[e-book-review] „25 plus 25 plus Bruch, das müsste doch ein Narrativ ergeben“ (Ines Geipel: Generation Mauer)

Kriegskinder, Nachkriegskinder, Aufbaukinder, Zonenkinder. Das deutsche Generationenalphabet kennt viele Buchstaben. Nun kommt noch ein weiterer hinzu: M für Mauerkinder. „Wo sind wir eigentlich geblieben, die Generation, die in den sechziger Jahren hinter der Mauer aufgewachsen ist?“, fragt Ines Geipel in ihrem neuen Buch „Generation Mauer“. Im fünfundzwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall unternimmt die Publizistin damit eine Suche nach ihrer eigenen, der mittleren DDR-Generation. Dabei geht es in Geipels Buch weniger um die sogenannte Mauer in den Köpfen als um die mentalen Zurichtungen durch das „System Honecker“ und die verschiedenen Spielarten des Aufbruchs nach der Wende.

„Das müsste doch ein Narrativ ergeben“

Soziologen zufolge hatte die Generation M besonders viel Glück: im Jahr der friedlichen Revolution war sie jung genug für einen gänzlich neuen Lebensentwurf im Westen. Auch Geipel interessiert sich für biografische Brüche und das daraus resultierende Befreiungspotential. Aber ebenso stehen die Prägungen durch die im Gesellschaftssystem DDR verbrachte erste Lebenshälfte im Mittelpunkt ihrer Erkundungen: „Es ist eine Generation, die erstens ein vollständiges Leben vor 1989 hatte, die sich zweitens ein vollständiges nach 1989 aufgebaut hat und die drittens durch den Systemschnitt 1989 regelrecht konstituiert wurde. 25 plus 25 plus Bruch. Das müsste doch ein Narrativ ergeben.“

Der Himmel über Bitterfeld

Tut es auch – das zeigen atmosphärisch dichte biografische Skizzen, die Geipel aus Gesprächen mit Gleichaltrigen destilliert. Da sieht die Journalistin Sabine Adler als Kind im Chemiebezirk Halle aus dem Fenster der elternlichen Wohnung im 5. Stock eines Plattenbaus in Wolfen-Nord in den historischen Smog-Himmel. Hauke Hückstädt dagegen, der heutige Leiter des Frankfurter Literaturhauses, schreibt als Vierzehnjähriger Briefe an seine alte Schulklasse im auch nicht gerade unversmogten Schwedt, nachdem er mit der Familie nach Hannover ausgereist ist.
Das Fesselnde des Generationspanoramas resultiert nicht zuletzt aus diesen nie exemplarisch aufgefassten Lebensläufen der für das Buch befragten Altersgenossen. Die biografischen Skizzen geben präzise und individuell Auskunft über eine Kindheit und Jugend in der DDR, die Agonie des Systems in den 1980er-Jahren und die Transformationserfahrungen nach 1989.
Auffallend ist, dass alle Interviewten im weitesten Sinn einen narrativen Drive besitzen und Reflektieren, Aufdecken und Benennen für sie existentielle Verfahren sind, sodass Geipel zu der Schlussfolgerung kommt: „Die Generation Mauer ist eine Generation der Rückkehrer, Rekonstruierer, Vergewisserer, Rechercheure, Entschweiger, der pickelharten Herausschäler.“

„Härtesubstanz der DDR“

Dieses Fazit ist ebenso als Selbstbeschreibung der Autorin lesbar, denn Geipels Text ist auch ein knallhartes autobiografisches Reparaturprojekt eines durch das „Angst- und Schweigesystem DDR“ beschädigten Ichs. Die sich bei der Lektüre mitunter einstellende Beklemmung resultiert nicht zuletzt aus der autobiografischen Grundspur des Buches, das auch die Geschichte einer Befreiung aus einem familialen und politischen Missbrauchssystems ist. Als Doping-Opfer des DDR-Spitzensports und Tochter eines insgeheim für die Staatssicherheit tätigen Vaters sind Gewalterfahrungen basal im Körperlichen und Familialen festgeschrieben. Die Flucht in den Westen im Sommer 1989 und die „Jahre des Übergangs-Ich“ in Darmstadt, wo Geipel Philosophie und Soziologie studierte, könnte man dagegen fast schon als eine Portion des von den Soziologen des „Wendeglücks“ lesen, das die Soziologen der Generation M unterstellen.

„Generationstinte“

Mit „Generation Mauer“ beteiligt sich Geipel an der publizistischen Generationendebatte, di beherrscht wird von Büchern wie Sabine Bodes „Nachkriegskinder“, Martin Rupps „Wir Babyboomer“, Jana Hensels „Zonenkinder“, Florian Illies’ „Generation Golf“, Katja Kullmanns „Generation Ally“ oder Sabine Rennefanz’ „Eisenkinder“.
Den Zonen- und Eisenkindern jedoch wirft die Publizistin eine Verklärung der nur als Kindheitsland erlebten DDR vor: „Das Kryptierte wird nicht der Schmerz, wie in den Generationen vor ihnen, sondern die DDR fungiert als Heilland, als Märchen. Sie wird zur innerpsychischen hellen, reinen Kammer, unantastbar, ihr Imaginationsraum.“ Die Journalistin Rennefanz zeigte sich zu Recht verwundert über diesen Angriff auf die sogenannte 3. Generation Ost, denn in dieser Pauschalität trifft er nicht zu. Vielmehr wäre zu fragen, wie die Erfahrungen der Generation Mauer mit der „Härtesubstanz der DDR“ an eine Generation zu vermitteln wäre, die die DDR größtenteils als unpolitischen Kindheitsraum erlebte. „Generation Mauer“ bietet sich dabei dank narrativem Drive, atmosphärischer Dichte und schonungsloser Präzision schon selbst als Teil der Lösung an.

Ines Geipel,
Generation Mauer. Ein Porträt.
Klett-Cotta 2014, 288 S., Hardcover 19,95 Euro
E-Book: epub / Kindle 15,99 Euro

Cover-Bild: Klett Cotta Verlag (c)

[e-book-review] Killer, Gräber & Gelehrte (Turhan Boydak, Der Troja-Code)

Troja ist immer gut, um einen handfesten Streit vom Zaun zu brechen, und sei es nur zwischen Gelehrten. Umso mehr, wenn man mit einer steilen These antritt wie kurz vor der Jahrtausendwende Eberhard Zangger: in Platons späten Dialogen Timaios und Kritias wollte der Geoarchäologe eine verzerrte Beschreibung der mythischen bronzezeitlichen Metropole entdeckt haben. Der berühmte Grieche spricht freilich nicht von Troja, sondern von Atlantis. Troja gleich Atlantis: zumindest eine genial einfache Lösung. Leider fehlen aber archäologische Beweise.

In Turhan Boydaks Thriller „Troja-Code“ tauchen genau die aber plötzlich auf, in Form einer beschrifteten Tonscherbe made in Turkey. Der Münchner Altertumskundler Werner Dreyer ist begeistert, als er die Nachricht erhält – und kurz darauf tot, genau wie sein türkischer Kollege, der den Fund dokumentiert hat. Denn es gibt offenbar eine einflussreiche Lobby-Gruppe von Abendländlern, die das Ideologem einer unverfälschten griechisch-römischen Antike um jeden Preis erhalten wollen. Troja UND Atlantis unterm Halbmond-Banner? Das darf nicht sein.

In Chats und E-Mails mit seiner Tochter Helena hatte Dreyer jedoch zuvor genügend verschlüsselte Hinweise darauf gestreut, dass eine archäologische Sensation bevorstehen könnte, die das Bild der europäischen Frühgeschichte umstoßen würde. Zusammen mit ihrem Freund begibt sich die Tochter auf eine Spurensuche, die sie schließlich bis zu den Hügeln von Hissarlik führt, verfolgt von einem rücksichtslosen Profikiller, der nur einen Auftrag hat: alle Beweise und Zeugen zu vernichten.

Den Leser erwarten dabei nicht nur Spannung und Action, sondern auch eine Menge eingestreuter historischer Fakten. Schon der Titel weist ja darauf hin: Boydak arbeitet nach dem Muster von Dan Brown – das Erstlingswerk des deutsch-türkischen Autors bewegt sich aber nicht wirklich auf Augenhöhe mit einer Blockbuster-Vorlage wie „Da Vinci-Code“. Trotzdem ist der Roman durchaus lesbar und als Ferienlektüre auf dem E-Reader keine schlechte Wahl, auch wenn man nicht am Mittelmeerstrand logiert.

Dank XXL-Leseprobe kann man den im Digital-Only-Verlag Dotbooks erschienenen Thriller vor dem Kauf zudem ausgiebig testen. Ach ja, und ist Troja nun wirklich gleich Atlantis? Das wird sich vielleicht eines Tages tatsächlich ganz Schliemannesk mit dem Spaten entschieden. Vorerst geht der trojanische Gelehrten-Krieg noch etwas weiter…

Turhan Boydak,
Der Troja-Code
E-Book (epub/Kindle) 6,99 Euro

[e-book-review] Oder anders: Tempelhofer Feld, ein Freiluftroman von Thilo Bock

Oder anders. Von wegen Nirgendort. Vielleicht wurde das Wort Utopie bisher immer falsch übersetzt. Wie wäre es mit „Ort, an dem alles möglich ist“? Das Berlin zur Wendezeit war mal so ein Ort, siehe den aktuellen Bildband “Berlin Wonderland. Wild years revisited 1990 – 1996”. Die temporären Freiräume der wilden Jahre sind längst durch Konzerntürme und Townhouses verbaut worden. Doch an einem Sonntag im Mai haben sich die Berliner (inklusive icke) in einer friedlichen Revolution namens Volksentscheid wieder so einen Ort geschaffen, diesmal vorläufig unverbaubar: das Tempelhofer Feld.

FOLLOW ME: Lockruf des Feldes

Oder anders: Kein Wunder, dass ein in Berlin geborener & lebender Autor wie Thilo Bock so sehr von der Faszination der „Tempelhofer Freiheit“ ereilt wurde, dass daraus als Reaktion ein „Freiluftroman“ entstanden ist, Titel: „Tempelhofer Feld“ (als Hardcover & E-Book erschienen bei Fuch&Fuchs). Die Literatur ist ja normalerweise der einzige Ort, an dem alles möglich ist, ein imaginäres Wiesenmeer, das uns in den „anderen Zustand“ versetzt. Jetzt gibt es aber eben auch das weite Feld mitten in Berlin: 350 Hektar Freifläche mit zwei Landestreifen in Ost-West-Richtung, rundherum umkreist von einem asphaltierten Taxi-Way.

Oder anders. Der Taxiway ist rund, unser Kopf ist es auch. Warum? Na damit das Denken die Richtung ändern kann. Genau diese Erfahrung macht Sven, der Protagonist des erzählten Tempelhofer Feldes. Der Lockruf des Feldes ereilt den Bibliothekar aus Schöneberg in Form der schönen Skaterin Luis bereits in der U-Bahn in Richtung Hermannstraße. FOLLOW ME: Sven steigt mit der Unbekannten aus und folgt ihr durch den angentrifizierten Altbaukiez. Dann steht der Vierzigjährige zum ersten Mal auf dem ehemaligen Flughafengelände, und wird im Nullkommanichts süchtig, wie so viele andere Besucher auch.

Erzählte Stadt vom Feld gestellt

Oder anders. Das Feld selbst scheint einzugreifen. Da ist der Gesprächsthemenverteiler, da ist plöztlich eine Gemeinschaftsgärtnerin namens Antonia, die Sven eine Tomatenpflanze schenkt. Da ist der Uhrzeitsammler, der Birdwatcher, der RBB-Reporter. Und die Freifläche, deren Geschichte Sven bis in seine Träume verfolgt. Vom Aufmarschplatz der Kaiserzeit zum UFA-Außendreh vom „Golem“, vom KZ am Columbiadamm bis zu Speers Megabau, vom Zichorienacker der frühen Nachkriegszeit bis zum Airfield der US-Luftwaffe. Schließlich wird Sven halbnackt eine Nacht im Wiesengras verbringen und Sex haben mit einer der Frauen vom Feld. Obwohl er dabei an die andere denkt. Und an seine Freundin, die gerade auf Dienstreise ist, was auch der Leser erst am nächsten Morgen so en passant erfährt.

Oder anders. Die übliche erzählte Stadt mit ihren Innenräumen wird in Thilo Bocks Freiluftroman – darum heißt er ja auch so – deutlich vom Feld gestellt. Fast bis zum Schluss. Doch nach 14 Tagen und 14 Kapiteln Tempelhofer Freiheit ist Svens Partnerin wieder back in town, und eine Entscheidung steht an: welche der Möglichkeiten, um die Sven auf dem Feld kreist, soll es sein? Als Thilo Bock den Roman zu Papier brachte, schienen die Tage der Freiheit so gezählt wie am Ende die Seiten des Romans. Irgendwann in naher Zukunft würde ein Masterplan an die Stelle der Utopie treten, dachte man, Urban Water und Kletterfelsen für die Plebs, Townhouses und Tiefgaragen für Superreiche, eine Très Grande Bibliothèque als Memento Wowi. Doch die Berliner waren souveräner. So ist „Tempelhofer Feld“ zum Glück kein historischer Roman, sondern bleibt Echtzeitliteratur. Bis auf weiteres. Nicht umsonst beginnt jedes Kapitel mit den Worten: Oder anders.

Thilo Bock,
Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman
Hardcover (Fuchs&Fuchs) 17,00 Euro
E-Book (epub/Kindle) 13,99 Euro

Abb. oben: Flickr/e-book-news (CC BY-SA 2.0)

[e-book-review] Die große, bunte Weltverschwörung, oder: Larp pour Larp (Johannes Thumfart, Der Katechon)

Umberto Eco hat’s schon immer gewusst. „Come giocare seriamente con Altavista“ war Ende der Neunziger Jahre eine seiner Kolumnen für das italienische Wochenmagazin L’Espresso betitelt, „Wie man ernsthaft mit Altavista spielt“. Der Google-Vorgänger wartete schon damals mit einer Übersetzungsmaschine auf, die der Romancier für seine Zwecke einspannte, um durch rekursive Stille-Post-Spielchen wundersames Kauderwelsch à la Salvatore zu produzieren. Nebenprodukt war die Erkenntnis: das Netz ist immer schon komplett, alles, was an Sinn und Unsinn von außen hinzukommen könnte, kann es auch selbst produzieren. Erst recht gilt das wohl für Verschwörungstheorien – alle Informationen sind schon da, man muss lediglich Verbindungen ziehen. Dann fehlt nur noch jemand, der sagt: “I want to believe”.

Katechon, oder: Die Strategie der Spannung

Was der studierte Philosoph und Historiker Johannes Thumfart für Poster an der Wand hängen hat, wissen wir nicht. Doch das Credo von Thumfarts Alter Ego im Verschwörungsthriller „Der Katechon“ geht deutlich in diese Richtung: aus einer prekären, postakademischen Callcenter-Existenz im angentrifizierten Berlin-Neukölln wird der Protagonist in den Dunstkreis ebenso finanzstarker wie obskurer neukonservativer Kreise gezogen. Ernst Jünger spielt eine Rolle, aber auch der Ökostrom-Anbieter Greenergy, die Werbeagentur Brainmob, ebenso ein französisches Kuturinstitut namens „Action Parallèle“. Am Ende der Geschichte, das ganz am Anfang steht, sitzt Tim als Apparatschik der wiedergegründeten Kommunistischen Internationale in Mexiko City, und zeichnet Todesurteile ab. Doch eigentlich interessiert ihn nur eins: die Rolle des „Katechons“ in der Weltgeschichte, einer mysteriösen Entität, die dem Apostel Paulus, aber auch Carl Schmitt zufolge in immer wieder neuer Form erscheint und im Dienste der göttlichen Suspense das Ende aller Zeiten aufschiebt.

Showdown im Schatten des Stadtschlosses

Eine Spur, auf die Tim ausgerechnet Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gebracht hat – in einer kryptischen Antwort auf eine radebrechende englische Beschwerdemail, mystisch aufgepeppt durch die deutsche Rechtschreibkorrektur von Word. Alles klar? Bisher sind nur zwei Folgen des insgesamt 5-teiligen „Katechons“ erschienen, „Groß-Germanien“ und „Die Parallelaktion“. Viele Verschwörungszusammenhänge, die der Klappentext verspricht („Gladio – Stay Behind“, NSU, „Empört euch-Manifest“, „Gaspipeline-Projekte“), stehen noch aus, bis Ende Juni der Showdown stattfindet, passenderweise im Schatten des Berliner Stadtschloss-Wiederaufbauprojekts. Schon jetzt darf man aber sagen, dass dem Digital-Startup Shelff da ein richtig großer Wurf gelungen ist – was natürlich auch an der Methode liegt: wie ein großer Staubsauger hat sich „Katechon“ nicht nur Versatzstücke eines explodierten akademischen Zettelkastens, sondern auch der ubiquitären Netzkultur einverleibt und äußerst clever collagiert.

Wer hat das Regelwerk geschrieben?

Die oft geradezu Dejà-Vu-artige Präsenz der zunächst in Berlin spielenden Handlung hat mich dabei an Ulrich Peltzers „Teil der Lösung“ erinnert, das akribisch unterlegte Faktengerüst mit seinen immer wieder sehr ironischen Pointen an Carl Amerys „Königsprojekt“. Und nicht zuletzt steht wohl Umberto Ecos „Foucaultsches Pendel“ Pate. Allerdings fügt unsere merkwürdig verdoppelte Netz-Gegenwart solchen Plots noch einen ganz besonderen Flavor zu: Die Offline-Existenz erscheint plötzlich nur noch als ein groß angelegtes „Live Action Role Play“ (auch im „Katechon“ wird gelarpt…), dessen Regelwerk von dunklen Mächten diktiert wird, die sich in der Anoymität des Netzes verbergen. Oder werden die Rules of Engagement vom virtuellen Worldbrain schon selbständig erzeugt? Nicht umsonst lautet der Leitsatz aller Regisseure mit der Hand im Weltspiel: All the world’s a stage.

(Erscheinungstermine: Teil 1 ab 1. Mai, Teil 2 ab 15. Mai, Teil 3 ab 29. Mai, Teil 4 ab 12. Juni, Teil 5 ab 26. Juni)

Johannes Thumfart,
Der Katechon (fünfteilige Serie)
E-Book (Shelff.de) pro Band 0,99 Euro (Kindle/epub)

[e-book-review] Mash it like Mozart: Generation Remix braucht neu abgemischtes Urheberrecht

Schon Mozart war ein Mashup-Wizard: „Er remixte Bach. Er mashte ihn, er fledderte die toten Noten und schuf etwas Neues“, so der Blogger Malte Welding. Heutzutage würde Amadeus mit dieser Methode als Rock-Idol wohl Probleme mit der GEMA bekommen. Denn auf die digitale Wiederkehr der Generation Remix ist das Urheberrecht nicht vorbereitet – neue Loops aus alten Songs zu sampeln, kann vor dem Kadi enden. Covern dagegen ist erlaubt: „Mit freundlichen Grüßen“, Heino. Dass der blonde Barde unlängst Nena, Rammstein oder die Sportfreunde Stiller nachklampfte, mag den Popikonen zwar nicht gepasst haben, doch es war vollkommen legal, und sie haben sogar daran mitverdient.

Remix als juristisches Vabanquespiel

Nachmachen wird belohnt, anders machen bestraft? Wo soll denn dann das Neue herkommen? Der von irights.info herausgegebene Sammelband zum Thema „Generation Remix“ passt sehr gut in die Zeit. Denn nicht für Künstler, für die Digital Natives überhaupt ist der kreative Umgang mit vorgefundenem Material aus dem Web zum einen ganz normaler Alltag, zum anderen aber, wie Till Kreutzer es in seinem Beitrag „Remix-Culture und Urheberrecht“ beschreibt, ein ständiges „Vabanquespiel“: „Für (Laien-)Urheber, die ihre Mashup-Videos oder Remixe bei Facebook, Youtube oder Tumblr veröffentlichen, bieten die Regelungen der Paragrafen keine gesicherte Rechtsgrundlage“. Somit lautet die berechtigte Forderung: die Prosumer bzw. Produser brauchen ein neues Urheberrecht, das „transformative Werknutzungen“ nicht mehr zwangsläufig bestraft.

Jäger & Sampler gab’s schon zu Grammophon-Zeiten

Loops und Sampling gab es schon, als Grammophon-Nadeln über Schellackplatten kratzten, zeigt Georg Fischer in seinem Artikel „Von Jägern und Samplern. Eine kurze Geschichte des Remix in der Musik“. Den ganz normalen Irrsinn unserer Tage beschreibt Lawrence Lessig dagegen im Vorwort seines Buches „Remix. Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy“, das Ilja Braun für den Remix-Band ins Deutsche übersetzt hat. In den USA werden sogar Mütter mit Millionenklagen bedroht, wenn sie Amateurvideos tanzender Kleinkinder bei Youtube hochladen – nur weil im Hintergrund kaum hörbar ‚Let’s go Crazy‘ von Prinz aus dem Radio krächzt. Doch auch erwachsene John Lennon-Fans brauchen manchmal eine Genehmigung von multinationalen Konzernen, wenn sie für eine Performance „Working Class Hero“ singen möchten.

Dabei könnte man doch froh sein, dass die Töchter und Söhne der 68er der Gewalt gegen Personen und Sachen abgeschworen haben. Ihre Respektosigkeit gilt heutzutage nur noch dem Content. Alles, was noch gebrochen wird, ist der Kontext – die Demokratisierung der Remix-Kultur führt dazu, dass virale Videos sogar das Seniorenmedium Fernsehen aufmischen, wie Dirk von Gehlen in seinem Beitrag zum Sammelband zeigt. Höchste Zeit, solche Internet-Meme endlich als allgegenwärtige „Volkskunst“ zu verstehen, die sich genauso wenig kontrollieren lässt wie oral vagabundierende Ostfriesenwitze.

„Alles ist Remix“ – und das lohnt sich sogar

Wie schizophren die aktuelle Situation ist, zeigen nicht nur zahlreiche Interviews mit Künstlern wie DJ Bionic, Zoe.Leela, Bruno Kramm oder Christian von Borries, die die zweite Hälfte des Bandes füllen. Sondern erst recht die Interviews, die nicht zustandegekommen sind. Denn fast alle remixen, aber fast niemand will es offen zugeben. „Wir haben es hier mit dem größten Generationenkonflikt seit der 68er-Bewegung zu tun”, bringt es Ben Stiller auf den Punkt. Niemals zuvor sei eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (Digital Natives) aufgrund der technologischen Entwicklung derart anders als der Rest sozialisiert worden. Doch immerhin, es gibt Hoffnung. Am Ende, das legt der „Bonus-Track“ von Leonhard Dobusch nahe, könnte die Einsicht „Alles ist Remix“ vielleicht durch die unsichtbare Hand des Marktes vermittelt werden: denn Studien aus den USA weisen darauf hin, dass im Musikbereich sich auch die Originale gesampelter Songs besser verkaufen.


Generation Remix
– Zwischen Popkultur und Kunst
(hrsg. von Valie Djordjevic, Leonhard Dobusch)
E-Book (epub, Kindle) 5,99 Euro
Print (lieferbar ab Juni) 15,90 Euro

[e-book-review] Retourkutsche aus dem All (Frank Kemper, „Red Bullet“)

Der Kalte Krieg gibt auch Jahrzehnte nach seinem Ende noch guten Stoff für Verschwörungs-Thriller ab. Ganz gleich, ob es sich beim thematischen Re-Entry nun um geheimnisvolle U-Boot-Sichtungen in der Ostsee handelt wie bei Henning Mankells „Feind im Schatten“ oder um eine plötzlich im Meer auftauchende Sojus-Kapsel wie bei Frank Kempers „Red Bullet“. Der Münchner Tech-Journalist hat den Plot-Point am Beginn seines Roman-Erstlings geschickt inszeniert: die rostige Kapsel mit CCCP-Abzeichen wird von finnischen Fischern aus dem Meer gezogen – offenbar schwamm sie mehr als 40 Jahre durch den Atlantik. Auf neutralem Boden in Helsinki identifizieren Fachleute sie als frühes Modell der Sojus-Landemodule, scheinbar authentisch. Es gibt nur ein Problem: von den drei Exemplaren, die jemals gebaut wurden, vermissen die Russen gar keins. Doch wessen mumifizierte Überreste befinden sich dann in den Raumanzügen, die in der Kapsel zu sehen sind?

In den USA bricht einigen Veteranen bei NASA, Militär und Geheimdiensten der Schweiß aus. Während der 60er Jahren gab es eine Geheimoperation mit dem Codenamen „Red Bullet“, die weitaus mehr bezweckte als nur Industriespionage. Offiziell wird der junge NASA-Pressesprecher Ray Higgins nach Finnland geschickt, begleitet von der Fernsehmoderatorin Fiona Mulholland. Inoffiziell ziehen ganz andere die Fäden. Schon bevor die Kapsel unter den kritischen Augen von NASA-Vertretern und russischen Experten geöffnet wird, überschlagen sich die Ereignisse: Zeitzeugen werden ermordet, Akten zerstört, und nicht zuletzt versuchen finstere Mächte, die finnische Ministerpräsidentin Marita Artikanen zu erpressen – sie fordern den Abtransport der Sojus-Kapsel in Richtung Houston.

Bevor alle Beweise vernichtet werden können, erhält das internationale Ermittlerteam unerwartete Hilfe, nämlich von den Russen. Das klassische Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges wird in „Red Bullet“ zunächst einmal kräftig umgekrempelt, nichts ist mehr, wie es scheint. Allerdings: Wenn die die Sojus-Kapsel nicht echt sein kann, was will man dann in Moskau damit? Was ist in den Sechziger Jahren wirklich geschehen – wie weit reicht die Verschwörung? Frank Kemper hält die Spannung gekonnt über 600 Seiten aufrecht und lässt den Leser bis zum Ende rätseln. Auf 600 virtuellen Seiten wohlgemerkt, denn „Red Bullet“ gibt’s bisher nur im Kindle-Shop. „Ich habe das Manuskript einer Reihe von Verlagen angeboten, die eine Hälfte hat mit einem nichtssagenden Formschreiben abgesagt, die andere noch nicht einmal das“, so Kemper auf seinem Blog. Ärgern muss sich Kemper aber wohl nicht – denn erfolgreiches Self-Publishing ist bekanntlich die beste Retourkutsche.

Apropos Retourkutsche – wie man auf Kempers Blog auch erfahren kann, war das Vorbild für „Red Bullet“ ein authentischer Fall: Ende der Sechziger Jahre soll ein sowjetischer Fischtrawler „zufällig“ die Trainingsversion einer Apollo-Kapsel aus dem Golf von Biskaya gezogen haben. Einige Jahre später jedenfalls, so viel ist aktenkundig, schickten die Amerikaner dann ein Frachtschiff nach Murmansk, um genau solch ein abhandengekommenes Artefakt abzuholen, das sich im Besitz der Sowjets befand.

Frank Kemper,
Red Bullet
E-Book (Amazon Kindle)
6,94 Euro

Abb.: Coverfoto

[e-comic-review] Blitzmädchen trifft untote Äbtissin (Sarah Burrini, Astrum Noctis)

Hanni und Nanni war gestern. Heute peppt man Internatsgeschichten gerne mit Mystery-Elementen auf, siehe J K Rowlings Zauberschule Hogwarts oder Joss Whedons im Bann der Dämonen stehende Sunnydale-Highschool. Irgendwo zwischen Harry P. und Buffy könnte man wohl auch „Astrum Noctis“ einordnen. Die von Sarah Burrini & Ambra Colombani (Zeichnungen) sowie Eva Fairy (Story) realisierte Comic-Serie setzt auf Mädchen, Magie und schwarz-weißen Manga-Style, als Schauplatz dient in diesem Fall eine mittelalterliche Abtei oberhalb von Genf, die ein Elite-Internat beherbergt. Okay, Jungs & Mädchen, denn die katholischen Schwestern & Patres setzen auf Koedukation.

Unbemerkt von (fast) allen wird in der pädagogischen Provinz aber auch ein sehr archaischer Aberglaube gepflegt – herrscht hier doch eine untote Äbtissin mittels des mystischen „Astrum Noctis“ über eine Schar ergebener Diener. Mit der Internatsschülerin Florence Lenoir steht ihr dann plötzlich eine Gegnerin mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gegenüber: dafür sorgt nicht nur ein magisches Medaillon, sondern auch die Tatsache, dass Florence – Spitzname: „Blitzmädchen“ – in rätselhaften Visionen Einblicke in vergangene und zukünftige Dinge erhält. Zumindest, seitdem das Blitzmädchen bei einem Ausreißversuch vom Blitz getroffen wurde. Überhaupt ist das Waisenkind Florence eher eine Außenseiterin, reiche Eltern kann sie nicht vorweisen, ein mysteriöser Gönner zahlt ihre Schulgebühren.

Auf merkwürdige Weise scheint Florences Familiengeschichte mit der Vergangenheit der Abtei verknüpft zu sein – im Kampf gegen die untote Äbtissin entdeckt die Heldin der Comic-Serie somit Schritt für Schritt auch die Wahrheit über sich selbst, unterstützt durch eine „Scooby Gang“ aus Helfern wie ihrer besten Freundin Carol oder dem Liebligslehrer Professor Byron. Letzterer wird Fans von „Buffy the Vampire-Slayer“ wohl an Giles erinnern, den Schulbibliothekar von Sunnydale. Ebenso, wie man bei Florence Spuren der Vampirjägerin selbst wie auch Willow entdecken mag. Erst recht, da ja die Comic-Version mittlerweile einen wichtigen Teil des umfangreichen „Buffyverse“ ausmacht.

„Astrum Noctis“ dagegen bleibt mit den beiden in Band 1 enthaltenen Episoden („Blitzschlag“ sowie „Das Geheimnis der Äbtissin“) noch sehr überschaubar. Was Figuren, Story und vor allem das Zeichnerische betrifft, darf das Seriendébut trotzdem als äußerst gelungen gelten. Grafisch ist Band 1 deutlich als Koproduktion erkennbar, denn Episode 2 stammt aus der Feder von Burrinis italienischer Kollegin Ambra Colombani – ein interessanter Perspektivwechsel. Was mir auch sehr gut gefällt: die beim Indie-Label „Dani Books“ publizierte Papierversion wird als multimediales Bundle angeboten, für 11 Euro erhält man Comicbuch und PDF. Bestellt man die Buchversion online, bekommt man parallel einen Download-Link zugeschickt. Separat gibt’s den E-Comic für 5,49 Euro, u.a. via Maddog-Comic-App.

Astrum Noctis – Die Abtei der Geheimnisse
(Sarah Burrini, Ambra Colombani, Eva Fairy)
Paperback & PDF-Bundle (Dani Books) 11,00 Euro
E-Comic (Maddog App etc.) 5,49 Euro

[e-book-review] Das ganze Netz für die Katz? Ein Gespräch über Cat Content (Christiane Frohmann, Stephan Porombka)

Katersalon, das klingt verdächtig nach Cat-Content. Doch das täuscht. Im echten Leben kann man Christiane Frohmanns kulturwissenschaftliche Performances durchaus auch Katzenallergikern empfehlen. Einmal jedoch ging es vor gar nicht allzu langer Zeit – damals noch im Kater Holzig direkt am Spreeufer – tatsächlich um Katzen, genauer gesagt um „Internet-Katzen“. Über dieses Thema sprach die Salonière & Startup-Verlegerin mit Stephan Porombka, Texttheoretiker und u.a. auch Experte für Ameisen („Ant-Content“). Was bedeutet die Inflation des Cat Content im Netz für unsere Welt- und Selbstwahrnehmung? Ist das gesamte Web am Ende für die Katz? Oder die Katze sogar selbst das Netz? Die Antworten findet man nun auch im gleichnamigen Buch „Internetkatzen“, erschienen in der Reihe „Generator“ im Frohmann-Verlag.

Cat Content wird kampagnenfähig

In Deutschland ist das Phänomen wie üblich etwas später angekommen, Bilderstrecken à la „Cats that look like Hitler“ oder skurrile Videos wie das von der untoten Hubschrauberkatze waren die Vorboten eines Hypes, der um das Jahr 2013 dann plötzlich auch feuilletonfähig wurde. Die Internet-Katzen bekamen Nachrichtenwert, sie wurden kampagnenfähig: Zur Bundestagswahl buhlten selbst klassenbewusste Sozialisten mit Cat-Content: „Katzenbabys wählen die LINKE“, war ein entsprechendes Katzenbaby-Bildchen betitelt, das via Facebook virale Verbreitung fand.

Nicht ganz zufällig dreht sich der erste Teil des Gesprächs dann auch um „Marketingkatzen“ – gerade als Tiere, die (so Porombka) „keinen sozialen Standort haben“, können sie etwas in Bewegung setzen, auch milieuübergreifend. Sie helfen einem englischen Straßenmusiker (siehe das Buch „A Street Cat Named Bob“) zu Ruhm und Reichtum, sie erlauben aber auch einem Snob wie Karl Lagerfeld den Imagewechsel. Die Siamkatze und der Modedesigner, zusammen sind sie nur noch Karl und Choupette: „Neben William & Kate das prominenteste Liebespaar der Gegenwart“, so Christiane Frohmann.

Memkatzen machen Menschen zum Accessoire

Doch Vorsicht – im richtigen Leben mag die Katze dem Menschen als Imageverstärker dienen, im Internet ist es anders. Das zeigen Frohmann & Porombka mit ihren Interpretationen von „Fotografiekatzen“ und ihren Staffage-Menschen, von Truman Capote über Audrey Hepburn bis Freddie Mercury: „Wenn überhaupt, dann ist in der Internetkatzenwelt der Mensch das Accessoire“, so Porombka, der selbst übrigens keine Katze besitzt. Manche der Tiere werden sogar zu „Memkatzen“ – mit eigenem „Mem-Manager“ & Media-Team: „Und dieses Team ist darauf angesetzt, das Image der Katze aufzubauen, zu erweitern und richtig zu platzieren“, so Porombka.

Selbstverständlich heißen sie auch nicht mehr „die Katze von X“, sondern führen Eigennamen, von Grumpy Cat (1,5 Millionen Facebooks -Likes, 100.000 Twitter-Follower!) bis Spangles the Cross Eyed kitty. Das erleichtert auch das Merchandizing. Die Stars selbst wirken dabei merkwürdig unbeteiligt – doch gerade das macht wohl ihren Reiz aus: „Katzen emergieren als Internetkatzen, indem sie so sind, wie sie sind, und dabei fotografiert und gefilmt werden“, so Frohmann.

Nerdige Netzerklärkatzen

Als „Erzählkatzen“ haben Grumpy & Co. zwar eine wichtige Funktion, doch die Story kennt kein Ende, Cat Content wird anders erzählt: „Das Leben der Internetkatzen wird im Netz in Echtzeit fortgeschrieben“, postuliert Porombka. Bleibt natürlich die Frage nach der Funktion all dieser Cat Content-Erzählungen – die wurde im Rahmen des Katersalons unter dem Stichwort „Netzerklärkatzen“ beantwortet. „Mit den Katzen wird etwas konkretisiert, was das Netz ausmacht“, so Christiane Frohmann. „Es ist ein Raum, über den wir nicht verfügen. Den wir aber brauchen“.

Schlechte Nachrichten insofern für Karl Lagerfeld und alle anderen Selbstdarsteller: Die Zeit der Inspirations- und Aufladekatzen ist eigentlich schon wieder vorbei. Die Internetkatzen der Gegenwart, so Porombka, sind Nerds, nahe dran am Autismus. Und damit den Nerds vor dem Bildschirmen gar nicht so unähnlich…

Christiane Frohmann, Stephan Porombka (Hgg.),
Internetkatzen.
Ein Gespräch über Cat Content.
2,99 Euro (epub/Kindle)

Abb. oben: flickr/greenoid (cc-by-sa-2.0)

[e-book-review] Ich bin dann mal offline – 76 moderne Pilgerziele für Science-Nerds

Am Anfang stand ein Salonspiel zwischen Forschern, Schriftstellern und Autoren: Gibt es so etwas wie die weltlichen Mekkas der Moderne? Also eine Art von Pilgerstätten der Vernunftreligion namens Wissenschaft? Als ausführliche Antwort auf diese Frage entstand am Ende ein Buch, das die These schon im Titel bestätigt. „Mekkas der Moderne“, herausgegeben von Hilmar Schmundt, Milos Vec und Hildegard Westphal, führt an mehr als siebzig solcher Orte, an denen man schauen, staunen und am Ende auch begreifen kann – dank lebendig-essayistischem Stil auch als Leser. Dafür sorgen neben den Herausgebern selbst erfahrene On- und Offline-Kolumnisten von Peter Glaser bis Ilja Trojanow, flüssig schreibende Wissenschaftler wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Erhard Schütz, aber auch nerdige Zeitzeugen wie Steve Wozniak.

Jede Wissenschaft hat ihre eigenen Wallfahrtstätten

So, wie jede Religion ihre Wallfahrtsstätten hat, sehen die Pilgerziele der Wissensgesellschaft dabei je nach Disziplin ganz anders aus – Naturwissenschaftler werden von den Autoren des Buches ebenso bedient wie Geisteswissenschaftler. Das Itinerar der Technik-Nerds etwa führt über die gigantischen Startrampen von Cape Canaveral oder Baikonur bis in die Hochebene der chilenischen Atacama-Wüste, wo die Spiegelteleskope der europäischen Südsternwarte gen Himmel blicken. Ein Abstecher zur legendären „Apple-Garage“ im Crist Drive 11161, Palo Alto darf natürlich nicht fehlen, ebensowenig eine Station wie das CERN. Denn im Genfer „Centre européen pour la recherche nucléaire“ wird nicht nur nach Gottes- und anderen Teilchen gefahndet, hier stand der erste Server des World Wide Webs.

Doch auch unscheinbare Ziele wie Porthcurno werden angesteuert – und das zu recht. In diesem Küstenort am westlichsten Zipfel von Cornwall begann sie nämlich, die Verkabelung der Welt, vor 150 Jahren noch in Form einer Telegrafenverbindung quer über den Atlantik. Unterschätzt wird aber wohl auch ein Kaff wie das tief im Schwarzwald versteckte Oberwolfach, beherbergt es doch eins der bedeutendsten mathematischen Forschungszentren weltweit.

Verräterische graue Streifen im Sediment

Manche der modernen Mekkas laden jedes Jahr große Menschenmassen zum Schauen und Staunen ein, etwa Wissenstempel wie der Pariser Louvre, das British Museum in London oder das Weimarer Goethehaus. Aber auch überseeische Sehnsuchtsorte wie die Galapagos-Inseln sind nicht mehr ganz so einsam wie vielleicht noch vor hundert Jahren. Viele der Pilgerstätten haben aber (vielleicht zum Glück) noch immer Porthcurno-Status. Das gilt für den Nuvvagittuq-Grünsteingürtel im hohen Norden Kanadas, wo man 4 Milliarden Jahre alte Gesteinsformationen gefunden haben will, oder für die Klippen von Stevns Klint auf der dänischen Insel Seeland, wo ein verräterischer grauer Streifen im Sediment für den Fachmann genau jenen Zeitpunkt markiert, als vor 65 Millionen Jahren eine globale Katastrophe zu einem Massensterben führte, dem u.a. die Dinosaurier zum Opfer fielen.

Zu den Profiteuren dieser Zäsur gehörte die Gattung der Säugetiere, und insbesondere der Mensch, zumindest bisher. Die Reise zu den Mekkas der Moderne offenbart nämlich auch den Hang des aufgeklärten Homo Sapiens zur selbst gemachten Apokalypse, siehe etwa das als Atomtestgelände missbrauchte Bikini-Atoll, ein Bohrkernlager in Bremen, das Aufschluss über dramatische Klimaveränderungen gibt, oder den „Internationalen Suchdienst“ in Bad Arolsen.

E-Book-Version als Self-Publishing-Experiment

Apropos Verschwinden. Auf Papier lädt „Mekkas der Moderne“ schon seit 2010 zu einer „Grand Tour“ quer über den ganzen Globus, die bei Böhlau erschienene Druckauflage ist jedoch fast ausverkauft. Die von Schmundt, Vec und Westphal selbst herausgegebene E-Book-Version soll nicht nur für fortgesetzte Lieferbarkeit sorgen, sondern macht die virtuelle Rundreise noch einfacher, denn die Kapitel dieser „kleinen Heimatkunde der globalen Wissenslandschaft“ sind direkt mit Google Maps verlinkt. Dazu kommen klickbare Querverweise und Videolinks. Praktisch – und auch deutlich günstiger: denn im Gegensatz zur Papierversion kostet das E-Book nur 6 Euro (statt 25 Euro). Mögliche Gewinne aus dem Verkauf des E-Books werden übrigens an die Wikimedia-Foundation gespendet.

Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal (Hgg.),
Mekkas der Moderne. Pilgerstätten der Wissensgesellschaft,
24,99 Euro (Paperback)
5,99 Euro (Kindle/epub)

[e-book-review] Kein Land für Vegetarier (Matthias Herbert, Memiana)

Matthias Herbert ist einer von den Autoren, die man kennt, ohne je ihren Namen gehört zu haben: schon seit mehr als 25 Jahren schreibt er nämlich Drehbücher für populäre TV-Serien. In der Fantasy-Gemeinde könnte der Name „Herbert“ aber wohl schon bald zum Markenzeichen werden – denn unter dem Titel „Memiana“ hat der Experte für Spannungsbögen nun einen literarischen „Myth Arc“ der besonderen Art geschaffen. Auch als Schrifsteller setzt Herbert dabei auf das Gesetz der Serie: Von „Ewige Wacht“ (Band 1, gerade erschienen) bis „Kampf um Memiana“ (Band 14, Erscheinungsdatum: 15.06.2017) werden die Leser in den nächsten drei Jahren alle drei Monate einen neuen Band dieser Fantasy-Saga in die Hände bekommen (siehe auch die aktuelle Folge der „Indie-Lounge“).

Wie bei vielen klassischen Fantasy-Stoffen von J. R. R. Tolkien bis George R. R. Martin spielt auch „Memiana“ mit der Sehnsucht nach einer archaischen Vorzeit, in der dem chaotischen Außen ein ständestaatlich geordnetes Innen gegenübersteht, die Esse qualmt, Schwerter klirren und die Schwarte kracht. Zugleich bricht „Memiana“ aber mit einer Fantasy-Gewohnheit: wenn hier auch einiges rätselhaft erscheint, magische Elemente von Alf bis Gandalf sucht man auf dieser fremden Welt vergeblich.

Phantastisch klingt es trotzdem, was uns der TV-erfahrene Worldmaker da präsentiert: Eine Welt ohne Nacht, geteilt in Salas sonniges Gelblicht und das Graulicht der Monde Polos und Nira. Eine Welt aber auch ohne Gnade, in der man schnell zum Gabelfrühstück von wilden Reißern wird. Wer sich im Graulicht nicht hinter den hohen Wällen befestigter Städte verbirgt, hat kaum eine Chance. Auch unter den Menschen wird man auf Memiana keine Vegetarier finden – denn das Reich der Pflanzen ist hier unbekannt. Basis des planetaren Stoffwechsels bilden die Phylen, eine riesige Herde zotteliger Ungetüme mit chlorophyllhaltiger Haut, die seit ewigen Zeiten rund um den Planeten trottet.

Held der Geschichte ist Jarek, ein Jäger und Wächter vom Volk der Xeno – ausgestattet mit ganz besonderen geistigen Fähigkeiten, die ihn in Kontakt mit dem kleinen Volk der Memo bringen, den heimlichen Herrschern von Memiana. Sie sind es, die mit ihrem uralten Expertenwissen das Gleichgewicht der politischen Kräfte auf Memiana garantieren, und praktischerweise zugleich wichtige Botschaften von Stadt zu Stadt tragen. Die Memos gelten als sakrosankt, doch gleich zu Beginn der Handlung werden einige von ihnen ermordet – das traditionelle Gleichgewicht zwischen den Völkern und Städten gerät ins Wanken. Zusammen mit Gefährten vom Volk der Solo, Vaka und Fero begibt sich Jarek auf eine gefährliche Reise, die ihn zunächst in die geheime Hauptstadt der Memo führen wird…

So episch dicht, stilsicher und spannend, wie schon Band 1 erzählt ist, könnte es Matthias Herbert wohl tatsächlich gelingen, einen ähnlichen Sog zu erzeugen wie George R.R. Martin mit „Game of Thrones“. Rein rechnerisch zumindest wird „Memiana“ spätestens im Herbst 2015 mehr Bände umfassen als Martins hierzulande unter dem Titel „Lied von Eis und Feuer“ veröffentlichte Serie. Auch über eine Verfilmung von „Memiana“ würde ich mich nicht wundern, wer das Drehbuch schreibt, ist ja schon mal klar.

Eine Übersicht der insgesamt 14 geplanten Bände von Memiana findet man auf Memiana.de, dort erfährt man auch einiges zur Biografie des Autors. Die Kindle-Version von Band 1 der Serie ist zum Preis von 6,99 Euro bei Amazon erhältlich, die epub-Version z.B. bei epubbuy. Band 2 („Die verborgene Stadt“) erscheint am 15. Juni 2014

Abb.: Coverausschnitt „Graulichtreiter“, Memiana Band 13