[e-book-review] Asche auf unserem Haupt (Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur)

„Und dann kam das Internet. Ähnlich einem Vulkanausbruch glich seine Erfindung zunächst einer kurzen Eruption, die ihren vollen Einfluss auf das bestehende Buch-Ökosystem jedoch nach und nach entfalten sollte“. Wer im aktuellen Sammelband „Bücherdämmerung“ nach apokalyptisch-jenseitigen Formulierungen sucht, wird nicht nur mit diesem Ascheregen aus der Feder von Katja Splichal gut bedient. Da tauchen auch veritable Book People aus Ray Bradburys Dystopie „Fahrenheit 451“ auf, die nach dem Verschwinden gedruckter Lektüre selbst zu sprechenden Büchern geworden sind. Und das Thema Intermedialität ist gleich den Abstieg zu den 4.500 Jahre alten ägyptischen Totenbüchern wert.

Doch gerade weil viele der Beiträger selbst vom eruptiven Übergang der Gutenberg-Galaxis in Richtung Turing-Galaxis (wie es Thomas Macho sehr prägnant zusammenfasst) betroffen sind, quasi mit einer dicken Ascheschicht auf dem Haupt schreiben, hat der Sampler durchaus seinen Reiz. Denn mit einer gewissen Gründlich- und Bedächtigkeit werden nochmal sehr zentrale Fragen gestellt, z.B. was ist eigentlich ein Buch, und was könnte aus diesem Medium werden? Besonders pragmatisch sieht das Volker Oppmann, Startup-Verleger, App-Entwickler und Log.Os-Evangelist. „Das Einzige, was sich mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt, ist, dass auch in zehn Jahren noch geschrieben wird und Autoren Leser für ihre Texte suchen. Ebenso wird es in zehn Jahren immer noch Leser geben, die auf der Suche nach Inhalten sind. Alles andere kann und wird sich ändern.“

Allerdings – so Detlef Bluhm, der nicht nur die Geschäfte des Börsenvereins in Berlin-Brandenburg führt, sondern auch Romane schreibt – gerät mit dem Roman derzeit ausgerechnet die wichtigste Cash-Cow des Publikumsmarktes durch audiovisuelle Narrative unter Druck: „Der zunehmende globale Erfolg meist amerikanischer TV-Serien könnte die Bedeutung des Romans als Erzählform tangieren, denn im Bereich des filmischen Erzählens stellen sie erstmals eine ernsthafte Konkurrenz zu ihm dar“. Wer schreibt, der bleibt? Zumindest wird aber neben Drehbüchern zukünftig auch noch Programmcode in die Tasten gehackt: „Eigentlich gehörte zum Thema Lesen als dritte wichtige Kraft neben den Büchern und [Fernseh-]Serien noch das Computerspiel, aber das auszuführen würde den Rahmen sprengen“, schreibt Stephan Selle in seinem Beitrag „Anders lesen“. Möglicherweise ist die Detonation schon erfolgt, aber man hat sie nicht hören können, weil Frankfurt (Buchmesse) und Köln (GamesCon) zu weit auseinanderliegen?

Naja, auf jeden Fall müssen traditionelle Büchermenschen, die eigentlich lieber procul negotiis leben und geistige Isolation mehr schätzen als Zerstreuung durch Facebook, sich mittlerweile mit allerlei konkreten Belästigungen der Technosphäre herumschlagen, nicht nur mit Dumpinglöhnen, wie Dietmar Dath in seinem Beitrag zur „Ökonomie des Schreibens“ deutlich macht. Doch eigentlich ist es ja eher Grund zur Hoffnung: Selbst der Geschäftsführer des Börsenvereins Berlin-Brandenburg schreibt heutzutage in einem als parallel als E-Book publizierten Sammelband über Quanten-Handys, Video-in-Print, digitale Kleidung und 3D-Druck.

By the way: Ist sie nun eine Morgen- oder Abenddämmerung, die titelgebende „Bücherdämmerung“? Detlef Bluhm wagt einen auch nach vorne gedacht vielsagenden Rückblick: „Die konservativen Kritiker des gutenbergschen Buchdrucks haben in fast allem recht behalten. Ihre Befürchtungen sind eingetreten.“

Wie die aktuellen Befürchtungen aussehen, zeigt übrigens sehr schön die „Vermarktungsstrategie“ von „Bücherdämmerung“ – allerdings muss man hier wohl eher von einem autosuggestiven Schutzzauber analoger Eingeborener sprechen, der die digitale Proliferation verhindern soll: der Sammelband ist zwar grundsätzlich als E-Book erhältlich, aber zum prohibitiven Preis von 16 Euro, nicht im Kindle-Format und über Amazon schon gar nicht, dafür aber als epub und PDF, jeweils mit Adobe-DRM geschützt. Um soviel auf einmal falsch zu machen, muss man wirklich Branchenexperte sein.


Detlef Bluhm (Hg.),
Bücherdämmerung
– Über die Zukunft der Buchkultur
E-Book (epub/PDF) 15,99 Euro

[e-book-review] Midlife-Crisis am Rand der Endmoräne (Karsten Krampitz, Wasserstand und Tauchtiefe)

Ach ja, die Midlife-Crisis! Dieser legendäre Lebensabschnitt mitten zwischen Quarterlife- und Lebensendkrise ist wohl immer noch der beste biographische Plotpoint, um einen Roman zu starten – auch Mark Labitzke, Protagonist in Karsten Krampitz‘ neuem Roman „Wasserstand und Tauchtiefe“ surft auf dieser dissonanten Welle. „Mitte vierzig bin ich und wohne von heute auf morgen in einer WG mit Leuten, die mir fremd sind und fremd bleiben“ erzählt der Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Schehrsdorf, Kreis Märkisch-Oderland, gefühlt ein in den Kreis eingetretener „Dorn am Rande der Endmoräne“.

Ausgerechnet dorthin kehrt Labitzke nämlich eines Tages zurück, um übergangsweise seinen alternden Vater zu pflegen, solange, bis die Familie ein neues Pflegeheim gefunden hat. Dem in Berlin ohnehin nicht wirklich sesshaften Sohn kommt das gut zupass: „Der Kühlschrank ist immer gefüllt, die Rechnungen sind bezahlt. Es geht uns gut – solange nur deine Organe funktionieren. Wir haben Zeit und deine Rente“, sagt er zu seinem Vater. Eigentlich aber eher zu sich selbst. Denn der demente Labitzke Senior ist „nur noch Körper, nur noch ein Zitat“. So dass der Leser ihn nur über den Bewusstseinstrom von Labitzke junior wahrnehen kann. „Ich führe ständig Selbstgespräche mit meinem Vater“, so fasst der Sohn die absurde Situation zusammen.

Eigentlich enthält ohnehin jeder Roman im Kern eine erzählerisch inszenierte Biografie – hier sind es aber gleich zwei auf einmal, eine Parallelbiographie, die sowohl über die Jugend eines „Bonzenkindes“ in der DDR-Provinz berichtet wie auch über das Leben des im Dorf omnipräsenten Übervaters. „Ich habe keine gespaltene Persönlichkeit, ich habe eine fusionierte: Ich bin gleichzeitig ich und du“, so Labitzke Junior, der vielleicht nicht ganz zufällig seit seiner Pubertät ein schweres Alkoholproblem hat. Zugleich ist der Monolog der Gegenwart auch eine Fortsetzung eines Monologs, der vor der Wende aus einer anderen Richtung kam: so wie der linientreue SED-Bürgermeister an seinen Sohn vorbeigeredet hat, redet der Sohn nun an seine Vater vorbei.

So erklärt sich auch der Titel: Wasserstandsmeldungen und Tauchtiefen waren in der DDR fester Bestandteil der Rundfunknachrichten, Frankfurt/Oder 112 plus 5, Glugow 275 plus drei, Eisenhüttenstatt 237 plus drei, etc. O-Ton Labitzke: „Die haben auch keinen interessiert, wurden aber gesendet. Das war so ein geflügeltes Wort: Hey, Kollege, dein Gerede interessiert mich so wie die Wasserstandsmeldungen“

Für den Leser ist das natürlich ganz anders: Krampitz übermittelt uns aus dem Mund von Mark Labitzke Wasserstandsmeldungen aus einem untergegangenen Land, das eben nicht nur die absurde Provinz der eigenen Jugend repräsentiert, sondern auch einen Teil Deutschlands, dem man früher im Westen nie wirklich zugehört hat. Und jetzt auch meistens nur mit einem Ohr lauscht. Höchste Zeit, das zu ändern, selbst wenn dem 1989/1990 aus der Taufe gehobenen Staatsgebilde zwischen Rhein und Oder rein rechnerisch noch ein paar Jahre bis zur Midlife-Crisis bleiben…


Karsten Krampitz,
Wasserstand und Tauchtiefe
E-Book (epub/Kindle) 12,99 Euro

Abb. oben: Becks-Werbung am ehemaligen Kulturhaus Bandelin, Mecklenburg-Vorpommern, onnola/Flickr (cc-by-sa-2.0)

[book-review] Tödliche Umarmungen (Daniel Leisegang, Amazon: Das Buch als Beute)

Mitten in der texanischen Wüste wird derzeit im Innern eines ausgehöhlten Berges eine riesige mechanische Uhr errichtet, getauft auf den Namen „The Clock of the Long Now“. Das Chronometer wird nur alle 365 Tage ticken, und hat einen Zeiger, der nicht Stunden anzeigt, sondern Jahrhunderte. Das Land drumherum gehört einem der reichsten Männer der Welt: Jeff Bezos. Wer wissen möchte, wie der Multimilliardär tickt, bekommt hoch oben in den Sierra Diablo Bergen einen wichtigen Hinweis: dieser Mann denkt in großen Etappen.

Das sollten wohl auch alle zur Kenntnis nehmen, die mit Amazon zu tun haben – denn auch das von Bezos 1994, also vor genau zwanzig Jahren gegründete Unternehmen hat einen sehr langen Atem. Gewinne werden nicht ausgewiesen, trotz kontinuierlich steigender Umsätze wird alles verfügbare Geld in die weitere Expansion investiert. Kindle Reader, Kindle Fire Tablet, Fire TV, Fire Phone, et cetera: Was mit dem Online-Versand mit Büchern, Gummistiefeln und Waschmaschinen begann, hat längst seine Fortsetzung in Geräten und Content gefunden.

Insofern ist Daniel Leisegangs kritische Amazon-Studie mit dem Untertitel „Das Buch als Beute“ nicht nur eine Engführung, sondern fast schon eine Art Missverständnis:
denn im Buchhandel ist Bezos eher zufällig gelandet, sein eigentliches Metier war bis Anfang der Neunziger Jahre der computergestützte Börsenhandel. Früh wurde er auf das boomende World Wide Web aufmerksam, und nutzte clever die immensen Wachstumsraten der Internet-Ökonomie für eigene Zwecke. Das Garagen-Startup Amazon.com nannte sich zwar keck „größte Buchhandlung der Welt“, hatte aber eigentlich nur den größten Katalog der Welt.

Pech für die Buchbranche, dass der Weg zum größten „Anything Store“ weltweit ausgerechnet über das Terrain der Gutenberg-Galaxis führen musste. Dort wie auch anderswo setzt der Konzern nun auf beschleunige Disintermediation: alle Zwischenhändler werden ausgeschaltet, nicht nur die Buchhändler, sondern perspektivisch auch die Verlage. Leisegangs Dossier, basierend vor allem auf der Auswertung von Presseartikeln, Internet-Quellen und aktuellen Amazon-Studien (Brad Stone & Richard L. Brandt) bringt diese Strategie auf den Punkt: es geht um die „tödliche Umarmung“.

Bei seinen kritischen Blicken auf Amazons tayloristisch ausdifferenzierte Lagerlogistik, auf gnadenlose Rabattierungs-Schlachten und infame Steuertricks wird aber auch deutlich: gerade in Deutschland – nach den USA zweitwichtigster Markt für den Online-Händler – wird das raubtierhafte Verhalten von Amazon durch flexible Gesetze, staatliche Subventionen und willige Vollstrecker der Dienstleistungs- und Zulieferindustrie effektiv unterstützt. Da ist die Frage: Fällt die Buchpreisbindung? fast schon nebensächlich, denn spätestens seit dem Boom des Self-Publishings und dem Start von eigenen Imprints geht der Pricing-Trend deutlich bergab.

Und auch vor Amazon war der von großen Ketten dominierte Buchhandel eigentlich schon jenseits von Gut und Böse: „Die Verlage werden von gleich zwei mächtigen Gegenspielern in die Zange genommen“, so Liesegang zu recht. Zugleich werden Lösungswege gezeigt – die Renaissance der inhabergeführten Buchhandlungen gehört dazu (siehe Stories in Hamburg, Ocelot in Berlin, „Buchladen Neusser Straße einzigundartig“ in Köln-Nippes), aber auch der Wandel von Verlagen zu „Edeldienstleistern für Autoren“. Nicht zuletzt ist aber wohl auch Druck auf die Politik notwendig, um den Quasi-Monopolisten stärker in die Schranken zu weisen.

Lässt man begriffliche Unschärfen (der Buchhandel an sich und das Buch per se sind durch Amazon nicht bedroht, wenn überhaupt, dann vom Medienwandel) und von schlecht informierten Journalisten übernommene technische Details (etwa zum Kindle-DRM, zu KDP und Createspace, etc.), ebenso das lieblose Word-Arial-14-Punkt-Layout der Printversion (da wirkt ein Wort wie „Kulturgut Buch“ dann doch irgendwie unrund) beseite, hat der Politologe und Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ einen gut lesbaren Überblick zu den Verästelungen des Systems Amazon im hiesigen Leseland vorgelegt.


Daniel Leisegang,
Amazon – Das Buch als Beute
Taschenbuch (128 S.) 12,80 Euro (z.B. via Amazon)
E-Book (epub/Kindle) Bisher nicht lieferbar

[e-book-review] Hexenhammer trifft Bosonenkammer (Uwe Springfeld, Finstere Wahrheit)

Ob es um die Vermessung der Gefühle geht, neues aus der Fusionsforschung oder Fuzzy Logic: Wer via Podcast oder Live deutsche Wissenschafts-Sendungen im Radio verfolgt, stößt irgendwann fast schon zwangsläufig auf das eine oder andere Feature von Uwe Springfeld. Der promovierte Physiker ist schon seit mehr als zwanzig Jahren als Wissenschaftsjournalist unterwegs, um aus den Laboren und Forschungsstätten rund um den Globus „Atmo“ und „O-Töne“ ins Studio mitzubringen.

Skeptisch gegenüber dem High-Tech-Hype

Dabei ist ihm bewusst: Wissenschaftsjournalismus ist immer auch ein Teil von Wissenschafts-PR, nicht nur unser Bild über die Welt im Kleinen und Großen, von Quarks bis zu galaktischen Superclustern, sondern auch Wissenschaftspolitik und Forschungsetats wird von Medien mitbestimmt. Springfeld hat sich wohl auch deshalb einen gesunden Skeptizismus bewahrt gegenüber den ubiquitären High-Tech-Hypes. Sein Buch „Menschmaschine – Maschinenmensch“ etwa dampfte die Versprechungen der „AI“ gleich im Untertitel erheblich ein: „Warum wir Maschinen sind, die man nicht nachbauen kann“, hieß es da.

Um eine Grundsatzfrage geht es auch in seinem neuen Titel „Finstere Wahrheit“, gerade erschienen bei ebooknews press – wie genau verläuft eigentlich die naturwissenschaftliche Konstruktion unseres Weltbildes von Spekulation und Experiment bis hin zur Erkenntnis? In den Worten von Springfeld: „Kann sich die Natur gegenüber den Wissenschaften überhaupt verständlich machen? Keine triviale Frage, denn die Natur äußert sich oft nur mit einem Piep, einem Zeigerausschlag oder einer Teilchenspur in einem Detektor, die man auch nicht mehr direkt beobachtet, sondern nur noch mittelbar aus bearbeiteten Rohdaten herausliest“.

Hexen- und Higgsen-Jäger unter sich

Maliziös stellt Springfeld der Jagd nach dem Higgs-Boson den „Malleus Maleficarum“ alias „Hexenhammer“ aus dem späten 15. Jahrhundert gegenüber, einer wissenschaftlichen Anleitung zur Hexenjagd: „Der Hexenhammer gliedert sich ähnlich wie viele heutige Dissertationen in die klassischen drei Abschnitte Theorie-, Daten- und Schlussteil“. Gemessen an heutigen, wissenschaftlichen Maßstäben zeige der Hexenhammer nur eine einzige Schwäche: „Die Ausgangshypothese ist falsch. Es gibt keine Hexen.“ Vor 500 Jahren war die Existenz von schwarzer Magie jedoch Alltagwissen: weil führende Wissenschaftler den katholischen Glauben als Wahrheit ansahen, schien auch der Glaube an Hexerei vernünftig. Wer anderes behauptete, wurde als naiver Gutmensch belächelt.

Die Ähnlichkeiten zwischen den berühmt-berüchtigten Doctores Heinrich Kramer und Jakob Sprenger zu den Naturwissenschaftlern unserer Tagen sind verblüffend groß – man tastet sich voran auf Grundlage von als bewiesen geglaubten Annahmen. „Ist eine Teilchenspur im Detektor also genauso ein Beweis für die Existenz von Elementarteilchen wie unerklärliche Impotenz beim Mann für die Existenz von Hexen?“, fragt Springfeld. Und rückt dann mit der finsteren Wahrheit heraus, die gerne verdrängt wird: „Tatsächlich führt kein logischer Schluss folgerichtig von Phänomenen zu einer zwangsläufig richtigen Theorie“.

Teilchenbeschleuniger als Sinn-Maschinen

Doch irgendwo muss es ja doch entstehen, unsere Weltbild? Springfeld nimmt den Leser mit auf eine Reise hinter die Kulissen der modernen Naturwissenschaft, vom Standard-Professorenbüro in Berlin bis zum gigantischen Tief-Labor unter den französischen Alpen. Versteckt vor störender Öffentlichkeit wie auch Umgebungsstrahlung werkeln Milliarden Euro teure Elementarteilchenbeschleuniger und Detektoren – Hochtechnologie, hochkomplex, doch letztlich, so Springfeld, handelt es sich um „Philosophiemaschinen“: „Sie erzählen vom Stellenwert der Erde in der Unendlichkeit des Universums, von der Geschichte des Weltalls und von einer Welt, die ohne Götter, ohne Schicksal und ohne übernatürliche Kräfte doch irgendwie ihre Balance hält“.

Vor allem liefern sie aber Bausteine, aus denen die Scientific Community Stück für Stück das zusammensetzt, was als „Wahrheit“ gilt. Doch wo – oder wann – genau findet er statt, der Moment, an dem aus dem Warten auf die Daten plötzlich die naturwissenschaftliche Erkenntnis entspringt? Und wer steuert diesen Prozess? Vom Hexenhammer über den Teilchenbeschleuniger landet Springfeld kurz zwischen bei der Wissenschaftssoziologie, um dann kopfschüttelnd zu einer verblüffend einfachen Lösung zu gelangen…


Uwe Springfeld:
Finstere Wahrheit. Von der naturwissenschaftlichen Spekulation zur Erkenntnis
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Paperback 5,99 Euro

Cover-Grafik unter Verwendung einer Abbildung von Lucas Taylor/CERN (CC-BY-SA 3.0). Das Bild zeigt die Simulation des Zerfalls eines Higgs-Teilchens.

[e-book-review] Der Rubel rollt – doch fällt auch der Groschen?

Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, dann sind die Worte und Taten der Unternehmer so etwas wie die Heiligenlegenden unserer Zeit. Ein Exemplum für die richtige Lebensführung gibt’s in der Regel nicht, dafür Best-Practice-Tipps auf dem Weg zum schnellen Geld. Anders im Fall von Götz W. Werner. Der 1944 geborenen dm-Gründer ist Milliardär, das schon, und hat sich in vier Jahrzehnten vom kleinen Drogeristen zum erfolgreichen Konzernchef hochgearbeitet.

Zahnpasta-Verkäufer mit Visionen

Doch in der Textsammlung „Wann fällt der Groschen?“, erschienen im Verlag Freies Geistesleben, tritt uns der Unternehmer und Mensch Götz Werner in einer eher unerwarteten Rolle entgegen – als jemand, der Leben als unermüdliche Arbeit am eigenen Ich versteht, das Entrepreneurship als dem Gemeinwesen verpflichtete Soziale Kunst, und sich und der Allgemeinheit qua Kundenmagazin „Alverde“ immer wieder Schlüsselfragen zur eigenen Existenz stellt. Warum schmelzen gute Vorsätze schneller als Schneeflocken? Wie wichtig ist uns Menschenwürde? Ist der Einsatz von Robotern in der Pflege sinnvoll? Aber auch: Brauchen wir ein neue Wirtschaftsordnung? Müssen wir Eigentum neu definieren?

Sich selbst bezeichnet das enfant terrible einer ebenso kühl kalkulierenden wie phantasielosen Branche als „Realträumer“. Das sei jemand, der Dinge tut, von denen er von Anfang überzeugt ist, ohne eingehende Analyse, so Werner. „Evidenzerlebnisse“ nennt der siebenfache Vater solche Erfahrungen in seiner 2013 erschienenen Autobiographie mit dem Titel: „Womit ich nie gerechnet habe“. Zu diesen Evidenzerlebnissen gehörte, gegen allen Rat von Freunden und Familie, der Einstieg ins Drogeriegeschäft. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen ist dm (Abkürzung für: Drogeriemarkt) mit 3.000 Filialen, 50.000 Mitarbeitern und siebenfachem Milliarden-Umsatz Deutschlands größte Drogeriemarkt-Kette.

Es geht um Werte, nicht um den Preis

Der oberste Platz auf dem Siegertreppchen hat natürlich ganz einfach damit zu tun, dass die vorherige Nummer Eins namens Schlecker am übertriebenen Expansionsdrang gescheitert ist. Aber damit eben auch sehr viel mit der Frage: Was hat Einkaufen mit Moral zu tun? In „Alverde“ schreibt Götz Werner: „Bürger ist man jeden Tag. Verantwortlich und mündig ist man bei den tagtäglichen Entscheidungen. Beim Kauf von Produkten, bei der Wahl von Einkaufsstätten und bei der Beauftragung von Dienstleistern“.

In seinem Unternehmen habe man schon kurz nach der Gründung die eigene Haltung definiert, u.a. „dass wir eine bewusst kaufende Stammkundschaft gewinnen wollen“. Die Bürger, so Werner, wollten heutzutage wissen, „wen sie durch ihren Kauf unterstützen“. Es gehe vielen Menschen eben nicht um den günstigsten Preis, sondern auch um das Gefühl, das Richtige zu tun, und natürlich auch: am richtigen Ort zu sein, Stichwort mal wieder: Evidenzerleben.

Natürlich geht es einem Händler und Unternehmer irgendwie ums Geld – hier jedoch vor allem als Mittel zum Zweck: Geld sei dafür da, das Miteinander zu organisieren, so Werner, inklusive Belegschaft. „Das Miteinander aller Beteiligten war uns stets so wichtig wie das erfolgreiche Zahnpastaverkaufen“. Das Miteinander soll zugleich auch Selbstermächtigung sein. Wenn Werner etwa davon schreibt, er möchte dazu beitragen, dass sich viele Menschen als „Lebensunternehmer“ begreifen, ist das weit entfernt vom simplen Selbständigkeits-Paradigmen, sondern geht in Richtung der Joseph Beuyschen Idee der sozialen Plastik, einer Gesellschaft, „an der alle durch kreatives Handeln mitformen“. Was für Werner auch persönliche Konsquenzen hat: „Meinen Beitrag versuche ich zu leisten, indem ich mich für die Idee eines bedingunglosen Grundeinkommens für alle Bürger einsetze“.

Ganzheitliche Vorbilder: Duttweiler plus Steiner

Wie kommt man eigentlich auf solche Ideen? Zu Werners Vorbildern gehört vielleicht nicht ganz zufällig der legendäre Schweizer Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler – an dessen genossenschaftlich angelegtem Großkonzern ist mittlerweile jeder dritte Eidgenosse direkt beteiligt. Auch Duttweiler sprach von Anfang an vor allem die Kundinnen als selbständige Konsumentinnen an und dachte in der Kategorie des „sozialen Kapitals“, schon in den 1920er Jahren.

Ein anderes oft zitiertes Vorbild – und zugleich wahrscheinlich für manche Leser des Kundenmagazins eine ständige Übung in Toleranz – ist Rudolf Steiner. Der Anthroposophie-Begründer dient mit seinem ganzheitlich-schrägen Weltbild nicht nur allgemein als Inspirationsquelle, sondern wird immer wieder gerne für das eine oder andere Bonmot herangezogen, durchaus passend etwa mit der Aussage, dass Geld „zu lügen beginnt“, wenn es sich von der Realwirtschaft abkoppelt. Steiners Formulierung von der „Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben“ fühlt sich Werner ebenfalls verpflichtet.

Die geistige Brücke zwischen Steiners Gedankenwelt und der hinter dm stehenden Firmenphilosophie ist tatsächlich so breit, dass sich Werner in seiner Autobiographie in einem eigenen Kapitel um Erklärungen bemüht – in dem er schon per Überschrift die wohl sehr oft gehörte Frage vorwegnimmt: „Sagen Sie mal, haben Sie was mit Anthroposophie zu tun?“

Wer fragt, ist auf dem besten Weg zur Erkenntnis. Genau darum geht’s Werner ja schließlich bei all seinen Aktivitäten, auch in den äußerst lesenswerten Kolumnen: es soll nicht nur der Rubel rollen, sondern auch der Groschen fallen.


Götz W. Werner,
Wann fällt der Groschen? 52 Schlüsselfragen zum eigenen Leben
E-Book 12,99 Euro (epub/Kindle)

Abb. oben: Emre Ayaroglu/Flickr (cc-by-2.0)

Der Ofen ist noch lange nicht aus (Sarah Schmidt, Eine Tonne für Frau Scholz)

Winter 1986/87, zwei allein erziehende Kreuzbergerinnen wollen dem Kiez entfliehen, sie sind jung und abenteuerlustig, ihre Kinder leiden an Pseudo-Krupp, die ganze Stadt müffelt nach Kohleöfen. Der Fluchtort: Mallorca. So begann Sarah Schmidts erster Roman, erschienen zu Beginn der Nuller Jahre.

Fast Forward: Zehn Jahre und zwei Bände Kurzgeschichten später hat die 1965 am Niederrhein geborene Wahl-Kreuzbergerin mit „Eine Tonne für Frau Scholz“ nun ihren zweiten Roman veröffentlicht – diesmal sehr gegenwärtig in einer Kreuzberger Patchwork-Familie jenseits der Midlife-Crisis angesiedelt. Doch Kohleöfen gibt’s im frühen 21. Jahrhundert immer noch, zumindest im Haus von Nina Krone, der Protagonistin. Was auch ein Grund ist, dass sich das Pärchen Nina und Fritz die Miete inmitten von Townhouses und Edel-Altbauten mit ausgebauten Dachgeschossen überhaupt noch leisten kann.

Beide haben Jobs, die nicht besonders fordernd sind, aber einigermaßen sicher bis zum Renteneintrittsalter reichen werden, die Kinder sind aus dem Haus. Man hat alles mal ausprobiert, doch selbst Kokain wirkt nur noch einschläfernd. „Ziemlich viele Abende verbringen wir einfach vor dem Fernseher. Was nicht schlimm ist, wir kennen alles, was draußen los ist, und sind müde davon“. Auch vom Wissen, dass in den kommenden Jahren ohnehin „alles zusammenbrechen wird, der Kapitalismus, der Sozialstaat, die Weltwirtschaft, der Euro“.

Trotzdem beobachtet Nina an sich eine merkwürdige Zufriedenheit, es gibt nicht mal einen Grund, sich mit ihrem Freund zu streiten, denn der ist ziemlich nett und einfühlsam, und genau das macht der Mitt-Vierzigerin Angst: „Ich drehe mich im Kreis, ich kann nicht anders, als ständig zu überlegen, was eigentlich falsch gelaufen ist. Ist überhaupt irgendetwas falsch gelaufen?“

Dann ist da natürlich auch noch die betagte Nachbarin Frau Scholz im oberen Stockwerk, die im Sommer mühsam ihren Müll die Treppe hinabschleppt, im Winter Briketts heraufschleppt und Müll und Asche hinab. „Alles an ihr ist eine Anklage. Ihr Aussehen, ihr Geruch, ihr Gang, ihr Gesichtsausdruck“.

Und hier beginnt die eigentliche Geschichte: eines Tages im Herbst beschließt Nina, dem festgefahrenen Alltag durch eine Art paradoxer Intervention zu begegnen: sie schleppt einen Extra-Eimer mit Kohlen bis zur Tür der Nachbarin, und wiederholt das Experiment mehrere Tage lang, bis sie von Frau Scholz zur Rede gestellt wird: „Was soll das!?“

Kein Beginn einer wunderbaren Freundschaft, dafür aber der Auftakt zur Bildung eines generationsübergreifenden Odd Couples, das von diesem Moment an trotz gegenseitiger Ablehnung umeinander kreist, während sich parallel Ninas private Situation zuspitzt: Tochter Ella möchte einen Dokumentarfilm über die eigene Familie drehen, Sohn Rafi mit seinem Freund und einem lesbischen Paar ein Kind produzieren. Was niemanden zu stören scheint, bis auf Nina.

Für die gute Lesbarkeit dieses Romans sorgt nicht nur das erkennbar nah am echten Großstadtleben angelegte Setting, sondern auch die immer wieder gezielte Pointen setzende Erzählweise Sarah Schmidts – die nicht umsonst Mitgründerin einer der ersten Berliner Lesebühnen überhaupt ist. By the way: Ihr nächstes Romanprojekt wird tatsächlich „live“ vor dem (Lese-)Publikum entstehen – er erscheint ab Oktober als Vorabdruck in der taz.


Sarah Schmidt,
Eine Tonne für Frau Scholz.
Verbrecher Verlag 2014
E-Book 12,99 Euro (epub/Kindle)

Abb. oben: Flickr/Glasseyes view (cc-by-sa-2.0)
(Kohlenhandlung, Berlin Wedding 1974)

[e-book-review] Wo die Drohnen wohnen (Tom Hillenbrand, Drohnenland)

„Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!“, reimte Erich Kästner Ende der 1920er Jahre, und das „Du wirst es kennenlernen“ klang nicht umsonst wie eine Drohung. Wenn Tom Hillenbrand uns nun das Land, wo die Drohnen wohnen zeigt, darf man das wohl ganz ähnlich verstehen – denn der bei Kiepenheuer erschienene Sci-Fi-Krimi „Drohnenland“ führt direkt in unsere eigene, totalüberwachte Zukunft, irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts.

Die Story beginnt wie es sein muss, mit einer Leiche. Vittorio Pazzi, Europaabgeordneter der Liberalen, wurde auf einem flandrischen Acker im Großraum Brüssel erschossen aufgefunden. Ein Fall für Europol – Kommissar Aart Westerhuizen und seine Forensik-Expertin Ava Bittman begeben sich an den Tatort, zunächst in Person, dann virtuell. Unterstützt werden sie dabei von Teiresias alias Terry, einem weit fortgeschrittenen digitalen Assistenten, der weit aus mehr kann, als nur Informationen auf Datenbrillen spiegeln.

Die Chance, ermordet zu werden, ist im Drohnenland äußerst gering, nicht nur, weil die Europäische Union dank ubiquitärer Kameradrohnen längst Benthams Vision vom panoptischen Gefängnis gleicht und die Aufklärungsquote bei 99 Prozent liegt. Künstliche Intelligenzen wie Terry erlauben die „Prädiktion“, also Verhaltensvorhersage, was wiederum die gezielte Überwachung potentieller Krimineller, manchmal auch die präventive Liquidierung potentieller Terroristen ermöglicht. Humphrey Bogart-Fan Aart Westerhuizen kennt sich auch damit aus – ganz in der Tradition der Trenchcoat-tragenden „Hardboiled“-Schule ist er ist Veteran der „Solarkriege“, in denen die EU die Maghreb-Staaten „befriedet“ hat, um die Versorgung mit nordafrikanischem Sonnenstrom zu sichern.

Doch nicht nur bei den Bürgerrechten gab es Verluste, auch territorial. Süditalien ist ein von „Kohäsionstruppen“ besetzter Failed State, die Niederlande und Teile Norddeutschlands sind abgesoffen, Großbritannien wird die Union in Kürze verlassen. Steht die Ermordung des MEPs im Zusammenhang mit der dazu notwendigen Abstimmung über eine neue europäische Verfassung, die die Zentralgewalt stärken würde? Pazzi selbst war in der Frage unentschieden, wie auch zahlreiche seiner Kollegen. Weil der Mordfall aber das Getriebe der Politik stört, wird Westerhuizen von Europol mit Sonderrechten ausgestattet: er darf im drohnenkamera-gespeisten „Mirrorspace“, einer holographischen Totalsimulation, die das World Wide Web beerbt hat, als unsichtbarer „Ghost“ operieren.

Westerhuizen und Bittman kommen weiteren Mordfällen auf die Spur, die MEPs betreffen, aber duch die Manipulation des Mirrorspace als Unfälle vertuscht wurden – und geraten bei ihren Ermittlungen ins Fadenkreuz nicht nur der Schattenpolizisten des Unionsgeheimdienstes („Réseau des Renseignements“), sondern auch von britischen Separatisten („Britskis“) und einem großen Rüstungskonzern. Bald werden die Europol-Polizisten selbst zu Gejagten – und machen eine wichtige Erfahrung: in einer Welt, die auf totaler Berechenbarkeit beruht, kann es zwar taktische Vorteile bringen, unberechenbar zu sein. Manchmal wird man dadurch aber auch erst recht zum Problem für die Exekutive – vorsorgliche Exekution nicht ausgeschlossen.

PS: Mich hat „Drohnenland“ übrigens an einen flämischen Krimi aus den frühen 1980er Jahren erinnert, die immer noch sehr lesenswerten „Coltmorde“ von Jef Geeraerts, ebenfalls eine Art High-Tech-Totalüberwachungs-Sci-Fi, die in den 1990er Jahren spielt – Belgien wird da von einer katholisch-faschistischen Partei regiert, die BRD von einer autoritären Junta unter Franz-Josef Strauß. „Drohnenland“ scheint mir allerdings die deutlich beunruhigendere Vision zu bieten – gerade weil als Setting die Fassade des bürgerlichen Rechtsstaat fungiert. Insofern passt der Krimi, obwohl noch in der Prä-Snowden-Ära entworfen, sehr gut in eine Gegenwart berechtigter Rundum-Paranoia.


Tom Hillenbrand,
Drohnenland. Kriminalroman
Kiepenheuer & Witsch 2014
E-Book 9,99 Euro (epub/Kindle)

[e-book-review] Kein Land für Schlaffis (Katharina Enzensberger, Stufen)

Der Zauber wohnt immer Parterre, so auch der, den man gleich auf den ersten Seiten von Katharina Enzensbergers Erzählband „Stufen“ verspürt, unlängst beim Berliner Startup-Label shelff erschienen. Und sei es nur in Form von duftenden Quitten eines längst vergangenen Sommers auf dem Land. Dann geht es Stufe um Stufe weiter. Die zehn Geschichten gleichen Schnappschüssen aus unterschiedlichen Lebensaltern, und am Beginn steht – natürlich – Kindheit und Jugend. Erzählt in einer klaren, unverfälschten Sprache, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Wenn die Geschichten selbst schon nicht in jedem Fall autobiografisch sein mögen, die Chronologie ist es: die 1949 geborenen Autorin führt den Leser stufenweise von der frühen Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Sammlung stehen nicht allein Coming-of-Age-Geschichten, sondern eine autobiografisch gefärbte Skizze, die selbst den Titel „Stufen“ trägt: sie spielt im teuersten Hotel Venedigs, man ist zu Gast auf einer Geburtstagsparty, zu der vor allem Schriftsteller und Lyriker geladen sind, „ergraute Herren, jeder sein eigener Planet, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, um die Sonne – den Verleger – zu kreisen“. Der Verleger ist niemand anderer als Siegfried Unseld, weiland Suhrkamp-Chef.

Eine verlorene Welt aus schranzig versnobten, ver- und eingebildeten Typen, die gefühlt schon soweit entfernt scheint wie die fast hundert Jahre zurückliegenden Tischgespräche aus Canettis „Fackel im Ohr“. Letztlich ist die umfangreiche Geburtstags-Story wirklich ein Grabstein, bezieht sich doch die Überschrift „Stufen“ auf das gleichnamige Hermann Hesse-Gedicht, welches auf Unselds Epitaph prangt.

Das wiederum ruft dazu auf, nicht stehenzubleiben, sondern Mut zur Veränderung zu haben. „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“. Und so weiter. No Country for Schlaffis also. Die Figuren in Enzensbergers Geschichten halten sich an diese Devise – sie überschreiten Grenzen, stehlen Antiquitäten, begehen Ehebruch, verwandeln sich zur Zentaurin, schlucken Zyankali, sie steigen die Stufen der Leiter nach oben, oder auch nach unten. Sich selbst bezeichnet die Autorin übrigens als „konservative Anarchistin“ – da kann man nur sagen: touché.


Katharina Enzensberger,
Stufen. Zehn Erzählungen.
epub / Kindle 7,99 Euro

[e-book-review] Berlin; ändert sich (Sebastian Christ, Berliner Asphalt)

„Ich lebe im einundzwanzigsten Jahrhundert, jeden Tag schaue ich aus dem Fenster heraus und merke, wie sich Berlin verändert und bleibt“, schreibt der Journalist Sebastian Christ, und wie wahr der Satz ist, merkt man eigentlich schon daran, wer da schreibt: der Mitt-Dreißiger ist Parlamentskorrespondent der nicht mal 12 Monate alten Huffington Post Deutschland, und nebenbei auch ein scharfer Beobachter all dessen, was außerhalb der Bannmeile stattfindet – der jetzt bei Mikrotext erschienene Sammelband „Berliner Asphalt“ beweist es.

Schon auf der Journalistenschule riet ihm ein Dozent: „Fahr niemals mit der U-Bahn“ – Christ bewegt sich klassisch per pedes durch die Stadt, oder per Rad. Nun wurde natürlich von Franz Hessel bis Uli Hannemann über Berlin, das immer irgendwas werden will und nie einfach sein darf immer schon geschrieben. „Berliner Asphalt“ zeigt aber: auch das Schreiben über Berlin hat sich mächtig verändert. Die Asphalt-Snapshots zwischen Moabit und Marzahn, Reichstag und Rathaus Neukölln, Potsdam und Tauentzien sind zuerst auf Facebook gepostet worden. Goldene Regel war dabei: innerhalb einer Stunde nach dem Erlebnis musste es in Textform kondensiert sein.

Das führt dann selbst innerhalb der ohnehin sehr kurzen „Scenes of anecdotal life“ zu großartigen, haiku-artigen Granulaten, die eine Szene schon im ersten Satz zusammenfassen: „Ich war betrunken, sie kam aus Rußland“ heißt es da z.B über einen Partysommerabend an einem peripheren See. Oder: „Fortuna tanzte nackt auf dem Uhrenturm“ (Neuköllner wissen, wo die Szene spielt…). Die Entdeckung von rostigen Überresten der Tacheles-Künstler auf einem Industriehof in Lichtenberg während einer Radtour beginnt: „Der Weg zur Kunst führt manchmal über einen Wadenkrampf“, und passend zum Berliner Sommer liest man: „Es war siebzehn Uhr, der Tag tropfte langsam aus“.

Neben den berlintypischen Jahreszeiten („Es kommt vor dass die Stadt noch zu Ostern aussieht wie eine zwangsgeräumte Dreizimmerwohnung“) spielen auch randständige Tageszeiten bei den Entdeckungen am Rande des Alltags eine große Rolle, „am Abend, wenn die Gedanken zu Soße verlaufen sind“, wenn die „Nacht gerade nicht mehr schwarz genug ist, um die Stadt zu verschlucken“, lauern die „Momente, in denen Busfahrer Kaffe trinken, und nur sie“.

Oft aber auch Momente, an die man nur noch denkt, ohne sie zu begreifen, vom Kohlenschlepper, der am Mauerpark Briketts in Altbauwohnungen hievt bis zur Erinnerung an Gerhard Schröders Bundestagsrede direkt vor dem Mißtrauensvotum 2005: „Gehört habe ich sie nicht. Aber ich habe ihm zugeschaut, wie er Blatt für Blatt gewechselt hat, wie der Stapel rechts auf seinem Pult größer wurde, und der linke Stapel immer kleiner.“

Überhaupt scheint Berlin ja aus lauter eingefrorenen Gegenwarten zu bestehen, die im Handumdrehen Patina anlegen. Nicht immer so schnell wie ein frisch ausgebranntes Auto in Kreuzberg. Doch gerade das ehemalige Westberlin der Siebziger Jahre sieht schnell alt aus, wenn man selbst viel jünger ist: „Ich sah die Häuser aus Beton und ahnte, dass ihr Design einst modern war. Aber ich fühlte davon nichts mehr, weil ich schon mit anderen Wünschen geboren wurde“.

Selbst von einem Protokoll wie „Berlin ist eine spannende Stadt mit interessanten Leuten, in der gerade bedeutende Dinge geschehen; meine Freunde wohnen dort, ich noch nicht, aber das, so hoffe ich, ändert sich“ bleiben am Ende – das führt Christ im kurzen Text „Die vergangenen Jahre“ in mehreren Schritten vor – als immerwährende tl;dr-Version nur drei Worte: „Berlin; ändert sich“.

Sebastian Christ,
Berliner Asphalt.
Geschichten von Menschen in Kiezen
E-Book (epub/Kindle) 1,99 Euro

Abb.: E-Book-News (oben), Mikrotext (Covergrafik)

Nicht per se Müll: Auf dem Weg zum schönen E-Book („Ästhetik des E-Books – Beginn einer Debatte“)

Kein Hackathon ohne Booksprint, das ist die Regel, erst recht natürlich, wenn es darum geht, die Buchbranche zu hacken, so wie auf der ersten Electric Book Fair, die im Juni 2014 in der Berlin-Weddinger Coworking- und Eventzone „Supermarkt“ stattfand. Kaum war die Messe vorbei, gab’s auch schon ein elektronisches Kompilat im epub-Format – und zwar zur „Ästhetik des E-Books“. Urquell dieser Debatte ist nicht so sehr die Messe selbst, sondern der legendäre Anti-E-Book-Rant von Friedrich Forssmann, dem Suhrkampschen Setzer von Arno Schmidts voluminösen Typoskriptromanen.

Die meisten der im E-Book versammelten Texte sind denn auch Repliken auf Forssmanns im Februar 2014 via Suhrkamp-Blog gepostete Philippika „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ (schon die Überschrift ist übrigens Quatsch), deren tl;dr-Version so geht: „E-Books sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang!“.

Als eine der ersten antwortete damals Zoe Beck. „Das eBook schmutzt, nässt und ist bissig. Außerdem ist es ständig besoffen und kotzt überall hin“, bündelte die Autorin & E-Book-Verlegerin in ihrer Replik auf die Forssmannsche Polemik die Phalanx der Vorurteile recht saftig. Doch die „Grabenkampf- und Schlammschlachtdiskussion eBook vs. Papierbuch“ sei eigentlich eher traurig – laufe sie doch auf eins hinaus: „Die Unterstellung, ein eBook sei per se Müll“.

Man kann natürlich auch quasi systemtheoretisch-manichäisch argumentieren wie Christiane Frohmann: „E-Books sind keine Bücher“. Die Salonière & Startup-Verlegerin behält sich vor, ihre Vorteile ungeniert zu genießen: „Ich liebe die strukturelle Offenheit von E-Books. Ich liebe die Möglichkeit, in einem Text lesend hin- und herzuspringen. Von drinnen nach draußen und wieder zurück. Im E-Book sind Sachen Wirklichkeit geworden, von denen Bücher träumten. Ich liebe und nutze die 30.000-E-Books-am-Strand-Option“. Als umtriebige E-Publisherin mit geringem Budget liebt Frohmann E-Books natürlich auch, plädiert aber eingedenk der ästhetischen Schwächen für einen „regelmäßigen Austausch über typografische Ideale und technische Möglichkeiten“ zwischen „Geräteherstellern, Storebetreibern, Appdesignern, Verlegern, klassischen Gestaltern und Lesern“

Die üblichen Verdächtigen, doch es gibt auch ganz besonders verdächtige Verdächtige. Das viele E-Books nicht schön aussehen, so Charlotte Reimann in ihrem „Plädoyer für eine digitale Typografie“, sei nämlich insbesondere die Schuld der Verlage: „eBooks werden von den meistens Verlagen als Nebenprodukte angesehen, die Prozesse sind in der Buchproduktion auf Print ausgelegt“. Deswegen fehle allein schon die Bereitschaft, Zeit und Geld in gutes Design von eBooks zu investieren. Letztlich habe die Gestaltung von E-Books aber auch mehr mit Webdesign als mit klassischer Print-Typografie zu tun – und Typografen mit Programmier-Know-How seien noch eine seltene Spezies. (Es gibt sie aber, z.B. Fabian Kern, der ein kleines How-To zum Einbinden von Fonts in epubs geschrieben hat).

Doch selbst wenn es noch viel zu tun gibt: Ganz vorne dran sind Digital-Startups wie Frohmann, CulturBooks oder mikrotext schon jetzt, wenn es um die (auch typo-)grafische Gestaltung von E-Book-Covern geht, von der Wiedererkennbarkeit in Thumbnail-Größe bis hin zum Design von Reihentiteln. Das zeigen die Beispiele und Statements in Charlotte Reimanns Beitrag „Netzbilder – Die Covergestaltung von E-Books“.

Die Berliner Kommunikationsdesignerin Andrea Nienhaus (von ihr stammen u.a. die Cover der Mikrotext-Titel) nähert sich dem Thema Typografie dann noch einmal ganz grundsätzlich: Was sind eigentlich die Kriterien für ein ’schönes E-Book‘ im Jahr 2014? Einfach, soviel ist klar, ist die Sache nicht. „Es gibt viele Faktoren, darunter die Funktionen der Lesegeräte, die Software, die für das Lesen eines ’schönen E-Books‘ ausschlaggebend sind, vom Inhalt des Buchs ganz abgesehen“.

Was jedoch fehlt, ist ein Schiedsrichter. Die Jury der Stiftung Buchkunst etwa, in Sachen Print die maßgebliche Instanz, fühlt sich bisher außerstande, E-Books zu beurteilen. Eigentlich erstaunlich, denn Buchgestaltung findet schon seit den 1980er Jahren am Computerbildschirm statt, Stichwort: Desktop Publishing. Nienhaus gibt einen kleinen Einblick in ihre Arbeitspraxis als Buchgestalterin für Print und Digital, und zieht das Fazit: „Buch und E-Book unterscheiden sich in der Dateierstellung gar nicht so sehr“.