Von der Online-Enzyklopädie zum Knowledge Marketplace: Everipedia wird Wikipedia auf Speed, bzw. auf Blockchain

everipedia-wikipedia-on-blockchainDynamisch, crowdsourced, kostenlos, Wikipedia lässt gedruckte Enzyklopädien alt aussehen. Doch nun kommt Everipedia daher, und lässt das 2001 gestartete Wiki-Projekt selbst old-fashioned erscheinen: die vergleichsweise junge, social-media-affine Wissenscommunity will ab 2018 via Blockchain-Technik zum dezentralen Netzwerk werden, das via Krypto-Token als eine Art „Wissens-Marktplatz“ funktioniert. Passend zum Relaunch kündigte Ex-Wikipedianer Larry Sanger an, bei Evripedia zukünftig als Chief Information Officer zu firmieren.

Betriebskosten sparen, Zensoren abschrecken, Nutzer belohnen

Wird Everipedia an die Blockchain-Kette gelegt, ergeben sich diverse Konsequenzen: für Editiervorgänge etwa werden Krypto-Geld-ähnliche „Tokens“ ausgetauscht, zentrale Server für die Everipedia braucht es nicht mehr (genauer gesagt wird sowohl ein blockchain-basiertes Smart-Contracting-System namensEOS wie auch ein Peer-to-Peer-basiertes Netzwerkprotokoll namens IPFS genutzt). Die Peer-to-Peer-Enzyklopädie ist damit nicht nur kostengünstiger im Betrieb, sondern zugleich vor Zensoren geschützt. Weitere Effekt: da die Community für ihre Mitarbeit mit Everipedia-Coins belohnt wird, gibt es auch einen besonderen Anreiz zum Mitmachen.

Den braucht es allerdings auch unbedingt — denn die Everipedia hat zwar eine Menge Bots am Laufen, die Inhalte der Wikipedia in Richtung Everipedia schaufeln (alles im Rahmen der zugrundeliegenden CC-Lizenzen) — aber vergleichsweise wenige menschliche Aktive, nämlich nur ein paar tausend, verglichen mit hunderttausenden regelmäßigen Wikipedia-Autoren.

Wikipedia & die alten weißen Männer hinter sich lassen

Doch das soll ab 2018 anders werden, anders im doppelten Sinn. Denn die Everipedia-Macher um Sam Kazemian und Theodor Forselius kritisieren schon lange, dass Wikipedia eine Domäne alter weißer Männer in den USA und Europa sei. Everipedia auf Speed, will sagen auf der Blockchain, soll dagegen weiblicher, jünger und auch ethnisch/regional diverser sein.

Zugleich geht es aber auch, und das ist das eigentlich aufregende, vielleicht auch etwas verwirrende, um den Übergang von der Wissens-Allmende zur gemeinnützigen Wissens-Ökonomie. O-Ton Larry Sanger: “A knowledge marketplace, so that people are incentivized to contribute what they know.”

Von Citizendium lernen heißt … tja, was?

Sangers letztes Projekt namens Citizendium, eine Wikipedia-Abspaltung mit strengeren Editierregeln und Peer-Review, darf man mittlerweile getrost als gescheitert bezeichnen. Everipedia wiederum hat sich das andere Extrem zur Regel gemacht: „Contrary to other wiki sites, Everipedia allows anyone to create a page about any person, place, organization, or thing and populate it with interesting, relevant reference links/sources“, heißt es in den FAQs.

Außerdem nutzt Everipedia bereits jetzt ähnlich wie viele Web-Foren und Communites ein internes Belohnungssystem, in diesem Fall das „IQ-Ranking“. Die IQ-Punkte verwandeln sich ab 2018 dann „IQ-Tokens“, eine Art Bitcoin für den Wissens-Marktplatz. Muss sich Wikipedia jetzt warm anziehen? Bisher nehmen die Jünger von Jimmy Wales es gelassen — oder doch nicht ganz. Einen Everipedia-Artikel auf Wikipedia gibt es bis heute nicht, obwohl Everipedia bereits seit 2014 existiert.

(via Wired.com & TheNextWeb)

Dampftwitterer starten durch: 280-Zeichen-Tweets erzeugen mehr Retweets & Likes

twitter-kuratiert-die-newsSeit November ist Twitter kein Kurznachrichtendienst mehr, sondern ein Nachrichtendienst für die Mittelstrecke. Während Zwitscher-Puristen sich weiter kurz fassen, haben die Dampftwitterer draußen im Lande die Verdopplung von 140 auf 280 Zeichen eifrig genutzt — und das mit Erfolg. Eine Auswertung von des Publishing-Tools „SocialFlow“ — das rund 300 große Plattformen wie die NYT oder WSJ nutzen — ergab jetzt, dass sich die Like- und Retweet-Rate mit Maxi-Tweets verdoppeln lässt. Das berichtet Buzz Feed News.

Klickrate pro Tweet bleibt jedoch konstant

Social Flow hatte Buzz Feed zufolge zehntausende Tweets aus dem Zeitraum vom 29. November bis zum 6. Dezember ausgewertet — und stellte fest: 140Plus-Tweets wurden im Schnitt 26,5 mal retweeted, kürzere Tweets nur 13,7 mal. Bei den Likes war das Verhältnis 50,28 zu 29,96. Die Klickrate pro Tweet — d.h. die Zahl der Klicks auf eingebettete Links auf Web-Inhalte, Shop-Artikel etc. — dagegen blieb interessanterweise konstant.

Ergebnisse aus 280er-Testphase bestätigt

Der Analyse-Schnappschuss bestätigt mehr oder weniger das, was Twitter selbst schon vor dem Rollout des neuen 280-Zeichen-Limits behauptet hatte: „Es wurde nicht nur mehr getweetet, wer mehr Raum für Inhalte hatte, bekam auch aktivere Follower (mehr Likes, Retweets, @mentions)“, hieß es damals. Außerdem wurde festgestellt: „Teilnehmer des Experiments berichteten davon, sie seien mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten und mit Twitter insgesamt jetzt zufriedener, sie könnten auch leichter gute Inhalte finden.“

Monetarisierung, Fakenewsifizierung, Facebookisierung

Ob die erhöhte Aktivität der Nutzer nun auch eine bessere Monetarisierung verspricht? Und verbesserte Marketing-Möglichkeiten? Die kaum veränderte Klickrate scheint eher dagegen zu sprechen, allerdings gibt es ja auch mehr Retweets, auf die ebenfalls geklickt wird, so dass die absolute Zahl der Klicks sich durchaus erhöhen lässt. Insofern lautet das vorläufige Urteil: das 280-Zeichen-Limit macht das Medium bzw. die Community intern offenbar noch „sozialer“, und verbessert die Moneterisierungsmöglichkeiten nach außen. Die Möglichkeiten zur Fakenews-Verbreitung wird durch die Facebookisierung von Twitter natürlich auch verstärkt…

(via Motley Fool & Buzz Feed News)

Abb.: Pete Simon (cc-by-2.0)

„Sehr interessant, ich habe aber noch ein paar Fragen“: E-Mail-Chatbot treibt Spammer & Scammer in den Wahnsinn

scam-botManche E-Mail-Spammer sind E-Mail-Scammer – auf gut deutsch: Vorschussbetrüger. Die wollen unsere Kontodaten, oder gleich eine Vorabüberweisung. Besonders populär: der Nigeria-Scam — hier sollen angebliche Millionensummen ins Ausland transferiert werden, von denen man profitieren kann, wenn man einen kleinen Betrag vorschießt. Das Bundeskriminalamt rät, derartige E-Mails nicht zu beantworten — dank Re:scam gibt es jetzt jedoch eine Möglichkeit, mehr zu tun als einfach nur den Löschknopf zu drücken.

Chat-Bot mit multiplen Persönlichkeiten & Humor

Der kostenlose Service des neuseeländischen Sicherheits-Dienstleisters Netsafe setzt einen Chat-Bot auf die Scammer an, der unter eigener E-Mail-Adresse die Betrüger in eine täuschend echte, letzlich aber im semantischen Nirwana endende Konversation verwickelt: „Re:scam can take on multiple personas, imitating real human tendencies with humour and grammatical errors, and can engage with infinite scammers at once, meaning it can continue an email conversation for as long as possible.“

„Bieten Sie auch eine Bingo-Nacht an?“

Pseudo-informative Nachfragen treiben den Betrügern den Schweiß auf die Stirn: „Bieten Sie auch eine Bingo-Nacht an?“. Noch vielversprechender: „Ich bin sehr interessiert. Ich habe aber noch ein paar Fragen“. Eine besonders perfide Variante: Der Chat-Bot schickt eine fiktive, ellenlange Kontonummer, aber „aus Sicherheitsgründen“ nur eine Ziffer pro E-Mail.

Zeit verschwenden, Profitrate senken

Der vom neuseeländischen Sicherheits-Unternehmen Netsafe programmierte Chat-Bot trifft die Scammer dort, wo sie am empfindlichsten sind: bei der Ressource Zeit und Aufmerksamkeit. Je weniger Zeit die Scammer für echte Konversationspartner aufbringen können, desto geringer der Profit. Und der ist bisher groß: 12 Milliarden Euro soll der jährliche Schaden durch Phishing-Mails betragen.

Die Anwendung ist denkbar einfach: man schickt eine Scam-Mail einfach per Weiterleitungs-Buttung an me@rescam.org, den Rest erledigt der Chat-Bot. Den Inhalt der anschließenden Konversation erhalten die Teilnehmer am Ende zugeschickt.

(via The Verge)

„Wie Facebook mit ner Blaumeise“: sind zu viele Zeichen des Twitteraten Tod?

twitter-wird-280Es geht immer noch sehr knapp: „140+140“, twitterte Jack Dorsey am Mittwoch, doch das alte Limit ist futsch: der Kurznachrichtendienst ist über Nacht zum Mittelstrecken-Nachrichtendienst geworden. Einer der ersten Dampftwitterer, die sofort den Platz für sich beanspruchten, war Donald Trump — und schickte einen (ernstgemeinten) geschwätzig-beliebigen Postkartentext von seiner Koreareise.

Tweetspreading: „Hey, schon 280 Zeichen voll“

Deutsche Twitterer reagierten anfangs vor allem ironisch: „Gut, dass man nun endlich ganz von Anfang an erzählen kann. Also: Ich komme da rein und jedenfalls – da sitzt dieser Typ. Hätte man früher nicht so breit auffächern können, aber okay. Er guckt blöd zum Fenster raus und ich gehe zu ihm hin und sage: Hey – schon 280 Zeichen voll“, witzelte der Hamburger Werbetexter Peter Breuer.

Die Polizei München blödelte per Twitter-Stream: „Nun können wir vom Niederflurförderfahrzeugführer berichten, der mit einer selbstfahrenden Arbeitsmaschine gegen den Betonstahlstangenbieger gefahren ist, nachdem er ohne den Fahrtrichtungsanzeiger zu betätigen links abgebogen war“.

Sarkastisch-genervt belehrte dagegen Juraman seine Follower: „Tweetspreading ist ein Kofferwort aus Tweet (engl.: ‚Gezwitscher‘) und -spreading (engl. to spread, dt. ‚spreizen‘). Hiermit assoziiert man die bei einigen Twitterern nach Einführung der 280 Zeichen ausgebrochene Unart, diese 280 Zeichen mit überflüssigem Unsinn auszufüllen.“

## Sind die Deutschen mit ihren Kettenwörtern schuld?
Jack Dorsey sieht das offenbar etwas anders. Gerade für die deutsche Sprache sei das seit 2006 geltende Limit von 140 Zeichen zu knapp gemessen gewesen, so der Twitter-CEO in einer offiziellen Verlautbarung – – und schob damit elegant der Nation von Donaudampfschiffahrtskapitänen und Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetzen die Schuld in die Schuhe. Kein Beweis dieser These, aber eine passende Ergänzung: für „prägnantere“ Sprachen bzw. Zeichensysteme wie Chinesisch, Koreanisch oder Japanisch bleibt das alte Limit erhalten.

Twitter zufolge sind 280 Zeichen dagegen für Englisch, Deutsch, Französisch & Co. die optimale Begrenzung, während der Testphase hätten nur wenige Prozent der Tweets diese Länge erreicht. Die Twitter-Statistiken zeigen allerdings: die alte Latte von 140 Zeichen wurde ebenfalls nur sehr selten gerissen. Trotzdem spricht man bei Twitter von einer „logischen Konsequenz“ aus Nutzerstudien — die Expansion entspreche den „Bedürfnissen der Community“.

„Die Community hat das nicht gewollt“

Andere sehen das anders. Die Community habe das überhaupt nicht gewünscht, zitiert zum Beispiel Welt.de den Regensburger Medieninformatiker Manuel Burghart. Die Zeichenverdopplung, so Burghart, sei eher ein Zeichen für den finanziellen Druck, unter dem der Kurznachrichtendienst stehe — man wolle die Hürden senken, um mehr Nutzer zu erreichen.

Tatsächlich liegt Twitter gegenüber anderen sozialen Netzwerken zurück, statt einem Milliarden-Publikum versammelt das Unternehmen mit dem blauen Vogel gerade mal 330 Millionen aktive Mitglieder. Doch auch das war natürlich bisher Teil des Charmes: kurze Texte, „überschaubare“ Community, und lange Zeit auch ohne Bilder- und Videoflut. Letzteres hatte sich jedoch vor einiger Zeit geändert — und findige Twitterer nutzten schon bisher eingebettete Bildchen, um längere Texte zu präsentieren, entweder selbst per Screenshot oder Photoshop gebastelt, oder abfotografiert etwa aus Zeitungen und Zeitschriften.

Was ist die Essenz von Twitter?

Soviel Kreativität ist nun nicht mehr nötig. Auch viele Abkürzungen der Twittersprache von pls und thx über WTF und OH bis zu HD und PG könnten nun an Bedeutung verlieren — selbst wenn Puristen sich natürlich weiterhin kurz fassen dürfen und in restringiertem Code schwelgen können. Vielleicht wird es bald sogar Twitter-Clients geben, bei denen man selbst das Zeichen-Limit bestimmen kann? Jack Dorsey persönlich jedenfalls glaubt, Geschwindigkeit und Direktheit blieben auch in Zukunft „die Essenz“ von Twitter. Wird „Fasse dich Kurz“ aber tatsächlich weiterhin zur „Netiquette“ der Twitterati gehören? Letzlich hat es die Community selbst in der Hand, was aus der Zwitschermaschine wird…

Lektüre-Gelee für gläserne Leser: Jellybooks macht das Testlesen zum Geschäftsmodell

jellybooks-sucht-testleserTestleser gesucht: für viele Self-Publisher ist es längst selbstverständlich, neue Texte erstmal mit Hilfe der Leser-Community auszutesten und vor der endgültigen Veröffentlichung noch Änderungen vorzunehmen. Nicht selten finden auch regelrechte Votings statt, um das passende Cover zu finden. Unter dem Begriff „Reader Analytics“ entwickelt sich das Austesten von neuen Titeln vor der eigentlichen Veröffentlichung aber auch in der Verlagsbranche zum lukrativen Geschäftsmodell. Bestes Beispiel: Jellybooks — siehe auch das aktuelle Interview mit Jellybooks-Gründer Andrew Rhomberg auf Buchreport. Der Dienstleister arbeitet zum einen mit einer in E-Books eingebetteten Tracking-Software auf Javascript-Basis, die das Leseverhalten von Testlesern auswertet, zum anderen mit Leserbefragungen.

Tausche E-Book gegen Lesedaten

Am Ende weiß der jeweilige Verlag dann nicht nur, wie schnell die Lektüre vonstatten geht und wieviele Leser die Lektüre abbrechen, sondern erfährt auch etwas über die Zufriedenheit, und ob Leser das Buch weiterempfehlen würden. Nicht zuletzt wird auch ermittelt, ob den Lesern zufolge das Cover zum Buch passt. Für den Verlag hat die Zusammenarbeit mit Jellybooks auch den Vorteil, das keine eigenen Testleser gesucht werden — die melden sich nämlich freiwillig auf jellybooks.de, um an kostenlose Leseexemplare zu kommen: „Das Buch wird vom Sponsor (Verlag oder Autor) zur Verfügung gestellt. Du musst es nur lesen und am Ende von jedem Kapitel den ‚Lesedaten senden‘ Button klicken“, lautet der Claim.

„Verlage schenken dir jetzt Aufmerksamkeit“

Sicherlich stimmt der häufig zu hörende kritische Einwand: „Wenn ein Online-Service umsonst ist, bist du das Produkt“ hier ganz besonders — private Lektüre sieht wohl etwas anders aus. Interessanterweise werden die gläsernen Leser aber auch noch mit weiteren Incentives versorgt: „Autoren und Verlage schenken dir jetzt Aufmerksamkeit“, heißt es da zum Beispiel, und: „Du hast Einfluss, wie diese Bücher veröffentlich werden“. Das gilt natürlich, cum grano salis, für alle anderen Formen der Markt- und Konsumenten(aus-)forschung ebenfalls, ohne dass man wirklich von „Mitbestimmung“ reden würde. Immerhin geht die Transparenz bei Jellybooks in beide Richtungen: die Nutzer der Plattform können auf ihre Lesedaten frei zugreifen, und sich so zugleich auch ein Bild über ihr eigenes Leseverhalten machen.

Voraussetzung ist übrigens, das die E-Lese-App sowohl epub3- wie auch Javascript-kompatibel ist, aus diesem Grund sind viele gängige Apps wie Tolino, Kobo, Aldiko oder Bluefire-Reader nicht zum Testlesen und Datenversenden geeignet, iBooks, Bookvia oder Bookshelf dagegen funktionieren.

THUMP THUMP THUMP: Frankenbot Shelley und eine Horde von Followern tweeten Horrorgeschichten

shelley-horror-botShelley, was für ein passender Name für einen Bot, der aus im Web verwesenden Textleichen und Live-Tweets noch atmender Menschen monströse Horror-Stories komponiert. Schließlich steht bei dem KI-Projekt der MIT-Forscher rund um Pinar Yanardhag niemand anderes Pate als Mary Wollstonecraft Shelley, die Autorin von von „Frankenstein or The Modern Prometheus“. Mit Frankensteins Patchwork-Wesen fing der moderne Horror im Jahr 1818 ja auch an, also fast genau vor zweihundert Jahren. Der Frankenbot unserer Tage beschert uns nun gruselige Kurzgeschichten wie „ThumpThumpThump“, „Shadow in the Shadows“ oder „Look away“.

Du bist an der Reihe, Bot

Die Entstehung der hybriden Narrative kann man via Twitter in Echtzeit mitverfolgen: Einmal pro Stunde spuckt Shelley einen neuen Tweet aus, der den Auftakt zu einer neuen Horror-Geschichte legen soll. Dann liegt es an den Followern, die Geschichte unter dem Hashtag #yourturn fortzusetzen. Je nachdem, wie oft ein Follower-Fortsetzungs-Tweet geliket oder retweetet wird, baut Shelley ihn in die Geschichte ein, und fügt einen eigenen Tweet dazu, auf den dann wiederum die Follower reagieren können. Je nach Input werden dabei mehrere Erzählstränge bzw. Threads weitergeführt, so dass am Ende mehrere Varianten einer Geschichte nebeneinander stehen.

Shelley lernt von der Crowd

“Shelley ist die Kombination aus einem rekursiven neuronalen Netzwerk und einem Online-Algorithmus, der mit der Zeit aus dem Feedback der Nutzer lernt“, erklärt Projektleiter Pinar Yanardhag. “Je mehr Zuarbeit die Crowd leistet, desto gruseligere Geschichten wird Shelley schreiben“. Neben dem Feedback der User stützt sich der Bot auf die Analyse von mehr als 140.000 Horror-Stories, die aus dem Fundus der Reddit-Rubrik r/nosleep.

Fürchten machen macht Fortschritte

Mehr als 200 fertige Geschichten mit diversen Varianten wurden bereits auf der Projekt-Website http://shelley.ai veröffentlicht — und man merkt schnell: die Narrative sind ingesamt nur in wenigen Fällen einigermaßen überzeugend. Wer sich wirklich gruseln möchte, wird bei rein menschlichen Autoren immer noch deutlich besser bedient. Zugleich merkt man aber auch: eine gewisse Ahnung vom „Fürchten machen“ hat die KI dank Deep Learning sich eindeutig schon angeeignet. Das ist dann doch ein bisschen beängstigend…

(via Engadget & Fast.co.design)

Vorlesestudie 2017: Die meisten Eltern fangen zu spät mit dem Vorlesen an

stiftung-lesen-vorlesestudieDrei Millionen Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren gibt es in Deutschland — und alle hören gerne Geschichten aus dem Mund ihrer Eltern. Leider müssen gerade die Kleinsten flächendeckend darauf verzichten: denn mehr als die Hälfte aller Mütter und Väter nehmen in den ersten 12 Lebensmonaten kein Buch in die Hand, um ihren Sprösslingen daraus vorzulesen. Ein Drittel der Eltern liest ihren Kindern sogar bis zum dritten Lebensjahr nichts vor. Das zeigt die aktuelle „Vorlesestudie 2017“ der Stiftung Lesen, die erstmals repräsentative Daten zum Vorlesen im Alter von drei Monaten bis drei Jahren erhoben hat.

Vorlesen weckt Interesse für das spätere Selberlesen

Das muss besser werden! Denn Vorlesen, so der aktuelle Stand der Wissenschaft, ist von Anfang an ein hochwirksamer Impuls nicht nur für die spätere Lesemotivation und das Leseverhalten, sondern auch allgemein für die sprachlich-kognitive, persönliche und soziale Entwicklung. Damit legt die Kinderbuch-Rezitation durch die Erziehungsberechtigten natürlich auch den Grundstein für schulischen und beruflichen Erfolg.

Eltern finden Vorlesen eigentlich wichtig…

Die meisten Eltern ist genau das auch sehr wichtig: 86 Prozent nennen gute, vielseitige Bildung als zentrales Erziehungsziel, 71 Prozent nennen gute Lesefähigkeit. Noch überraschender: 91 Prozent schreiben dem Vorlesen einen großen bzw. sehr großen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder zu. Da fragt sich natürlich: Ja warum machen sie es dann nicht von Anfang an?

… sind aber unsicher, ab wann es Sinn macht

Ein Faktor scheint eine gewisse Unsicherheit über den richtigen Zeitpunkt zu sein: ein Drittel der Eltern gibt das nämlich als Grund an, den ganz Kleinen nichts vorzulesen (Diejenigen, die es tun, beginnen übrigens der Studie zufolge durchschnittlich im Alter von Neun Monaten…). Manche meinen auch, die Konzentrationsfähigkeit des Nachwuchses würde dafür noch nicht ausreichen. Nicht zuletzt spielt auch die Buchauswahl eine Rolle: Gerade für das erste Lebensjahr fällt sie vielen Eltern schwer.

Stiftung Lesen gibt Lektürvorschläge ab 3 Monaten

Das zumindest muss nicht nicht so bleiben: die Stiftung Lesen hat ein Dutzend säuglings- und Kleinkindkompatible Buchtipps parat: sowohl Titel zum Vorlesen wie auch zum gemeinsamen Bilder-Anschauen, die Altersempfehlungen reichen von 3 bis 12 Monaten.

Abb.: (c) Stiftung Lesen/Oliver Rüther

Pionier des Electric Pencils: Jerry Pournelle (1933-2017) schrieb 1977 als erster Autor weltweit einen Roman am PC

pournelle-schreibt-am-pcNicht nur Sci-Fi-Leser, auch Sci-Fi-Autoren sind meist sehr technik-affin, zum Beispiel wenn es um Schreib- und Lesemedien geht. Als vor ziemlich genau vierzig Jahren – also 1977 – in Kalifornien zum ersten Mal in der Literaturgeschichte die Schreibmaschine einem Personal Computer wich, saß nicht zufällig Jerry Pournelle am Keyboard: der ehemalige Luft- und Raumfahrtingenieur hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige Romane im Hard & Military-Sci-Fi-Bereich ganz traditionell getippt, wollte nun aber die allerneueste Büro-Technologie nutzen, um Texte schneller zu produzieren.

12.000 Dollar in PC-Technik investiert

Ein Freund hatte Pournelle auf seinem PC das Programm „Electric Pencil“ vorgeführt, das erste Textverarbeitungs-Programm überhaupt, seit 1976 auf dem Markt. “When he showed me Electric Pencil, primitive as it was with only 14 lines of 64 characters on a monochrome monitor the size of a small black and white TV, I was hooked“, erinnerte sich Pournelle gegenüber The Verge. Aus rein praktischen Erwägungen griff Pournelle dann tief in die Tasche, das ganze System kostete ihn 12.000 Dollar — doch dafür konnte er seine Manuskripte nicht nur schneller schreiben, sondern vor allem dank der komfortablen Editier-Möglichkeiten auch einfacher überarbeiten.

Karriere als elektronisch enhanceter Vielschreiber

Die Investitionskosten, so schätzte Pournelle, hätten sich durch den erhöhten Titelausstoß und dadurch erhöhte Verkaufszahlen bereits nach einem Jahr amortisiert. Pournelle blieb zeit seines Lebens — er starb letzte Woche im Alter von 84 Jahren — ein elektronisch enhanceter Vielschreiber, u.a. entstanden an seinem PC einige Romane in Zusammenarbeit mit dem Ringworld-Autor Larry Niven, etwa das First-Contact-Spektakel „The Mote in God’s Eye“ (dtsch.: „Splitter im Auge Gottes“) und die postapokalyptische Story „Lucifer’s Hammer“ (dtsch.: Luzifers Hammer).

Bisher kein früherer Pionier bekannt

Vielleicht findet die Forschung ja irgendwann noch einen Early Adopter, der Pournelle zuvor kam, bisher jedenfalls ist der Sci-Fi-Romancier auch in der Fachliteratur als Digital-Pionier anerkannt. So schreibt etwa Matthew G. Kirschenbaum in „Track Changes: A Literary History of Word Processing“, Pournelle hätte „a strong claim to having been the first author to have written published fiction on a word processor.”

Abb.: Pournelle im Jahr 1979 vor seinem DIY-PC mit Zilog Z-80-Chipsatz, 64-Zeichen-Hitachi-Monitor und CP/M-Betriebssystem

Bringt ein Joint-Venture von Sony & E-Ink im Herbst das erste E-Ink-Laptop der Welt auf den Markt?

alan-kay-zeigt-dynabookWer wie ich die Lektüre via E-Ink schätzt, zugleich aber viel & oft mobil schreiben muss, fragt sich seit langem schon: Wann gibt es endlich ein akku- und augenschonendes E-Ink-Laptop bzw. E-Ink-Notebook? Bisher gibt es zwar diverse Hacks & Workarounds mit E-Ink-Readern und Bluetooth-Tastaturen, und auch vielversprechende Prototypen wie den Onyx Boox Typewriter, aber kein fertiges Produkt.

Linify soll Serienfertigung von „E-Ink-Notebooks“ forcieren

Doch das könnte sich bald schon ändern — möglich macht das eine kürzlich verkündete Kooperation zwischen E-Ink Corp. und Sony. Das Joint Venture namens „Linfiny“ soll u.a. die Serienfertigung von Laptops mit E-Ink-Display vorantreiben, schreibt die taiwanesische Tageszeitung Tapei Times, und zitiert einen E-Ink-Manager mit den Worten: „Es ist uns wichtig, das Produkt in diesem Jahr auf den Markt zu bringen, denn es gibt großen Bedarf vom Gesundheits- über den Finanz- bis hin zum Bildungssektor“.

Tablet mit Stylus, oder Hybrid-Konzept mit Tastatur?

Die große Frage ist allerdings, ob tatsächlich „Laptops“ gemeint sind, oder nur „E-Notebooks“, wie es in einer Pressemitteilung vom April 2017 zum Start von Linfiny zu lesen ist, die zudem von der Suche nach Vertriebspartnern in China, Japan und Europa spricht, um diese Geräte in der zweiten Jahreshälfte an den Start zu bringen.

Denn mit „E-Notebooks“ können natürlich auch im Wortsinne elektronische Notizbücher im Tabletformat gemeint sein, die man vor allem mit einem Stylus bedient — siehe Remarkable oder Sonys DPT-RP1. Allerdings gibt es ja auch wiederum Crossover-Konzepte wie den Onyx Boox Typewriter, die neben Touchscreen und Stylus auch eine andockbare Tastatur besitzen.

Es bleibt also spannend, spätestens im beliebten Ankündigungsmonat Oktober werden wir wohl mehr wissen…

(via The Digital Reader & Taipei Times)

Abb.: Noch ein utopisches Laptop-Projekt: Alan Kay mit einem Modell des Dynabooks (cc-by-2.0)

Abklingphase nach der Sprunganregung: E-Reading & die Zukunft des Hype Cycles

hypecycleWenn man den Hype Cycle irgendwo auf dem aktuellen Gartner Hype Cycle eintragen würden, dann wahrscheinlich auf dem Weg vom „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ in das „Trogtal derEnttäuschungen“. Denn die jährliche Momentaufnahme zeigt ein mehr oder weniger bekanntes Bild — ernstzunehmende Hypes brauchen eben meist länger als ein Jahr, um sich auffällig weiterzuentwickeln. Die Blockchain allerdings hat es erwischt — sie ist (zu recht? zu unrecht?) jetzt in den Sturzflug übergegangen, eingeklemmt zwischen „Cognitive Computing“ und kommerziellen unbemannten Drohnen.

Immer noch auf dem aufsteigenden Ast dagegen befinden sich „Emerging Technologies“ à la 4D-Printing, Smart Robots, Smart Workplaces, virtuelle Assistenten, Hirn-Computer-Schnittstellen und Quanten-Rechner. So richtig enthypet und verwertungsfähig ist bis auf weiteres nur die virtuelle Realität, die Augmented Reality könnte es bald geschafft haben.

Mit der Buchbranche scheint das auf den ersten Blick alles gar nichts zu tun zu haben… E-Reading, E-Publishing und der elektronische Buchhandel sind, zumindest gemäß Gartner, längst jenseits von Gut und Böse. Auf den zweiten Blick jedoch sieht es schon wieder etwas anders aus — denn viele der neuen Technologien werden natürlich auch die Art und Weise verändern, wie wir Bücher finden, kaufen und lesen.

Deep Learning-Algorithmen verbessern die Buchempfehlungen, sprachgesteuerte virtuelle Assistenten helfen beim Einkaufen oder spielen auf Zuruf ein Hörbuch ab, Drohnen lassen den bestellten Brockhaus zielgenau über der Terrasse direkt in den Liegestuhl fallen, und die Buchstütze dazu kommt aus dem Drucker. Vielleicht kommt über das Brain-Computer-Interface eines Tages sogar der digitale Zwilling von Jeff Bezos ins Haus und besucht die Premium-Kunden im Traum.

Die große Frage bleibt, ob die Buchbranche selbst zukünftig auch eigene Hypes erzeugen kann, oder nur wie ein Stück Treibholz im breiten Strom der Emerging Tech vorangetrieben wird. Und wird es mehr als nur ein Retro-Hype sein, entstanden durch die wachsende Differenzerfahrung zwischen alten und neuen Medien? Vielleicht so etwas schön hybrides wie smarter Bücherstaub? Vorlese-Drohnen? Halluzinierte Lesebiographien?