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Buchpreis-(Ver-)senkung: Piraten kapern Longlist – & übernehmen den Job der Verlage

Die Longlist ist da: auch in diesem Jahr konkurrieren wieder 20 AutorInnen um den Deutschen Buchpreis, darunter bekannte Gesichter wie Clemens Meyer, Urs Widmer und Reinhard Jirgl, aber auch zahlreiche Newcomer. Erfreulicherweise hat auch der Digitalisierungsgrad deutlich zugenommen, alle überhaupt schon lieferbaren Titel (derzeit 18 von 20) sind elektronisch verfügbar. Das zeigt: die Verlage haben inzwischen etwas dazugelernt. Denn noch vor zwei, drei Jahren war der Löwenanteil der Longlist ein reiner Papiertiger. Zudem kooperiert der Veranstalter mit diversen Literaturbloggern, die das Lektürepaket kostenlos erhalten.

Durchschnittspreis der Longlist-E-Books: 16 Euro (!)

Was aber auch notwendig ist, denn das komplette Printbündel würde regulär satte 350 Euro kosten, der Durchschnittspreis liegt bei knapp 18,50 Euro. Für Hardcover-Neuerscheinungen bewegt sich das natürlich durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Doch auch die E-Book-Versionen sind nicht weit davon entfernt – das digitale Buchpreis-Bundle kommt nämlich auf 286 Euro, Durchschnittspreis fast 16 Euro. Das E-Book-Pricing für zudem mit DRM versehene Versionen liegt damit im Schnitt nur 15 Prozent unter dem Preis der Hardcover. Das zeigt: soviel dazugelernt haben die Verlage dann doch nicht, solche Preise sind schließlich eher prohibitiv zu verstehen. Der eine oder die andere darf gerne ein E-Book kaufen, am liebsten hätte man es aber offenbar, wenn ansonsten alles so bleibt wie es ist.

„Wie man eine Longlist nicht verkauft“

Doch die Zeiten, in denen Wünschen noch geholfen hat, sind vorbei. Kaum war die Longlist nämlich veröffentlicht, traten die E-Book-Piraten von boox.to auf den Plan – sie kündigten an, die „Longlist der Verlagsautoren zu befreien“. Inzwischen waren sie dabei offenbar auch erfolgreich: mehr als die Hälfte der Titel, so legt es eine aktuelle Liste auf dem Warez-Blog torbooks.org nahe, sind schon als Download verfügbar, DRM-frei versteht sich, und fast kostenlos (die Piraten-Plattform hat inzwischen eine monatliche Gebühr eingeführt). Wer den Schaden hat, braucht auch für den digitalen Spott nicht zu sorgen: die digitalen Immigranten der Verlagsbranche hätten gezeigt, „wie man eine Longlist nicht verkauft“, ätzten die anonymen Aktivisten. Und behaupteten frech: mit einem niedrig bepreisten„Flatlist“-Angebot lasse sich nicht nur mehr Literatur unter die Leute bringen, sondern am Ende auch mehr Gewinn erzielen.

Mission: Literatur unter die Leute bringen

Das wirklich ärgerliche daran ist wohl: die digitalen Freibeuter haben recht. Denn mit dem völlig realitätsfernen E-Book-Pricing verbauen sich die Verlage bisher alle Chancen, von den Vorteilen der digitalen Ökonomie zu profitieren. Durch viele Pricing-Experimente aus dem Self-Publishing-Sektor wissen wir schließlich längst, dass absurd hohe Preise am Ende den Autoren und Verlagen sogar deutliche Verluste bescheren. E-Book-Preise nahe am Optimum, dem „sweet spot“, der in Deutschland etwa bei 4 bis 5 Euro liegen dürfte, lohnen sich dagegen gleich doppelt – sie führen durch den weitaus größeren Absatz insgesamt zu höheren Gesamterlösen, vergrößern aber auch die Leserbasis und den Bekanntheitsgrad von Autoren. Literatur unter die Leute bringen: eigentlich ja die Kernaufgabe von Verlagen. Ein Job, der eigentlich auch zu wichtig ist, um ihn den Piraten zu überlassen…

Abb.: flickr/Terry McCombs

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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