Erst blockieren, dann spendieren: AdBlockPlus-Betreiber Eyeo relauncht Mikrospenden-Dienst Flattr

flattr-relaunch-2017Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Oder umgekehrt. Die AdBlock-Plus-Betreiber von Eyeo schmälern mit ihrem Werbeblocker nicht nur Online-Anzeigenerlöse, bzw. kassieren ab für das Whitelisting von „akzeptablen“ Werbebannern, sie verteilen jetzt auch Crowd-Gelder mit der Gießkanne über das Web. Mittel zum Zweck ist ausgerechnet Flattr — der 2010 gestartete Mikrospenden-Service gehört nämlich seit Anfang des Jahres zu Eyeo. Und wurde in der Zwischenzeit kräftig umgemodelt, der Relaunch erfolgte Anfang der Woche.

Content Flattern mit der Gießkanne

Die neue Browser-Erweiterung von Flattr wandelt nun auf den Spuren von KachingleX & Co. — sie misst die Nutzer-Aktivität und Nutzungsdauer auf Webseiten, und „flattert“ sie, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wurde. Am Ende des Monats werden dann der vom Flattr-Nutzer eingezahlte Beitrag unter all jenen besuchten Webseiten aufgeteilt, die bereits Mitglied des Flattr-Netzwerks sind. Bei den anderen zählen die Besuche nur für die Flattr-Statistik, und zugleich als Incentive für die Betreiber, sich auch zu registrieren.

Crowdpublishing geht längst andere Wege

Neu ist auch die Verrechnungseinheit: statt Euro werden nun US-Dollars genutzt, mit der Hoffnung, das möge die weltweite Nutzung von Flattr vorantreiben. Ob das wirklich klappt, ist eine gute Frage — schließlich gab es mittlerweile eine ganze Menge Versuche, ähnliche (Um-)Verteilungsmechanismen zu etablieren, inklusive Google (aktuell siehe Google Contributor 2.0). Im Unterschied zu projektbezogenem Crowdfunding bzw. Crowdpublishing auf großen Plattformen wie Kickstarter & Co. blieben die per Browser-Addon verteilten Mikrospenden aber immer nur ein Nischenmarkt.

(via The Digital Reader)

Funding ist Pop: Leser-Crowd hilft Ventil-Verlag aus der Finanz-Klemme

Wenn ein kleiner, aber feiner crowd-rettet-ventil-verlagVerlag mit dem Schwerpunkt Pop- und Subkultur Geld braucht, liegt es ja fast schon nahe: zapf die Crowd an! Schließlich ist Crowdfunding nicht nur Pop, es kommt auch aus dem Sektor Populärkultur — gut vernetzte Fan-Communities waren schon immer eine besonders zuverlässige Basis für Massenspenden. Im Fall des Ventil Verlag ging diese Rechnung auf, eine engagierte Leserschaft half den Mainzer Buchmachern aus der buchhalterischen Bredouille. Insgesamt 292 UnterstützerInnen sammelten in wenigen Wochen mehr als 15.000 Euro.

Kollektivbetrieb gerettet, Herbstprogramm dito

Der vor zwanzig Jahren gegründete Kollektivbetrieb, in dem alle Mitarbeiter auch Eigentümer sind, kann jetzt wie geplant sein Herbstprogramm herausbringen, unter anderem „Glam – Glitter Rock und Art Pop von den Siebzigern bis ins 21. Jahrhundert“, den Punkrock-Erzählband „Many Injured, More Dead“, sowie „Schwarz Rot Pop – Popmusik im Echoraum des Rechtspopulismus“. Und auch das eine oder andere vegane Kochbuch.

Krautpublishing kompensiert geklaute Tantiemen

Hintergrund des finanziellen Engpasses war ironischerweise ebenfalls eine Art Kollektivierung, bzw. Re-Kollektivierung: der Ventil-Verlag muss wie viele andere Verlage auch nach dem juristischen Streit zwischen Autoren und der VG Wort in Kürze einen ganzen Batzen unrechtmäßig einbehaltener Tantiemen an die elenden Skribenten erstatten, die Rede ist von knapp 20.000 Euro.

(via boersenblatt.net)

Gesetz der Serie: Bertelsmann steigt bei Storytelling-Plattform Radish ein

radish-storytelling-plattformSelf-Publishing, Serienromane & Storytelling-Communities – das hat sich als eine sehr wirkungsmächtige Kombination erwiesen. Vor allem in Asien, wo flinke Indie-Federn auf Plattformen wie Shanda (China) oder Kakaopage (Südkorea) Millionen LeserInnen versammeln und z.T. auch Millionen Dollar verdienen, ganz ohne Verlag. Wie gut dieses Prinzip auch im Westen funktioniert, zeigen Beispiele wie Wattpad und seit 2016 ein Newcomer namens „Radish“.

„Write, share & monetise your bite-sized serial fiction“

Die von Seung-yoon Lee und Joy Cho gegründete App-Community versammelt bereits 700 aktive AutorInnen und mehr als 300.000 Leserinnen. Bisher vor allem mit YA Romance, Zielgruppe: Teenagerinnen (was man ja auch bei untigem Promo-Video deutlich erkennen kann…). Die Lektüre-Konsumenten werden mit kostenlosen, kurzen Kapiteln à 2.000 Zeichen geködert, die dramaturgisch ähnlich aufgebaut sind wie Fernsehserien, inklusive Cliffhanger.

„Für News will niemand zahlen, für Serien schon“

“Unlike journalism, people want to pay for fiction,” sagt Radish-Mitgründerin Lee. “Serial fiction is the model“. Zuvor hat sie in Großbritannien eine Crowdpublishing-Plattform für Investigativ-Journalismus aufgebaut. Letzlich ist Radish auch eine Art Crowdpublishing-Modell – schließlich vermarkten sich die Autorinnen hier direkt und leben von den Micropayments ihrer Lesercrowd.

Autoren bei Wattpad & KDP rekrutiert

Interessante Fussnote: Die Radish-Autoren wurden überwiegend bei Wattpad und Amazons Kindle Direkt Publishing (KDP)-Plattform rekrutiert. Alles soll Indie & aus erster Hand sein, Zweitverwertung von Verlagscontent findet nicht statt. Zukünftig soll es auf Radish auch weitere Genres wie Sci-Fi oder Fantasy geben, um noch mehr – und nicht zuletzt auch männliches – Publikum anzuziehen. Die notwendige Finanzspritze liefern Investoren wie Bertelsmann Digital Media Investments und Nicolas Berggruen.

(via Buchreport & Publishers Weekly)

„Absolut Independent“: Alle Mikrotexte des Jahres 2017 jetzt vorab via Startnext abonnieren

mikrotext-aboDie E-Book-Flatrate der etwas anderen Art gibt’s auch 2017 wieder, made in Berlin: via Startnext kann man das diesjährige Verlagsprogramm von Mikrotext per Pre-Order abonnieren. „Abonnenten bekommen die E-Books bequem per E-Mail-Downloadlink geliefert, als ePub, mobi und PDF. Nur die Abonnenten erhalten das PDF, ein echtes Plus“, heißt es auf der Kampagnenseite.

Zielgruppe sind laut Mission Statement „neugierige digitale Leserinnen und Leser, die sich für politische-literarische Texte interessieren“ und „für neue Stimmen offen sind“, denn in dem von Nikola Richter vor vier Jahren gegründeten Digital-Verlag erscheinen oft auch literarische Debüts (mittlerweile übrigens auch im Print-Format). Das Abo via Startnext gibt’s ab 30 Euro.

In Frühjahr erscheint bei Mikrotext u.a.: Arunika Senaraths Erstlingswerk „Diese eine Nacht“, Jesper Clemmensens preisgekrönte Flucht-Reportage „Die Entscheidung der Familie Sender“, „Hoffnun'“, ein Sammelband mit Weltuntergangs-Kurzprosa von Puneh Ansari, sowie „Hacking Koyote“, ein transkultureller Hipster-Trickster-Essay zum Thema Digiale Souveränität. Siehe auch den Ankündigungs-Katalog.

Apropos Souveränität: Mit dem Mikrotext-Abo ist eben nicht nur für Lesefutter gesorgt, man unterstützt auf diese Weise ein von Amazon, anderen Shops oder Zwischenlieferern komplett unabhängiges Distributionssystem — die digitale Lektüre geht von Verlag & Autor direkt in Richtung Leser. Also „absolut independent“, wie Nikola Richter betont, auch in der Gegenrichtung: „So geht das Geld ohne Umwege an Autoren und Verlag“.

Erstmals gab es das Mikrotext-Abo im Jahr 2015, damals wurden knapp 200 Abos vorbestellt und auf diese Weise das ambitionierte Funding-Ziel von 10.000 Euro locker eingespielt. Im letzten Jahr ging’s dagegen mit einem Fundingziel von 1.000 deutlich bescheidener weiter, am Ende wurden mit 80 Abos 2.000 Euro erreicht. Die aktuelle Kampagne – diesmal mit einem Fundingziel von 2.000 Euro — läuft noch bis Mitte Januar.

Fortschrift.net, oder: Roman-Autoren schreiben los, Leser sind live dabei

fortschrift-novel-in-progress„Morgen mehr“, versprach erst kürzlich Tilman Ramstedt, und lieferte im Verlaufe vieler Wochen Seite und Seite seines neuen Romans — sofern man diese Work in Progress abonniert hatte. Diese neue Form der crowdgefundeten Live-Literatur macht jetzt kräftig Schule: mit Fortschrift.net startet eine Plattform speziell für diesen Zweck: „Sie zahlen einmalig 8,99 Euro und haben dafür so lange Zugriff auf das gerade entstehende Buch, bis der Autor es fertig geschrieben hat“, verspricht Fortschrift-Gründer Matthias Matting, vielen aus der Indie-Szene schon bekannt als Betreiber der Selfpublisher-Bibel.

Neue Folge dreimal pro Woche

Die Aktualisierungen erfolgen mehrmals wöchentlich – „je nachdem, wie intensiv die Muse geküsst hat“, in der Regel mindestens drei mal pro Woche. Am Ende erhält man dann das komplett lektorierte E-Book kostenlos. Apropos: anders als bei Tilman Ramstedts Experiment gibt es in der „Novel in Progress“-Phase zwischen Autor und Publikum auf Fortschrift.net keinen Lektor oder Verleger als Filter. Alles wird so veröffentlicht, wie es dem Autor bzw. der Autorin gerade aus der Feder fließt. Spätere Änderungen sind natürlich nicht ausgeschlossen — woran die Mitlesenden nicht selten auch beteiligt sein werden: sie sind nämlich aufgerufen, Live-Feedback zu geben.

Bereits sechs Indie-Autoren an Bord

Zu den bereits auf Fortschrift.net avisierten Autoren gehört Matthias Matting selbst — der nicht nur als Sachbuch-, sondern auch als Romanautor unterwegs ist, wie der Titel „Der Mann, der nie Glück hatte“ zeigt. Die Fortsetzung „Die Frau, die zuviel träumte“ soll nun auf Fortschrift.net unter den Augen der LeserInnen entstehen. Zum Start sind mit Belà Bolten (Projekt „Spiegeltod“), CJ Crown („School of Love“), Siegfried Langer („Zwanzig Sekunden Ewigkeit“ u.a. auch bereits weitere erfolgreiche Selfpublisher an Bord.

Autoren erhalten 65 Prozent der Erlöse

Die Autoren — bzw. Verlage, denn für sie ist die Plattform ebenfalls offen — erhalten 65 Prozent der Erlöse der zahlenden Leser. Über spezielle Coupons können die Autoren allerdings auch Gratis-Zugänge an ausgewählte Fans verteilen. Die im Hintergrund genutzte E-Commerce-Schnittstelle von Plenigo hat übrigens schon der Hanser Verlag genutzt, um Tilman Ramstedts Schreib-Performance zu vermarkten. Als Plattform diente damals Startnext — mit Fortschrift.net setzen Matting und seine Mitstreiter dagegen nun auf ein Standalone-Konzept.

(via Buchreport & Selfpublisherbibel)

Bücher machen mit der Kraft der Crowd: Krautpublishing – ein Handbuch für Verleger & Self-Publisher

krautpublishing-crowdfunding-handbuch-fuer-die-buchbrancheSelf- bzw. Indie-Publishing plus Crowdfunding gleich Krautpublishing. Das war grundsätzlich schon beim Erscheinen der ersten Auflage von „Krautfunding“ vor fast fünf Jahren (!) klar. Nicht umsonst lautete die dritte These, die ich dem Buch vorangestellt hatte, ja auch: „Crowdfunding verstärkt den Trend in Richtung Direkt-Publishing“.
Klar schien auch: Klassische Vermittlungsinstanzen wie Verlage und Buchhandel waren nicht mehr unbedingt notwendig. Bis zum Erscheinen des aktuellen Handbuchs „Krautpublishing“ hat es dann aber doch noch ein Weilchen gedauert. Denn so richtig nahm die Sache hierzulande erst Fahrt auf, als zwei neue Vermittlungsinstanzen bereit standen: einfach zu nutzende Self-Publishing-Plattformen, siehe KDP/Createspace, epubli & Co., wie auch deutsche Crowdfunding-Plattformen mit großer Unterstützer-Community, siehe Startnext, Visionbakery etc.

Krautpublishing via Kickstarter & Startnext

Inzwischen wird die Self-Publishing-Revolution tatsächlich auch stark durch die Kraft der Crowd angetrieben: auf der US-Plattform Kickstarter nähert sich die Zahl der crowdgefundeten Publishing-Projekte sogar schon der 100-Millionen-Dollar-Marke, in Deutschland haben die Book People alleine via Startnext immerhin schon mehr als 500.000 Euro zusammengetragen. Wobei immer öfter auch (Indie-)Verlage dabei sind… Bücher machen mit der Kraft der Crowd: Krautpublishing – ein Handbuch für Verleger & Self-Publisher weiterlesen

Freie Weisheit für die Massen: 15 Jahre Online-Enzyklopädie Wikipedia

wikipedia-wird-15-jahre-altKaum jemand kann sich das Web heute noch ohne Google, Youtube, Facebook oder Wikipedia vorstellen – trotzdem ist keine dieser Adressen älter als zwei Jahrzehnte. Die Online-Enzyklopädie bleibt dabei auch im 15. Jahr ihres Bestehens ein Sonderfall: in der Top Ten der weltweit meistbesuchten Websites brilliert sie als das einzige Non-Profit-Projekt. Während anderswo mit User Generated Content oder passiven Nutzerdaten immenses Geld für anonyme Aktionäre gescheffelt wird, grünt und blüht bei Wikipedia der Baum des Wissens, und der steht in diesem Fall auf der Allmende, neudeutsch: den „Commons“.

„Unmögliche Idee verwirklicht“

Dass dieser Begriff in aller Munde ist, hat viel mit 15 Jahren Wikipedia zu tun –– im Jahr 2001 war das noch ganz anders: „Wikipedia seemed like an impossible idea at the time—an online encyclopaedia that everyone can edit. However, it has surpassed everyone’s expectations over the past 15 years, thanks to the hundreds of thousands of volunteers around the world who have made Wikipedia possible“, schrieb Wikipedia-Gründer Jimmy Wales dem Mitmach-Lexikon zum aktuellen Jubiläum ins Stammbuch. Derzeit umfasst die Online-Enzyklopädie mehr als 37 Millionen Artikel, erstellt von mehr als 80.000 freiwilligen AutorInnen in mehr als 300 Sprachen.

Brockhaus- & Britannica-Killer

In der Geschichte des elektronischen Lesens ist die Wikipedia gleichfalls ein entscheidender Meilenstein – sie läutete das Ende der gedruckten Enzyklopädien von Britannica bis Brockhaus ein, ironischerweise aber auch das Ende von vermeintlich fortschrittlichen Multimedia-Lexika auf CD-Rom wie etwa Microsofts Encarta. Eine Form von digitaler Disruption avant la lettre – und zugleich auch ein Vorbote von Crowdsourcing, Crowdfunding und nicht zuletzt Krautpublishing: seit den Nuller Jahren ist eine ganze Generation von Web-Autoren und Aktivisten herangewachsen, die selbstbewusst die Möglichkeiten von kollaborativen Online-Tools nutzen und deren technische Grundlagen fördern.

Stiftungskapital soll freies Wissen sichern

Oft stehen im Hintergrund solcher Projekte nicht nur gut organisierte Communites, sondern veritable Stiftungen. Das ist bei Wikipedia selbst so (Wikimedia Foundation), aber auch etwa bei Firefox (Mozilla-Foundation), dem GNU-Projekt (Free Software Foundation) oder bei archive.org (Kahle Austin Foundation). Woher das Geld im Fall der Wikipedia stammt, wissen die Nutzer sehr gut, schließlich werden sie im Rahmen von Spendenkampagnen per Browser-Einblendung regelmäßig zu finanziellen Beiträgen aufgerufen. Das Von der Hand in den Mund-Fundraising könnte zukünftig ein Ende haben: bis 2025 soll mit dem Wikimedia Endowment ein nachhaltiger Vermögensstamm von 100 Millionen Dollar aufgebaut werden.

Frage-Antwort-Maschine als Zukunft?

Bis dahin wird sich auch die Wikipedia als solche weiterentwickeln –– der Trend geht weg von der „traditionellen“ Online-Enzyklopädie zur Google-ähnlichen Frage-Antwort-Maschine (Wikipedia-intern ist dafür die Abteilung „Discovery“ zuständig). Vielleicht geschieht das ja auch mit noch stärkerer Einbindung des Suchmaschinen-Riesen: ohnehin zeigt Google bei vielen Anfragen automatisch aufbereitete Datensätze aus der Wikipedia an, und viele Suchergebnisse verweisen gleich an erster Stelle auf einen Wikipedia-Eintrag. Dass „Frag Google“ immer auch „Frag Wikipedia“ impliziert, war schon bisher einer der größten Erfolgsfaktoren des Projekts…


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Lekker Kruidreporter: De Correspondent hat schon 40.000 zahlende Abonnenten

erfolgsmodell-de-correspondent-niederlaendische-krautjournalistenEs gibt Krautreporter, und es gibt Kruidreporter – vor zwei Jahren ging die Amsterdamer News-Plattform De Correspondent mit der Kraft der Crowd an den Start, damals mit 20.000 Unterstützern, die ein Vorab-Jahresabo zeichneten. Viele Leser sind auch im zweiten Jahr dabeigeblieben, noch mehr sind dazugekommen: In diesen Tagen haben die Gründer um Ernst-Jan Pfauth gerade die Marke von 40.000 zahlenden Abonnenten geknackt.

Was das für ein so kleines Land wie die Niederlande heißt, macht Pfauth in einem Blogpost deutlich: „40.000 Abonnenten für ein niederländischsprachiges Medium, in einem Land mit 17 Millionen Einwohnern, das würde umgerechnet auf die USA einer Zahl von 750.000 Abonnenten entsprechen, was unseres Wissens nur zwei Zeitungen erreicht haben: die New York Times mit mehr als 1 Million Digital-Only-Abonnenten, und das Wall Street Journal mit 900.000“.

Dabei ist das journalistische Crowdpublishing-Startup aus Amsterdam natürlich deutlich schlanker als die altehrwürdigen News-Riesen von jenseits des Ozeans: Für den komplett werbefreien Online-Content bei De Correspondent sorgt derzeit ein Team von 31 Vollzeit-Redakteuren. Dafür ist ein Abo aber auch sehr günstig, schon für 6 Euro pro Monat oder 60 Euro im Jahr ist man dabei.

Zum Geheimnis des Erfolgs gehört zudem eine sehr clevere Distributions-Politik: die zahlenden Nutzer können alle Artikel der Plattform kostenlos an Freunde weiterreichen, wodurch offenbar viele neue Abonnenten gewonnen werden konnten. Auch via Facebook sowie Newsletter kann man als Noch-Nicht-Abonnent ausgewählte Artikel gratis erhalten, die Konversionsrate via Mailing beträgt fast zwei Prozent.

Ganz besonders schätzen die Leser von De Correspondent offenbar das transparente Geschäftsmodell: sie wissen, das ein Großteil ihres Geldes bei den Autoren ankommt, genauer gesagt, 55 Prozent der Umsätze, rechnet man die Mehrwertsteuer heraus, sogar zwei Drittel. Sonst würde so ein Crowdpublishing-Ansatz wohl auch nicht so gut funktionieren.

Am wichtigsten sind natürlich die Inhalte selbst – ähnlich wie die schon seit sieben Jahren aktive Online-Abo-Zeitung Mediapart (mittlerweile 100.000 Abonnenten) in Frankreich und die letztes Jahr gestarteten Krautreporter aus Deutschland (18.000 Abonnenten) garantiert die Leserfinanzierung unabhängigen, hintergründigen Qualitätsjournalismus, ein Angebot, das die großen Medienhäuser in Zeiten der Zeitungs-, besser gesagt Anzeigenkrise leider immer weiter zurückgefahren haben.

Literatur als Zuschauersport: Tilman Rammstedt schreibt „morgen mehr“ – exklusiv für Abonnenten

morgen-mehr-tilman-rammstedtMorgen mehr – das versprechen Autoren gerne ihren Lektoren, die auf neue Kapitel warten. Auf Startnext gilt dieses Versprechen nun auch gegenüber den Lesern von Tilman Rammstedts nächstem Roman „Morgen Mehr“. Wer „Morgen Mehr“ ab einem Preis von 8 Euro abonniert, kann zwischen Januar und April 2016 live mitverfolgen, wie der Berliner Autor die Geschichte von Tag zu Tag weiterschreibt.

Dargeboten wird der literarische Booksprint auf allen Kanälen: mitlesen können die Subskribenten auf morgen-mehr.de, via WhatsApp, oder direkt per E-Mail, mithören geht aber auch, denn eine vom Autor gelesene Audio-Fassung gehört gleichfalls zum Paket dazu.

Im weitesten Sinne dürfte das Projekt wohl unter das Label Krautpublishing fallen, denn immerhin wird die Crowd hier marketingtechnisch sehr clever von Anfang an eingespannt. Speedpublishing ist es auf jeden Fall: Bereits ab Mai 2016 soll der komplette Roman als E-Book und Printversion erscheinen, ganz traditionell in einer vom Autor überarbeiteten und vom Verlag lektorierten Fassung.

Apropos Lektorat: die ganz rohen Seiten bekommt nur das „Team Rammstedt“ zu lesen. Jedes Tageskapitel werde vor der Veröffentlichung nämlich „selbstverständlich“ lektoriert, so Hanser-Chef Jo Lendle gegenüber literaturcafé.

Und was ist, wenn dem Autor nichts einfällt? Besonders groß dürfte das Risiko bei dieser Work in Progress wohl nicht sein, Literatur als zeitnah improvisierte Performance ist für Rammstedt nichts neues. Viele seiner kürzeren Texte sind für das Berliner Lesebühnen-Publikum entstanden.

Insofern darf man wohl auch die vorläufige Inhaltsangabe als eine Art Aufwärmübung für einen Roman verstehen, über den selbst der Autor eigentlich noch gar nichts weiß:

Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.

Amazon forciert Crowdpublishing: Kindle Scout jetzt international zugänglich

kindle-scout-crowdsourced-publishing-jetzt-internationalAmazon weitet die verlegerischen Tätigkeiten aus – und setzt dabei zugleich auf den allerneuesten Trend: Crowdpublishing, oder besser gesagt: crowdgesourctes Publishing. Schon 2014 ging die Crowdsourcing-Plattform Kindle Scout in den USA an den Start, auf der das Leser-Voting darüber entscheidet, welche von Autoren eingesandten Manuskripte am Ende von Amazons Digital-Label Kindle Press veröffentlicht werden. Seit dieser Woche können englischsprachige Texte nun auch von Autoren aus Europa, Asien und Südamerika eingereicht werden.

Kindle Press-Titel im Store erfolgreich

Bevor ein Titel auf Kindle Scout der Leser-Community vorgestellt wird, durchläuft er einen Review-Prozess durch das Amazon-Team. Zu den erwünschten Genres gehören Romance, Mystery & Thriller, SciFi & Fantasy sowie Kinder- und Jugendbuch. Bisher wurden nach Angaben des Unternehmens 75 Titel für den Kindle Press-Kanal ausgewählt, was sich für die Autoren auf jeden Fall zu lohnen scheint: die E-Books erhalten sehr gute Bewertungen und viele Kundenrezensionen (im Durchschnitt 4,48 Sternchen und mehr als 2.700 Reviews).

Autoren bekommen 1.500 Dollar Vorschuss

Schon einige Top-Seller wurden so geboren: Stacey Cochrans Roman „Eddie and Sunny“ etwa, einer der ersten Kindle Press-Titel, schaffte es auf Anhieb in die Top 100 der Kindle Charts. Kindle Press-Autoren erhalten einen 5-Jahresvertrag und einen Vorschuss von 1.500 Dollar, außerdem profitieren sie natürlich von Amazons Marketing-Unterstützung. Attraktiv ist aber auch die Chance, einen Verlagsvertrag bei einem der Imprints von Amazon Publishing zu bekommen.

Test-Leser werden mit Gratis-Exemplaren belohnt

Für die Leser-Scouts lohnt sich das Nominieren und Sharen von Titeln ebenfalls. Wird ein von ihnen ausgewählter Titel veröffentlicht, erhalten sie als Belohnung ein kostenloses Exemplar. Die Nominierungsphase ist für jedes Buch auf 30 Tage begrenzt, jeder Leser kann 3 Bücher gleichzeitig nominieren. Die Leseproben können direkt im Browser gelesen werden, lassen sich aber auch auf’s Kindle schicken.