[e-book-review] Brügge sehen & überleben: Linus Reichlin, Der Assistent der Sterne

assistent-der-sterne-e-book-reviewMit seinem Krimi-Erstling „Die Sehnsucht der Atome“ ergatterte Linus Reichlin 2009 den Deutschen Krimipreis. Kriminalkommissar Hannes Jensen aus Brügge, ein Deutscher im belgischen Polizeidienst, tauchte hier zum ersten Mal auf. Im aktuellen Sequel „Der Assistent der Sterne“ spendiert der Schweizer Autor mit Wohnsitz in Berlin uns nun nicht nur ein Wiedersehen mit Jensen, sondern auch mit seiner blinden Freundin O’Hara. Wie heißt es so schön: „never change a winning team“. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrrät, ob das hier auch gelohnt hat.

Kalte Tage in Brügge, heiße Nächte in Reykjavik

Klimawandel? Nichts da: Brügge erlebt in Reichlins aktuellem Krimi „Der Assistent der Sterne“ den kältesten Winter seit fünfzig Jahren. Kommissar Jensen hat inzwischen den Dienst quittiert, um sich ganz seinem Hobby zu widmen – der Quantenphysik. Kurz vor der Abreise zu einem Privatseminar in Island erhält der pensionierte Kriminalist eine rätselhafte Nachricht – ein „Féticheur“ warnt ihn vor einer Frau, deren Namen er nicht kennt: Vera Lachaert. In Reykjavik verbringt Jensen dann nach einigen Verwicklungen eine Nacht mit einer geheimnisvollen Schönen mit afrikanischem Namen, die ihn im Liebestaumel in den Hals beisst. Als er nach Brügge zurückkehrt, ist seine blinde Freundin O‘Hara besorgt: Denn nach der Prophezeiung eines Hellsehers soll ein Mann mit einem Mal am Hals die Tochter ihrer Freundin töten – ihr Name ist: Vera Lachaert. Jensen verbirgt die Bisswunde unter einem Kaschmirschal und beginnt zu ermitteln. Während die ungewöhnliche Kältewelle Brügge fest im Griff hat, setzt ein rätselhaftes Spiel um Wahrheit und Zufall, um Schuld und Sühne ein, das Jensen zur Lösung des Falles schließlich zu einer weiten Reise zwingen wird.

Fetischbeschwörungen, Jeepfahrten und Schiffspassagen

Reichlins neuester Krimi ist hervorragend komponiert. Jedes Kapitel besitzt eine eigene Logik, die Schauplätze wechseln und jede Szene, ob nun eine Jeepfahrt in Island, Fetischbeschwörungen in Antwerpener Dachkammern oder die Under-Cover-Schiffspassage auf einem Containerschiff, trägt zur Spannung bei, die bis ans Ende hält. Doch nicht nur der Plot ist gut durchdacht, auch die Romanfiguren tragen wesentlich zum Erfolgsfaktor des Buches bei: Ein über das Universum, die Gesetze der Physik und des Zufalls philosophierender Kommissar, die blinde Freundin mit dem Wahlspruch SEMPER SINE AUXILIO, ein verhaltensauffälliger Physikprofessor, eine vermeintliche Adoptivtochter, die verschwindet – das Personal ist übersichtlich, die Figuren sind nie fade oder nur Staffage, sondern besitzen Tiefe und Ambivalenz.

Es gibt sie noch, die guten Kriminalromane…

Somit führt der „Assistent der Sterne“ die gute alte Krimimanier vor, nach den psychologischen Motiven eines Verbrechens zu fragen, und die Auflösung des Falles nicht den Laborwissenschaften à la CSI zu überlassen. Der sich einstellende Lesesog resultiert nicht zuletzt auch aus Reichlins beglückender Sprache, aus dem hintergründigen Humor, der an einigen Stellen unvermittelt aufblitzt, genauso aber aus der Genreübertretung eines Romans über einen ebenso pragmatischen wie philosophischen Kriminalkommissar. Auch wenn das Thermometer noch nicht zwanzig Grad unter Null zeigt: Dieser melancholische Winterkrimi ist genau die passende Lektüre für den ausklingenden Herbst.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Linus Reichlin,
Assistent der Sterne (Oktober 2010)
E-Book (epub-Format), 8,99 Euro
Taschenbuch (Galiani), 8,95 Euro.

Veröffentlicht von

Heide Reinhäckel

Die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Heide Reinhäckel hat über das Thema Nine Eleven in der deutschsprachigen Erzählliteratur promoviert. Zur Zeit arbeitet sie freiberuflich als Lektorin & schreibt u.a. für die taz.

Ein Gedanke zu „[e-book-review] Brügge sehen & überleben: Linus Reichlin, Der Assistent der Sterne“

  1. Liebe Maria,

    als leidenschaftliche Krimileserin freue ich mich über diesen Hinweis. Klingt klasse, wird gekauft.

    Herzlich: Elke

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