: Warum schließt ihr Arbeitgeber — der global agierende IT-Gigant SoftCircus — plötzlich alle Filialen außerhalb der USA, obwohl es wirtschaftlich bestens läuft? Lona will es wissen. Sie wechselt kurzentschlossen mit ihrem deutschen Chef zur US-Firmenzentrale nach Orlando/Florida. Dort gerät ihr Leben endgültig aus den Fugen, nicht nur, weil sie im Zentrum der Konzernmacht ihre Jugendliebe Frank wiedertrifft. Denn Frank ist ein Whistleblower, und verfügt über brisante Informationen: manipulierter Programmcode von SoftCircus wird weltweit zur Bespitzelung und Kontrolle von Millionen Menschen benutzt. Auch Lona selbst ist betroffen, sie wohnt in einem Smarthome, das von SoftCircus ausgerüstet wurde. Weiß der Softcircus-Vorstand längst, dass der Skandal geleakt werden soll? Thriller-Autorin Dagmar Sieberichs inszeniert in „Identifiziert“ einen dramatischen Wettlauf mit der Zeit — am Ende bleibt Frank und Lona nur noch ein Ausweg, um ihr Leben zu retten… Unsere Leseprobe führt ins Erste Kapitel, etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle-Shop.


Dagmar Sieberichs, Identifiziert

Kapitel 1

Lonas innere Stimme signalisierte Gefahr. Fünf Uhr morgens. Sie fuhr zum Flughafen.
Auch heute landete der Flieger aus Norddeutschland in München mit Verspätung. In Hamburg standen die Flugzeuge bei Schnee Schlange vor den wenigen Enteisungsmaschinen. Das Schneetreiben sorgte erneut für Flugverspätungen in Deutschland.
Bis zum Seminarstart schaffe ich es nie. Schon wieder! Ich hätte gestern fliegen müssen. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Aber ich habe doch so schon kaum Freizeit.
Der Tag schien vorbei, bevor er begonnen hatte. Konzentriert steuerte sie den Mietwagen im Halbdunkel durch die weiße Pracht. Die Scheibenwischer ächzten unter der Dauerbelastung.
Ich bin nachtblind. Bei diesen Wetterverhältnissen sollte ich gar nicht hinter einem Steuer sitzen. Lona gähnte.
Punkt neun Uhr bog sie auf den Parkplatz ab, rollte im Schneckentempo auf die Mitarbeiterstellplätze am vorderen Ende zu. Gott sei Dank ist der Sonderparkbereich einigermaßen geräumt. Lona kramte ihre Codekarte nach minutenlangem Ringen hervor. Sie drückte den Fensteröffner. Die Seitenscheibe fuhr automatisch herunter. Der Räumdienst bemühte sich, Parkbucht um Parkbucht freizulegen. Vergebens. Ein kalter Wind vermischt mit Schneeflocken wehte ihr ins Gesicht. Sie führte die Mitarbeitercodekarte in den Barcodeleser ein. Eiskristalle trafen ihr rechtes Auge. Sie schloss die Scheibe, lenkte den BMW auf eine freie Parkfläche.
Neun Uhr, zwei Minuten. Lona zog ihre Mütze über die ruinierte Frisur. Sie zerrte an ihrem Reißverschluss, verschloss ihre Daunenjacke. Was für ein Wetter! Jetzt beginnt das Seminar. Ich hoffe, die Teilnehmer amüsieren sich gut. Sie atmete ein, stieß die Tür auf, wagte sich in das Unwetter. In Bruchteilen von Sekunden fühlte sie sich wie ein Schneemann. Sie hievte ihren Shopper aus dem Kofferraum, der als Aktenkoffer, PC-, Reise-, Einkaufs- und Handtasche diente. Lona verriegelte den Wagen. Sie rutschte auf geräumten Wegen dem sechsstöckigen Gebäude der SoftCircus-Hauptniederlassung entgegen. Der Boden war überall vereist. Sie schlitterte in Richtung Stirnseite des Bauwerks. Es entfaltete zur Linken und Rechten seine ausladenden Flügel in einem Winkel von einhundertfünfunddreißig Grad.
Ganz egal, wie spät es ist, bevor ich das Seminar beginne, brauche ich einen Kakao.
Neun Uhr vier. Sie betrat die dreißig Meter hohe Eingangshalle durch die wuchtige Drehtür, einem Koloss aus Glas und Stahl.
»Guten Morgen, Hannes. Schön warm bei euch.« Sie grinste ihren Kollegen vom Empfang an, klopfte den Schnee von der Kleidung, rannte zum Zeugraum, in dem die Mitarbeiter ihre Rollcontainer mit ihrem persönlichen Arbeitsmaterial parkten.
»Jens will dich augenblicklich in seinem Büro sehen.«
»Der Flieger hatte Verspätung. Alle Flugzeuge in Hamburg waren vereist …« Ich habe es geahnt. Verdammt!
Neun Uhr, acht Minuten. Hannes schmunzelte. Er amüsierte sich, wie Lona mithilfe ihrer Mitarbeitercodekarte die Tür ohne Klinke malträtierte. »Wenn ich dir einen Rat geben darf: Ruf Jens an!« Hannes’ Baritonstimme donnerte durch den Eingangsbereich. Er schüttelte den Kopf.
Lona ignorierte ihn. Um Jens würde sie sich später kümmern. Ich habe heute ein ganz komisches Gefühl. Hoffentlich dreht er mir aus dieser Verspätung jetzt keinen Strick. Die Stahltür sprang auf. Lona rannte den Gang entlang. Im neonbeleuchteten Raum steuerte sie auf ihren Container am Ende der ersten Reihe zu. Sie löste ihn aus, schaute im Terminal nach, welchen Arbeitsplatz sie für diese Woche reserviert hatte. Wieso dauert das Einloggen so lange? Sind heute selbst die Server eingefroren?
Der Zeugraum litt ebenso unter dem stahlgrauen Teppich wie alle übrigen Etagen im Norden von München. Die Rollcontainer glitten zwar mühelos darüber, allerdings schluckte der Belag jedes Geräusch. Trotz vieler Mitarbeiter sowie zahlreicher Gäste herrschte im gesamten Gebäude eine dumpfe Stille.
Durch den abtauenden Schnee hinterließ Lona eine Spur vom Mitarbeiterlager durch die ovale Eingangshalle bis zum ersten Glasaufzug auf der rechten Seite.
»Morgen zusammen.«
Der Besucher-Check-in lag genau in der Mitte des Entrées.
Sie nickte ihren anderen Kollegen zu, drückte die Zwei.

Neun Uhr vierzehn. Lona betrat den Flächenbereich, den sie bei Facility für ihre heutige Präsentation mit zehn Personen bestellt hatte. Die Hausmeister hatten die Etage durch mobile Wände zu vier Räumen abgetrennt und Lonas Einheit nach ihren Wünschen bestuhlt.
Sie parkte ihren Rollcontainer an der Fensterfront und legte Jacke plus Mütze auf den Container. Geübt fingerte sie eine Bürste aus ihrem überfüllten Shopper, frisierte ihr blondes Haar zu einem perfekten Pferdeschwanz. Seit über vier Jahrzehnten trieb sie den reinsten Kult um ihr langes Haar. Kein Friseur durfte ihren Haarspitzen mehr als zwei Zentimeter zu Leibe rücken. Sie mutete sich selbst jede Strapaze zu. Doch ihre Mähne behandelte sie wie ein rohes Ei: Möglichst wenig föhnen, nur mit Naturborsten frisieren, keine Experimente wie Glätteisen, Dauerwellen oder Strähnen. Ihre Haare waren ihr Heiligtum. Das Mobiltelefon läutete. Jens. Nicht jetzt! Sie schaltete ihr Handy aus.
Laptop in die Dock-in-Station einsetzen, Rechner starten, Jalousien herunterfahren. Ein Blick auf die Leinwand von vier Mal fünf Metern verriet ihr, dass die eingebaute Technik funktionierte. Sie hob den Hörer des hausinternen Telefons ab, rief beim Empfang an.
»Hannes Mühlmeier. Sie wünschen?« Hannes neckte sie.
»In zehn Minuten bin ich startklar für unsere Teilnehmer.« Lona lachte in die Sprechmuschel. »Ich brauche noch einen Kakao, bevor es losgeht.«
»Kein Problem. Ich überprüfe in der Zwischenzeit die Badges. Hast du Jens err…«
»Danke, Hannes.« Sie legte auf.

Lona verließ den Raum auf der gegenüberliegenden Seite, rannte ins Bistro. Mit jedem Schritt hinterließ sie nasse Fußabdrücke.
Verdammter Mist. Turnschuhe sind bei dieser Witterung eine schlechte Idee! Die knallenge schwarze Röhrenjeans triefte. Einzig ihr luftig geschnittener schwarzer Pullover, hinter dem sie ihren etwas zu kleinen Busen versteckte, hatte das Unwetter trocken überstanden.
»Gibt es heute keinen Kakao?« Lona setzte demonstrativ ihre Brille auf, die sie ständig wie eine Kette um den Hals trug. Sie gab vor, die Auswahl der Getränke so besser beurteilen zu können.
»Ist nicht geliefert worden.« Manuela, die Bedienung, antwortete nie in ganzen Sätzen.
»Was ist das für ein Scheißtag?«, fluchte Lona.
Manuela hob die Schultern.
»Milchkaffee, bitte. Ich muss meine Finger wärmen.«
Die Kantinenbetreiberin reagierte teilnahmslos. Sie kassierte den Kaffee und wandte sich wieder ihrer neuen Mitarbeiterin zu, die sie mit weit aufgerissenen Augen ansah.
»Ich bring die Tasse in der ersten Pause zurück.«
Lona wärmte ihre zierlichen Hände, die sichtbar von Adern durchzogen wurden, an ihrem heißen Kaffee. Die von der Kälte gezeichneten etwas zu dicken Finger nahmen allmählich normale Farbe an. Auf dem rechten Zeigefinger verlief eine Narbe.
»Passt schon.«
»Wer war das?« Die Neue konnte ein gewisses Entsetzen in der Stimme nicht unterdrücken.
»Lona Orlanderkamp. Die ist ganz dick mit unserem Chef. Vorsicht! Ich kenne sie nur so, dass sie von Büro zu Büro rennt. Verteilt ständig Aufgaben, telefoniert dabei gleichzeitig und trinkt mit der anderen freien Hand Kakao.«
»Dauernd im Stress?«
Manuela bejahte. »Der entgeht nix. Sie besitzt hier so eine Art Starstatus. Hat vor zehn Jahren eine Buchreihe rausgebracht. Seitdem vertritt sie den Laden international. Die gehört gewissermaßen zum Inventar.«
»Wie du?«
»Um dich über mich lustig zu machen, bist du noch nicht lange genug hier.« Manuela verpasste der Neuen einen freundschaftlichen Klaps.

Neun Uhr fünfundzwanzig. Lona schickte ein letztes Stoßgebet gen Himmel. Sie drückte die Türklinke herunter, betrat den Raum und genoss, dass das Gemurmel der wartenden Anwesenden augenblicklich erstarb. Lona steuerte ihren PC an. Wenn du einen Tipp von mir willst: Achte stets auf einen langen Rücken. Der gibt deinem meist viel zu schnellen Gang etwas Majestätisches, hörte sie immer noch die gut gemeinten Worte ihres Moderationstrainers.
Sie stellte sich aufrecht, den rechten Fuß leicht ausgedreht, den linken rechtwinklig dazu. Ihre Arme beugte sie vor dem Körper. Wie verdeutlichst du deinem Gegenüber die größtmögliche Aufmerksamkeit? Ich forme mit den Händen kleine Nester: Die linke aufwärts, die rechte abwärts – beide Hände ineinander verzahnt. Dann kann ich wenigstens nicht mit denen herumfuchteln. Trainer, Go Home!
Lona wechselte in den Redemodus. Ihre Hände bewegten sich augenblicklich wie die einer Teufelsgeigerin: flink und im Takt der Worte.

»Ich begrüße Sie herzlich, Ladys and Gentlemen. Bitte entschuldigen Sie die Verspätung …« Lona ratterte los, gestikulierte mit Händen und Füßen, formte die Worte so präzise, dass ihr Gesicht mitunter grimassenhaft wirkte. »Ich schlage vor«, eröffnete sie das Seminar, »wir verkürzen die erste Kaffeepause auf zehn Minuten. Ist das für Sie okay?« Lona blickte in zufriedene, zustimmende Gesichter und startete ihre Präsentation. Zunächst erläuterte sie den Kursteilnehmern den Seminarvertrag. Er dokumentierte die Regeln innerhalb des Kurses. Sie fuhr mit dem zeitlichen Ablauf des Tages inklusive der Pausenzeiten fort. »Nach der Mittagspause gibt es einen neunzigminütigen praktischen Teil. Dabei werden Sie nicht nur Ihr Suppenkoma verdauen.«
Alle lachten – wie immer an dieser Stelle.
»Zum Abschluss des Lehrgangs benötige ich ein schriftliches Feedback von Ihnen.«
Lona schloss ihre immer gleichen Ausführungen zum Zeitplan ab. Auch heute stand sie neben sich, hörte sich beim Reden zu. Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. Die Kursteilnehmer schauten sie erwartungsvoll an.
»Sie sind dran, meine Damen, meine Herren.«
Zusammenzucken mancher Teilnehmer – wie üblich. Profilneurotiker, die an dieser Stelle regelmäßig Anlauf nahmen, um sich endlich selbst darzustellen. Schüchterne, die selbst privat kaum ein Wort über die Lippen brachten. Coole, die generell über allem standen. Sachliche, die kurz, aber prägnant Auskunft gaben. Die sind mir logischerweise am liebsten. Desinteressierte, die alles Scheiße fanden.
»Ich möchte von Ihnen gerne in drei Sätzen wissen: Wer sind Sie, was machen Sie beruflich, warum sind Sie heute hier? … Sie haben dreißig Sekunden. Ich beginne immer mit dem Teilnehmer links von mir. Bitte schön.«

Geschafft, jetzt habe ich sie beschäftigt! Lonas Gedanken schweiften umher. Ich wünschte mir, mal ohne Wecker aufzuwachen, Zeit beim Duschen zu haben, zu frühstücken. Nicht zum Flugplatz zu hetzen, zum Gate zu jagen, um in allerletzter Sekunde einzuchecken. Dirk hat es besser. Er hat kaum Anfahrtweg. Ich freue mich auf heute Abend. Ich bin gespannt, womit er mich überrascht. Er tat so geheimnisvoll.
Dirk Cramer, Lonas langjähriger Verbündeter, jobbte als freiberuflicher Sozialarbeiter im Haus der Jugend Mümmelmannsberg. Der leidenschaftliche Kameramann und Regisseur hatte ein Filmprojekt ins Leben gerufen. Die Rasselbande verdankte seinen Kontakten zum Studio Hamburg ausgemusterte Kameras, Schnittplätze, Tonanlagen, Beleuchtung. Mit einer wachsenden Gruppe Kinder und Jugendlicher arbeitete er im dritten Jahr an dem Projekt ›Stadtteilfernsehen: Was unser Viertel bewegt‹.
Es ist ein Jammer, dass wir so verschieden sind. Lona inhalierte einen ordentlichen Zug des Lieblingspfeifendufts ihres Freundes, den sie zu riechen glaubte. Schweigen.
»Sie sind?« Lona checkte den nächsten Teilnehmer ab. Innerhalb einer Millisekunde dirigierte sie die Situation in die gewünschte Richtung.
»Was interessiert Sie das? Mein Chef sagt, ich müsse herkommen. Da bin ich. Ich döse hier nur, klar?«
Lona schaute ihm in die Augen und antwortete freundlich: »Nein! Ihr Vorgesetzter bezahlt für dieses Computerseminar, damit Sie Informationen aus erster Hand erhalten. Ich kann keine Teilnehmer brauchen, die keine Lust haben, mitzuarbeiten.« Sie näherte sich dem Störer gelassen. »Wenn Sie den Tag beim Aumeister verbringen wollen, bitte sehr. Ich halte Sie nicht davon ab. Packen Sie Ihre Sachen. Ich will mit dem Seminar fortfahren.«
Im Schulungsraum konnte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Lona musterte den Desinteressierten unvermittelt.
Er stotterte: »Das, das dürfen Sie nicht.«
»Oh doch, das darf ich!« Sie wies ihn an, den Raum zu verlassen. »Gehen Sie jetzt freiwillig oder muss ich erst unseren Sicherheitsdienst holen?«
Der junge Mann kramte widerwillig seine Utensilien zusammen: Er zog mit einer schnellen Handbewegung seine Jacke von der Stuhllehne, schlich mit mürrischem Gesicht auf die geöffnete Tür zu.
»Das wird Ihnen noch leidtun.«
»Sie dürfen gerne wiederkommen, sobald Sie Ihre Einstellung überprüft haben.« Lona flüsterte bedrohlich: »Ich dulde in meinen Seminaren niemanden, der durch seine negative Haltung anderen Anwesenden den Spaß nimmt. Und mir die Zeit stiehlt!« Sie warf die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. »Entschuldigen Sie den Zwischenfall, meine Damen und Herren. Fahren Sie bitte fort.« Lona erteilte dem nächsten Teilnehmer das Wort und nahm das näherkommende Ende der Vorstellungsrunde beunruhigt wahr. Ich kann schon mal den Countdown zählen – drei, zwei, eins …
»Ich danke Ihnen für die Informationen. Jetzt kann ich Sie besser einschätzen. Natürlich möchte ich mich Ihnen ebenfalls vorstellen.« Lona hörte sich beim Referieren zu. »Ich bin seit neunzehnhundertsechsundachtzig für SoftCircus tätig. Nach einigen Jahren im Innendienst bin ich Anfang der neunziger Jahre in den damals neu entstandenen Marketingbereich des Unternehmens gewechselt. Dort verantwortete ich die Vermarktung von Betriebssystemen und Netzwerken. Ende der neunziger Jahre wurde ich zur Seminarleiterin befördert und referiere seitdem in ganz Europa.« Lona ließ ihren Blick schweifen. »Ich habe verschiedene Sachbücher veröffentlicht, wovon die bekanntesten meine Troubleshootingreihe sein dürfte. Lassen Sie uns anfangen.«
Lona leitete zum eigentlichen Thema des Tages über. Sie brachte die ersten neunzig Minuten bis zur angekündigten Kaffeepause hinter sich. Das Publikum hing an ihren Lippen.

Tolles Gefühl, geachtet und bewundert zu werden. Eine Menge dafür tun muss ich ja nicht.
»… nur diese monatlichen Wechsel in den Softwareversionen. Die rauben mir irgendwann den Verstand. So viel kann ich gar nicht fliegen, um das alles zu lesen und zu verarbeiten …«, scherzte Lona im Pausenbereich von Teilnehmern umringt. Den Zuhörern gefiel es.
Sie beschwerte sich selten, hatte sich mit dem Zustand arrangiert – Stillstand. Stattdessen probte sie den Aufstand durch ihr Äußeres, vertrat den Standpunkt, sie werde sich keinem Modediktat unterwerfen. Anscheinend ist die heutige Mode so schlecht, dass sie in kürzester Zeit erneuert werden muss! Das ist mir zu anstrengend. Lieber investiere ich ins Tanzen!
»Wir kommen zur praktischen Übung Nummer eins. Erforschen Sie die neuen Features auf eigene Faust, um meinen theoretischen Vortrag in praxisbezogene Erfahrung umzusetzen.«
Punktlandung! Genau dort wollte ich nach sechzig Minuten sein. Sie setzte sich zufrieden in ihren Referentensessel, lehnte sich zurück. Die Teilnehmer arbeiteten an ihrer ersten Aufgabe. Fünf Minuten Ruhe. Ich sehne mich immer öfter nach den vier Luxusgütern der Neuzeit – Stille, Platz, Zeit, Vertrauen.
Lona schaltete ihr Handy ein. Acht Anrufe in Abwesenheit. Sie schmunzelte. Ihre Gedanken wanderten zu dem Tag, an dem sie ein unbekanntes Softwarehaus fand, das im Laufe der neunzehnhundertneunziger Jahre Geschichte schreiben sollte. Jens hat mein Talent gleich erkannt. ›Sie können Menschen motivieren.‹ Sein angenehmer Bariton tönte in ihrem Ohr. ›Ich engagiere Sie als Moderatorin für Veranstaltungen.‹ Das ist siebenundzwanzig Jahre her … Unglaublich, was ich seitdem über Verkaufsstrategien, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit gelernt habe. Vielleicht ist es an der Zeit …
Ein lautes Klopfen riss Lona jäh aus ihren Tagträumen.
»Entschuldige bitte die Störung.« Hannes schob seinen Kopf durch die Tür.
Endlich passiert mal etwas, was nicht zum Konzept gehört. Man stört meinen Unterricht. Ich bin begeistert! Eine unvorhergesehene Situation – großartig.
»Was gibt es?«
»Jens bittet dich, in der Mittagspause dringend bei ihm vorbeizuschauen«.
»Wo brennt’s denn?« Lona entging der Nachdruck in Hannes’ Stimme keineswegs. Sie wollte wissen, was auf sie zukam, bevor sie sich Jens stellte.
»Keine Ahnung. Bitte vergiss es nicht! Oder soll ich Dich erinnern?« Hannes verzog sein Gesicht. Er blickte sie genervt an.
»Das kann ich mir merken.« Lona lachte.
Die Teilnehmer hatten ihre Arbeit eingestellt und beobachteten das unvorhergesehene Treiben.
»Haben Sie die Aufgabe gelöst?« Lona wandte sich den Kursbesuchern zu, die sich ertappt fühlten. Mit einem Blick auf ihre Uhr verkündete sie: »Sie haben noch zwei Minuten.«

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Autorin & Copyright: Dagmar Sieberichs

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Dagmar Sieberichs, Identifiziert
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Hätte, hätte, Schicksals Kette: „Leons Erbe“, Thriller von Michael Theißen [Leseprobe]

leons-erbe-introDas Schicksal hat Katja eine Verkettung von katastrophalen familiären Ereignissen beschert — erst verschwindet ihre Schwester spurlos, kurz danach stirbt ihr Sohn Leon bei einem Autounfall. Plötzlich muss die trauernde Mutter auch noch erfahren, dass es mehr als nur einen zeitlichen Zusammenhang gibt: nach dem Begräbnis erhält sie einen merkwürdigen Anruf — ein Notar ist im Besitz einer Kiste, die Leon ihr vererbt haben soll. In der Kiste entdeckt Katja ein Armband, das ihrer Schwester gehört hat. Doch wie kam Leon in den Besitz dieses Armbandes, und was wollte er seiner Mutter über den Tod hinaus mitteilen? Gibt es in der Familie ein dunkles Geheimnis? Thriller-Autor Michael Theißen schickt in „Leons Erbe“ seine Heldin Katja auf die schmerzhafte Suche nach der Wahrheit — und lässt die Leser bis zur letzten Seite mitfiebern. Unsere Leseprobe führt direkt in den Prolog… Noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Option im Kindle Shop.


Michael Theißen, Leons Erbe

Prolog

Als mein Sohn starb, ahnte ich nicht, dass mir das Schlimmste erst noch bevorstehen würde.
Seitdem verfolgt mich jede Nacht ein Albtraum, und es ist fast immer der gleiche.
Ich sitze im Auto und fahre. Ich weiß nicht, wohin ich fahre – ich fahre einfach nur. Es regnet. Ich höre keine Motorengeräusche, sondern nur den prasselnden Regen. Durch die Scheiben sehe ich nichts. Nichts außer Regen. Mehrfach versuche ich, den Scheibenwischer einzuschalten, aber aus irgendeinem Grund funktioniert er nicht.
Ich werde nervös, aber ich weiß nicht genau, warum. Wahrscheinlich, weil ich wegen des Regens die Straße nicht sehe. Aus der Nervosität wird Angst, und aus der Angst wird Panik. Dennoch fahre ich immer weiter.
Ich zittere und schwitze. Ich fahre geradeaus. Immer nur geradeaus.
Plötzlich hört der Regen auf, und es ist ganz still. Die Frontscheibe ist frei – kein Tropfen Wasser ist mehr zu sehen.
Jetzt entdecke ich sie. Ein Stück weit vor mir stehen zwei Menschen. Aber ich kann nicht erkennen, wer die beiden sind. Doch mir fällt auf, dass sie gleich groß sind. Sie stehen eng beieinander: Knie an Knie. Schulter an Schulter. Kopf an Kopf.
Ich schaue genauer hin – es sind mein Sohn und meine Schwester. Sie stehen sich gegenüber. Regungslos. Ich sehe sie nur von der Seite und kann daher nicht direkt in ihre Gesichter gucken. Erst jetzt bemerke ich, dass ich ihnen gar nicht näher komme, obwohl ich immer noch auf sie zufahre. Ich fahre und fahre, aber wir kommen uns nicht näher.
Sie sind grau. Völlig grau. Ich sehe keine Kleidung. Abgesehen von den Gesichtern erkenne ich nur ihre Umrisse und das Grau der beiden Gestalten.
Plötzlich drehen sie sich zu mir herum. Ich kann jetzt ihre Gesichter deutlich erkennen, aber da ist keinerlei Mimik. Da ist nichts. Sie gucken zu mir, aber sie scheinen durch mich hindurchzugucken. Ihre Gesichter sehen anders aus als sonst.
So tot. Tote Gesichter.
Ich muss mich entscheiden. Das wird mir in dem Moment klar, als ich schneller werde. Denn auf einmal nähere ich mich ihnen. Langsam, aber unaufhaltsam. Fahre ich weiterhin geradeaus, werde ich mit dem Wagen gegen beide prallen. Weiche ich nach links aus, überfahre ich meinen Sohn. Steuere ich ein Stück weit nach rechts, wird meine Schwester vom Auto erfasst.
Ich spüre keine Panik mehr. Nicht einmal mehr Angst. Ich fühle überhaupt nichts mehr. Ich werde schneller. Immer schneller – und sie kommen näher und näher. Ich muss mich entscheiden. Wer soll weiterleben? Wer sterben? Sohn oder Schwester? Schwester oder Sohn?
Entscheide dich, Katja! Jetzt!
Ich erwache immer in diesem Moment, und mir wird dann augenblicklich klar, wie viel härter die Realität doch sein kann als jeder Traum.
Denn ich durfte mich nicht entscheiden – und als mein Sohn starb, wusste ich nicht einmal, ob meine Schwester überhaupt noch lebte.

1

Nach einer Stunde gab ich auf.
Ich schob den Notizblock zur Seite und legte meinen Kugelschreiber darauf. Obwohl ich die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte, fiel mir einfach nichts ein – zumindest keine Worte, die passend gewesen wären. Ich hätte nur wenige Minuten im Internet suchen müssen und sicherlich hunderte schöne Texte gefunden, aber nichts davon wäre persönlich gewesen.
Mehr als einhundertzwanzig Menschen waren am Tag zuvor bei Leons Trauerfeier gewesen, darunter seine Lehrer, Mitschüler und Freunde. Ich wollte mich bei ihnen mit den richtigen Worten bedanken, aber genau diese zu finden fiel mir entsetzlich schwer. Darum beschloss ich, erst einmal eine Pause zu machen, und lehnte mich auf der Couch zurück.
Stille. Würde ich mich jemals an diese Stille gewöhnen?
Keine morgendliche schlechte Laune eines Teenagers, der alles wollte, nur nicht aufstehen. Keine vorwurfsvolle Frage, durch mindestens eine verschlossene Tür hindurch, wann denn endlich seine Lieblingshose gewaschen sei. Und keine Jubelschreie von Leon oder seinen Freunden, wenn einer den anderen bei irgendeinem Fußballspiel auf der Spielkonsole besiegt hatte. Es war einfach nur still im Haus, und ich hätte alles dafür gegeben, noch einmal die Stimme meines Sohnes zu hören – und sei es die nörgelnde Frage nach seiner Jeans.
Überall wurde ich an ihn erinnert, und jedes Mal versetzte es mir einen furchtbaren Stich ins Herz. Immer wenn ich in den Garten ging, musste ich an seine Party zu seinem letzten Geburtstag denken, zu dem er seine gesamte Jahrgangsstufe vom Schiller-Gymnasium eingeladen hatte. Im Auto hatte ich ständig das Gefühl, dass er jeden Moment von außen die Beifahrertür aufreißen, nach einem kurzen »Hi, Mum« die Sporttasche auf die Rückbank schmeißen und dann während der Fahrt nach Hause sich mit seinem Smartphone beschäftigen würde.
Und auf der Couch im Wohnzimmer, wo ich gerade saß, hatte ich vor meinem geistigen Auge immer wieder das Bild, wie er als kleines Kind völlig begeistert Pokémon guckte und Pfirsich-Eistee schlürfte. Kaum zu fassen, dass das schon mehrere Jahre zurücklag, denn es kam mir so vor, als wäre diese Phase seines Lebens erst vor wenigen Monaten vergangen.
Was aber noch viel weniger zu begreifen war: Es würden keine neuen Erinnerungen mehr hinzukommen.
Niemals mehr.
Von heute auf morgen war ein sechzehnjähriges Teenagerleben ausgelöscht worden, und mein Mann und ich konnten nur hilflos mit ansehen, wie alles um uns herum so weiterlief wie zuvor – aber ohne Leon.
Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Kaum zu glauben, dass ich überhaupt noch welche hatte. Mein Sohn war erst eine Woche zuvor gestorben, aber ich hatte das Gefühl, in den letzten Tagen so viel geweint zu haben, wie zuvor in meinem ganzen Leben nicht.
Und Gründe dafür hatte es zuvor auch schon genug gegeben …
Schnell schob ich diese Gedanken beiseite, wischte mir meine Träne weg und wollte gerade noch einen Versuch wagen, den Text für die Dankeskarten zu schreiben, als ich das Schloss der Haustür hörte.
»Bin wieder da. Katja?«
»Im Wohnzimmer«, antwortete ich und versuchte, die Traurigkeit aus meiner Stimme herauszunehmen, was mir sicher nicht gelang. Und bei Markus war dies sowieso überflüssig, denn er wusste am besten, wie ich mich fühlte. Genauso wie er selbst.
Er kam zu mir, gab mir einen Kuss und drückte mir dabei eine kleine weiße Karte in die Hand.
»Was ist das?«, fragte ich, obwohl mir die Antwort eigentlich schon klar war.
»Ein Privatdetektiv – soll einer der besten hier in Düsseldorf sein. Den hat mir vor ein paar Tagen ein Kunde im Laden empfohlen. Ich wollte erst einmal abwarten, was für einen persönlichen Eindruck der Detektiv auf mich macht, bevor ich dir von ihm erzähle. Ich bin inzwischen bei ihm gewesen und habe das Gefühl, dass er wirklich sehr gut in seinem Job ist. Der wird das Schwein sicher finden.«
Das Schwein.
Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass mein Mann so über einen Menschen sprach, den er gar nicht kannte, auch wenn ich seinen Hass gut nachvollziehen konnte.
Er schien mir meine Zweifel anzusehen. »Was, Katja?«, sagte er schneidend und war scheinbar selbst sofort über seinen Tonfall erschrocken. Er setzte sich neben mich auf die Couch.
»Möchtest du nicht auch, dass dieser verdammte Fahrer endlich geschnappt wird?«, setzte er erneut an. »Der hat Leon angefahren und ihn einfach auf der Straße liegen lassen. Ist auch noch viel zu schnell gefahren und war vielleicht betrunken und …«
»Schatz …«, versuchte ich ihn zu unterbrechen, hatte aber keine Chance.
»Wer auch immer das war – er soll für den Tod unseres Sohnes bezahlen!« Seine Stimme zitterte vor Wut, und der Hass in seinen Augen machte mir Angst.
Diese wunderbaren, leuchtend blauen Augen – sie waren das Erste an ihm gewesen, was mir damals besonders aufgefallen war. Ich hatte vorher nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber bei Markus hatte ich genau die gefunden. Noch jetzt erinnerte ich mich daran, wie wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich war neunzehn und hatte gerade meine Ausbildung zur Bankkauffrau abgeschlossen; er war zwei Jahre älter und arbeitete in dem Sportgeschäft seines Vaters. An meinem ersten Tag am Bankschalter in der neuen Filiale zahlte er in der Mittagspause die Einnahmen bei mir ein, und als er mich anlächelte, war ich sofort hin und weg. Und er sagte mir später, dass es ihm genauso ergangen sei. In den nächsten Wochen kam er jeden Tag zu mir zum Schalter, bis er mich schließlich zu einem Date einlud. Zwei Jahre später heirateten wir, weitere zwei Jahre danach wurde Leon geboren. Jahrelang war alles perfekt. Markus übernahm das Geschäft seines Vaters, konnte sich sogar einige Angestellte leisten und war deshalb oft zu Hause. Ich arbeitete nur halbtags und teilte mir mit ihm Leons Erziehung. Wir waren eine glückliche Familie gewesen – eine sehr glückliche sogar.
Bis das Schicksal zuschlug und unserem Glück ein abruptes Ende setzte.
Jetzt waren wir Eltern, die ihr einziges Kind verloren hatten und überhaupt nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Wir würden zusammenhalten und füreinander da sein müssen – doch noch war jeder von uns viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer beschäftigt. Und dass wir so unterschiedlich mit der Situation umgingen, half uns sicherlich nicht dabei, besser mit ihr fertigzuwerden.
Markus stand entschlossen wieder von der Couch auf. Er war mit seinem vollen braunen Haar und seiner sportlichen Figur immer noch so attraktiv wie vor zwanzig Jahren. Aber die Augen meines Mannes hatten sich seit dem Tod unseres Sohnes radikal verändert: Ihre Farbe war zwar noch dieselbe wie früher, doch ihr Ausdruck vollkommen anders.
»Ich ziehe mich noch eben um«, sagte er. »Habe um 18:00 Uhr wieder einen Termin beim Detektiv. Ist nicht ganz billig, aber es geht nicht anders.«
Doch, es ginge anders. Aber wenn du schon jemanden beauftragst, dann lass den auch herausfinden, was unser Sohn spätabends alleine und zu Fuß auf einer einsamen Landstraße gemacht hat – das interessiert mich fast noch mehr als die Identität des Unglücksfahrers. Denn egal, ob der Schuldige gefunden und bestraft wird oder nicht – Leon wird dadurch nicht wieder lebendig. Warum verstehst du das denn nicht?
Ich behielt diese Gedanken für mich und sah Markus hinterher, der gerade durch die Tür in den Flur ging.
»Markus?«
Er kam noch einmal zurück. »Ja?«, fragte er ungeduldig.
Ich hatte gehofft, dass mir ein paar Sekunden reichen würden, um mir einen passenden Satz für ihn zu überlegen. Aber alles, was mir in den Sinn kam, hätte wohl zum Streit geführt; und das konnten wir beide am allerwenigsten gebrauchen.
Schnell schüttelte ich den Kopf. »Ist schon gut.«
Er reagierte nicht darauf, sondern machte sich rasch auf den Weg ins Badezimmer.
Kurze Zeit später hörte ich Duschgeräusche von oben.
Ich überlegte mir gerade, mal zu versuchen, mich ein bisschen vom Fernsehen ablenken zu lassen, als das Telefon klingelte. Eine Düsseldorfer Nummer erschien auf dem Display. Kurz dachte ich darüber nach, einfach nicht dranzugehen, drückte aber nach wenigen Sekunden doch auf das grüne Hörersymbol. Sich nur zu verstecken brachte ja auch nichts.
»Ja?«
»Kruse hier! Spreche ich mit Katja Helmke?« Eine Männerstimme. Mal wieder.
»Ja, aber wenn Sie von der Presse sind, nicht mehr lange. Ich weiß nicht, wer meinen Sohn überfahren hat, und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen mit Sicherheit nicht sagen.«
Sekundenlange Stille in der Leitung.
Ich wusste selbst nicht, woher meine Energie plötzlich kam; und der unbekannte Anrufer hatte wohl auch mit einer anderen Reaktion gerechnet.
»Ähm, nein. Ich bin nicht von der Presse, keine Sorge.«
Ein ehrliches Lächeln in der Stimme verriet mir, dass er nicht log, weshalb ich weiter zuhörte.
»Mein Name ist Bernd Kruse, und ich bin Notar. Entschuldigen Sie bitte, dass ich so einfach mit der Tür ins Haus falle, aber ich müsste mich mal mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie vielleicht in den nächsten Tagen in meine Notarkanzlei …«
»Hören Sie, das ist zurzeit schlecht. Wir haben gerade einen Trauerfall in der Familie.«
»Ja, sicher. Mein herzliches Beileid. Aber genau um diesen Trauerfall geht es.«
Jetzt war mein Interesse geweckt.
»Wie meinen Sie das?«
»Es geht um Ihren Sohn. Ich habe hier etwas, das ich Ihnen von Leon geben soll.«

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Autor: Michael Theißen.
Mit frdl. Genehmigung von beTHRILLED by Bastei Entertainment

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