„User First“ heißt „Print second“: Funke Mediengruppe setzt verstärkt auf Digital-Angebote

funke-medienFünfstellige Auflagenzahlen bei Print, das gibt’s noch, zum Beispiel bei den Blättern der Funke Mediengruppe, die vor allem in NRW, Berlin, Hamburg und Thüringen aktiv ist — erst vor wenigen Jahren hatte die ehemalige „WAZ-Gruppe“ die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt von Springer übernommen. Doch je weiter die Gesamtauflage sinkt, desto mehr muss gespart werden — gerade wurde die neueste Kürzungsrunde eingeläutet. Zu den Maßnahmen gehören die „Klassiker“ in den Zeiten der (Regional-)Zeitungskrise: man schließt nicht mehr rentable Druckereien, reduziert die Zahl der Redakteure und Volontäre, schließt Lokalredaktionen und nicht zuletzt auch Geschäftsstellen.

Ungewöhnlich ist allerdings, dass auch in Funkes Berliner Zentralredaktion ein Viertel der Redakteure gehen muss — schließlich werden dort seit der letzten Sparrunde 2015 hochwertige Inhalte für die Mantelteile aller zum Konzern gehörenden Blätter produziert. So will man u.a. ausgerechnet das Geld für Investigativ-Recherchen zukünftig einsparen.

Das Management hat neben erhöhten Zustellungskosten (siehe die Mindestlohndebatte) vor allem drei Felder benannt, in denen der Kostendruck zum Handeln zwingen würde: „die Entwicklung unserer Auflagen und der Werbeerlöse“ (dort gehts abwärts) sowie „steigende Papierpreise“. Mit den Einsparungen solle ein Umfeld geschaffen werden, in dem trotz alledem „unabhängiger und professioneller Regional- und Lokaljournalismus gedeihen kann“, so Funkes Zeitungschef Ove Saffe in einer Pressemitteilung.

Mit Print alleine wird das allerdings nicht gehen — deswegen setzt das Unternehmen inzwischen vermehrt auf das Prinzip „User First“. Sprich: die Redaktionen sollen sich bei ihrer Arbeit vor allem auf die digitale Vertriebsschiene konzentrieren. Irgendwann könnten die sinkenden Printauflagen dann von steigenden Digital-Abos ausgeglichen werden, so die Hoffnung. In Sicht ist die Talsohle aber noch nicht.

(via Meedia)

Benioff auf Bezos Spuren: Salesforce.com-Gründer kauft das Time Magazine

time-magazine-gerettetUnd wieder ein neues Kapitel aus der Serie: Tech-Milliardär kauft sich eine finanziell klamme Print-Zeitung, bzw. ein Print-Magazin… Das renommierte Time Magazine geht an … das Milliardärs-Ehepaar Marc & Lynne Benioff, Kaufpreis: 190 Millionen Dollar. Im Unterschied zu prominenten Investoren wie Jeff Bezos (Washington Post) oder Laurene Powell-Jobs (The Atlantic) mögen die Gründer des Cloudcomputing-Dienstleisters Salesforce.com zwar nicht ganz so im Rampenlicht stehen. Die vorgeblichen Gründe für den Zukauf ähneln sich aber — es geht darum, eine Institution der Presselandschaft zu erhalten:

„We are honored to be the caretakers of one of the world’s most important media companies and iconic brands“, so die offizielle Pressemitteilung. „TIME has always been a trusted reflection of the state of the world.“

Große Tradition für vergleichweise kleines Geld

Die Kaufsumme bewegt sich dabei eher am unteren Rand der inzwischen üblichen Summen. Bezos bezahlte vor einigen Jahren aus seiner Privatschatulle 250 Millionen Dollar für die Washington Post, der Biotech-Milliardär Patrick Soon-Shiong erwarb erst in diesem Sommer die LA Times, den San Diego Union Tribune und diverse Regionalblätter für 500 Millionen Dollar.

Von Berlusconisierung mag niemand sprechen

Von Berlusconisierung wollen in diesem Zusammenhang aber nicht mal Publizistik-Experten sprechen — meist wird das Engagement der Superreichen als eine weitere Sparte der Philanthropie per Scheckbuch subsummiert. Angesichts der weiter schwelenden Zeitungs- und Zeitschriftenkrise sind die meisten Beobachter wohl ganz einfach froh, dass wichtige Titel auf diese Weise genug Geld in der Kasse haben, um einigermaßen unbeschadet den Übergang vom Print- zum Digitalmedium zu schaffen. Stiftugnsfinanzierter Journalismus alleine scheint jedenfalls nicht auszureichen, um die „Vierte Gewalt“ dauerhaft zu stabilisieren.

Wochentags bald nur noch digital? taz bereitet Leserschaft auf das Ende der gedruckten Ausgabe vor

taz-zahlen-ichDie gute Nachricht zuerst: die taz hat immer noch 60.000 zahlende Leser, so wie in ihren besten Zeiten. Die schlechte lautet allerdings: die Hälfte von ihnen zahlt nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe. Und die Zahl der Print-Abonnenten wird in den nächsten Jahren wohl weiter stetig sinken — so dass die Kosten für Druck und Vertrieb sich irgendwann in naher Zukunft nicht mehr rechnen werden.

Taz-Geschäftsführer Kalle Ruch bereitet die taz-Genossenschaft deswegen schon mal gedanklich auf die große Transformation vor (Grundlage ist der „innovationsreport 21“): „Das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter“, heißt es in der aktuellen Mitgliederinfo. Man werde sich von alten Gewohnheiten verabschieden müssen — mit anderen Worten: die Tage der per Boten vor die Haustür gelieferten Zeitung seien vorbei, zumindest wochentags.

Ruch hat auch gleich ein aktuelles Menetekel bei der Hand: in Östereich habe mit Morawa gerade ein großes Medienunternehmen bekanntgegeben, die Sparte Pressevertrieb Endes des Jahres zu schließen — denn der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften im Einzelhandel werfe nicht mehr genügend Gewinne ab. Zukünftig gibt es dann nur noch einen großen Pressevertrieb in Österreich, was wohl auch heißt: es wird bald noch teurer werden, Zeitungen in die „Trafiks“ zu bringen.

Und so stellt sich der taz-Geschäftsführer im „Szenario 2022“ die Zukunft in Deutschland vor: „Sie kommen morgens zur Arbeit und haben auf Ihrem Smartphone oder Tablet schon alles erfahren, was Ihnen wichtig ist. Sie haben dieses digitale Angebot vielleicht kombiniert mit der taz am Wochenende auf Papier, die sich noch mehr von der Werktags-Taz unterscheiden wird als jetzt schon. Wir sparen gemeinsam Papier und können alle die Zusteller der Wochenendausgabe anständig bezahlen.“

Also mehr Smartphone, aber nicht nur — die tazler planen den „Journalismus der drei Geschwindigkeiten“: „Online bringen wir von morgens bis abends fortlaufend neue Berichte, Reportagen, Interviews, Analysen, Kommentare und Satiren, nennen wir es: den stündlichen taz-Journalismus. Dann brauchen wir die tägliche Erscheinungsweise, denn auch auf dem Smartphone funktioniert das alte Tageszeitung-Prinzip, einmal am Tag die Welt mit den Augen der taz zu betrachten. Schließlich die taz am Wochenende, die Sie auch bequem in der App auf dem Telefon lesen können.“

(via Meedia

Print lebt noch: Mehrheit der Deutschen glaubt an gedruckte Tageszeitung, Robo-Journalismus stößt auf Skepsis

print-optimismusDer Blick aufs Smartphone ersetzt die Lektüre der Zeitung, ein mobil gestreamtes Web-Video die TV-Nachrichten? Zumindest was die Print-Presse betrifft, möchte eine knappe Mehrheit der Bundesbürger vorläufig nicht an das Ende der traditionellen Medien glauben. Im Rahmen einer repräsentativen Statista-Studie im Auftrag von nextMedia.Hamburg stimmte nur eine Minderheit von 43 Prozent der Aussage zu, „Printmedien sind in zehn Jahren tot“. 57 Prozent dagegen hielten das für unwahrscheinlich.

Generation Smartphone sieht Print kritischer

Schaut man sich den harten Kern der Generation Smartphone an, sieht das allerdings etwa pessimistischer aus: die unter 30jährigen prognostizieren mit knapper Mehrheit die Ablösung von Print-Produkten durch … digitalen Content auf dem mobilen Screen. Was auch sonst. Interessantes Detail: geht es um gedruckte Fachmagazine, glauben auch die Teens und Twens noch mehrheitlich ans mittelfristige Überleben des bunt bedruckten Papiers. Extrem pessimistisch sind sie jedoch bei Nachrichtenmagazinen, Boulevardblättern oder Kundenmagazinen. Und immerhin jeder zehnte aller Befragten gab an, Ende der 2020er Jahre werde überhaupt kein Print-Produkt mehr relevant.

Robo-News: Mehrheit für Kennzeichnungspflicht

Neben neuen Erlebnisformen wie Virtueller oder Erweiterter Realitiät (VR/AR) und neuen Kanälen vom Podcast bis zum Messenger-Dienst werden sich in den nächsten Jahren auch die Produktionsformen verändern — Stichwort: Roboterjournalismus. Noch sind aber beinahe die Hälfte der Deutschen der Meinung, dass sich diese Technologie nicht durchsetzen wird, jeder vierte lehnt automatisch erstellte Nachrichten komplett ab. Das große Problem ist mangelndes Vertrauen in die künstlichen Journalisten: 43 Prozent der Befragten halten Robo-News für unglaubwürdig. Und sogar 91 Prozent fordern die Kennzeichnung solcher durch Algorithmen erstellten Artikel.

Zeitung lesen im Selbstfahr-Auto?

Eine potentiell gute Nachricht gibt es im übrigen aus dem Zukunfts-Sektor des Autonomen Fahrens: immerhin jeder fünfte gibt an, die Zeit im Auto dann mit dem Nachrichtenkonsum verbringen zu wollen, in welcher Form auch immer. Unterhaltung steht allerdings für die meisten im Vordergrund, ein Drittel der Studienteilnehmer würde in der drahtlos vernetzten Fahrgastzelle am liebsten Musik hören, Bewegtinhalte anschauen oder ein Buch lesen. Das dann hoffentlich auch noch von einem Autor aus Fleisch und Blut geschrieben wurde…

Tagesspiegel wird zum Berliner „Tut uns leid“-Medium: Paywall für Premium-Content angekündigt

tagesspiegel-plant-paywallDie Berliner Morgepost hat sie kürzlich abgeschafft, der Tagesspiegel führt sie jetzt ein: mit Hilfe einer Bezahlschranke für Online-Angebote will das schwächelnde „Leitmedium“ der Hauptstadt wieder profitabler werden. Das Holtzbrinck-Blatt hält sich dabei an das Vorbild der Schwestergazetten Handelsblatt und Zeit. „Die erfolgreiche Entwicklung und stetige Steigerung der E-Paper-Auflage zeigt, dass bei den Leserinnen und Lesern des Tagesspiegels die Bereitschaft vorhanden ist, für digitale Inhalte Geld zu bezahlen“, hofft jedenfalls Florian Kranefuß, Sprecher der Geschäftsführung. Konkret heißt das bisher: Der Tagesspiegel hatte im letzten Quartal knapp 23.000 zahlende E-Paper-Abonnenten, die verkaufte Auflage insgesamt lag bei 113.000 Exemplaren.

Metered-Modell auf dem Vormarsch

Wie die große Mehrheit unter den laut BDZV knapp 200 Paid-Content-Nachrichtenseiten hierzulande will offenbar auch der Tagesspiegel auf des „Metered Modell“ setzen, sprich: Freemium. Mit einer solchen Mischung aus kostenlosen Inhalten und Premium-Angeboten haben inzwischen u.a. die SZ („SZ Plus“), die Zeit („Z+) und der Spiegel („Spiegel Plus“) gute Erfahrungen gemacht. Allesamt allerdings Publikationen mit überregionaler Leserbasis, im Unterschied zum Berliner Blatt, das jenseits der Hauptstadt kaum wahrgenommen wird.

Wie hält man die Leser bei der Stange?

Damit das Paid Content-Modell auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt tatsächlich aufgeht, müsste das Premium-Angebot spannendes regionales Storytelling enthalten – ganz unmöglich scheint das ja nicht. Allerdings sind ja Konkurrenz-Titel wie Morgenpost, Berliner Zeitung, Neues Deutschland und taz auch nicht untätig, und größtenteils unbeschränkt zu konsumieren, von eigeblendeten Appellen an die Zahlungs- und Verantwortungsbereitschaft der Leser mal abgesehen.

(via Meedia & Tagesspiegel(http://www.tagesspiegel.de/medien/journalismus-im-netz-die-gunst-des-geldverdienens/20929548.html)

So hyperlokal wie möglich, so personalisiert wie nötig: digital gedruckte Regionalzeitungen auf Erfolgskurs

hyperlokal-und-digital-gedruckt-als-erfolgsmodellPersonalisierte Nachrichten, hyperlokal verteilt in Digitaldruck-Kleinauflage, da war doch mal was? Stimmt, unter dem Namen „Niiuu“ wurde so ein Konzept vor einigen Jahren zum Beispiel mal in einigen Berliner Bezirken getestet, unter dem Namen „MyNewspaper“ versuchte die Schweizer Post etwas ähnliches im größeren Stil — doch mangels Abonnenten wurden beide Projekte dann 2011/2012 wieder eingestellt.

Personalisierte Sonderseiten als Clou

Interessanterweise scheinen solche Konzepte aber doch zu funktionieren, wenn man nicht zuviel Personalisierung betreibt und zudem vor allem auf regionale Berichterstattung setzt: in Italien etwa mit „Il Piccolo“ — Abonnenten des Regionalblättchens mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren erhalten auf Wunsch ein paar zusätzliche Seiten geliefert, die mit einem personalisierten Mix aus Servicethemen wie Essen & Trinken, Bauen & Wohnen, Gesundheit & Wellness o.ä. bestückt werden. Diese Sonderseiten — gegenwärtig von etwa 1.000 Lesern genutzt — sind dann wiederum für Anzeigenkunden vor Ort interessant.

Es geht immer noch ein bisschen lokaler

Auch im französisch-belgischen Grenzgebiet scheint sich hyperlokaler Digitaldruck im Zeitungssektor schon zu rentieren — der Verlag Sogemedia hat sich auf solche Geschäftmodelle spezialisiert und kauft zu diesem Zweck vor Ort gezielt Wochenzeitungen auf, um diese noch weiter zu lokalisieren. Ein Dutzend Ausgaben bei einer Gesamtauflage von nur 8.000 Exemplaren ist — unterstützt von einer Kodak Prosper 6000 — offenbar kein Problem. Zudem können die Leser zwischen vier Content-Paketen mit unterschiedlichem Schwerpunkt wählen, also etwa Sport oder Kultur.

Sogar in Texas wird noch gedruckt

Und sogar im Land der totalen Zeitungskrise gibt es dank Hyperlokalisierung neue Erfolgsstories im Print-Sektor — siehe etwa das 2005 gegründete texanische Unternehmen „Community Impact Newspaper“ — rund um Austin, Houston und Dallas/Fort Worth werden mit 24 verschiedenen Lokalausgaben inzwischen mehr als 1,8 Millionen Haushalte erreicht, allerdings nur in monatlicher Erscheinungsweise, und wegen der hohen Auflage nicht digital gedruckt. „Nein, was Sie hier sehen ist nicht 1950, das ist die Zukunft“, so Verlagsgründer John Garrett in einem Promo-Video, das ihn vor einer laufenden Rollenoffset-Zeitungsdruckmaschine zeigt.

(via 4-c.at)

Abb.. James Cridland (cc-by-2.0)

Zukunftsmodell Guardian: Leserfinanzierung übersteigt mittlerweile die Anzeigenerlöse

guardian-app als freemiumNicht nur nicht pleite zu sein, sondern leserfinanziert, und trotzdem Digital- und Printausgabe zu stemmen, davon träumen viele Gazetten in den Zeiten der Krise. Zwei probate Mittel zwecks Sanierung sind meistens: Personalkürzungen um die Ausgabeseite zu straffen, Paywall um die Online-Erlöse zu erhöhen.

Der britische Guardian darf sich jetzt mächtig auf die Schulter klopfen — das Traditionsblatt hat die Wende geschafft, und das sogar explizit ohne Bezahlschranke: „Last month, editor-in-chief Katharine Viner announced that finanical support from readers had officially surpassed advertising“, schreibt niemanlab.org — wobei die Kombination der Einnahmenströme das besonders interessante ist.

Geld kommt nämlich nicht nur von normalen Abonnenten der Print- bzw. Onlineausgabe, sondern auch von regelmäßig zahlenden Unterstützern im Rahmen des Guardian-Membership-Programms (insgesamt 500.000 Personen) und großzügigen Einmal-Spendern (insgesamt 300.000 Personen).

Besonders wirksam war dabei offenbar ein ausführlicher Spendenaufruf, der seit einiger Zeit unter den Artikeln der Online-Ausgabe eingeblendet wird — etwas unaufdringlicher als die Paywahl-Overlays bei der deutschen taz, zugleich aber deutlich einträglicher. Natürlich ist das potentielle Publikum bei einer englischsprachigen Zeitung wie dem Guardian auch deutlich größer.

Jedes Mal, wenn sich das Blatt ganz besonders ins Zeug legt, etwa bei Recherche-Projekten wie den „Panama Papers“ oder aktuell den „Paradise Papers“, ist das emotionale wie finanzielle Feedback der Leser-Community besonders groß — viele Unterstützer haben ihre monatlichen Beiträge im Zuge solcher Themenspecials sogar noch erhöht.

„We’ve moved away from the traditional transactional model to a more emotional one that’s rooted in our journalism“, fasst es eine der Verantwortlichen des „Membership“-Programms zusammen.

Harte Einsparungen bei Personal und Ausstattung, das sollte man aber nicht verschweigen, gab es beim Guardian zwischenzeitlich auch.

(via niemanlab.org)

Crowd-gecheckte & crowdfinanzierte News: Mit Wikitribune will Jimmy Wales die Zeitung retten

wikitribune„Zeitungen sind kaputt. Lasst sie uns reparieren.“ Goldene Worte, vor allem, weil sie aus dem Mund von Wikipedia-Erfinder Jimmy Wales kommen. Dessen neuestes kommerzielles Projekt heißt: Wikitribune. Eine Zeitung nach dem Wiki-Prinzip? Hmmmm. Äh. War da nicht was!? Zugegeben, Jimmy & seine Wiki-Freunde sind damals nicht angetreten, um das Geschäftsmodell von Print-Lexikonverlagen zu zerschlagen, so à la Steve Jobs, „let’s take over another industry rife for disruption“. Das Ergebnis der Crowdsourcing–Wiki-Maschine war gleichwohl dasselbe.

Jimmy Wales hatte vielleicht auch mal was anderes vor, als die klassische Zeitung zu retten. Dann kam jedoch die Zeitungskrise, und vor allem: Trump, und das Zeitalter der „Fake News“ und „alternativen Fakten“. Die groteske Wortschöpfung aus dem Mund der Potus-Pressesprecherin Kellyanne Conway soll angeblich Wales publizistischer Erweckungsmoment gewesen sein… Der Rest ist schnell erzählt. Schwupps gab Wales einen Zeitungs-Hackthon in Auftrag, organisiert von der Brand-Buildung-Agentur „Impossible“. Heraus kam das „Wiktribune“-Konzept für den „evidenzbasierten Journalismus“ des 21. Jahrhunderts.

Ohne die Crowd geht da gar nichts. Wales fasst die Idee so zusammen: „What emerged at the end of the 72 hours was a rudimentary platform that did one thing very simply: allowed disparate groups of people – journalists, commentators and readers – to have a dialogue with each other that ultimately lead to increased understanding of not only the world around them, but of each other“, so Jimmy Wales.

Technisch auf angepasster WordPress-Basis und organisiert nach dem Wiki-Prinzip soll ab Herbst (September!? Oktober!?) 2017 eine neuartige News-Plattform an den Start gehen — denn beim Fact-Checking, Korrekturlesen und redaktionellen Überarbeiten wird die Wikitribune-Community eingespannt. Getreu dem Wiki-Prinzip müssen alle Quellen offengelegt werden, die Artikel erscheinen unter Creative-Commons-Lizenz (cc-by).

Angeschoben wurde das Projekt via Crowdfunding, und auch der reguläre Betrieb soll durch Spenden und freiwillige Abonnements gesichert werden, Krautreporter, De Correspondent und Pro Publica lassen grüßen. Allerdings werden die Leser eben deutlich mehr Einfluss haben als nur den Zugang zur Kommentarspalte.

Zehn hauptamtliche Wikitribune-Journalisten für das in London angesiedelte Hauptquartier sind bereits eingestellt bzw. eingeplant, weitere sollen folgen, es sind auch Filialen in anderen Ländern geplant, um die Berichterstattung internationaler zu machen. Es könnte also in Zukunft sogar eine deutsche Wikitribune-Redaktion geben.

Den größten Unterschied zur Wikipedia sieht man übrigens schon an der Webadresse: die heißt nicht wikitribune.org, sondern wikitribune.com — das Portal ist also dezidiert For-Profit, und hängt organisatorisch auch nicht mit Wikipedia bzw. der Wikimedia-Stiftung zusammen. Was natürlich die Propagierung innerhalb der Wiki-Welt nicht verhindern dürfte, und wohl von Anfang an für eine große Community sorgen wird.

Was wirklich draus wird, bleibt abzuwarten. Schlimmstenfalls eine weitere Konkurrenz für bestehende Blätter und ihre Online-Dependancen, bestenfalls — dank weitgehender cc-Lizenz der Inhalte — eine Art Welt-Nachrichtenagentur für faktengecheckte Artikel, die von allen Medien verwendet werden dürfen (z.B. vom Guardian, in dessen Beirat Jimmy Wales seit 2016 sitzt). So frei nach dem Motto: besser gleich bei Wikitribune übernehmen statt schlecht bei Wikipedia abschreiben…

„At first, kill the press“: New York Times bald nur noch sonntags in Papierform?

nyt-app-nowÜber die in den USA beliebte Quartalszahlen-Vergleicheritis mag man denken, was man will, im Fall der NYT bestätigen die aktuell vorliegenden Ergebnisse letztlich nur den allgemeinen Trend: und der geht – in Sachen Print & Anzeigengeschäft – deutlich nach unten. Die Kehrseite der digitalen Erfolgsstory – mehr als 2 Mio. Digital-Only-Subskribenten – ist nämlich die kontinuierliche Aushöhlung des traditionellen Papier-Standbeins. Auflagenzahlen wie auch die mit den werktäglichen Ausgaben realisierten Anzeigenerlöse schmelzen dahin wie westantarktische Gletscher.

Zeitungskrise ist „nur“ eine Print-Krise?

An wohlfeilen Ratschläge herrscht kein Mangel, besonders weitgehende Tipps verteilte jetzt Journalismus-Experte Frédéric Filloux in seinen populären „Monday Notes“ (sozusagen die „Fuchsbriefe“ der US-Tech-Branche): stellt die Druckerpresse ab, bis auf die Sonntagsausgabe, und konzentriert euch auf die digitale Expansion außerhalb der USA.

Wahnsinn oder Methode? Nun ja. Fünfzig Prozent der Print-Umsätze, so schätzt Filloux, würden ohnehin am Wochenende gemacht. Und überhaupt: Wenn man schwarze Zahlen nur schreiben könne durch regelmäßige Abopreiserhöhungen, sei das ein eindeutiges Indiz für ein sterbendes Geschäftsmodell.

Internationale Digi-Expansion als Cash-Cow

Die eigentliche Cash-Cow, so Filloux, sei dagegen noch gar nicht so richtig gemolken worden: nur 14 Prozent der 2 Millionen Digital-Only-Abonnenten kämen aus dem internationalen Ausland, und das Wachstum betrug hier zuletzt 80 Prozent. Weiter so auf diesem Wege, empfiehlt Filloux, denn dieser Bereich werde auch zunehmend interessanter für Werbetreibende.

Gibt’s in Zukunft also nur noch die NYT am Sonntag, als edel gestaltetes Upmarketing-Produkt, und ansonsten nur Bits und Bytes? Und vor allem: wie nah ist diese Zukunft? Ganz so nah wohl doch nicht, das gibt selbst Filloux zu. Denn die Print-Kultur in den Köpfen der Blattmacher sei einfach noch zu stark.

Debatte: Fördern Ad-Blocker die Verbreitung von Fake News via Social Media?

adblock-plus-beispielSind Ad-Blocker gut oder böse? Die neueste These geht eher in letztere Richtung – die Werbefilter für den Browser würden die Verbreitung von Fake News fördern, lautet der Vorwurf. Nanu? Nun ja, zumindest indirekt. Denn immer mehr Webseiten blockieren die Lektüre ihrer Inhalte mit aktiviertem Ad-Blocker komplett, denn es geht ja auch um Werbeeinnahmen: „Threatened by the popularity of ad blockers, a growing number of platforms and publishers, such as Axel Springer, Conde Nast, and Forbes, are responding with an ultimatum: disable the ad blocker or be denied access to desired content“, schreibt Philip Kushmaro auf Mediapost.com – das wiederum habe zur Konsequenz, das viele Inhalte von seriösen Seiten nicht geteilt würden: „Such restrictions on content discourages people from reading and sharing“.

Blockierte News werden nicht geteilt

Und das sei nun mal aktuell der Königsweg für die Verbreitung von Informationen – dem American Press Institute zufolge würden in den USA schon 75 Prozent der Erwachsenen ihre Informationen in Form solcher geteilter Häppchen via Facebook, Twitter und ander Social-Media-Kanäle erhalten. Fake News hätten somit einen unschlagbaren Vorteil – denn gerade die unseriösen Seiten haben keine Werbung bzw. setzen keine Werbeblocker-Blocker ein, ihre Tartarennachrichten lassen sich somit einfacher unter die Leute bringen.

Neue Strategien sind gefragt

Als probate Lösung empfiehlt Kushmaro intelligenten Umgang mit Ad-Blockern – vor allem durch Software, die bestimmte Ad-Formate am Werbeblocker vorbeischmuggelt. Das sollten dann aber keine Pop-Ups oder Autoplay-Animationen sein — denn das würden Ad-Blocker-Nutzer nicht akzeptieren. In Zeiten von Fake News sei Zurückhaltung angesagt, alleine schon aus publizistischer Verantwortung: „Responsible publications have an obligation to make their voices heard“, so Kushmaros Fazit.