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Buchpreisbindung gilt nicht für Self-Publisher – aber wie lange noch?

22 Nov 2012

„Selfpublishing ist noch kein nennenswertes Problem für Verlage“, beruhigte Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir im Oktober 2012 sich selbst und die Branche. Wie so oft, wenn es um den Struktur- und Medienwandel geht, klang auch diese Feststellung ein bisschen nach letzten Worten großer Männer. Denn alleine ein Blick auf Amazon zeigt, welche Bedeutung unabhängige Autoren mittlerweile haben – nicht nur bei E-Books, sondern dank Print-On-Demand auch bereits im Bereich Taschenbuch. Self-Publishing hilft dem Online-Riesen, zukünftige Talente zu entdecken, eine ständig wachsende Backlist aufzubauen, und nicht zuletzt, die Preise für Lesestoff drastisch zu senken. So finden sich in der Bestseller-Liste des Kindle-Stores bereits unter den Top 20 zahlreiche besonders günstige Titel von Independent-Autoren, während auf normalen Buchhandelsportalen überwiegend hochpreisige Verlags-Blockbuster erscheinen.

„Keine Bücher sind Bücher aus Selbstverlagen“

Self-Publishing-Autoren können schließlich über das Pricing selbst bestimmen, und sie wissen: E-Books, die am Ende sogar noch teurer sind als Hardcover, machen keinen Sinn. Viele unabhängige Autoren nutzen auch die Möglichkeit, via Amazons KDP-Programm oder Kobos „Writing Life“ mit zeitlich begrenzten Gratis-Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Die Möglichkeiten für Pricing-Experimente sind aber noch weitaus vielfältiger – bis hin zu Bezahl-was-du-willst-Modellen à la Humble Bundle. Was viele Self-Publishing-Autoren nämlich nicht wissen: die Buchpreisbindung gilt momentan für selbst verlegte Bücher nicht. Im aktuellen Kommentar zum Buchpreisbindungs-Gesetz (6. Auflage, Juni 2012) findet sich dazu ein sehr aufschlussreicher Hinweis (§ 2, Randnummer 2): „Unter das BuchPrG fallen nur solche Bücher, die als verlags- oder buchhandelstypisch anzusehen sind, also aus Verlagen stammen und sich für den Vertrieb über den Buchhandel eignen: Keine Bücher sind demgemäß … Bücher aus ‚Selbstverlagen‘.“

Von Pay-what-you-want bis Book-Bundling

Verfasser des Kommentars sind die Juristen Dieter Wallenfels und Christian Russ, und somit für Branchenkenner keine Unbekannten. Denn ihre Wiesbadener Kanzlei waltet seit Jahrzehnten als „Preisbindungstreuhänder“ des deutschen Buchhandels, überwacht also die Einhaltung der Buchpreisbindung. Was das bedeutet, bekam Anfang 2012 etwa der Berlin Story Verlag zu spüren – die Vermarktung eines E-Books über eine Fair-Pay-Aktion führte direkt zur Androhung einer Abmahnung. Ein Self-Publisher dagegen könnte eine solche Aktion problemlos durchführen, und mit einer Pay-what-you-want-Aktion herausfinden, was für seine Leser der optimale Preis ist. Eine weitere interessante Variante stellt das Schnüren von preislich ermäßigten E-Book-Bundles verschiedener Independent-Autoren dar, wie es ab nächster Woche etwa von der österreichischen Plattform Mexxbooks ausprobiert werden soll („HambelBandel“).

Problemzone „Buchhandelstypizität“

Ausgerechnet der aktuelle Boom des Self-Publishings könnte jedoch die große Freiheit gefährden. Denn viele Online-Portale ermöglichen bereits die Distribution von selbst verlegten Print-On-Demand-Titeln und E-Books über den konventionellen Buchhandel bzw. Buchhandels-Portale. „Bislang waren Bücher aus Selbstverlagen nicht preisgebunden, weil Sie im Buchhandel keine Rolle spielten und daher nicht ‚buchhandelstypisch‘ waren“, bestätigte zwar der Börsenverein des deutschen Buchhandels gegenüber E-Book-News. Doch nun erlebe man gerade, dass bei E-Books „viele ‚Selbstverleger‘ mit Ihren Büchern bei Amazon, Apple etc. nicht unerhebliche Verkaufszahlen generieren“. Damit ändere sich wohl gerade auch die Antwort auf die Frage der „Buchhandelstypizität“ – was bedeuten könnte, dass in Zukunft zumindest für Self-Publisher, die ihre elektronischen Titel über Internet-Großbuchhändler anbieten, die Preisbindung gelten würde. Gnade walten lassen will man auf jeden Fall für „Printverleger, die in kleiner Stückzahl ihre Privatdrucke unter die Leute bringen“. Über alles andere werden am Ende wohl die Gerichte entscheiden müssen.

Abb.: TroniVC/Flickr