Cash only: Wallstreet-Journal startet deutsche Online-Ausgabe

„Nur im Netz, nie am Kiosk“: Das Wall Street Journal Deutschland ist online – und damit die „erste rein digitale Wirtschaftszeitung im deutschsprachigen Raum“. Optisch kommt das neue Nachrichtenportal im gewohnten schwarz-orangenen Design des New Yorker Originals daher. Der deutsche Ableger möchte einen Blick über den Tellerrand bieten: „Eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas.“ Global ist der Blick schon deshalb, weil viele internationale Berichte vom deutschen Redaktionsteam nur übersetzt und angepasst werden. Mitgebracht hat man aber auch das Paid-Content-Prinzip: viele Artikel lassen sich nur lesen, wenn man WSJ.de zum Preis von 2,92 Euro pro Woche abonniert. Dafür kann man dann aber die Smartphone- und Tablet-App nutzen.

WSJ nähert sich deutschem Markt nur vorsichtig

„Die Straßen Detroits sind wie ausgestorben … In einer der ehemals reichsten und wichtigsten Metropolen der Vereinigten Staaten flaniert schon lange niemand mehr“ – so beginnt eine Reportage über „verlorene Träume und neue Hoffnung“ in Amerikas legendärer „Mo-Town“. Der Artikel ist Teil eines Dossiers zur Detroiter Automesse, mit dem das WSJ die deutschen Leser vom neuen Angebot überzeugen will. Dazu gibt’s am ersten Tag von wallstreetjournal.de ein großes Interview mit Siemens-Finanzchef Kaeser über die nicht ganz so rosigen Aussichten für 2012, und zahlreiche aktuelle Krisenberichte zum Thema Euro, Wulff und FDP. Während das Dossier und auch diese Artikel aus der Feder deutscher Autoren stammen, sind viele internationale Berichte und Reportagen ursprünglich für die englischsprachigen Ausgaben entstanden. Denn das WSJ nähert sich dem hiesigen Markt nur vorsichtig – die Kernredaktion in Frankfurt am Main besteht aus einem knappen Dutzend Mitarbeitern. Eingespannt für die Befüllung der Online-only-Ausgabe werden vor allem 50 Dow-Jones-Agenturjournalisten sowie Korrespondenten in Berlin, München oder Hamburg.

Flexible Paywall „je nach Nachrichtenlage“

In den USA gilt das WSJ als auflagenstärkste Blatt überhaupt mit einer verkauften Auflage von mehr als 2 Millonen, darunter 1,3 Millionen Online-Abos. Die Netz-Ausgabe der zur News Corporation von Rupert Murdoch gehörende Zeitung gilt weltweit als größte News-Website mit Bezahlschranke. Anders als etwa beim „metered access“-Modell der New York Times bekommt man auf der Website grundsätzlich nur Anreißer zu lesen, gefolgt vom Hinweis: „To continue reading, subscribe now“. Ein reguläres jährliches Print-Abo kostet allerdings mehr als 300 Dollar, ein Online-Abo knapp 200 Dollar. Für das deutsche Angebot sind 152 Euro zu berappen, das sind umgerechnet zur Zeit etwa 190 Dollar. Die Subskribenten in den USA können sich das Abo leisten: zwei Drittel der Leserschaft gehören zum gehobenen Management mit einem Durchschnittsgehalt von 191.000 Dollar. Wer nicht ganz so reich ist, kann aber in Deutschland trotzdem hier und da mitlesen – denn WSJ.de-Chefredakteur Knut Engelmann will die Paywall erklärtermaßen flexibel „je nach Nachrichtenlage“ handhaben.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".