Brockhaus macht das Licht aus: Vertrieb gedruckter Lexika endet 2014

Falls es demnächst an der Haustür klingelt, wird es vielleicht der Staubsauger-Vertreter sein – aber kein fliegender Händler mit einem Koffer voll Brockhaus-Bänden. Deutschlands traditionsreicher Lexikon-Verlag gibt nämlich nach mehr als 200 Jahren den Vertrieb von gedruckten Exemplaren endgültig auf, sowohl direkt wie auch via Buchhandel. Insgesamt 600 Arbeitsplätze könnten von dieser Entscheidung betroffen sein. Online-Aktualisierungen und sonstige Verpflichtungen will man jedoch noch sechs Jahre lang weiterführen. Das teilte gestern ein Sprecher des Bertelsmann-Konzerns mit, von dessen Sparte Wissenmedia der Brockhaus-Verlag gegen Ende 2008 geschluckt worden war. Die letzte Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie ist 2005/06 erschienen – nicht nur auf Papier, sondern auch als DVD und auf einem USB-Stick.

„Sowohl gedruckte Lexika als auch Online-Enzyklopädien haben ihren festen Platz in der Zukunft. Das Internet kann den haptischen und repräsentativen Wert des Buches nicht ersetzen“, behauptete noch 2008 Wissenmedia-Geschäftführer Hünermann. Tatsächlich war es allerdings genau umgekehrt – denn insbesondere der Boom von Wikipedia wie auch Suchmaschinen à la Google setzte traditionellen Geschäftsmodellen stark zu. Schon im Jahr 2009 erwischte es mit Microsofts CD-Enzyklopädie Encarta sogar ausgerechnet ein neues Medium mit vermeintlich großer Zukunft. Microsofts Begründung für das Ende von Encarta kann man getrost auch für die Einstellung von Lexikonprojekten aus Papier nutzen: „Die Menschen recherchieren und nutzen Informationen heute auf völlig andere Art und Weise, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war.“

Im Jahr 2012 kündigte dann die renommierte Encyclopaedia Britannica an, fürderhin auf gedruckte Ausgaben zu verzichten. Die britische Enzyklopädie war bereits in den Neunziger Jahren durch die wachsende digitale Konkurrenz in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Es folgte der Verkauf und die Aufspaltung in eine Print- sowie eine Digitalsparte. Tippt man auf der immer noch aktiven Online-Präsenz „Britannica.com“ den Namen „Brockhaus“ ein, bekommt man folgende Definition: „German encyclopaedia generally regarded as the model for the development of many encyclopaedias in other languages“. Ob vom deutschen Role-Model mehr übrig bleibt als nur der Markenname, ist momentan eher zweifelhaft.

Abb.: Bildtafel aus dem Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus & Efron, St. Petersburg 1907 – Flickr/Double-M (cc)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".