Projekt „eVerkündung“: Bundesgesetze treten bald digital in Kraft – die gedruckte Fassung ist nicht mehr nötig

everkuendung-bundesgesetze-digitalPreisfrage: Wann tritt ein Bundesgesetz in Kraft? Wenn es vom Bundestag beschlossen wurde? Nein. Wenn es vom Bundespräsidenten unterzeichnet wurde? Nein. Erst, wenn es „im Bundesgesetzblatte verkündet“ wird — so will es Artikel 82 des Grundgesetzes (es war übrigens der erste Gesetzestext, der im Bundesgesetzblatt verkündet wurde…). Mit anderen Worten: ein Gesetz muss auf Papier gedruckt vorliegen. Jedenfalls bisher. „Gesetze und Verordnungen verkünden wir künftig uneingeschränkt digital“, prophezeite nämlich Bundesjustizministerin Katarina Barley kurz vor Weihnachten gegenüber der FAZ. Das elektronische Bundesgesetzblatt werde demnächst „die einzig verbindliche Fassung von Gesetzen und Verordnungen beinhalten“, so Barley weiter. Auf einer neuen Online-Plattform könnten dann alle BürgerInnen „kosten- und barrierefrei auf amtlich verkündete Gesetze und Verordnungen im Bundesgesetzblatt zugreifen“.

Dumont-Verlag verliert Veröffentlichungs-Privileg

Bisher geht das nur eingeschränkt, denn seit der Privatisierung des Bundesgesetzblattes im Jahr 2006 verdient der Dumont-Verlag recht gut daran, durchsuchbare, kopierbare und ausdruckbare PDF-Versionen von Gesetzen zur Verfügung zu stellen — denn solche Features erhalten nur Abonnenten, die mindestens 100 Euro pro Jahr zahlen. Merkwürdig eigentlich, denn Gesetze sind laut Gesetz gemeinfrei, genießen also keinen Urheberrechtsschutz (der Dumont-Verlag beruft sich allerdings auf eine Sonderregelung, die Datenbanken betrifft). Deswegen hat die Stiftung OpenKnowledgeFoundation vor einiger Zeit das Recht in eigene Hände genommen und veröffentlicht unter offenegesetze.de die Vollversion von Gesetzestexten in der im Bundesgesetzblatt veröffentlichten Fassung.

Open Knowledge Stiftung prescht voran

„Zentrale Dokumente der Demokratie müssen offen für alle bereitstehen. Das Urheberrecht darf der Demokratie nicht im Wege stehen“, so die Macher des Portals, das Anfang Dezember 2018 an den Start ging. Das hat nun offenbar das Bundesjustizministerium unter Zugzwang gesetzt, zumindest relativ. Denn die benutzerfreundliche, kostenlose und vollumfängliche „eVerkündung“ der Bundesgesetze – in vielen Bundesländern bei Landesgesetzen schon realisiert — soll erst ab dem 1. Januar 2022 funktionieren, also in drei Jahren. Und ganz klar scheint auch noch nicht zu sein, ob das dann eine Bundesbehörde übernimmt, oder wieder ein Unternehmen.

Wer Visionen hat, soll zum Kiosk gehen: Das Grundgesetz wird als Bookazine zum Bestseller

Grundgesetz-als-BookazineAm 23. Mai 2019 heißt es: Happy Birthday, Grundgesetz – und zwar zum siebzigsten Geburtstag. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so beginnt dieser Klassiker, doch wo gibt es eigentlich ein Grundgesetz, das man gerne anfasst? Derzeit am Kiosk: Medienunternehmer Oliver Wurm und Designer Andreas Volleritsch haben schon vor einigen Wochen unsere Verfassung ansehnlich gelayoutet, mit Grafiken und Zusatzinformationen ergänzt als „Bookazine“ bundesweit in den Vertrieb gebracht — die gesamte Auflage beträgt 100.000 Exemplare. Mit großem Erfolg: im Bahnhofsbuchhandel gehen die 124 konstitutionellen Seiten zum Preis von zehn Euro weg wie geschnitten Brot, eine Zusatzauflage von weiteren 60.000 Stück wird rasch nachgedruckt.

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Self-Publishing via Presse-Grosso

Was wohl auch daran liegt, das nicht alle Exemplare der Erstauflage am Point-of-Sale gelandet sind: Zur Refinanzierung wurde nicht auf Anzeigen gesetzt, sondern auf die Unterstützung via Vorverkauf – 70 ausgewählte Unternehmen, Stiftungen und Verbände haben Hefte für ihre Klientel geordert. Hilfreich bei der Anbahnung dieses „Self-Publishing-Projekts“ (nämlich ohne Verlag im Hintergrund) waren wohl auch Wurms Media-Erfahrungen u.a. als Bildzeitungs-Redakteur, Panini-Städte-Alben-Produzent und nicht zuletzt ein erfolgreicher Vorlauf mit dem Kiosk-Vertrieb des Neuen Testamentes in Magazinform (siehe bibelalsmagazin.de), anlässlich des Ökumenischen Kirchentags 2010.

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Einmal Zeitung, einmal Verfassung bitte

Interessanterweise ist das Projekt auch 100 Prozent Print-only, und wirkt zudem noch unterstützend für andere Papierprodukte: aus dem Bahnhofsbuchhandel wird nämlich auch von einer „hohen Quote von Koppelkäufen“ berichtet, etwa Nachrichtenmagazine oder überregionale Tages- und Wochenzeitungen. Eins geht aber dann doch online: die Bestellung von einzelnen Heften, sie ist über die Landing-Page dasgrundgesetz.de möglich (ohne Aufpreis, also für zehn Euro inkl. Versandkosten).

(via meedia.de)

Blinkist, ein Service für Sachbuchverschlinger: alle Inhalte, in 15 Minuten — macht das Sinn? (tl;dr: Nee.)

blinkist-schneller-lesen-serviceSpeedreading, da ist es wieder. Diesmal zum Glück nur für Non-Fiction, und nicht als Buchstaben-Schnellaufband: unter dem Markennamen „Blinkist“ werden innerhalb von 15 Minuten konsumierbare Zusammenfassungen von Sachbüchern angeboten, inzwischen gibt es diesen Service auch auf Deutsch. Also sozusagen ein Readers Digest für den Online-Leser. Jedes Kapitel wird als eigener „Blink“, übersetzt also etwa „Augenblick“, in wenigen Sätzen zusammengefasst, am Ende gibt es dann noch mal ein ganz kurzes Abstract („Kernaussage“ genannt) des gesamten Buches.

Speedreading als semantische Sackgasse

Das gute an diesem Konzept ist sicherlich, dass es nicht auf die extreme Verkürzung von Inhalten setzt, wie z.B. bei den „Sekundenbüchern“ für die Apple Watch, und genausowenig auf die Beschleunigung des Lesevorgangs à la Spritz oder Word Runner. Denn ein Kapitel lässt sich kaum in einem Tweet zusammenfassen, und wer einen 200-Seiten-Text in 30 Minuten an sich vorbeiziehen lässt, hat auch nicht viel davon, denn die zum tieferen Textverständnis notwendigen kognitiven Prozesse lassen sich auf diese Weise nachweislich nicht umgehen.

Wie wäre es mit dem Klappentext?

Das E-Book-Zeitalter legt andererseits natürlich zeitverkürzende Lektüre nahe — schließlich sind Bücher auch viel schneller verfügbar, innerhalb von Sekunden. Und beim Lesen von Webtexten sind wir auch auf das Querlesen, das „Scannen“ konditioniert. Bei längeren Texten funktioniert das aber nicht. Doch löst Blinkist das Problem durch die gute alte Digest-Methode (immerhin von Autoren geschrieben und nicht von Algorithmen)? Leider auch nicht. Wer eine gute Buchkritik liest, den Klappentext oder – via Onlineleseprobe – die Einleitung, bekommt Zusammenfassungen in weitaus besserer Qualität, bei der Einleitung auch noch in der Tonalität des Autors, bei der Rezension auch noch mit einer Einordnung des Textes in den Kontext. Und im Netz – siehe Perlentaucher – bekommen eilige Leser sogar Zusammenfassungen von Rezensionen.

E-Book-Singles als bessere Lösung

Außerdem gibt es längst ein fertiges Produkt bzw. Konzept, um Buch-Inhalte „schneller“ — was die Lesedauer betrifft — in elektronischer Form unter die Leute zu bringen: die E-Book-Singles, Texte, die man meist in 30 bis 45 Minuten konsumieren kann, wenn sie gut geschrieben sind, als eine Art Essay, dann auch mit Genuss. Einer der ersten Erfolge dieser Art war Jeff Jarvis‘ „Gutenberg The Geek“, und es gibt eine Menge Nachfolger. Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, kann sie auch in Mittelstreckentexte investieren, wie sie etwa Verlage à la Mikrotext oder Sukkultur anbieten.

Und wer braucht dann überhaupt Blinkist? Der Guardian hat einen möglichen Use-Case schön zusammengefasst: „it may appeal less to a time-poor, avid reader than a sweating businessman, crouched in a golf course toilet, trying to quickly brush up on his knowledge of politics or astrophysics to impress his boss.“

(via The Guardian)

Kritzeln, Skizzieren, Schreiben: E-Ink stellt mit JustWrite einen Wunderblock à la Boogie Board vor

justwrite-eink-schreibtafelWas elektronischen Lesen betrifft, ist dank E-Ink mit allen Finessen inzwischen ein guter Standard erreicht, was Auflösung und Kontrast sowie schnelles „Umblättern“ betrifft. Beim elektronischen Schreiben –genauer gesagt dem Schreiben mit dem Stift — sieht das bisher noch etwas anders aus. Vor allem die Verzögerungsrate verhinderte bisher ein natürliches Schreibgefühl. Marktführer E-Ink scheint nun aber eine Lösung in petto zu haben, die alltagstauglich und „Notizbuch“-fähig sein könnte, Stichwort: „Near Zero Latency“. Dabei wird offenbar der vom Boogie Board bekannt Ansatz verfolgt — das bis zu drei Zoll große, biegsame Display ist eher einer Art reflexiver, magnetischer „Wunderblock“, die Farbpigmente zur Zeichendarstellung werden durch einen (wahrscheinlich) akkubetriebenen Stylus in Position gebracht.

Weiß-auf-Schwarz-Optik erinnert ans Boogie Board

Die neue E-Ink-Technologie namens Just Write wurde bereits auf der Messe Connected Ink in Japan vorgestellt, genaueres ist allerdings bisher weder über die Funktionsweise noch über einen möglichen Marktstart bekannt. Wie The Digital Reader berichtet, ist E-Ink ausgesprochen zurückhaltend bei der Promotion, immerhin lässt sich aus einer kurzen Pressemitteilung noch entnehmen, dass die Schreibfolie genau wie E-Ink-Displays im Roll-to-Roll-Verfahren produziert werden kann. Das Demo-Video auf Youtube (siehe unten) gibt es auch, gerade die Vorführung von Just Write (inklusive Weiß-auf-Schwarz-Optik) erinnert doch sehr stark an das Boogie Board.

(via The Digital Reader)

Mosaic, oder: die Geburt von Klicki-Bunti — vor 25 Jahren startete der erste echte Web-Browser

mosaic-browser-1993Ach ja, was waren das für Zeiten Mitte der 1990er Jahre: die Webseiten grau, die Links blau, und mitten im Text ein paar bunte Bildchen im Gif-Format. Der Browser hieß irgendetwas mit „Mosaik“, der Computer war ein 386er mit voluminösem Monitor, und ratterte hinter Jalousien im Rechenzentrum“ des Informatik-Fachbereichs meiner Uni, damals war das die FU Berlin. Ins Internet gehen, das hieß eigentlich: zum Internet gehen, denn zu Hause in Ostberlin gab’s ja teilweise noch nicht mal Telefon. Und trotzdem war es eine echte Revolution — denn der neue Browser machte das ominöse „Netz“ plötzlich attraktiv für Nicht-Informatiker, ich studierte damals zum Beispiel Germanistik & Geschichte.

Hier Link-Katalog, dort Zettelkasten

In Link-Katalogen wie LEO („Link everything online“) recherchierte man nach interessanten Webseiten, und landete am Ende der Reise nach vielen Zwischenstationen auch schon mal auf der Homepage einer australischen Hochschule, nur um den Mensa-Speiseplan zu studieren. Einfach weil man es konnte. Okay, vieles andere ging auch noch nicht. Waren handfeste Informationen gefragt, radelte ich damals natürlich rüber zur Uni-Bibliothek, und studierte den Zettelkatalog aus Papier oder Mikrofiche-Karteikarten.

Aus Mosaic wurde am Ende Firefox

Das alles muss jetzt schon ungefähr 25 Jahre her sein, denn genauso alt wurde in diesen Tagen NCSA Mosaic 1.0, der erste „echte“ Webbrowser entwickelt, und zwar am „National Center for Supercomputing Applications“ der Universität Illinois unter der Ägide von Marc Andreessen und Eric Bina. Andreessen ist vielen immer noch ein Begriff als „Erfinder“ von Netscape, aus dem dann schließlich Firefox wurde. Am Anfang dieser Ahnenreihe steht aber eben Mosaic – der Name sollte übrigens symbolisieren, dass die anfangs nur auf Unix-Systemen laufende Software diverse Internet-Protokolle beherrschte.

Berners-Lee, Andreessen, Gore, diese drei…

So gesehen gibt es also mindestens zwei „Erfinder“ des World Wide Web, einmal Tim Bernes-Lee, der am Genfer CERN die hypertext-basierte Grundstruktur entwickelte, und eben Marc Andreessen, dessen Mosaic-Browser das Netz erstmals für eine Vielzahl von Menschen sichtbar und einfach benutzbar machte. Und, ja, vielleicht sollte man auch noch Al Gore nennen. Der hat das Internet zwar nun wirklich nicht erfunden, aber mit seinem „Information Superhighway“-Gesetzesprojekt von 1991 (auch „Gore Bill“ genannt) nicht nur für die technische Infrastruktur des WWW gesorgt, sondern auch die Entwicklung von Software finanziert, prominentestes Subventions-Beispiel: Mosaic.

Talk to Books: Belesene Google-AI schaut in die Bücher & und beantwortet Fragen

Talk-to-Books-GoogleEin Buch kann nicht lesen, aber es kann zu uns sprechen, ohne dass wir es (ganz) lesen müssen – zum Beispiel, wenn man Googles neuem Tool „Talk to Books“ die richtigen Fragen stellt. Dann antwortet gleich eine komplette Bibliothek — die Ergebnisse sind tatsächlich (teilweise) verblüffend. In einem Präsentations-Posting erklären Google-Forschungschef Ray Kurzweil und Produktmanagerin Rachel Bernstein, warum das so ist: es geht nicht um schlichte Stichwortsuche, sondern um die Suche nach sinnvollen Sätzen. Sprich: die AI hat durch den Vergleich von Milliarden Satz-Paaren gelernt, wie eine gute Antwort aussehen kann.

**Mehr als 100.000 Bücher dienen als Wissensquelle*

Ob man nun eine Frage eingibt oder nur einen Aussagesatz, ist insofern auch egal: “Once you ask your question (or make a statement), the tools searches all the sentences in over 100,000 books to find the ones that respond to your input based on semantic meaning at the sentence level; there are no predefined rules bounding the relationship between what you put in and the results you get“, heißt es auf dem offiziellen Google-Research-Blog.

Vom Bücher-Fragen zum semantischen Tetris

Als zweites Beispiel für diese „Word Vector“ bzw. „Word2vec“ genannte Technik (tatsächlich werden die Worte dabei in einem mehrdimensionalen Vektorraum dargestellt) hat Google zugleich eine Wortspiel-Seite namens „Semantris“ ins Leben gerufen. Also eine Art semantische Tetris. Je nach Gusto kann man zu einem Sammelsurium aus Worten bzw. bunten Wortblöcken passende Begriffe oder ganze Sätze assoziieren, so dass jeweils ein Wort aus einem bestimmten Bedeutungszusammenhang gelöscht wird, zugleich kommen aber ständig neue dazu — wenn der obere Rand des Bildschirms erreicht ist, heißt es: „Game over“.

(via Googleblog & The Verge)

Mit Alphasmart gegen die Ablenkungs-Ökonomie, oder: wie zwei Apple-Ingenieure vor 25 Jahren die „Schreibmaschine“ neu erfanden

Alphasmart-ablenkungsfreies-SchreibenWer viel schreibt, der weiß: die Aufmerksamkeitsökonomie des digitalen Zeitalters ist eine Ablenkungsökonomie. Und das macht das Schreiben oft zur Qual. Die Not vieler Autoren geht soweit, dass sie hunderte Euros für Geräte ausgeben, die nicht möglichst viel, sondern möglichst wenig können. Schreib-Maschinen eben, wie etwa den mit E-Ink-Display ausgestatteten Smart-Typewriter „Freewrite“ (aka „Hemingwrite“). Es geht aber auch günstiger: „Alphasmart“ heißt nun schon seit 25 Jahren der Geheimtipp für Text-Only-Puristen — die robusten mechanischen PC-Tastaturen mit Speicher und Mini-LCD-Bildschirm werden online bereits ab 30 Euro angeboten.

„DTP lenkt die Schüler nur vom Schreiben ab“

Die Entstehungsgeschichte der Alphasmart-Serie kann man schon als frühen Hinweis auf das Problem mit der Aufmerksamkeit verstehen: Entwickelt wurde das Geräte-Konzept Anfang der 1990er Jahre von Kethan Kotari und Joe Barrus, zwei Apple-Ingenieuren. In Cupertino mussten sich die beiden immer wieder das technikkritische Genöle von Lehrern und Uni-Dozenten anhören — all die ganzen Features beim Desktop Publishing am Mac würden die Schüler und Studenten davon ablenken, sich mit dem Verfassen von Texten zu beschäftigen.

Das Unternehmen Apple selbst hatte damals erklärtermaßen kein Interesse an einer „smarten“ Tastatur, so durften die beiden Ingenieure ihre Produkt als Mini-Startup selbst zur Marktreife bringen — was sie nach enthusiastischen Reaktionen der Pädagogen („Is that all it does?“ — „Yes.“ — „That’s wonderful!“) auch taten. Die erste Version wurde 1993 ausgeliefert, mit 4-Zeilen-Display, 32 Kilobyte Speicher (für 16 Seiten), zu einem Preis von 270 Dollar. Schon nach sechs Monaten schrieb das Startup schwarze Zahlen.

„Textverarbeitungs-Toaster“ als Erfolgsrezept

Zum Erfolgsrezept gehörte natürlich auch der Plug-and-Play-Aspekt, durch den absoluten Minimalismus war das Alphasmart extrem einfach zu gebrauchen, nach Art einer „Speicher-Schreibmaschine“, nur eben deutlich kleiner und leicht zu transportieren. Man brauchte sich nicht durch hunderte Seiten Anleitung zu quälen wie bei einem Laptop. Barrus bezeichnete das auch von Grundschülern problemlos benutzbare Gerät scherzhaft als „Textverarbeitungs-Toaster“.

Zwischen 1993 und 2004 wurden insgesamt sechs Versionen herausgebracht, vom einfachen Alpha Smart bis zum Alpha Smart Neo, wobei nach und nach auch neue Schnittstellen wie USB und bei einer High-End-Version (Alphasmart Dana) sogar WiFi und SD-Slot dazukamen. Den größten Erfolg hatte Alphasmart jedoch mit der Brot-und-Butter-Version Neo, die noch bis 2013 produziert wurde, und immer noch bei Resellern erhältlich ist.

(via The Outline)

Abb.: David Kadavy (cc-by-2.0)

Da kichert das chinesische Zimmer: AI erreicht menschliches Leseverständnis, melden Alibaba und Microsoft

da-kichert-das-chinesische-zimmer„In welchem Jahr wurde Nikola Tesla geboren?“ — „Aus welchem Land stammte Tesla?“ — „Mit welchem anderen Erfinder arbeitete Tesla zusammen?“ — Fragen, die ein menschlicher Leser nach der Lektüre des Wikipedia-Artikels zu Nikola Tesla leicht beantworten kann. Selbst für die cleversten Algorithmen dagegen war die Antwort bisher gar nicht so einfach — wie regelmäßig Tests auf Grundlage des „Stanford Question Answering Datasets“ (SQAD) zeigten, dessen Fragen und Antworten aus Wikipedia-Einträgen generiert wurden.

Kopf-an-Kopf-Rennen beim SQAD-Score

Auf diesen Lorbeeren kann sich die Gattung Homo Sapiens sapiens nur aber nicht mehr ausruhen: Beim letzten Test in punkto „Leseverständnis“ — gemessen als „SQAD-Score“ — lag der Mensch nicht mehr klar vor der Maschine. Bei exakten Antworten auf die Fragen erreichten AI-Systeme von Alibaba wie auch Microsoft in diesem Monat Werte von 82.44 und 82,26, wie beide Firmen eiligst der Weltöffentlichkeit verkündeten — die menschlichen Probanden kamen auf einen SQAD-Score von 82,304.

„Ein Meilenstein ist erreicht“

Die Algorithmen des chinesischen Großkonzerns hatten also die menschlichen Testpersonen erstmals ganz knapp überholt. „Es ist uns eine große Ehre, bei diesem Meilenstein dabei sein zu können“, kommentierte das Luo Si, Chief Scientist beim Natural Language Processing-Programm von Alibaba. „Objektive Fragen wie ‚Wie entsteht Regen‘ können nun von Maschinen mit hoher Genauigkeit beantwortet werden“. Die zugrundeliegende Technologie könne nach und nach für zahlreiche Anwendungen genutze werden, etwa Kundenservice, Museumsführungen oder medizinische Beratung — und würde die Notwendigkeit sprachlicher Interaktion mit Menschen stark verringern.

Leseverständnis ohne Bewusstsein?

Viele menschliche Leser haben sich bei dieser Nachricht allerdings daran gestört, das von „Leseverständnis“ („Reading Comprehension“) gesprochen wurde. „Da höre ich ein ganzes chinesisches Zimmer kichern“, kalauerte etwa Christoph Kappes via Twitter angesichts der Schlagzeile „Computers are getting better at reading than humans“ — und tatsächlich kann ja von echtem Verständnis im Sinne von Bewusstsein keine Rede sein. Der Algorithmus hantiert sehr geschickt mit Worthülsen, ohne irgendetwas zu verstehen. Und somit dürfte auch weiterhin so manches „Gespräch“ im Kundenservice in der Sackgasse eines chinesischen Serverraums enden.

Abb.: The Chinese Room (2009), cc-by-sa-3.0

„Gemeinsame Plattform mit Verlagen“: ARD-User Service Engine als Google plus Facebook plus Netflix-Ersatz?

ard-logo-altAch ja, Texte im Internet. Den einen (private Verlage) ist es erlaubt, ins Web zu schreiben, den anderen (öffentlich-rechtliche Sendeanstalten) nicht? Oder nur im Telegrammstil? Wie beim Videotext? Aua, touché, schlechtes Beispiel. Denn damit fing der Streit ja in den frühen 1980er Jahren an, lange vor dem World Wide Web. Worte auf dem Bildschirm, mit Rundfunk-Gebühren und weiteren öffentlichen Zuschüssen bezahlt, das war den Zeitungsmachern damals schon ein Dorn im Auge.

Heute streitet man sich eher über den Wortanteil der Tagesschau-App, oder auf tagesschau.de, wobei ja eigentlich klar ist: ohne Worte geht es gar nicht. „Text in einem bestimmten Umfang ist notwendig, um gefunden zu werden“, so betonte BR-Intendant und derzeitiger ARD-Vorsitzender Ulrich Wilhelm jetzt in einem öffentlichen Pressegespräch. Denn alle Content-Anbieter seien vom Traffic der Suchmaschinen und Social Media-Netzwerke abhängig, und damit von deren Algorithmen.

Um dann einen großen Wurf zu formulieren (siehe das wörtliche Transkript bei daniel-bouhs.de): sollte es nicht besser „zu einer gemeinsamen Plattform für die Inhalte der unterschiedlichsten Qualitätsanbieter“ kommen, um von Google, Facebook & Co. unabhängig zu werden? Also einer „massiven Mediathek auch mit Text-Content der Verlage“, wie gleich mal vom Moderator kritisch nachgefragt wurde? Antwort: Im Prinzip schon, in der Zukunft, mit entsprechenden Gesetzesänderungen, und entsprechenden Kooperationsvereinbarungen, weil beide Seiten „schützenswerte Inhalte“ produzieren.

Die technischen Grundlagen dafür werden gerade gelegt, nämlich im Rahmen der ARD-User Service Engine (ARD USE), deren Ziel eine „für alle ARD-Angebote gemeinsame technische Infrastruktur mit einem personalisierten Nutzerzugang“ ist, die „intelligente Empfehlungs- und Suchfunktionen“ bietet. Startpunkt soll die bestehende (Video-)Mediathek sein, die in der Folge mit einer Audiothek und einer Mediathek speziell für Kinder-Inhalte ergänzt wird.

Kommt dann am Ende auch der News-Content der Zeitungsverlage dazu? Und zu welchen Bedingungen? Soll die Plattform dann etwa auch noch als ein eigentständiges soziales Netzwerk funktionieren? Ist das wirklich realistisch? Trotz der Konkurrenz nicht nur durch Facebook, sondern auch Amazon, Netflix, etc? Klar ist bisher nur eins: die Rundfunkbeiträge werden ab 2021 steigen, denn die Anstalten haben drei Milliarden Euro „Mehrbedarf“ pro Jahr angemeldet.

Riepls neueste Visitenkarte, oder: Akzidenzen aus der Letterpress eines Schweizer Degens

handgedruckte-visitenkarte„Rund um das elektronische Lesen“ lautet das Motto von E-Book-News — das heißt auch, über Bereiche der Gutenberg-Galaxis zu berichten, die sich dem Trend zum Digitalen widersetzen. Ein aktuelles Beispiel liegt vor mir auf dem Tisch: ein Stapel Visitenkarten, nicht nur einfach „gedruckt“, sondern per Hand aus Blei gesetzt und per Letterpress — also klassischem Buchdruck — auf wertiges weißes Papier mit hoher Grammatur gebracht.

Die Tiegelpresse rattert

Beim Druckvorgang war ich dabei, es gab erst einen Probedruck, dann ratterten in ein paar Minuten 100 Exemplare aus der Tiegeldruckpresse. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: eine schöne schwarze, serifenlose Schrift, die sichtbar in das Papier eingegraben ist.

Dabei habe ich auch gleich noch ein paar längst verschollene Begriffe gelernt — hergestellt wurden die Karten zum Beispiel von Christian Schöppe, einem veritablen „Schweizer Degen“, also einem ausgebildeten Print-Fachmann, der gleichzeitig als Schriftsetzer und Drucker arbeitet.

Gelegenheitsdrucksachen als Cash Cow

Wie bei den meisten KollegInnen gehört auch zu Schöppes Kerngeschäft der Akzidenzdruck, also „Gelegenheitsdruck“, zu solchen Akzidenzen werden neben Visitenkarten und Briefpapier auch Prospekte, Broschüren, Speisekarten oder Formulare gezählt.

Rieplsches Gesetz bestätigt sich

Was natürlich nicht heißt, dass nicht Stars der Szene, wie hier im Berliner Raum etwa Martin Z. Schröder, auch immer wieder mal mit besonders schönen, im Bleisatz produzierten Büchern in limitierter Auflage von sich reden machen — und damit voll und ganz das Rieplsche Gesetz bestätigen: weder hat das E-Book das gedruckte Buch vollständig verdrängt, noch haben moderne Druckverfahren von Offset bis Digitaldruck das alte Handwerk der „schwarzen Kunst“ vollständig verdrängt.