Destatis: 20 Millionen Bundesbürger kauften 2018 ihren Lesestoff online

20-Millionen-BundebBuerger-kaufen-Lektuere-onlineAch ja, es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Zum Beispiel diese hier: 20 Millionen Bundesbürger haben im letzten Jahr online Geld für ihre Lektüre ausgegeben — diese vom Statistischen Bundesamt ermittelte Zahl wurde passenderweise am Welttag des Buches in die Welt posaunt. Wer die bisher für E-Books veröffentlichten Branchenzahlen vor Augen hat, wird sich nun dieselben verwundert reiben: Waren das nicht viel weniger, eher so im niedrigen einstelligen Millionenbereich? Ja, durchaus richtig. Destatis hat aber für seine Erfolgsmeldung „Bücher, Zeitungen und Zeitschriften einschließlich digitaler Ausgaben“ gezählt, die via Internet verkauft wurden.

Leserinnen kaufen online öfter ein als Leser

Es geht also bei dieser Wasserstandsmeldung um alles, was Publikumsverlage gedruckt oder digital im Netz anbieten. Das macht diese Zahl dann doch wieder hochinteressant, gerade was die Aussichten für die Zukunft betrifft. Denn 20 Millionen Bundesbürger, das entspricht etwa 40 Prozent der 50 Millionen deutschen InternetnutzerInnen insgesamt. Wobei Männer etwas seltener, Frauen etwas häufiger Lektüre online einkauften, und in punkto Lebensalter die Generation der 25 bis 45-Jährigen beim digitalen Shoppen von Lesestoff vorne lag.

Gesamte Branche profitiert vom Trend

Doch eins zeigt die Zahl auf jeden Fall: das Internet als Vertriebsschiene bietet wachsende Chancen für die gesamte Branche — tatsächlich gelingt es ja auch immer mehr Zeitungen, ihre Gesamtauflage durch den Verkauf von Digi-Abos zu stabilisieren. Doch auch Print-Abos werden natürlich heutzutage online abgeschlossen. Und auch der Buchhandel profitiert, egal ob nun Print-Exemplare geordert oder E-Books heruntergeladen werden. Insgesamt scheint aber der Wandel von Print zu Online bis auf weiteres bei der Tages- und Wochenpresse weitaus schneller zu laufen als bei Büchern. Aber immerhin: viele potentielle E-Book-Käufer sind grundsätzlich als Konsumenten bereits ins Netz gegangen…

(via Destatis.de)

Wer Visionen hat, soll zum Kiosk gehen: Das Grundgesetz wird als Bookazine zum Bestseller

Grundgesetz-als-BookazineAm 23. Mai 2019 heißt es: Happy Birthday, Grundgesetz – und zwar zum siebzigsten Geburtstag. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so beginnt dieser Klassiker, doch wo gibt es eigentlich ein Grundgesetz, das man gerne anfasst? Derzeit am Kiosk: Medienunternehmer Oliver Wurm und Designer Andreas Volleritsch haben schon vor einigen Wochen unsere Verfassung ansehnlich gelayoutet, mit Grafiken und Zusatzinformationen ergänzt als „Bookazine“ bundesweit in den Vertrieb gebracht — die gesamte Auflage beträgt 100.000 Exemplare. Mit großem Erfolg: im Bahnhofsbuchhandel gehen die 124 konstitutionellen Seiten zum Preis von zehn Euro weg wie geschnitten Brot, eine Zusatzauflage von weiteren 60.000 Stück wird rasch nachgedruckt.

GG-Bookazine_Beispiel01

Self-Publishing via Presse-Grosso

Was wohl auch daran liegt, das nicht alle Exemplare der Erstauflage am Point-of-Sale gelandet sind: Zur Refinanzierung wurde nicht auf Anzeigen gesetzt, sondern auf die Unterstützung via Vorverkauf – 70 ausgewählte Unternehmen, Stiftungen und Verbände haben Hefte für ihre Klientel geordert. Hilfreich bei der Anbahnung dieses „Self-Publishing-Projekts“ (nämlich ohne Verlag im Hintergrund) waren wohl auch Wurms Media-Erfahrungen u.a. als Bildzeitungs-Redakteur, Panini-Städte-Alben-Produzent und nicht zuletzt ein erfolgreicher Vorlauf mit dem Kiosk-Vertrieb des Neuen Testamentes in Magazinform (siehe bibelalsmagazin.de), anlässlich des Ökumenischen Kirchentags 2010.

GG_Bookazine_Beispiel02

Einmal Zeitung, einmal Verfassung bitte

Interessanterweise ist das Projekt auch 100 Prozent Print-only, und wirkt zudem noch unterstützend für andere Papierprodukte: aus dem Bahnhofsbuchhandel wird nämlich auch von einer „hohen Quote von Koppelkäufen“ berichtet, etwa Nachrichtenmagazine oder überregionale Tages- und Wochenzeitungen. Eins geht aber dann doch online: die Bestellung von einzelnen Heften, sie ist über die Landing-Page dasgrundgesetz.de möglich (ohne Aufpreis, also für zehn Euro inkl. Versandkosten).

(via meedia.de)

Blinkist, ein Service für Sachbuchverschlinger: alle Inhalte, in 15 Minuten — macht das Sinn? (tl;dr: Nee.)

blinkist-schneller-lesen-serviceSpeedreading, da ist es wieder. Diesmal zum Glück nur für Non-Fiction, und nicht als Buchstaben-Schnellaufband: unter dem Markennamen „Blinkist“ werden innerhalb von 15 Minuten konsumierbare Zusammenfassungen von Sachbüchern angeboten, inzwischen gibt es diesen Service auch auf Deutsch. Also sozusagen ein Readers Digest für den Online-Leser. Jedes Kapitel wird als eigener „Blink“, übersetzt also etwa „Augenblick“, in wenigen Sätzen zusammengefasst, am Ende gibt es dann noch mal ein ganz kurzes Abstract („Kernaussage“ genannt) des gesamten Buches.

Speedreading als semantische Sackgasse

Das gute an diesem Konzept ist sicherlich, dass es nicht auf die extreme Verkürzung von Inhalten setzt, wie z.B. bei den „Sekundenbüchern“ für die Apple Watch, und genausowenig auf die Beschleunigung des Lesevorgangs à la Spritz oder Word Runner. Denn ein Kapitel lässt sich kaum in einem Tweet zusammenfassen, und wer einen 200-Seiten-Text in 30 Minuten an sich vorbeiziehen lässt, hat auch nicht viel davon, denn die zum tieferen Textverständnis notwendigen kognitiven Prozesse lassen sich auf diese Weise nachweislich nicht umgehen.

Wie wäre es mit dem Klappentext?

Das E-Book-Zeitalter legt andererseits natürlich zeitverkürzende Lektüre nahe — schließlich sind Bücher auch viel schneller verfügbar, innerhalb von Sekunden. Und beim Lesen von Webtexten sind wir auch auf das Querlesen, das „Scannen“ konditioniert. Bei längeren Texten funktioniert das aber nicht. Doch löst Blinkist das Problem durch die gute alte Digest-Methode (immerhin von Autoren geschrieben und nicht von Algorithmen)? Leider auch nicht. Wer eine gute Buchkritik liest, den Klappentext oder – via Onlineleseprobe – die Einleitung, bekommt Zusammenfassungen in weitaus besserer Qualität, bei der Einleitung auch noch in der Tonalität des Autors, bei der Rezension auch noch mit einer Einordnung des Textes in den Kontext. Und im Netz – siehe Perlentaucher – bekommen eilige Leser sogar Zusammenfassungen von Rezensionen.

E-Book-Singles als bessere Lösung

Außerdem gibt es längst ein fertiges Produkt bzw. Konzept, um Buch-Inhalte „schneller“ — was die Lesedauer betrifft — in elektronischer Form unter die Leute zu bringen: die E-Book-Singles, Texte, die man meist in 30 bis 45 Minuten konsumieren kann, wenn sie gut geschrieben sind, als eine Art Essay, dann auch mit Genuss. Einer der ersten Erfolge dieser Art war Jeff Jarvis‘ „Gutenberg The Geek“, und es gibt eine Menge Nachfolger. Wer noch ein bisschen mehr Zeit hat, kann sie auch in Mittelstreckentexte investieren, wie sie etwa Verlage à la Mikrotext oder Sukkultur anbieten.

Und wer braucht dann überhaupt Blinkist? Der Guardian hat einen möglichen Use-Case schön zusammengefasst: „it may appeal less to a time-poor, avid reader than a sweating businessman, crouched in a golf course toilet, trying to quickly brush up on his knowledge of politics or astrophysics to impress his boss.“

(via The Guardian)

Sie essen nicht, sie trinken nicht, sie schreiben honorarfrei: Sind Algorithmen auf Nischenmärkten die besseren Autoren?

icon-group-webseiteEs ist November, und damit mal wieder „National Novel Generating Month“. Wie üblich darf man sich auch dieses Jahr fragen: wird jemand die computergenerierten 50.000-Zeichen-Texte wirklich lesen? Und wird irgendwann mal einer dieser Retorten-Romane aus dem neuronalen Netzwerk ein Bestseller? Keine völlig müßige Frage, denn funktionierende Geschäftsmodelle mit automatisch generierten Buch-Inhalten gibt es schon. Ganz vorne dran ist der Digital-Entrepreneur Philip M. Parker, der uns via TED-Talk verspricht: „Your phones should be writing books for you soon“. Seine bereits 2007 patentierte Software für „Automated Authoring and Marketing“ hat bereits mehr als eine Million (Sach- bzw. Fach-)Buchtitel erstellt, die via Print-On-Demand unter dem Verlagslaben „ICON Group International“ verkauft werden. Und das auch noch ziemlich hochpreisig, so à la 1.000 Dollar pro Titel.

Im Long-Tail funktioniert das Geschäftsmodell gut

Das scheint sich zu lohnen: „Algorithmen sind im Long Tail-Business bereits definitiv die besseren Autoren“, wird Parker auf heise.de zitiert. Also wohl dem, der sich eine seeeehr lange Backlist mit abseitigen Themen zusammenprogrammiert: „Biete Produkte zu möglichst vielen Nischenthemen an, und das Geschäftsmodell geht auch dann auf, wenn Du nur einen Bruchteil davon verkaufst“, erklärt der in Singapur lehrende Wirtschaftswissenschaftler. In der Regel stammen die Inhalte aus Datenbanken und Online-Archiven — von Wetterdaten bis zu kompletten Marktstudien — und werden dann automatisch aufbereitet bzw. zusammengestellt und für den Druck formatiert.

Kommt bald die Dissertation — oder der Roman — auf Knopfdruck?

Interessanterweise kann Parkers Technologie auch Texte in diverse Sprachen übersetzen, was die Zahl der potentiellen Kunden wiederum vervielfacht. Außerdem wird offenbar schon daran gefeilt, eine clevere Kombination aus „Natural Language Generation“ und Data-Mining auf akademische Texte und sogar literarische Genres loszulassen. Mal ganz zu schweigen davon, dass Parkers App angeblich schon jetzt Wikipedia-Artikel übersetzen oder from scratch schreiben kann — und auch unter dem Label „Totopoetry“ schon fleißig Sonette verfasst. Nicht nur die Organisatoren des NaNoGen-Month dürften sich also bald über neuen Retorten-Content freuen…

Suhrkamp printet Rezensionsexemplare jetzt on Demand – neuer BoD-Service macht es möglich

suhrkamp-printet-reziexemplare-on-demandVerlagsvorschauen sind immer öfter nur noch digital erhältlich, bei Rezensionexemplaren ist es etwas anders — sie werden nicht selten noch gedruckt verschickt. Was ja auch Sinn macht, weil sich die Rezensenten so auch von der Aufmachung von geplanten Neuerscheinungen machen können. Für solche Vorab-Leseexemplare in Kleinauflage lohnt es sich aber eigentlich nicht, die traditionelle Druckerpresse anzuwerfen — darum ist es nur folgerichtig, wenn Suhrkamp jetzt gezielt Print-On-Demand zu diesem Zweck einsetzt.

Druck und Versand individueller Exemplare

Die Abwicklung geschieht über die BoD-Verlagssoftware Biblioconnect, die Druck und Versand einzelner Exemplare ermöglicht, inklusive individueller Anschreiben. Suhrkamp ist der erste Verlag, der diesen neuen Service nutzt. Auch für wenig gefragte Backlisttitel dürfte sich Print-on-Demand für viele Verlage lohnen, denn je größer die lieferbare Backlist ist, desto eher setzt schließlich der Long-Tail-Effekt ein.

Bei den Verkaufsexemplaren von Neuerscheinungen dürfte es dagegen vorerst beim traditionellen Modell bleibten – sprich, es werden große Auflagen vorab gedruckt und über das klassische Vertriebsnetz — also vor allem über den Buchhandel — unter die Leute gebracht. Auch wenn große Print-on-Demand-Player wie etwa Amazon das sicher auch bei klassischen Verlagen gerne anders regeln würden.

(via Börsenblatt)

„Welt, bleib wach“: Thalia positioniert sich neu als „Botschafter geistiger Nahrung“ & gegen Social-Media-Verblödung

thalia-welt-bleib-wach-kampagne„Er rührte an den Schlaf der Welt mit Worten die Blitze waren“, so besang einst Ernst Busch den großen Erwecker Wladimir Iljitsch Lenin. Auch Michael Busch, Geschäftsführer von Thalia, möchte uns aufwecken: „Wir füllen unseren Geist mit hoch dosierten Nichtigkeiten“, ließ er diese Woche auf der Thalia-Kampagnen-PK verkünden, und stellte die Diagnose: „Wir werden langsam müde.“ Als Panacee gegen „Posten, liken, sharen“ und „immer online, immer schneller, immer an der Oberfläche“ will nun Deutschlands große Buchhandelskette mit ihrem traditionellen Content in die Bresche springen: die Buchhandlung als „Treffpunkt in der Nähe“ soll als „Botschafter geistiger Nahrung“ vor Ort „populäres mit Niveau“ anbieten, in neuem Design zumal.

Multichannel-Kampagne soll aufrütteln

Der optische und slogantechnische Relaunch von Thalia läuft unter dem Motto „Welt, bleib wach“. Den Latte Macchiato zum Buch denken wir uns jetzt mal dazu. Bevor die ersten umgebauten Filialen in Hagen, Düsseldorf und Leipzig ihre Pforten öffnen, werden die Kunden mit einer großangelegten (Thalia-typisch natürlich: Multichannel-)Kampagne auf die Neu-Positionierung eingestimmt. Flotte Sprüche wie „Donald Trump liest nicht gern“, „Die Welt hat mehr Geheimnisse, als Siri kennt“ oder „Fantasie lernt man in keinem Youtube-Tutorial“ werden uns also auf Schritt und Tritt im medialen Strom wie auch auf Plakaten im öffentliche Raum begegnen.

„Lesen darf kein Luxushobby werden“

Dazu werden bewährte Thalia-Konzepte ausgebaut, etwa die Lese-Emfpfehlungen der Buchhandler. Ergänzt durch Leser, Autoren , Blogger und Journalisten wird nun in thematisch abgegrenzen Bereichen „kuratiert“, wobei auch auf den Promi-Faktor gesetzt wird — als Buch-Botschafter fungieren so etwa Hape Kerkeling und Sebastian Fitzek. Angesichts der Tatsache, dass laut Börsenvereins-Studien die Zahl der Leser respektive Buchkäufer zuletzt deutlich geschrumpft ist, kann man solche Weckrufe natürlich nur willkommen heißen. „Lesen darf kein Luxushobby des Bildungsbürgertums“ werden, postulieren Busch und sein Team — ja, genau darum geht es. Thalias Kampagne ist damit eigentlich schon eine Branchenkampagne.

(via Presseportal & boersenblatt)

Mayerle, Mayerle, an der Wand, wer kommt 2050 noch in die Buchhandlung gerannt? Mayersche Innovationspreis prämiert kreative Kunden-Ideen

mayerlemayerle„Buchkäufer, quo vadis?“ fragt eine aktuelle Branchenstudie des Börsenvereins, und stellt u.a. einen Trend zum galoppierenden Kundenschwund fest. Die Mayersche Buchhandlung nahm den Ball auf, schrieb einen „Innovationspreis“ aus und fragte in diesem Rahmen die der regionalen Kette noch treue Kundschaft: wie könnte ein innovatives, kreatives Buchhandels-Konzept für das Jahr 2050 aussehen? Mit Erfolg: Über 60 Einsendungen gingen ein, letzte Woche wurden in Aachen drei Preisträgerinnen gekürt, allesamt „intelligente, selbstbewusste junge Frauen“, wie die Jury feststellt — und mit klaren Vorstellungen über die Zukunft, und vor allem natürlich hoher Affinität zum Lesen, was wohl auch der Grund sein dürfte, warum keine Männer auf dem Siegertreppchen standen.

Wie lockt man die Kunden aus dem Smarthome?

Die große Herausforderung bestehe darin, die Buchhandlung als Erlebniswelt zu inszenieren, denn „damit man 2050 überhaut noch die Wohnung verlässt muss der Handel zukünftig einiges bieten“, so Sonja Ricken, eine der Gewinnerinnen. In ihrer Konzeptidee lassen Hologramme, LED-Paneele und VR-Brillen die Buchhandlung zur individuellen, lebendigen Bühne werden. Bücher präsentieren ihre Inhalte via Trailer oder der Kunde blättert einfach mal kurz digital durch das ausliegende Buch.
Was nicht vorrätig ist, wird vor Ort via „Print on Demand“ ausgedruckt.

Von Amazon lernen heißt siegen lernen?

Die allwissende Software „Mayerle“ — ein Schelm, wer dabei nicht an das sprechende „Amazonle“ in smarten Lautsprechern oder auf dem Smartphone denkt — steht in Elisabeth Kaedings Konzept den Mayersche Kunden allzeit mit individuellen Tipps bereit, basierend auf dem individuellen Kauf- und Informationsverhalten. „Mayerle, was glaubst Du gefällt mir auch…“ ist die moderne Version von Schneewittchens Zauberspiegel. Dank persönlichen Identitäts-Chips sind Kassen überflüssig, und wer will, shoppt per VR-Brille einfach von zu Hause aus und lässt sich das Buch per Drohne liefern.

Virtuelles Wasserglas, virtuelle Fürze

Augmented Reality könnte auch der Wasserglas-Lesung in der Buchhandlung („Krawehl, krawehl…“) neues Leben einhauchen, glaubt schließlich die Preisträgerin Janina-Annique Teleng — so können Autoren (und Wassergläser) auf der Bühne erscheinen, die gar nicht vor Ort sind. Die Buchkäufer, soweit sie sich tatsächlich noch selbst physisch in das Ladengeschäft begeben, erhalten gleich am Eingang des Etablissements eine VR-Brille, und surfen solchermaßen durch die Buchhandlung wie durch einen geräumigen Web-Shop, unterstützt von Hologrammen. Etwas bedrohlich dagegen die Vorstellung: „Es gibt Geruchs- und Geräusch-Sensoren für ein besonderes Bucherlebnis.“

(via Börsenblatt)

Abb.: (c) Mayersche Buchhandlung

Mit der Insta-Novel will die New York Public Library Smartphone-Nutzer an Literatur-Klassiker heranführen

insta-novelEs gibt die Twitteratur, den Facebook-Roman, und jetzt auch die Insta-Novel: unter diesem Namen will die New York Public Library jedenfalls der Smartphone-Generation via Instagram nun alte Klassiker in neuer Form präsentieren — angefangen mit Titeln wie Kafkas „Verwandlung“, Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“ und der Short-Story „The Yellow Wallpaper von Charlotte Perkins Gilman. Nach dem Motto: Man muss die potentiellen Leser dort abholen, wo sie sich herumtreiben.

Unterstützung durch Kreativ-Agentur

Mit Unterstützung der New Yorker Kreativagentur Mother und renommierten Designern wie Magoz oder César Pelizer wurde dabei das von Instagram 2016 gestartete Feature „Instagram Stories“ genutzt — die „Seiten“ des ungewöhnlichen E-Books werden inklusive typischer Gestaltungselemente wie Fotos, Videos und Animationen präsentiert. Als Hintergrund für die Schrift wurde ein augenfreundlicher warmer Weißton gewählt, als Font dient die Schriftart Georgia.

Highlight-Feature als Buchregal

Über das Higlight-Feature können die kompletten Instanovels gespeichert werden, so dass sie für den Leser jederzeit zugänglich bleiben. Die Highlights-Sammlung wird somit zum digitalen Bücherregal: „Instagram unknowingly created the perfect bookshelf for this new kind of online novel. From the way you turn the pages, to where you rest your thumb while reading, the experience is already unmistakably like reading a paperback novel“, freut sich Corinna Falusi, Chief Creative Officer bei Mother in New York. „We have to promote the value of reading, especially with today’s threats to American system of education.“

Ziel der Aktion ist es ganz nebenbei natürlich auch, die via Instagram gewonnenen Leser zum Herunterladen weiterer Public Domain-Titel zu motivieren, die u.a. auch über die NYPL-App „SimplyE“ zur Verfügung stehen — oder Mitglied zu werden und reguläre E-Book-Titel der Bibliothek digital auszuleihen.

(via TheNextWeb)

Das E-Book ist tot, es lebe das E-Book: Wie gewinnt man neue Leser in der Generation Netflix?

ebook-konferenzDie Generation Netflix macht der Buchbranche zu schaffen — angesichts all der Multimedia-Angebote, die drahtlos auf die Mobilgeräte strömen, kommt das Elektronische Lesen unter die Räder. Millionen Leser sind verloren gegangen. Die Buchproduktion ist längst erfolgreich digitalisiert, als neuer Flaschenhals kristallisiert sich jedoch der Weg der Lektüre zum Kunden heraus.

Jüngere Zielgruppe im Fokus

Wie lässt sich das Buch für digitale Leser wieder interessant machen? Wie erreicht man die jüngeren Zielgruppen, wie verschafft man dem Medium Buch mehr Sichtbarkeit? Welche Rolle spielen Leih- und Flatratemodelle? Wie lassen sich datengetriebene Marketing- und Vertriebsmaßnahmen einsetzen? Um all das geht es auf der E-Book-Konferenz der Akademie der deutschen Medien, die am 6. Dezember 2018 im Literaturhaus München stattfindet.

Tickets ab jetzt bestellen

Zu den Speakern gehören u.a. Werner-Christian Guggemos (QuoLibris), Sebastian Buggert (Medienforschung/Rheingold Institut), Steve Potash (RakutenOverDrive) und Ralf Biesemeier (Readbox). Die Mini-Konferenz am 6. Dezember dauert von 10 bis 17 Uhr, Tickets bestellen kann man über die Event-Homepage e-book-konferenz.de, dort ist auch das vollständige Programm zu finden.

Ist das nett, oder muss das weg? Blogger Schlecky Silberstein rechnet per Print-Buch mit dem Internet ab

internet-muss-wegUnter Deutschlands Bloggern gilt Online-Comedian Schlecky Silberstein alias Christian Brandes als der „nette Influencer von nebenan“. Nun hat der beliebte „Beeinflusser“ ein Buch drucken lassen (eine E-Book-Version gibts aber auch…), und redet darin Tacheles: „Das Internet muss weg“, lauten Titel und zentrale These, im Untertitel wird noch draufgelegt: „Eine Abrechnung.“ Im Fadenkreuz der Kritik steht dabei allerdings nicht „das“ Internet in toto, sondern seine modernste und populärste Erscheinungsform: die sozialen Medien, wie sie uns täglich auf den Touchscreens der Mobilgeräte entgegen blinken.

Millionen Tote durch soziale Medien?

Silberstein versteht sich im übrigen auch nicht als Internet-Experte, sondern als „Insider“ mit mehr als zehn Jahren Blogger-Erfahrung. Irgendwann in dieser Zeit ist aus dem guten Internet das böse Internet geworden — genauer gesagt, als die Social Media Maschine kommerzialisiert wurde. Das grundsätzliche Gefahrenpotential von Facebook & Co. vergleicht der bloggende Silbersurfer mit dem des … Buchdrucks. Kein Witz. Gedruckte Propaganda habe schließlich kurz nach Gutenberg zum Glaubensstreit und dann zum Dreißigjährigen Krieg geführt, mit Millionen von Toten, fast die Hälfte der Einwohner Mitteleuropas sind also schon mal einem sozialen Medium zum Opfer gefallen.

Heute sei die Gefahr sogar noch größer, warnt Silberstein, denn die Social-Media-Industrie habe das Belohnungszentrum unseres Gehirns gehackt. Wir seien süchtig nach Status-Updates, Likes und Direktnachrichten. Um uns am mobilen Screen zu halten, würden die Internet-Konzerne Extremismus und Hass-Sprache noch zusätzlich fördern, denn Wut verkaufe sich besser als Nettigkeiten. Der Autor outet sich hier als gebranntes Kind — seine eigene Mutter mutierte im Bestreben nach mehr „Gefällt mir“-Klicks ihrer „Freunde“ zum Internet-Troll und unterstützte plötzlich Pegida, Putin und Trump.

Verarschung, Vermarktung, Verzeihung…?

Dass jemand wie Silberstein, der erklärtermaßen „einzig und allein vom Internet lebt“ nun so netzkritisch auftritt, hat wohl auch mit dieser direkten Betroffenheit zu tun. Zum Maschinenstürmer berufen fühlt sich der Berliner Blogger aber keineswegs. Nachdem er detailliert, zutreffend und durchaus lesenswert die Funktionsweise der „größten Verarschungsmaschine aller Zeiten“ — und zugleich natürlich auch der größten Vermarktungsmaschine aller Zeiten — seziert hat, mag er die Netzgemeinde aber nicht mal zum Austausch des Smartphones gegen ein Tastenhandy oder zum Wechsel von Facebook oder Twitter zu non-kommerziellen Alternativen wie Diaspora oder Mastodon ermuntern. Nur dazu, das Internet „bewusster“ zu nutzen, etwa mit mehr Offline-Zeiten und produktivem Nichtstun, mehr direkter Kommunikation in Echtzeit („Vier-Augen-Gespräch“) und mehr Bedacht auf Datensicherheit.

Eigentlich droht der dritte Weltkrieg, weil in den Köpfen der Massen nur noch Gehacktes vor sich hin fermentiert, aber vorläufig sollen wir mehr oder weniger so weiter machen wie bisher? Hmmmm. Ist das nun eine „Abrechnung“, oder wird hier nur die Getränkerechnung einer Orgie für die Steuer abgeheftet? Ich bin da etwas ratlos. Aber vielleicht haben wir es ja einfach mit einer generationstypischen Mischung aus Faulheit und Fatalismus zu tun. „Mittelschwere Abhängigkeit“, so bekennt Schlecky Silberstein (Jahrgang 1981) am Ende, falle ihm selbst leichter als völlige Abstinenz — Komikerkollege Harald Juhnke klickt im Trinker-Himmel jetzt bestimmt gerade auf „Like“.